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INDIENS DURST NACH ENERGIE


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 29.07.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 8/2022

Vom höchsten Wohngebäude Indiens, einem 76-stöckigen Luxusturm, blickt man auf das hell erleuchtete Mumbai, das sich bis zum Horizont erstreckt. Die wachsende indische Mittelschicht treibt das landesweite Stromnetz immer mehr an seine Grenzen.

AN EINEM FEUCHTWARMEN MORGEN im September 2021 steigt Chetan Singh Solanki im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh aus einem Bus, in dem er die letzten zehn Monate gelebt hat, und betritt die Aula einer Schule in der Kleinstadt Raisen. 200 Schüler, Lehrer und Behördenvertreter haben sich dort versammelt, um seinem Vortrag zu lauschen.

Solanki ist Professor am Indian Institute of Technology in Mumbai, ein schlanker, jungenhaft wirkender Mittvierziger mit gewinnendem Lächeln. Ende 2020 ließ er sich für elf Jahre beurlauben und startete einen Roadtrip quer durch Indien. Er will die Menschen bewegen, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Sein Fahrzeug ist ein mobiles Demonstrationsobjekt für den Einsatz erneuerbarer Energien: Solarpaneele erzeugen Strom für Lampen, Ventilatoren, Computer, Herd und Fernseher an Bord. Nach der Begrüßung äußert Solanki auf der Bühne der Aula eine Bitte: „Ich ...

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... sehe hier im Raum 15 Deckenventilatoren. Es ist helllichter Tag, und trotzdem sind hier drinnen viele Lampen an“, sagt er. „Brauchen wir wirklich all diese Lüfter und Lichter? Lassen Sie uns doch einige abschalten und schauen, ob das in Ordnung ist.“

Nachdem Schüler die Hälfte der Lampen und Ventilatoren ausgeschaltet haben, wird es in der Aula spürbar wärmer und dunkler. Aber, fragt Solanki, macht das wirklich so viel aus? „Wir können einander nach wie vor gut sehen, im Raum ist es also hell genug“, stellt er fest. „Fühlt sich vielleicht jemand unwohl, weil einige Lüfter abgeschaltet wurden, und denkt: ‚Meine Güte, wie halte ich das bloß aus?‘“ Im Publikum erhebt sich Gelächter. Solankis Bemerkung verdeutlich einen von zwei Punkten, mit denen er seine Landsleute dazu bringen möchte, energieautark zu werden – „Energy Swaraj“ nennt er seine Bewegung. Es geht ihm zum einen um das Einsparen von Energie, sowohl direkt durch verringerte Nutzung als auch indirekt durch weniger Konsum. Punkt zwei betrifft die lokale Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen wie dem Sonnenlicht. Jeder Ort soll sich selbst versorgen können.

Indiens Treibhausgasemissionen werden im kommenden Jahrzehnt steil ansteigen – Ursache sind die expandierende Wirtschaft und die wachsende Bevölkerung, die mit 1,5 Milliarden Menschen sogar die Einwohnerzahl Chinas übertreffen wird. „Die menschliche Gier nach endlosem Wirtschaftswachstum führt zu einer rasanten Veränderung des Klimas unseres Planeten“, warnt Solanki. „In unserer Arroganz glauben wir, den steigenden Konsum ohne Konsequenzen aufrechterhalten zu können. Aber die weltweiten Ressourcen sind begrenzt. Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, werden die kommenden Generationen bitter darunter leiden müssen.“

Solanki ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen und machte als Erster in seiner Familie einen Collegeabschluss. Als Forscher gründete er ein Zentrum für Solarzellentechnologie. Um eine von der breiten Bevölkerung getragene Solarrevolution anzustoßen, rief er die Energy Swaraj Foundation ins Leben. Die gemeinnützige Stiftung bietet Schulungen für Frauen auf dem Land an, in denen sie lernen, Solarlampen und -paneele für Hausdächer zusammenzusetzen und zu verkaufen.

Vor drei Jahren dachte Solanki darüber nach, wie sein Vorbild Mahatma Gandhi wohl auf die Klimakrise reagiert hätte – so entstand die Idee zu seiner Rundreise. Er will eine Massenbewegung entfachen, ähnlich wie Gandhi 1930 mit seinem 388 Kilometer langen und 25 Tage dauernden friedlichen Protestmarsch gegen das britische Salzmonopol, der schließlich zur Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft führte.

Solankis Aufruf zum einfachen Leben mag seltsam anmuten in einem Land wie Indien. Die Einwohner verbrauchen im Durchschnitt Güter und Dienstleistungen im Wert von 960 Euro im Jahr – ein US-Amerikaner konsumiert vierzigmal so viel. Dennoch könnte Solankis Ansatz entscheidend sein, wenn Indien seinen Beitrag zur Erderwärmung reduzieren will. Beim derzeitigen Wirtschaftswachstum soll sich die indische Mittelschicht bis 2030 auf 800 Millionen Menschen verdoppeln. Das wird viele Menschen aus der Armut befreien. Gleichzeitig entsteht eine riesige Welle an neuen Konsumenten, die geräumige Wohnungen, Klimaanlagen, Haushaltsgeräte und Autos für sich beanspruchen und dabei Indiens CO2-Fußabdruck maßgeblich in die Höhe treiben werden.

Am 15. August 2022 feiert Indien seine 75-jährige Unabhängigkeit. In diesem Zeitraum hat das Land Gewaltiges erreicht: Indien kann sich autark mit Nahrungsmitteln versorgen; es hat eine Sonde zum Mars geschickt, rund hundert Länder mit Impfstoffen versorgt und sich in eine führende Technologienation und die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt verwandelt.

Jetzt nimmt Indien den Klimawandel ins Visier, mit 45 Solarparks sowie dem Plan, ein weltweit führender Produzent von Wasserstoff zu werden. Zudem sollen 40 Prozent der Busse, 30 Prozent der privaten Pkw und 80 Prozent der zwei- und dreirädrigen Fahrzeuge bis 2030 elektrisch fahren. Doch die Herausforderungen sind immens: Die rasch wachsende Mittelschicht wird den Energieverbrauch in den nächsten zwei Jahrzehnten stärker als anderswo in die Höhe treiben. Indien wird wohl noch viele Jahre lang von der im Land reichlich vorhandenen Kohle abhängig sein und zugleich seine Erdölimporte beträchtlich ausweiten. Die Zukunft unseres Planeten hängt in vielerlei Hinsicht davon ab, welchen Kurs Indien künftig einschlägt.

INDIENI ST DER VIERTGRÖSSTE Emittent von Kohlendioxid, nach China, den USA und der Europäischen Union. Bis 2070 will das Land Netto-Null-Emissionen erreichen, so das Versprechen von Premierminister Narendra Modi, 20 Jahre später als Deutschland und zehn Jahre später als China. Auch zur Reduzierung seiner Emissionsintensität (die auf das Bruttoinlandsprodukt bezogenen Emissionen) hat sich Indien verpflichtet: Bis zum Ende des Jahrzehnts soll sie sich gegenüber 2005 um 45 Prozent verringern. Der landesweite Gesamtausstoß an Kohlendioxid wird jedoch Vorhersagen zufolge bis etwa 2045 weiterhin ansteigen.

Der lange Zeithorizont für das Erreichen von Netto-Null und das Beharren auf Emissionsintensität anstelle von absoluten Emissionen, um Fortschritte beim Klimaschutz zu verfolgen, ruft bei manchen Umweltaktivisten Enttäuschung hervor. Indische Behördenvertreter sind allerdings der Überzeugung, das Land leiste mehr als genug. Bis vor etwa 15 Jahren vertrat Indien den noch immer verbreiteten Standpunkt vieler Entwicklungsländer, dass Industrienationen den Klimawandel bekämpfen müssten, da diese schon jahrzehntelang Kohlendioxid in die Atmosphäre gepumpt hatten. Die ungleich verteilte Verantwortlichkeit ist offensichtlich, wenn man den Lebensstil der westlichen Welt mit dem entbehrungsreichen Leben vergleicht, das die meisten Inder heute noch führen.

Doch seit Mitte der 2000er-Jahre suchen auch die Menschen in Indien bereitwilliger nach Lösungen. „Es wuchs das Gefühl, dass wir mehr tun sollten, als anderen die Schuld zuzuweisen“, sagt R. R. Rashmi, der Indien viele Jahre lang bei den Klimakonferenzen vertrat. „Es ist ein globales Problem, bei dem alle einen Teil der Last tragen müssen.“

In Indien gibt es vielerlei Anlass zur Sorge. Die 7520 Kilometer lange Küstenlinie des Landes ist vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht, der mehreren zehn Millionen Menschen zum Verhängnis werden könnte, insbesondere an der tief liegenden Ostküste. Nach dem heißesten März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen suchte im Frühjahr 2022 eine ausgedehnte Hitzewelle weite Landesteile heim, die Temperaturen von mehr als 45 Grad mit sich brachte und Pflanzen auf den Feldern verdorren ließ. Trockenperioden fallen immer verheerender aus. Zyklone peitschen mit zunehmender Heftigkeit über die Küstenregionen und führen zur Überflutung von Stadtgebieten. „Ein Sturmtief kann zu einem Wirbelsturm und ein Wirbelsturm zu einem schweren Wirbelsturm werden“, erklärt die Klimawissenschaftlerin Suruchi Bhadwal. „Die Ausprägung der Wetterereignisse verändert sich merklich.“

Indiens Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel ist einer der Hauptgründe, der die Politiker zum Handeln bewegt; die Sorge um die Energiesicherheit des Landes ist eine weitere Triebfeder: 2022 wird Indien rund 96 Milliarden Euro für Ölimporte ausgeben.

„Indien hat wirklich einen guten Start hingelegt“, sagt Niklas Höhne, Mitbegründer des Kölner NewClimate Institutes. Er meint damit vor allem den Ausbau erneuerbarer Energien und die Entwicklung von Verkehrssystemen, die nicht auf fossilen Energieträgern beruhen. Aber nicht alle Schritte liefen in die richtige Richtung, gibt der Forscher zu bedenken. Derzeit laufen 285 Kohlekraftwerke, und Indien will bis Ende des Jahrzehnts 48 weitere errichten.

IM KOHLEREVIERvon Jharia im Bundesstaat Jharkhand wird sichtbar, welche Rolle die Kohle spielt. In einer zehn Meter tiefen, die Fläche mehrerer Fußballfelder umfassenden Grube füllen Arbeiter Bohrlöcher mit Sprengstoff. Ein Aufseher gibt das Kommando, und das Echo der Detonation hallt über den Tagebau. Felsbrocken fliegen in die Luft, eine Staubwolke steigt auf. Der Steinbruch ist neu. Um an das Kohleflöz zu gelangen, werden die Bergarbeiter noch einige Meter tief Gestein heraussprengen müssen. Das Land besitzt gewaltige Kohlereserven, fast ein Zehntel der weltweiten Vorkommen. Dennoch reicht Indiens Produktionskapazität von 780 Millionen Tonnen bei Weitem nicht aus – jährlich werden weitere 200 Millionen Tonnen Kohle importiert.

Ram Madhab Bhattacharjee ist Professor für Bergbau am Indian Institute of Technology im nahe gelegenen Dhanbad. Er ist ein Kenner der Industrie und gehört einem Regierungsausschuss an, der sich mit der Zukunft der Kohle befasst. In seinen Prognosen geht das Gremium davon aus, dass der Kohlebedarf des Landes bis 2035 rund 1,4 Milliarden Tonnen erreichen wird. „Wir können es uns nicht leisten, unsere Produktion nicht zu steigern“, erklärt Bhattacharjee. „Wenn wir bei 1,4 Milliarden Tonnen angekommen sind, werden wir uns vielleicht fünf bis zehn Jahre lang auf diesem Wert einpendeln und dann langsam weniger verbrauchen. Doch das wird erst gegen 2050 der Fall sein.“

An der Kohlegrube in Jharia rollt ein riesiger, mit Felsbrocken und Erde beladener Kipplaster vorbei. Bruchgestein hat die Landschaft mit kleinen Hügeln übersät. Bhattacharjee erzählt von einem Gespräch, das er einige Tage zuvor mit einem hochrangigen Vertreter von Coal India, dem weltweit größten Kohleförderunternehmen, geführt hat. Er bekomme so viele Anrufe, sagte der Mann, vom Kohle-Staatssekretär, vom Kohleminister oder von den Kraftwerken – alle verlangten nach Kohle, Kohle, noch mehr Kohle.

Der Ausstieg aus der Kohle ist auch deshalb so schwierig, weil sie die Lebensgrundlage für fast vier Millionen Inder darstellt. Neben den Minenarbeitern verdienen sich Zigtausend Menschen ihren Lebensunterhalt, indem sie Kohlebrocken an den Minen einsammeln und säckeweise auf ihren Fahrrädern abtransportieren. Auf dem Schwarzmarkt verkaufen sie sie an Privatleute, Restaurants und Fabriken.

„Hier gibt es schon eine hohe Arbeitslosigkeit“, erzählte der Minenarbeiter Jitender Singh. „Wenn die Kohleförderung aufhört, wird die Lage in dieser Region nur noch schlimmer.“ Über den Klimawandel weiß keiner der Arbeiter so recht Bescheid. „Ich hatte noch nie Zeit, mir die Nachrichten im Fernsehen anzuschauen“, sagt Rajesh Chauhan, der als Aufseher tätig ist. „Ich arbeite hier meine Schicht und gehe dann nach Hause, um mich um meine Familie zu kümmern.“

Das Land müsse sich auf den Ausstieg aus der Kohle vorbereiten, sagt Sandeep Pai, Wissenschaftler in Washington, D.C., der politische Entscheidungsträger in Indien bei solchen Plänen unterstützt. „Wenn man einige der älteren Kraftwerke schließt, wird sich der Gesamtbedarf an Kohle verringern“, sagt Pai mit Blick auf die geringe Effizienz alter Werke. In kohleabhängigen Regionen müsste alternative Beschäftigung entstehen – eine Herausforderung, mit der auch in Deutschland Regionen wie das Ruhrgebiet oder die Lausitz kämpfen. „Viele Bundesstaaten besitzen ein nicht zu unterschätzendes Tourismuspotenzial“, fährt Pai fort. Die Sanierung verlassener Tagebaue zur landwirtschaftlichen oder anderweitigen Nutzung könnte vielen Menschen langfristig Arbeit geben.

SCHONJ ETZT STEUERT INDIEN einer Zukunft entgegen, in der es einen Großteil seiner Energie aus Sonne, Wind und Wasser gewinnt. Getrieben wird diese Entwicklung von den sinkenden Kosten für Solarzellen und einer Initiative der Regierung zur Errichtung großer, staatlich geförderter Solarparks, in denen Energieversorger Fotovoltaikanlagen aufstellen können. Das ursprüngliche Ziel von bescheidenen 20 Gigawatt bis 2022 hat Indien schon vor vier Jahren überschritten. Der neue Zielwert von 100 Gigawatt wird noch vor Ende 2022 erreicht. Seine Erzeugungskapazität aus Sonne, Windkraft, Biomasse und Wasserkraft beträgt derzeit rund 151 Gigawatt. 2021 kündigte Premierminister Modi an, bis 2030 werde das Land 500 Gigawatt produzieren.

Indien setzt auf die Ausweitung von Sonnenund Windenergieprojekten in Bundesstaaten wie Rajasthan, das zu zwei Dritteln von Wüste bedeckt ist. Im Sommer erreichen die Temperaturen dort mehr als 45 Grad. Wegen der flirrenden Hitze und starken Winde können die Menschen oft stundenlang ihre Häuser nicht verlassen. Die Bedingungen sind derart unwirtlich, dass weite Bereiche unbesiedelt sind. Subodh Agarwal, der in den 1990er-Jahren als oberster Verwalter in einem Wüstenbezirk des Bundesstaats tätig war, erinnert sich, wie er damals in Staubstürmen feststeckte: „Die Straßen verschwanden einfach unter dem Sand.“

Inzwischen hat sich in einigen Gebieten ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. In der Nähe von Bhadla ist ein 57 Quadratkilometer großes Areal zu einem blauen Meer aus dichten Reihen von Solarpaneelen geworden. Der Solarpark gilt als einer der größten der Welt. Er kann 2,25 Gigawatt Strom produzieren – genug, um eine Million Haushalte zu versorgen. In Rajasthan sind bereits mehrere Solarparks in Betrieb, weitere befinden sich in der Entwicklung. Auch in der Nähe von Jaisalmer unweit der indisch-pakistanischen Grenze entsteht so ein Megasolarpark. Inmitten einer flachen, von spärlicher Vegetation übersprenkelten Sandebene warten hinter dem Eingang Tausende aufeinandergestapelter Kisten mit Solarpaneelen darauf, ausgepackt und auf die in Reihen bereitstehenden Metallpfosten montiert zu werden. Auf einigen Hektar Land sind schon Paneele installiert. Alle paar Tage müssen sie abgespritzt werden, um den dicken Staubfilm auf ihrer Oberfläche zu entfernen. Ein Motor neigt die Module kontinuierlich einige Grad, um sie im Tagesverlauf nach dem Sonnenstand auszurichten.

In der Nähe sitzt ein halbes Dutzend Ingenieure vor Monitoren und achtet auf Betriebsstörungen durch defekte Module. „In dieser Minute erzeugen wir 167 Megawatt Strom“, erklärt ein Ingenieur und deutet auf seinen Bildschirm, wo eine Kurve die seit Tagesanbruch stetig steigende Leistung veranschaulicht. „Zwischen 12 und 13 Uhr erreichen wir ein Maximum, dann geht es langsam wieder runter bis zum Sonnenuntergang.“

Eine Hürde stellt jedoch die nicht ausreichende heimische Solarzellenproduktion dar. Die meisten Solarparks sind auf Importe aus China angewiesen. Um die Produktion von Bauteilen im Land zu beschleunigen, kündigte die indische Regierung daher Anfang 2022 ein 2,5 Milliarden Euro schweres Förderprogramm an. Die Hoffnung ist, dass sich auch die breite Bevölkerung der Solarrevolution anschließen wird. Dank eines neuen Regierungsprogramms dürfen zum Beispiel Bauern ihr Ackerland, das vorher ausschließlich der Landwirtschaft vorbehalten war, an Betreiber von Solarkraftwerken und Solarbrunnen verpachten. In sonnenreichen Bundesstaaten wie Rajasthan und Gujarat installieren Hausbesitzer und Geschäftsleute Solarmodule auf ihren Dächern. Und in ländlichen Gebieten von Rajasthan und Maharashtra gründen Frauen mit Unterstützung der Energy Swaraj Foundation von Solarpionier Solanki eigene Fotovoltaik-Firmen.

DER INDISCHEVerkehrsminister Nitin Gadkari fuhr Anfang des Jahres mit einem wasserstoffbetriebenen Auto am Parlamentsgebäude von Neu-Delhi vor. Die Regierung wolle das Land zu einem führenden Produzenten von grünem Wasserstoff machen, teilte er Reportern mit.

Bisher wird Wasserstoff vor allem mithilfe von Erdgas hergestellt. Grüner Wasserstoff wird dagegen mit Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, durch die Elektrolyse von Wasser. Wird Wasserstoff in Brennstoffzellen genutzt, entstehen dabei keine schädlichen Abgase. Darüber hinaus verringert grüner Wasserstoff den CO2-Fußabdruck von Industrien, die zur Herstellung von Produkten wie synthetischem Dünger auf Wasserstoff angewiesen sind. Und im Gegensatz zum Strom aus Sonne oder Wind lässt sich grüner Wasserstoff für eine spätere Nutzung speichern.

Angesichts der zunehmend sinkenden Preise für erneuerbare Energien und Elektrolyseure wird erwartet, dass auch grüner Wasserstoff bald billiger wird. Bis 2030 möchte Indien die Kosten um 75 Prozent reduzieren, sagt Amitabh Kant, geschäftsführender Direktor der obersten Planungs- und Entwicklungsbehörde des Landes. „Bei den erneuerbaren Energien ist Indien bereits Champion. Jetzt muss es auch beim sauberen Molekül – dem grünen Wasserstoff –Spitzenreiter werden“, meint Kant. Durch Ausweitung der Produktion sollen die Preise sinken, sodass Wasserstoff zur bezahlbaren Alternative zum Erdöl wird, insbesondere für Langstrecken-Lkw, Schiffe und Flugzeuge, die nicht mit Batterien betrieben werden können.

TV-TIPP

Mit faszinierenden Luftaufnahmen von Städten und Natur zeigt NATIONAL GEOGRAPHIC am 7. September um 21.50 Uhr in Indien von oben: Land der Farben die Schönheit des Subkontinents.

Neben sauberen Energieträgern ist mehr Energieeffizienz in der Industrie gefragt, die fast ein Viertel der Emissionen Indiens verursacht. Die indischen Zementwerke – mit acht Prozent des Gesamtausstoßes die zweitgrößte Emissionsquelle gleich hinter der Eisen- und Stahlindustrie – haben bereits begonnen, umweltschonender zu produzieren. Der CO2-Fußabdruck einer in Indien hergestellten Tonne Zement liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Das liegt an der stärkeren Rückgewinnung von Abwärme aus Rauchgasen, der Mischung von Zement mit der Flugasche aus Kohlekraftwerken sowie der Verwendung von alternativen Brennstoffen.

Ein Zementwerk in Ariyalur im Bundesstaat Tamil Nadu nutzt nicht biologisch abbaubare kommunale Abfälle zusammen mit Industriemüll wie Lackschlamm und Gummi als Brennmaterial für den Ofen, in dem Kalkstein und Ton für die Zementherstellung erhitzt werden. Das Verfeuern solcher Abfälle erzeugt normalerweise giftigen Rauch; verbrennt man sie jedoch bei sehr hohen Temperaturen, wird die Atmosphäre nicht belastet. Durch die Verbrennung von Abfällen konnte das Zementwerk der Dalmia Bharat Group seinen Kohleverbrauch um 15 Prozent senken.

Auch andere Industriezweige wie die Stahlbranche bemühen sich um mehr Energieeffizienz. Haupttreiber ist dabei ein von der Politik initiiertes, marktbasiertes Instrument, ein Handelssystem: Großunternehmen dürfen Gutschriften aus dem Überschreiten staatlich vorgegebener Effizienzziele an andere Unternehmen verkaufen, die den Anforderungen nicht genügen.

Energieeffizienz ist für die Regierung auch bei neuen Wohnhäusern und Gebäuden wichtig, die gerade in schwindelerregendem Tempo errichtet werden. „In den kommenden zehn Jahren wird Indien wohl 80 Prozent der Bautätigkeit erleben, die das Land in den vergangenen 40 oder 50 Jahren gehabt hat“, sagt Abhay Bakre, Leiter der indischen Energieeffizienzbehörde. „Und die meisten Gebäude werden klimatisiert sein.“

Viele der neuen Gebäude entstehen in rund 100 Städten, die die Regierung zu sogenannten smart cities ausbaut – durch neue Stadtteile mit energieeffizienten Gebäuden, besserer Abfallentsorgung und öffentlichem Nahverkehr.

Die Regierung hat zudem ihre Vorschriften zur Energieeinsparung bei großen Gewerbeimmobilien überarbeitet. Bakre ist optimistisch, dass Fortschritte bei Design und Baumaterialien deren Energieverbrauch drastisch senken werden. „Wenn man heute einen Architekten beauftragt, ein Gebäude zu entwerfen, wird er nicht mit demselben Design wie vor zehn Jahren aufwarten“, so Bakre. „Er wird das natürliche Licht sinnvoller ausnutzen, bessere Dämmung verwenden und effizientere Beleuchtung, Klimaanlagen, Pumpen und Warmwasserversorgung installieren lassen.“

DERV ERÄNDERTE LEBENSSTIL der wachsenden Mittelschicht und ihr zunehmender Wohlstand sind in den vergangenen 20 Jahren nicht nur in glitzernden Einkaufspassagen von Großstädten wie Delhi und Mumbai offensichtlich geworden. Auch in kleineren Ortschaften wimmeln enge Straßen, die einst voller Fahrräder und Rikschas waren, heute von Autos und Motorrädern.

In einem schicken Autohaus mit adrett gekleidetem Personal in Dhanbad erzählt der Autoverkäufer P. J. Kumar, dass vor 20 Jahren noch Geschäftsleute die meisten seiner Fahrzeuge gekauft hätten. „Heute können sich Regierungsangestellte und Berufseinsteiger problemlos ein Auto leisten. Der Kundenkreis ist enorm gewachsen.“ Als Kumar vor 30 Jahren mit dem Verkauf von Fahrzeugen begann, gab es in Dhanbad nur einen einzigen Autohändler. Heute findet man hier ein Dutzend.

Chetan Singh Solanki findet den Appell an seine Landsleute, bescheidener zu leben, auch angesichts der jahrzehntelangen Energieverschwendung in entwickelten Ländern nicht übertrieben idealistisch und unfair. „Wenn wir anfangen, darüber zu diskutieren, wer als Erstes seinen Konsum reduzieren muss, dauert es nicht mehr lang bis zum Weltuntergang“, sagt er.

Seine Botschaft, wenngleich utopisch, werde nicht ungehört bleiben, beharrt Solanki, dessen Stiftung mittlerweile auch einen Onlinekurs anbietet, in dem die Kosten der Umweltbelas-tung durch fossile Brennstoffe erklärt und Möglichkeiten zur Reduzierung des persönlichen CO2-Fußabdrucks aufgezeigt werden. Auf einer seiner Veranstaltungen habe kürzlich ein Mann die Bühne betreten und erzählt, der Kurs hätte ihn dazu gebracht, die für sein Haus geplante Klimaanlage doch nicht zu kaufen, berichtet Solanki. „Er sagte: ‚Meine Frau war zunächst wütend, aber nachdem auch sie den Kurs absolviert hatte, stimmte sie mir zu.‘“

Bei diesem Ehepaar ist es Solanki gelungen, ein stärkeres Energiebewusstsein zu wecken. Er wird weitere Menschen von seiner Idee überzeugen. Die weltweite Klimakrise wird er damit eher nicht aufhalten, doch die moralische Kraft seiner Botschaft lässt sich nicht leugnen: Grenzenloser Konsum ist auf Dauer nicht haltbar, auch wenn wir noch so viele regenerative Energiequellen erschließen.

Werden Solankis Landsleute und der Rest der Welt auf ihn hören? Er hat Hoffnung. „Ich werde meine Botschaft in Indien verbreiten und abwarten, wie die Menschen darauf reagieren“, sagt Solanki, der von einigen Medien als „Solar-Gandhi“ bezeichnet wird. „Und dann trage ich sie weiter in andere Länder.“ j Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin

Der in Indien geborene und aufgewachsene Yudhijit Bhattacharjee lebt heute in den USA und schreibt regelmäßig für NATIONAL GEOGRAPHIC. Arko Datto lebt in Kolkata und dokumentiert soziale, politische und ökologische Projekte.