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In Worte eingewoben


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 05.08.2022

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2022

UNSERE AUTORIN

Luisa Maria Schulz studierte Philosophie an der Pariser Sorbonne sowie in Oxford. Sie lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin.

HINTERGRUND: UNSPLASH / JASMIN SESSLER (UNSPLASH.COM/PHOTOS/HYAAXITJGOM); STERNCHEN, BEARBEITUNG UND COMPOSING: GEHIRN&GEIST

Auf einen Blick: Zeig mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist

1In Zentrum der aktuellen Debatte um »gendergerechte Sprache« steht die Frage, ob und wie sehr Wörter und Grammatik das Denken prägen.

2 Viele Sprachforscher glauben, dass unsere Wahrnehmung von linguistischen Eigenarten zumindest »gefärbt« wird. Zudem können sich darin auch historisch gewachsene Machtstrukturen spiegeln.

3 Fraglich ist allerdings, ob der Appell für neue Rede- und Schreibweisen tatsächlich Niederschlag im Denken findet oder eher als symbolische Geste und moralisches Signal dient.

Wie hängen Sprache und Denken zusammen? Das ist eine der ...

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... ältesten und zugleich spannendsten Fragen der Psycholinguistik und Sprachphilosophie. Zahllose Studien wurden diesem Thema gewidmet. Eine davon ist die berühmte »Brückenstudie« von Forschern um Lera Boroditsky aus dem Jahr 2003. Sie legten deutsch- und spanischsprachigen Testpersonen das Bild einer Brücke vor und baten sie, das Bauwerk näher zu beschreiben – und zwar in der Fremdsprache Englisch. Wie die Auswertung der Redeprotokolle ergab, kamen deutschsprachige Probanden häufiger auf die Eleganz und Schönheit der Brückenkonstruktion zu sprechen, Hispanophone dagegen beschrieben sie im Schnitt eher als groß und mächtigBoroditsky und ihre Kollegen vermuteten, dass das Genus eines Wortes in der jeweiligen Muttersprache die Charakterisierung des betreffenden Gegenstands beeinflusst: Im Deutschen ist die Brücke weiblich, im Spanischen (»el ponte«) männlich.

Solche Beobachtungen deuten darauf hin, dass ein grammatikalisches Merkmal wie das Genus eines Wortes (siehe »Kurz erklärt«) unsere Wahrnehmung des damit Bezeichneten zumindest färben kann. Lange Zeit wurde das von Sprachwissenschaftlern bestritten. Als die Linguistinnen Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch Ende der 1970er Jahre eine Debatte darüber anstießen, ob das verbreitete generische Maskulinum etwa bei Berufsbezeichnungen (Bäcker, Arzt et cetera) Frauen in der mentalen Vorstellung unsichtbar mache, nahm die etablierte Linguistik dies zunächst kaum ernst. Das Genus habe nichts mit dem Sexus, also dem biologischen Geschlecht, zu tun – so lautete ein Grundsatz des damals dominierenden strukturalistischen Sprachverständnisses.

Vertreter dieser Sichtweise berufen sich meist auf den Schweizer Sprachforscher und Semiotiker Ferdinand de Saussure (1857–1913). Er prägte den Begriff der »Arbitrarität« (Beliebigkeit) sprachlicher Zeichen. De Saussure hatte beschrieben, dass zwischen einem Wort und dem durch ihn bezeichneten Gegenstand zumeist keine »intrinsische« Beziehung besteht; Zeichen könnten vielmehr prinzipiell jede Bedeutung repräsentieren.Dies beruhe schlichtweg auf Konvention. Was jedoch nicht heißt, dass die Konventionen rein zufällig entstanden sein müssen. Es gibt beispielsweise Wörter, die das Bezeichnete in der Klanggestalt spiegeln, etwa onomatopoetische Ausdrücke wie »Knall« oder »Zischen«.

Die Mehrheit der natürlichen Sprachen verfügt über Genus-Systeme. Und es ist wohl kein Zufall, dass dabei oft männliche Formen dominieren. Im Deutschen ist das etwa an den im Plural gebräuchlichen maskulinen Formen sowie an Pronomen wie »jeder« und »keiner« ablesbar. Sprachen fallen nicht vom Himmel, sie entwickeln sich unter historischen Bedingungen, die man bis in ihr Grundgerüst zurückverfolgen kann.

Der Gedanke, dass sich gesellschaftlich oder kulturell verbreitete Vorstellungen in Grammatik und Redeweisen spiegeln, ist dabei nicht neu. Schon der preußische Gelehrte Wilhelm von Humboldt (1767–1835) glaubte, Sprachen seien eng mit den Nationalkulturen verbunden und enthielten einen »Abdruck der Ideen eines Volkes«. Humboldt wies auch als einer der Ersten darauf hin, dass sich Sprache historisch wandelt. Sie sei »tief in die geistige Entwicklung der Menschheit verschlungen«, so dass der jeweilige Kulturzustand eines Volkes darin erkennbar werde.

Prägen Machtstrukturen unsere Grammatik?

Im 20. Jahrhundert begaben sich viele Sprachforscher auf Spurensuche, um nachzuweisen, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in der Sprache niederschlagen.So beobachtete der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002), dass gewisse Machtstrukturen auch sprachlich, etwa durch Verwendung ganz bestimmter Wörter und einen verbalen Habitus, reproduziert werden. Die französische Psychoanalytikerin Luce Irigaray (* 1930) wendet diesen Gedanken auf das Verhältnis der Geschlechter an, das sich in der Grammatik spiegle.Durch den ungleich größeren Einfluss von Männern auf die Sprachkultur sei die männliche Form zur Norm geworden, während die weibliche nur als Ableitung existiere. Ihr Fazit: Das Französische sei »phallogozentrisch« (siehe »Kurz erklärt«). Und auch im Deutschen werden feminine Substantive meist durch Hinzufügen eines Suffixes gebildet, die »Standardform« ist hingegen männlich.

Für die britische Philosophin Miranda Fricker kommt in der Sprache traditionell eine männliche Vor- stellungswelt zum Ausdruck. So gibt es für viele spezifisch weibliche Erfahrungen, etwa sexuelle Belästigung, erst seit Kurzem überhaupt Begriffe. Fricker nennt das »epistemische Ungerechtigkeit«.

STERNCHEN: GEHIRN&GEIST

STERNCHEN: GEHIRN&GEIST

Ein solches Ungleichgewicht dürfte auch dem generischen Maskulinum zu Grunde liegen – dass es mehr oder weniger zufällig entstanden ist, glauben heute nur noch wenige Experten. Aber sind patriarchalische Verhältnisse nicht trotzdem Schnee von gestern? Oder formen solche sprachlichen Relikte überkommener Geschlechterrollen unsere Wahrnehmung bis heute?Zahlreiche Appelle und Bemühungen um eine gendergerechte Sprache gründen vor allem auf der Annahme eines solchen Zusammenhangs.

Die These, wonach unser Denken maßgeblich von den Strukturen unserer Sprache geprägt wird, ging historisch oft mit der Idee von der gesellschaftlichen Bedingtheit der Sprache einher. Sprich: Man hielt Sprache und Bewusstsein für zwei Seiten derselben Medaille.

So schrieb Wilhelm von Humboldt: »Der Mensch lebt mit den Gegenständen (…) so, wie die Sprache sie ihm zuführt.« Er illustrierte das mit dem Bild der Raupe im Kokon: »Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.«

Während Humboldt nur von einer Art Verwandtschaft zwischen Sprache und Bewusstsein ausging, vertraten US-amerikanische Linguisten in den 1930er Jahren einen regelrechten linguistischen Determinismus.

Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Whorf (1897– 1941) führen als Beispiel für ihre These das Volk der Hopi-Indianer an, das keine Verbformen für Vergangenheit und Zukunft kennt und dessen Zeitbegriff folglich stark von unserem abweichen soll. Umgekehrt seien auch unsere Vorstellungen unmittelbar von der Muttersprache geformt. Wir könnten die Dinge nur so denken, wie es in unserer Sprache angelegt ist.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das teils widerlegt. So konnte der Linguist Ekkehart Malotki von der Northern Arizona University in einer Studie nachweisen, dass die Hopi-Indianer durchaus über komplexere Zeitkonzepte verfügten als von Whorf angenommen.

Feldforschungen etwa von Eleanor Rosch Heider, heute an der University of California in Berkeley, ergaben außerdem, dass die abweichenden Farbbegriffe in manchen Sprachen keinen merklichen Einfluss darauf haben, wie gut die Sprecher Farben erkennen. So konnten etwa Angehörige der Dani aus Neuguinea, die nur Wörter für hell und dunkel kennen, Farbkarten genauso gut unterscheiden wie US-amerikanische Studenten.

Heute sind sich Forscher weitgehend darüber einig, dass Bewusstsein dehnbarer ist und auch außersprachlichen Einflüssen unterliegt. Allerdings gehen weiterhin viele davon aus, dass Sprache in gewissem Maß unsere Wahrnehmung färbt. Im Hinblick auf das generische Maskulinum hat sich dieser Einfluss in zahlreichen Studien bestätigt. So wurden in einer Arbeit von Dagmar Stahlberg von der Universität Mannheim aus dem Jahr 2001 Teilnehmer gebeten, die Namen dreier »Politiker«, »Sportler« und »Sänger« zu nennen (der Zweck der Übung blieb den Teilnehmern dabei verborgen). Mit großer Mehrheit wurden Männer aufgezählt. In einer anderen Studie von Ulrike Rummler aus dem Jahr 1995 sollten Kinder Bilder zu Berufsbezeichnungen wie »Lehrer«, »Sänger« oder »Arzt« malen. Auch sie malten fast ausschließlich Männer.

KURZ ERKLÄRT:

GENUS Der im Deutschen mit »grammatikalisches Geschlecht« übersetzte Begriff heißt ursprünglich nur »Typ« oder »Art« (von altgriechisch génos). So sind griechische Wörter in den männlichen, weiblichen und unbelebten Typus unterteilt. Bis heute unterscheiden viele indogermanische Sprachen zwischen zwei oder drei Genera, die sich nur teilweise mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus) decken.

LINGUISTIC TURN (»linguistische Wende«) bezeichnet eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkbare Verschiebung des philosophischen Interesses weg von metaphysischen Fragen hin zur Sprache, die als konstitutiv für das Denken betrachtet wird. Der in den 1950er Jahren von Gustav Bergmann geprägte Begriff bezieht sich auf verschiedene Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die den Einfluss sprachlicher Strukturen betonen.

PHALLOGOZENTRISMUS Das aus »phallós« (griechisch für männliches Genital) und »lógos« (Wort, Sprache) zusammengesetzte Kofferwort geht auf den Philosophen Jacques Derrida zurück, die Kulturphilosophin Luce Irigaray machte daraus einen feministischen Kampfbegriff.

Sie betont, dass Frauenbilder und Sprachstrukturen von der männlichen Perspektive geprägt seien.

SPRECHAKT Äußerungen sind nicht nur Aussagen über die Welt, sondern auch Ausdruck einer Intention des Sprechers. Laut der Sprechakttheorie vollziehen wir mit Sprache also Handlung. Diesen Ansatz präsentierte John Langshaw Austin in seinem Buch »How to do things with words« (1962); er wurde von seinem Schüler John Searle weiterentwickelt.

Sicher, wenn etwa das Wort Ärzte eher an Männer als an Frauen denken lässt, liegt das nicht nur am generischen Maskulinum. In die Assoziationen, die ein Wort bei uns auslöst, spielen auch Erfahrungswerte mit hinein. So lässt sich erklären, dass die Formulierung »Physiker gesucht« in einer Stellenanzeige mehr irritiert, als wenn jemand von »Freunden« spricht und dabei Freundinnen mitmeint. Schließlich haben Frauen immer schon zu den Freunden gezählt, aber eben nicht genauso selbstverständlich zu den Physikern. Wenn wir uns daran stören, hängt das oft mit realer Ungleichheit zusammen. Wäre die Ungleichheit vergessen, würden uns ihre sprachlichen Spuren nicht weiter kümmern.

Ein gewisser Einfluss der Sprache auf unser Erleben ist kaum zu bestreiten. Die Sapir-Whorf-Hypothese bezog zwar eine extreme Position, aber auch viele andere Sprachtheorien des letzten Jahrhunderts betonten, dass Sprache die Welt nicht bloß abbildet, sondern Wirklichkeit schafft. Die Sprachwissenschaftler John Langshaw Austin (1911–1960) und John Searle (* 1932) wiesen ab den 1950er Jahren darauf hin, dass wir mit der Sprache ganz konkrete Dinge bezwecken (etwa andere belustigen oder ärgern, sie zu etwas bewegen oder davon abbringen). Mit solchen »Sprechakten« wollen wir auf die Vorstellungswelt und das Handeln anderer Einfluss nehmen.

Derartige Überlegungen haben uns für die Nuancen der Sprache sensibilisiert. In ihr passiert vieles impliziert, was über den streng lexikalischen Wortsinn hinausgeht. Ein Beispiel: In der Frage, wann jemand zum letzten Mal geduscht hat, vermittelt sich womöglich mehr als nur das Interesse an einem Datum. Kein Wunder also, dass die Sprechakttheorie zahlreiche Ideen zu impliziten Mechanismen in der Sprache anstieß.

Rollenzuschreibung bei der Geburt?

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler bezog die Idee der »Performativität« der Sprache Ende der 1980er Jahren auch auf die Geschlechterfrage. Ihr zufolge sind die scheinbar natürlichen Geschlechter in Wahrheit das Ergebnis gesellschaftlicher und sprachlicher Normen. So werden Babys bei der Geburt durch die Aussage »Es ist ein Junge/Mädchen« zu Angehörigen eines Geschlechts »ernannt«. Die Rollenverteilung werde durch das Wechselspiel von Sprache und Begriffen also gefestigt, ja sogar hervorgebracht.

Allerdings sind es genau diese Gedanken, die das Gendern, wie es heute gebräuchlich ist, ambivalent erscheinen lassen. Schließlich sind nicht nur die Rollenbilder, sondern eben auch die Geschlechterbegriffe selbst ständig im Fluss. In ihrem Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« wollte Butler daher »zur Geschlechter-Verwirrung anstiften«. Praktiken wie die ständige Beidnennung weiblicher und männlicher Formen scheinen da kontraproduktiv, machen sie die Unterscheidung doch eher noch präsenter.

Manche Kritiker beobachten eine durch das Gendern wachsende Sexualisierung der Sprache. Spricht man von Kundinnen und Kunden, lenkt man die Aufmerksamkeit darauf, dass es sich bei den Betreffenden um Frauen und Männer handelt. Die Hervorhebung des weiblichen Geschlechts ist zwar durchaus gewollt.Doch es lässt sich kaum vermeiden, dass die Unterschiede dann stärker hervortreten. Das heute so beliebte Gendersternchen oder der Doppelpunkt sollen – quasi in der Leerstelle – für diverse Identitäten Platz lassen; aber auch sie regen dazu an, über die geschlechtliche Verfasstheit der gemeinten Personen nachzudenken.Durch den Erfolg des Genderns wird das generische Maskulinum heute wohl tatsächlich nicht mehr als so geschlechtsübergreifend empfunden wie noch vor 50 Jahren. Hat sich eine Angestellte durch ein »Liebe Kollegen« früher vielleicht noch angesprochen gefühlt, könnte sie heute irritiert reagieren. Einen radikalen Schluss daraus zog 2020 die Duden-Redaktion, indem sie etwa »Arzt« nur noch als »männliche Person« führt, die die Approbation zur Behandlung Kranker erhalten hat.

Man mag diese Verengung bedauern, denn sie verstärkt den Eindruck, dass die ständige Markierung zu immer festeren Identitäten führt. Ohne diese Nebenwirkung kommen lediglich Passiv- und Partizipialkonstruktionen (»Teilnehmende«, »Einkaufende«) aus, die sich aber nicht im großen Stil durchsetzen konnten.

Durch das Gendern wird die Sprache insgesamt »identitärer«. Ein Satz wie »Tischler arbeiten mit Holz und Holzwerkstoffen« regte einst vor allem dazu an, über den Beruf und seine Attribute nachzudenken. Ist von »Tischler*innen« die Rede, wird man zumindest eher auf den Gedanken kommen, dass dieser Beruf eben auch von Frauen und queeren Personen ausgeübt wird. Das ist natürlich gewollt. Doch es lässt sich kaum bestreiten, dass die (geschlechtliche) Identität der Menschen dabei in den Vordergrund rückt. So bedauerte etwa die Übersetzerin Olga Radetzkaja, es fehle »eine unspezifische, allgemeine, unauffällige Personenbezeichnung, die den Blick auf etwas anderes frei gibt als darauf, wer die Genannten sind: nämlich darauf, was sie tun«.

Der Versuch, bestimmte Identitäten gesondert hervorzuheben, kann in manchen Situationen wichtig und wertvoll sein. Gerade bei flächendeckender Anwendung oder bei spezielleren Varianten kann aber der Eindruck entstehen, dass sich darin vor allem die Lebensrealität eines bestimmten urbanen Milieus abbildet, das sich den Kampf um Anerkennung seiner speziellen Identität zum Anliegen gemacht hat. Dazu trägt auch bei, dass gerade die sexuelle Identität so viel Raum einnimmt.Dies kommentierte etwa Radetzkaja mit der ironischen Bemerkung, dem heutigen Sprachgebrauch liege ein »narcissistic turn« zu Grunde, eine Anspielung auf den Ausdruck »linguistic turn« (siehe »Kurz erklärt«).

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Oft fühlen sich Frauen eher gemeint, wenn sie in einer Stellenanzeige für einen traditionell männlich dominierten Beruf durch ein Gendersternchen ausdrücklich angesprochen werden – und damit ist durchaus viel gewonnen. Denn sich gemeint fühlen ist alles andere als nebensächlich, gerade dort, wo Benachteiligung oft über implizite Mechanismen wirkt. Genauso klar ist aber, dass mit dem Gendern allein nicht alles getan ist. Eine Firma kann in ihrer Ausschreibung »Physiker*innen« suchen und doch nur Männer einstellen. Ein Arbeitgeber kann in seinen E-Mails vorbildlich gendern und seinen Mitarbeiterinnen trotzdem weniger Gehalt zahlen. Schreibweisen können Fassade sein, hinter der nicht zwingend Taten stecken. Stehen diese nicht an erster Stelle, ist Frauen damit am Ende wenig geholfen.

Gendern als »symbolisches Kapital«

Dasselbe gilt für den umgekehrten Fall: Nur, weil jemand nicht die in einem sozialen Milieu gepflegten Schreibweisen benutzt, ist er noch kein Frauenfeind oder intolerant gegenüber queeren Menschen. Sicherlich geht es bei der Verwendung dieser Markierungen auch um die Zugehörigkeit des jeweiligen Sprechers.

Um auch nur zu wissen, welche Markierungen gegenüber diversen Menschen als angezeigt gelten, muss man sich in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen bewegen.

Auf diese Weise droht das Gendern zum Code eines Milieus oder, um mit Bourdieu zu sprechen, zum »symbolischen Kapital« zu werden, durch das sich eine gesellschaftliche Gruppe von anderen absetzt – und damit das Trennende verstärkt.

Dabei geht es im Grunde um etwas anderes, nämlich um Respekt und Empathie. Eine aufmerksame und einfühlsame Haltung zeigt sich aber nicht allein darin, dass man bestimmten Konventionen folgt. Sie wird vielmehr dort greifbar, wo sich ein Individuum abseits von Gemeinplätzen auf seine eigene Art ausdrückt und Stellung bezieht. Und dafür bietet Sprache unendlich viele Möglichkeiten.

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Wie Sprache, Gesellschaft und Geschlecht zusammenhängen, lesen Sie in unserem digitalen Spektrum Kompakt »Gender«:

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Unsere Gesellschaft ist besonders sprachsensibel.Diese Aufmerksamkeit hat uns für eine Menge unfairer Effekte der Sprache die Augen geöffnet. Das ist ein Fortschritt, da uns diese Effekte und Einseitigkeiten täglich unterschwellig beeinflussen. Wer sich jedoch zu sehr auf Benennungen fixiert, verliert die Haltung, um die es eigentlich geht, aus dem Blick.

Zudem stellt sich die Frage, wie weit man diese Bemühungen treiben will. Unausgewogenheiten gibt es viele, und eine vollends korrekte Sprache, in der sich alle angemessen repräsentiert fühlen, kann es kaum geben. Schon allein, weil Sprache und Empfinden nie ganz deckungsgleich sind und jeder Begriff in gewissem Maß an seinem Gegenstand vorbeigeht. Das beschrieb schon der Sprachkritiker Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) in einem Aphorismus: »Es ist ein unvermeidlicher Fehler aller Sprachen, dass sie nur Genera von Begriffen ausdrücken und selten das hinlänglich sagen, was sie sagen wollen.«

Ist der moralische Anspruch an Sprache also zu hoch? Führen solche Versuche selbst wieder zu schematischem Denken und Vorurteilen? Sprachliche Normen zu unterwandern, ist ein gutes Mittel, um Klischees und Gewohnheiten aufzuweichen. Das Gendern ist einer der spannendsten Feldversuche dieser Art in den letzten Jahrzehnten. H

STERNCHEN: GEHIRN&GEIST

QUELLEN

Boroditsky, L. et al: Sex, syntax, and semantics. In: Goldin-Meadow, S., Gentner, D. (Hg.): Language in mind – advances in the study of language and thought.

MIT Press, 2003, S. 61–79

Malotki, E.: Hopi time. Mouton, 1983

Rosch Heider, E., Olivier, D.: The structure of the color space in naming and memory for two languages. Cognitive Psychology 3, 1972

Rummler, U.: Ärztin oder Arzt? Eine psycholinguistische Untersuchung zum generischen Gebrauch des Maskulinums bei Grundschülerinnen und Grundschülern.

Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 51, 1995

Stahlberg, D. et al.: Name your favorite musician: Effects of masculine generics and of their alternatives in German.

Journal of Language and Social Psychology 20, 2001

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2037253