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IN ZWEI WELTEN


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Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 18.11.2021

Jesus war kein Römer. Er war Jude und Nachfahre des Königs David, wenn man den Genealogien im Matthäus- und Lukas-Evangelium folgt (Mt 1,1−17; Lk 3,23−38). Auf die Frage, ob es recht sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, antwortete er den Evangelien zufolge, man möge dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist (Mt 22,21), womit er sich auf den ersten Blick als guter Staatsbürger ausweist. Heutige Gelehrte schreiben Jesus, wie überhaupt den Schriften des Neuen Testaments, jedoch oft eine eher kritische Haltung gegenüber dem römischen Imperium zu, auch weil es unter den ersten Nachfolgern Jesu, den frühen Christen, kaum oder keine «Römer» gegeben haben soll. Wie ist dies zu verstehen, wenn die ersten Nachfolger doch innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches lebten und spätestens 20 Jahre nach der Kreuzigung selbst in der Hauptstadt Rom zu finden waren?

Christen und römische Bürger ...

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 6/2021

Abb. 1 Brief an Diognet, Anfang Kap. 5, mit «Christianoi» in der letzten Zeile, griechische Handschrift, Universitätsbibliothek Tübingen Mb 27 p. 59v.
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Römische Bürger und Himmelsbürger

Im 2. Jh. n. Chr. dehnte sich die neue Religion im nördlichen Afrika und Gallien in stark romanisierte Gebiete aus, gewann aber weiterhin auch Anhänger unter den im Osten des Imperiums ansässigen römischen Bürgern, also in der Region, die zunächst das Hauptverbreitungsgebiet der neuen Religion bildete. Der jüngere Plinius, Statthalter in Pontus und Bithynien im Nordwesten der heutigen Türkei, stellt dies in einem Brief an Kaiser Trajan mit Erstaunen fest (Plinius, Briefe 10,96). Die römischen Bürger, die angeklagt wurden Christen zu sein, sandte er nach Rom, da sie ihr Recht wahrgenommen hatten, an den Kaiser zu appellieren, so wie dies bereits Paulus getan hatte, als er vor dem Gericht des Statthalters von Judäa stand (Apg 25). Wie der Kaiser mit ihnen weiter verfahren ist, wissen wir in beiden Fällen nicht. Der Loyalitätskonflikt, in dem sich Christen als römische Bürger befanden, wird gleichwohl überdeutlich. Einige wählten den Tod um ihres Glaubens willen. Andere opferten, wie von Plinius verlangt, vor der Statue des Kaisers und behielten ihr irdisches Leben.

Sofern sie nicht vor diese ultimative Entscheidung gestellt wurden, präsentierten sich Christen aber weiter-  hin vielfach als gute Bürger. So in dem sog. Brief an Diognet (Kap. 5; Abb. 1), einer Schrift eines unbekannten Autors, welcher die Christen als brave Bürger charakterisiert, die sich in allen Städten, in denen sie lebten, gleichsam voll integriert hätten, die gleichen Sitten befolgten, die gleiche Kleidung trügen, die gleiche Kost zu sich nähmen, Familien gründeten und Kinder aufzögen, ja sogar «an allem teilnehmen wie Bürger». Gleichzeitig lebten sie aber in jeder Stadt «wie Fremde», da sie eben auch (oder vornehmlich) «Bürger im Himmel» wären.

Dieses Konzept des «himmlischen Bürgerrechts» findet sich zum ersten Mal ausgerechnet im Brief des Paulus an die christliche Gemeinde in der römischen Kolonie Philippi (3,20) und von da an immer wieder in christlichen Texten. Für einzelne Christen ergaben sich daraus hybride Identitäten, die nirgends so klar zum Ausdruck kommen wie in dem Grabepigramm eines unter dem Namen Aberkios bekannten Mannes, der womöglich Bischof des phrygischen Hieropolis war. Die sog. Inschrift des Aberkios (Abb. 2), die in die Zeit um oder vor 200 n. Chr. zu datieren ist, ist in Teilen erhalten und eine der bedeutendsten und ältesten christlichen Inschriften (Inscriptiones Christianae Graecae 1597). Aberkios bezeichnet sich darin eingangs als «Bürger einer auserwählten Stadt» – ohne Zweifel eine Anspielung auf das himmlische Bürgerrecht ‒, identifiziert sich ausgangs allerdings ebenso deutlich mit seiner irdischen Heimatstadt Hieropolis, der ein Teil der Strafgelder für missbräuchliche Belegung des Grabplatzes in Höhe von 1000 Golddenaren zufließen sollte. Der richtige Name des Aberkios lautete allerdings – was oft übersehen wird – Avircius, ein gut belegter römischer Gentilname, der ihn als römischen Bürger ausweist. Dem römischen Fiscus sollen dem Grabepigramm zufolge im Falle eines Grabdeliktes sogar 2000 Golddenare zukommen. Somit präsentiert sich Aberkios/Avircius zwar einerseits als Christ und Himmelsbürger, andererseits aber auch selbstverständlich als treuer Bürger seiner Heimatstadt sowie schließlich als privilegierter Inhaber des römischen Bürgerrechts und loyaler Untertan des Imperiums.

Alle Christen werden Römer – und dann?

Im Jahre 212 n. Chr. änderte sich die einleitend geschilderte Situation. Durch einen Erlass des Kaisers Caracalla erhielten nun – mit wenigen Ausnahmen – sämtliche Einwohner des Imperiums das römische Bürgerrecht, darunter natürlich auch die Christen. Ab der Mitte des 3. Jhs. n. Chr. verschärften sich die Verfolgungsmaßnahmen gegen die Christen für zwei Dekaden, danach ebbten sie wieder ab. Forderungen wurden nun lauter, die Christen sollten sich an der Ausübung politischer Ämter beteiligen, deren Bekleidung viele von ihnen ablehnten, wohl aufgrund der damit verbundenen Eidesleistungen bei den Göttern. Doch es gab regionale Sonderfälle. In Phrygien sind zahlreiche Christen im 3. Jh. n. Chr. als Ratsherren, wenngleich immer noch nur sehr wenige als Amtsträger, bezeugt. Sie mussten entweder einen modus vivendi gefunden haben oder waren von kultischen Pflichten entbunden. Das ländlich geprägte Phrygien scheint in dieser Zeit bereits stark christianisiert gewesen zu sein. Die bürgerliche Identität wurde dort auch von kirchlichen Amtsträgern hochgehalten. Die Inschrift auf dem Grabmal des Aurelios Glykonides (Abb. 3) verkündet, er sei Bürger von Eumeneia, Christ und Bischof (Inscriptiones Christianae Graecae 1049). Man kann hier vier Identitätsmarker erkennen: Glykonides ist Bürger seiner Heimatstadt, als Christ ein Himmelsbürger, Amtsträger seiner Kirche und durch die Nennung des Gentilnamens Aurelios betont er ausdrücklich, was in dieser Zeit bereits selbstverständlich war, nämlich dass er das römische Bürgerrecht besitzt.

Der spätantike Kirchenvater Augustin führt all dies zu einem ideengeschichtlichen Höhepunkt und zurrt in seinem monumentalen, 20 Bücher umfassenden geschichtstheologischen Entwurf über den Gottesstaat schließlich den Gegensatz zwischen himmlischem und irdischem Staat fest (Augustin, Über den Gottesstaat 18,1−2; 18,54,2). Zwar seien die beiden Staaten vom Beginn der Welt bis zu ihrem Ende miteinander vermischt. Beide machten sich die gleichen Güter zunutze, beide würden von den gleichen Übeln geplagt. Doch bestünde letztlich ein tiefer Widerspruch, ja Feindschaft zwischen ihnen. Die Bürger beider Staaten unterschieden sich hinsichtlich ihres Glaubens und ihrer Hoffnung auf die kommende Welt. Geschieden würden sie aber erst im Letzten Gericht. Eine scharfe Trennung, die sich so in früheren Texten nicht findet.

Adresse des Autors

Prof. Dr. Alexander Weiß Leibniz-Projekt «Polyphonie des spätantiken Christentums» Historisches Seminar Abteilung für Alte Geschichte Goethe-Universität Frankfurt Campus Westend Norbert-Wollheim-Platz 1 D-60629 Frankfurt am Main

Bildnachweis

Abb. 1: Universitätsbibliothek Tübingen; 2: Foto: Giovanni Dall’Orto; 3: Universität Aberdeen, Ref. No. MS 3286_b_6.6, Env_film 9_neg_02.

Literatur

H. LEPPIN, Die frühen Christen: von den Anfängen bis Konstantin ( 2 2019).

ST. MITCHELL, Anatolia 2. The Rise of the Church (1993).

A. WEISS, Paulus und die coloniae, in: A. D. Baum u. a. (Hrsg.), Der jüdische Messias Jesus und sein jüdischer Apostel Paulus (2016) 341−356.