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Ina Regen: „Corona hat mir das Urspriungliche zurückgebracht“


combo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 12.06.2020

Es ist eine hohe Kunst, nicht an Corona zu verzweifeln, wenn man als Künstler von heute auf morgen erkennen muss, dass es wohl noch eine Zeit lang dauern wird, bis man wieder vor seinem Publikum auftreten wird können. Ina Regen ist da eine von vielen, auch wenn es in den vergangenen Jahren mit ihrer Karriere ganz steil nach oben gegangen ist. Ein Gespräch über Corona, aber noch viel mehr über Gedanken, die sich aus der Vollbremsung für das eigene Leben und Wirken ergeben haben.


Artikelbild für den Artikel "Ina Regen: „Corona hat mir das Urspriungliche zurückgebracht“" aus der Ausgabe 2/2020 von combo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Fotos: GERD SCHNEIDER

combo: Es ist schön, dich zu hören. Wie geht es dir als Corona-Opfer?

Ina Regen: Ich bin gesund und es ...

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... geht mir grundsätzlich gut. Ich denke mir, dass wir alle anerkennen müssen, dass es eine perfekte Situation und ein perfektes Für-Immer sowieso nicht gibt und somit ist dies der nächste Kompromiss, mit dem wir kurzfristig leben müssen. Weil du mich gefragt hast, wie es mir als Corona-Opfer geht: Ich lasse mich ungern zu einem Opfer einer Situation machen. Ich muss dann immer gleich das Gefühl haben, dass ich es im Griff habe (lacht). Ich glaube, daher kommt ein Grundoptimismus, der mir nicht in die Wiege gelegt wurde, aber für den ich mich immer wieder entscheide. Es ist jetzt so, wie es ist, und wir machen wieder das Beste daraus.

combo: Wie ist deine Situation jetzt? Bist du zuhause oder viel im Studio?
Ina Regen: Ich bin fast ausschließlich zuhause und versuche, meine Studiozeit trotzdem weitestgehend auf ein Minimum zu reduzieren. Ich war schon immer wieder im Studio, aber ich würde schätzen, im Vergleich zum normalen Arbeitsprozess waren es nicht einmal zehn Prozent der Zeit. Auch da ergeben sich neue Facetten, die krisenbedingt sind, mir aber gefallen. So habe ich wieder mein altes Audio-Interface ausgegraben und arbeite jetzt praktisch im Heimstudio und muss mir da Kompetenzen aneignen, die ich bisher ausgelagert hatte. Ich entdecke da eine neue Qualität für mich. Ich beginne gerade wieder zu schreiben und nehme mich selbst auf

combo: Hast du dich eingebunkert?
Ina Regen: Nein. Ich bin zwar ausschließlich zuhause, aber bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich schon hinaus und treffe mich mit jemandem auf einen Distanz-Spaziergang. Aber ich versuche, mich weitestgehend, so gut ich es kann, an die Vorgaben zu halten.

combo: Was hat diese Zeit, diese Krise mit dir persönlich angestellt? Hast du am Anfang von Corona auch nicht glauben können, was da passiert, und wie nimmst du es jetzt nach einigen Wochen wahr?
Ina Regen: Ich habe das Gefühl, dass ich das Corona-Virus am Anfang zu wenig ernst genommen habe. Anfang März war es schon da und war in der Berichterstattung ein Diskussionsthema. Aber ich habe mir gedacht: Was tun sie alle so herum mit dieser Grippe? Ich bin diesem Irrtum erlegen. Dann haben sie die Veranstaltungen gesperrt und ich habe mich einen Abend lang hingesetzt und so viel ich konnte zu dem Thema recherchiert. Da habe ich verstanden, dass ich zu schlecht informiert und dementsprechend zu wenig alarmiert war. Als ich nachvollziehen konnte, worauf wir uns zubewegen, habe ich relativ klar für mich entschieden, wie ich mich verhalten möchte.

combo: Wie nämlich?
Ina Regen: Dass ich es ernst nehme. Dass es eine Riesengefahr ist. Dass es eine globale Krise ist. Und damit muss man sich jetzt arrangieren. Mein Widerstand gegen die Situation war relativ kurz und lag an der schlechten Information meinerseits.

combo: Und was kam nach dieser Erkenntnis?
Ina Regen: Es war ganz spannend zu beobachten, welche persönlichen Muster einen dann übernehmen. Ich habe mich vieles gefragt: Was muss ich tun? Für wen muss ich da sein? Um wen muss ich mich kümmern? Das galt zuerst meiner Familie. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt auf Kreta im Urlaub und haben von alldem, was sich in Österreich abspielte, weniger mitbekommen. Da ist dann bei mir der Alarm losgegangen und ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit sie so schnell wie möglich wieder nachhause kommen. Während bei uns schon Lockdown und das Horten von Toilettenpapier angesagt war, haben sie noch Fotos von den Sehenswürdigkeiten auf Kreta nachhause geschickt. Und bei ein paar Menschen in meiner Umgebung, die mir sehr viel bedeuten, war nicht klar, ob sie zur erhöhten Risikogruppe gehören. Das ließ mich ganz schnell anders über die Situation denken. Absurderweise habe ich mich dann in die sozialen Medien geflüchtet.

combo: Und was hast du dort erlebt?
Ina Regen: Ich habe mit meinen Fans den intensivsten Austausch begonnen, seit es Ina Regen gibt. Das war eher unabsichtlich. Ich habe nur gefragt, wie geht es euch, was braucht ihr, was machen wir? Aus diesem Impuls heraus haben sich total schöne Sachen ergeben. So wurde auf Facebook dahin philosophiert und meine Candlelight-Konzerte haben zu Spitzenzeiten bis zu 80.000 Menschen verfolgt. Insofern bestätigt mich das in dem philosophischen Ansatz, dass jede Krise eine Chance ist, wenn man ihr die Chance gibt, dass sie das auch sein darf. Das heißt jetzt nicht, dass ich immer die rosarote Brille trage und es mir immer gut geht. Es reißt mich auch her, wenn ich wie jetzt höre, dass wahrscheinlich Konzerte, so wie wir sie kennen, im Jahr 2020 nicht mehr stattfinden können. Dieses Warten ist nicht einfach. Mein Album ist auf der Zielgeraden, aber immer mehr werden auch Stimmen laut, abzuwarten. Wenn wir heuer nicht mehr auf Tournee gehen können, dann brauchen wir das Album auch nicht zu veröffentlichen. Natürlich verändert das auch in meinem Leben ganz maßgeblich die Schienen, die ich schon eine Zeit lang verlegt habe. Ich weiß jetzt nicht genau, in welche Richtung wir weiterfahren. Dass dies so ist, verbindet mich mit der restlichen Bevölkerung. Es gibt, so glaube ich, derzeit fast niemanden in Österreich und vielleicht auch in der ganzen Welt, der nicht von dieser Situation berührt ist, der jetzt immer noch das Leben lebt, dass er sich vorgenommen hat, und komplett unbeschadet von der Krise weiterlebt. So werden sich auch meine Pläne möglicherweise in der Luft zerfetzen. Da muss man aber jetzt auch beweisen, dass man ein kreativer Mensch ist, wie man mit dem Leben umgeht. Und nicht nur mit der Kunst.

combo: Zur Kunst zwei Fragen: Hat die Krise, das Philosophieren darüber, was wirklich wichtig ist, auch in dir andere Gedanken in Bewegung gesetzt? Denn mir ist zum Beispiel bewusst geworden, wie viel ich zuletzt gearbeitet habe und Dinge, die mir wichtig sind, auf die Seite geschoben habe. Ich bin jetzt durch die Notbremse darauf gekommen, wie viel Zeit der Tag bietet, um das zu tun, was einem ganz persönlich wichtig ist. Das war eine Erkenntnis. Die zweite war, dass durch das Nachdenken auch etwas mit meinem Schreiben passiert ist, es anders geworden ist. Ich habe wieder mehr über Grundsatzfragen des Lebens philosophiert. Hat sich das bei dir auch auf das Songschreiben, auf deine musikalische Kunst ausgewirkt?
Ina Regen: Es war auch bei mir so wie du sagst. In Wahrheit habe ich zwei Jahre lang an einem Album gearbeitet, das in einer normalen Zeit wachrütteln hätte wollen, indem es Themen anspricht, die auch unbequem sind. Dann kommt Corona, bringt ganz viel durcheinander und macht den Alltag so wackelig, dass ich gleich einmal das Gefühl hatte, dass dieses Album jetzt zwar seine Berechtigung nicht verloren hat, aber es schon zu hinterfragen ist. Ich dachte mir kurz, dass das jetzt vielleicht als Überforderung betrachtet werden könnte, was die Menge an unbequemen Themen betrifft, die ich mir da ausgesucht habe. Die ersten zwei Wochen nach dem Lockdown habe ich so viel gearbeitet wie überhaupt noch nie zuvor. Es hat sich angefühlt, als würde ich rund um die Uhr nur noch Interviews geben, permanent in einer Skype- oder Zoom-Konferenz sitzen und jedes Medium des Landes ist gerade in meinem Wohnzimmer zuhause. Ich hatte überhaupt keine Zeit zum Durchschnaufen.

combo: Wann ist das anders geworden?
Ina Regen: Erst in den vergangenen zwei Wochen bin ich dazu gekommen, die ganze Situation für mich privat mehr einzuordnen. Jetzt kommt auch die Lust zum Schreiben zurück. Ich möchte auf dem Album, an dem ich gerade arbeite und das so gut wie fertig ist, noch ein paar Gedanken haben, die ich mir jetzt gerade mache. Ich kann dieses große Philosophieren, das gerade stattfindet, nicht außen vor lassen und dann vielleicht erst auf das nächste Album packen, das erst in drei Jahren erscheint. Was auch spannend war: Als ich angefangen habe, wieder zu schreiben, hat es mich die ganze Zeit in der Luft zerrissen. Ich bin nicht aus dem Weinen, aus der Verunsicherung herausgekommen. Da war dann auch der Gedanke da, jetzt nicht zu schreiben. Doch mir wurde klar, dass ich da durch muss. Wie Alanis Morissette schon sagte: „The only way out is through”. Also muss man sich durchweinen bis zum Ende und dann kommt auch wieder der nächste Gedanke, an dem man wieder Trost finden kann. Das ist eine spannende Beobachtung, die ich jetzt gemacht habe. Dass ich wieder mit meiner ganz ursprünglichen Quelle, meiner Liebe zur Musik konfrontiert war. Ich habe mich wieder wie ein Teenager gefühlt, der sich überhaupt nicht auskennt in seiner Welt. Der einzige Ort, wo er sich wirklich zuhause fühlt, ist die Musik. Da ist alles gut. Das habe ich über die Berufsjahre hinweg verloren. Und dieses Ursprüngliche hat mir Corona zurückgebracht.

combo: Wenn sich der Kern seines Tuns plötzlich wieder in all seiner Pracht und Intensität zeigt, dann fühlt sich das gut an, oder?
Ina Regen: Die alte Asche wurde aus dem Feuer entfernt und jetzt ist nur noch das da, was wirklich glüht. Jetzt glüht man wieder für das Leben, das man geführt hat. Es wirft einen ein wenig auf sich selbst zurück. Natürlich ist das irgendwie heftig und man ist orientierungslos, aber gleichzeitig hat man wieder diesen eigenen Kompass, der nur in einem selbst geeicht ist. So empfinde ich es. Es geht ganz vielen Menschen so in ihrem Leben. Dass sie diese Grundausrichtung wieder nachempfinden können und sie als richtig fühlen. Ich würde mich immer wieder für die Musik entscheiden, so wie du dich auch wohl wieder für diesen Weg entscheiden würdest, den du eingeschlagen hast.

combo: Ja, völlig richtig.
Ina Regen: Das Schmerzhafte an dieser Zeit ist, dass viele jetzt darauf kommen, dass sie sich über die letzten Jahre oder im Alltag ein wenig verloren haben, dass sie diesem Inneren nach außen nicht jenen Ausdruck verleihen können, den sie gerne würden. Diese Transformation ist schmerzhaft und tut auch weh, wenn man sich so selbst begegnet. Es kostet viel Kraft, diese Veränderungen, die man jetzt ganz klar sieht, letztlich dann auch durchzuziehen. Ich verstehe auch, dass es nicht jedem gut damit geht. Aber dennoch leben wir gerade in einer Zeit, in der sich die Menschen wieder ganz anders miteinander verbinden. Man telefoniert wieder miteinander, redet wirklich über das, was gerade los ist. Die Frage, wie geht es dir, bedeutet jetzt wirklich wieder, wie es dem anderen geht. Es ist nicht wie früher, wo man nach dieser Frage erzählt hat, was man gerade so tut. Nun erzählt man wirklich, wer man ist, und das finde ich eigentlich recht schön. Diesen Austausch finde ich sehr lebendig und wertvoll.

combo: Die Frage, die man sich stellen darf, ist: Hat es das gebraucht? Wir haben bei unserem letzten Treffen auch darüber gesprochen, wie beschleunigt unsere Welt geworden ist. Bei dir war es auch der Erfolg, der dich noch mehr antreibt und dich ja nicht entspannter macht. Da haben wir uns gefragt, wie wir es schaffen, etwas langsamer und bewusster durchs Leben zu gehen. Genießen zu können, was man hat. Es ist lustig, dass man dann in einem Moment, in dem man so ausgebremst wird wie jetzt durch das Corona- Virus, plötzlich das Genießen entdeckt und auch Zeit hat, zu reflektieren.
Ina Regen: Ich merke das zum Beispiel, wenn ich an mein letztes Konzert vor der Corona-Krise denke. Das durfte ich am 8. März im Wiener Konzerthaus zum Internationalen Frauentag geben. Wir haben später gesagt: Hätte man gewusst, dass dies das letzte Konzert für ein Jahr sein würde, dann hätten wir genau diese Party haben wollen. Es war ein Charity-Konzert, das auf die Situation der Frauen aufmerksam machen sollte. Es waren 120 Menschen an diesem großen Fest beteiligt und es war so eine Euphorie, so viel Optimismus und so viel Liebe im Raum, so kitschig das jetzt klingt, da waren 1.300 Menschen, die komplett ausgeflippt sind, und es war so eine Energie spürbar. Viele Künstler, die man toll findet, waren vereint für ein Thema, das wichtig ist. Ich bin sehr dankbar, dass meine Bühnenzeit für den Moment mit diesem Höhepunkt seine Pause erreicht hat.

combo: Wie geht es dir grundsätzlich mit dem Ausblick, der für Künstler nicht gerade rosig ist? Als Künstlerin lebt man für die Momente mit seinem Publikum, vom Applaus, vom Gefühl, dass einem jemand zuhört. Wenn du nach vorne schaust, blutet dir dann das Herz oder muss man es so annehmen, wie es ist?
Ina Regen: Es ist nicht jeder Tag gleich. Es gibt Tage, da blutet mir sehr wohl das Herz. Da zerreißt es mir die Seele, wenn ich mir denke, dass so eine Veranstaltung wie das „Hoamat“-Open-Air immer noch in der Luft hängt und der Veranstalter so gerne möchte, dass wir das hinbekommen. Auch das Konzert im Musiktheater in Linz im Herbst weckt so schöne Erinnerungen, aber niemand kann abschätzen, ob es letztlich möglich sein wird, aufzutreten. Die Aussicht, dass alle Konzerte erst 2021 stattfinden können, macht mich unfassbar traurig. Aber dann denke ich mir wieder, dass die Situation so ist, wie sie ist, und ich möchte nicht verantworten, dass sich die Menschen auf meinen Konzerten gegenseitig anstecken oder dass irgendein Risiko entsteht, das fahrlässig ist. So lange ist es vernünftiger, mit dem Blick auf die Gesamtsituation das eigene Ego zurückzustellen. Natürlich wünsche ich mir dann von einer Regierung schon auch, dass sie ihre Versprechen hält, dass niemand zurückgelassen wird. Es muss klar sein, dass niemand und schon gar nicht ein Selbständiger acht Monate lang von seinen Ersparnissen leben kann. Wenn das als richtig empfunden wird, dann ist das eine Gesellschaft, an der ich nicht teilhaben möchte. Wenn dies das Demokratieverständnis wäre, dann würde mich das sehr traurig machen. Da hoffe ich, dass dieses Gemeinschaftsgefühl, das wir alle leben, weil wir auf die Gemeinschaft Rücksicht nehmen, im Umkehrschluss auch dazu führt, dass die Gemeinschaft für uns sorgt.

combo: Und was ist mit dem Applaus?
Ina Regen: Ich merke, dass mir der Applaus fehlt. Es war ein arges Gefühl bei den vielen Online-Konzerten, wenn das Lied vorbei ist und diese ein bis zwei Sekunden vergehen, bis normalerweise der Applaus kommt, und du wartest, aber es bleibt still. Das ist eigenartig. Wenn der Austausch von Energie nicht stattfindet, dann ist das ganz absurd. Und gleichzeitig hat sich dieser Austausch auf eine andere Sprache verlagert. Ich bekomme so viele Nachrichten von Fans wie nie zuvor. Ich bekomme mittlerweile sogar über Spotify, wo es diese Spendenkonten gibt, Geld von meinen Fans, weil sie mir etwas zurückgeben wollen für das, was ich ihnen gegeben habe. Das macht mich optimistisch, weil es mir zeigt, dass die Gemeinschaft sehr wohl den Wert von Kunst und Künstlern erkennt, von Menschen, die anderen Menschen ihre Gefühle übersetzen, die sie, wenn schon nicht angreifen, dann doch anhören können. Der Wert dieser Übersetzung, dieser Sprache, die Musik ja ist, ist sehr wohl gerade höher im Kurs als jemals zuvor. Eine meiner Lieblings- Philosophien im Moment ist von Oscar Wilde, der gesagt hat: Wir müssen nicht nur den Preis von Dingen erkennen, sondern auch ihren Wert. Jetzt muss man erkennen, und da sind wir auch gefordert, dass diese Schockbremsung ein guter Zeitpunkt ist, damit wir Preis und Wert wieder näher zueinander bringen. Der Wert des Pflegepersonals, der Wert eines funktionierenden Gesundheitssystems…

combo: Es wäre auch nicht schlecht, wenn sich die Wertigkeit von Musik ändern würde. Wenn deine Fans dich unterstützen, dann könnte das ja als Zeichen gewertet werden, dass sie Musik nicht bloß als Ware, sondern als Leistung verstehen, die etwas wert ist. Das wäre schön, wenn das im Bewusstsein der Menschen bleiben würde, oder?
Ina Regen: Absolut. Man entscheidet sich immer ein wenig, wie man das Philosophische sehen will. Es gibt da keine ultimative objektivierbare Wahrheit, denn gerade, wenn es um die Lebensführung geht, ist das immer subjektiv. Ich habe auch das Gefühl, dass die Leute, die irgendwie zusammengehören, im Kleinen wie im Großen wieder näher zueinander finden. Ich habe es sehr spannend gefunden, dass der Schlagzeuger von Wanda, Lukas Hasitschka, die „Gaffachallenge“ gestartet hat, um darauf aufmerksam zu machen, dass Corona und die Einschränkungen nicht nur uns Künstler betreffen, sondern dass hinter einer vierköpfigen Band, wenn du das groß anlegst und groß tourst, noch einmal 15 Leute stehen, damit du das machen kannst. Jetzt kann man sich fragen, was hat Ina Regen mit Wanda gemeinsam: So gut wie nichts. Aber durch diese Aktion und dadurch, dass ich sie unterstützt habe, sind wir jetzt in einem engen Austausch. Das ist auch etwas Schönes, dass man wieder Gemeinsamkeiten entdeckt. Was ich aber schon auch merke, ist, dass Corona und der Umgang mit der Situation sowie die große Verunsicherung und die Verschwörungstheorien und die Suche nach dem richtigen Weg, das Diskutieren zwar wichtiger denn je, aber auch schwieriger gemacht haben. Dadurch, dass alle irgendwie auf rohen Eiern tanzen, wird man schnell einmal dünnhäutig und dann reicht ein falsches Wort und es explodiert irgendwie. Es ist wichtiger denn je, dass man miteinander redet, und zwar vor allem auch mit Menschen, die ganz offensichtlich eine andere Meinung haben als man selbst. Aber die Gemüter sind so erhitzt, dass das kultivierte Gespräch schnell einmal verloren geht.

combo: Aber war das nicht vor Corona auch schon so, wenn man sich nicht über etwas unterhalten hat, sondern nur darauf wartete, seine Geschichten zu erzählen. Die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden war vorher auch nicht besser. Zudem hört man viel zu wenig zu.
Ina Regen: Das Gefühl habe ich auch und da nehme ich mich selbst an der Nase. Man hört viel zu wenig zu, sondern wartet nur, bis man selbst wieder an der Reihe ist, damit man etwas sagen kann. combo: Weil dem Vielredner sonst der Gedanke entfällt…
Ina Regen: Ja, das stimmt (lacht). Aber man soll sich nicht selbst in Predigten verherrlichen, sondern zuhören. Würde mich jemand fragen, was das Wort ist, das hinter Corona als nächstes stehen sollte, dann ist es für mich Empathie. Wir hängen alle viel mehr zusammen, als uns bislang klar war. Und wir hängen auch mit Menschen zusammen, die wir uns freiwillig nicht ausgesucht hätten. Unsere Lebensqualität ist von Menschen abhängig, an die wir vorher noch gar nicht gedacht hätten. Gerade am Anfang war ich unfassbar dankbar, dass es im Supermarkt Kassiererinnen gibt, Menschen im Gesundheitswesen ihre Arbeit machen und mein Postler mir Dinge bringt, die ich für mein Leben dringend brauche. Er war eine Zeit lang mein ganz großer Held. Diese Leute sind für einen da. So wird die Wertigkeit von der eigenen Lebensphilosophie gerade in ein neues Licht gerückt.

combo: Bleibt zum Schluss die Frage: Was machst du jetzt mit der vielen Zeit, die du hast?
Ina Regen: (lacht)

combo: Gibt es schon einen Masterplan, um nicht verrückt zu werden in dieser Situation, in der das, was du gerne machst und wofür bzw. wovon du lebst, auch noch eine Zeit lang nicht möglich sein wird?
Ina Regen: Ich komme aus einer Alltagssituation, in der mein Leben für die nächsten eineinhalb Jahre mehr oder weniger durchgeplant und durchgetaktet war. Die groben Eckpfeiler vom Albumzyklus sind gestanden, womit man weiß, was wann zu passieren hat. Mein Kalender war bis 2021 eigentlich recht klar. Jetzt bin ich mit der Situation konfrontiert, dass in Wahrheit gar nichts mehr klar ist, weder für 2020 noch für 2021. Ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Woran ich mich im Moment am meisten festhalten kann, ist, dass ich es so nehme, wie es kommt, das Beste daraus mache. Diesen Überlebens modus spüre ich schon, dass ich so ein Stehauf-Mädchen bin. Natürlich bin ich erschüttert darüber, dass mein Album gerade am seidenen Faden hängt. Und gleichzeitig habe ich die vergangenen Monate und Jahre im Stress Kunst gemacht, so zwischen Tür und Angel. Ich habe ganz oft zu meinem Produzenten und Musiker-Ehemann gesagt, dass ich mir wünschen würde, einmal drei oder vier Monate lang Zeit zu haben, in der ich nichts anderes mache, als Lieder zu schreiben.

combo: Also du bist schuld an der Corona- Krise…?
Ina Regen: (lacht) Wenn mein Draht zum Universum so gut wäre, dann müssten wir echt darüber nachdenken. Natürlich würde ich mir wünschen, dass mein Leben im Plan geblieben wäre, und gleichzeitig weiß ich, dass dort, wo man den Plan verlässt, auch die großen Wunder passieren können. Mein eigenes Leben ist dafür der größte Beweis. Daran halte ich mich auch immer wieder fest. Es wird schon gut gehen. Egal, ob man an das Schicksal oder an sich selbst glaubt: Bis jetzt ist es mir immer gut gegangen. Mir geht es mit meinem Leben und mit mir gut. Diese Erfahrung habe ich jetzt auch gemacht. Das ist eine Basis, auf der viel wachsen kann. Ich werde es nehmen, wie es kommt. Es kann sein, dass wir in diesem Jahr nicht mehr auf die Bühne gehen dürfen. Das macht mich trauriger, als ich es mit Worten sagen kann. Und gleichzeitig werden dadurch neue Möglichkeiten geboten. Das Grundeinkommen zum Beispiel ist so in aller Munde wie nie zuvor. Die neuen Technologien gewinnen gerade. Streaming wird vorübergehend ein zusätzliches Tool. Aber ich glaube nicht, dass Streaming die Live-Erfahrung ablösen wird. Es wird immer noch Menschen geben, die in ein Stadion gehen wollen, um sich ein Fußballspiel in echt anzuschauen. Dafür um die ganze Welt fliegen. Gleichzeitig gibt es Menschen, zu denen gehöre ich auch, die dann zu einem Public Viewing gehen, wenn eine WM übertragen wird. Oder ich sitze zuhause und schaue zu und das ist auch ein Erlebnis für sich. Es kommen neue Möglichkeiten dazu, aber ich denke nicht, dass bewährte Möglichkeiten deshalb aussterben. Vorübergehend ja. Sobald wir wieder touren dürfen, eine Impfung vorhanden ist und sich jeder wieder sicher fühlt - diese Live-Momente werden mit nichts zu vergleichen sein, das wir bisher erlebt haben. Darauf freue ich mich schon. Das wird ein Feuerwerk.

combo: Vielleicht braucht es auch dieses Bewusstsein, diese besonderen Momente auch wirklich zu erleben, weil es so normal war, dass man jeden Tag irgendwo hingehen konnte?
Ina Regen: Alles, wo Menschen in einen Austausch treten, ist Kultur. Ich habe schon einmal zu einem Musikerkollegen von mir gesagt, dass vielleicht die Zeit nach Corona die ist, in der wir wieder für Menschen Musik machen und nicht mehr für Handys. Denn es war ein besorgniserregender Zeitgeist, dass viele Leute zwar physisch bei den Konzerten anwesend sind, aber wenn dann der Hit kommt, siehst du nur mehr Displays und Handylampen, aber du siehst keine Augen mehr. Das ist schade. Mich auf der Bühne hat das immer irgendwie verwirrt, weil ich mir gedacht habe: Hey, das ist der eine Moment, den haben wir jetzt miteinander, und der wird durch die Handyvideos kaputt gemacht. Aber gerade jetzt in dieser Zeit sitzen diese Menschen vielleicht zuhause und schauen sich all diese Momente noch einmal an. Es könnte sein, dass sie damit noch einmal etwas Besonderes erleben.

combo: Das glaube ich eher nicht, weil das Handyvideo ja eher der Dokumentation dient, dass man dort war. Es geht nicht um die Künstler, sondern um einen selbst.
Ina Regen: Da ist etwas dran. Wir müssen einsehen, wie oberflächlich unser Leben geworden ist. Wie unsichtbar diese Mechanismen oder diese Fäden sind, an denen wir alle wie Marionetten hängen. Jetzt, in dieser Zeit, in der wir alle drinnen waren und teilweise noch sind, ist es nicht wichtig, sich jeden Monat die neuesten Sneakers zu kaufen. Weil es keiner sieht, wenn du nicht rauskommst. Dann machst du noch ein paar Fotos in deinen eigenen vier Wänden und irgendwann bemerkst du, wie bescheuert das alles eigentlich ist. Man ist so auf sich selbst im Inneren zurückgeworfen. Das kann schon gut sein, um in ein paar Bereichen die Richtung zu wechseln. Dass man ein paar Dinge aussortiert und nicht mitnimmt in die Post-Corona-Phase.

combo: Ganz zum Schluss: Wie wird dein Album nun wirklich aussehen? Denn jedes Album ist immer ein Statement zur Zeit und zum eigenen Gefühlszustand. Kann es jetzt passieren, dass es zwei Ina-Regen-Alben in einem geben wird, die zeigen, was vor Corona geplant war und was in dieser Zeit entstanden ist? Ist so etwas überhaupt denkbar für dich?
Ina Regen: Wir haben tatsächlich über all diese Dinge nachgedacht. Das Album zum geplanten Zeitpunkt zu veröffentlichen und zu sagen, dass es vor Corona entstanden ist. Es gibt aber auch schon die Überlegung, das Album zu verschieben und einen Teil dazu zu machen, der sich mit der Zeit jetzt beschäftigt. Im Moment haben wir keine endgültige Entscheidung getroffen. Das hängt von mehr ab als von meiner künstlerischen Arbeit. Vieles hängt in der Luft. Mir hat der Moment gefallen, als wir zuletzt gesagt haben: Was wäre denn, wenn wir nur das machen, was wir jetzt gerade gescheit finden, was jetzt wichtig und richtig ist? Dass wir nichts kalkulieren und auf Mechanismen Rücksicht nehmen. Dass wir stattdessen darüber nachdenken, wie ganz neue Wege aussehen könnten. Jetzt schauen wir einmal, wie lange das gescheit ist, was wir uns da überlegt haben (lacht).