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Individuell gut gelöst


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 90/2022 vom 22.08.2022
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Ein schwungvolles Vorwärts-Abwärts mit genügend Hinterhandaktivität ist in der Lösungsphase nicht bei jedem Pferd möglich.

Lucky wird von seiner Besitzerin Bea vor jeder Trainingseinheit erstmal ausgiebig Schritt geritten. Er ist erst fünf Jahre alt, kennt die reiterlichen Grundlagen, ist hier und da aber noch sehr umweltorientiert und mit hohem Muskeltonus ausgestattet. Nach dem Warmreiten im Schritt am halblangen Zügel gurtet Bea nach und trabt dann an, Leichttraben, wieder mit halblangem Zügel. Sie versucht, ihren Lucky in die Tiefe zu reiten, Richtung vorwärts-abwärts. Doch Lucky dehnt sich noch nicht an den Zügel heran, verharrt in einer hohen Kopf-Hals-Position. Das ist nicht besonders effektiv, um den Fünfjährigen innerlich und äußerlich zur Losgelassenheit zu bringen. Der Wallach braucht eine anders gestaltete Lösungsphase.

Am Anfang steht die Basis

Schon ganz am Anfang des Trainings legt man den Grundstein für alles weitere. Per Definition ist die Lösungsphase da, um das Pferd zu lösen. Wichtig ist dabei aber ...

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... nicht nur das Aufwärmen und Lockern von Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern, sondern auch die innere Losgelassenheit. Die Pferdewirtschaftsmeisterin Susanne Miesner achtet daher ganz besonders darauf, dass das Pferd schon im jungen Alter lernt, mit hingegebenem Zügel Schritt geritten zu werden. „Deswegen mit hingegebenem Zügel, weil das Pferd nur dann die Oberhalslinie aus dem Widerrist heraus dehnen kann. Das Pferd ist dann in der Lage, die natürliche Nickbewegung durchzuführen. Diese Bewegung ist für die Oberlinie des Pferdes elementar wichtig, um sich zu dehnen. Dabei werden die beiden Rückenmuskeln abwechselnd gedehnt und kontrahiert. So erzeugen wir erstmal äußere Losgelassenheit, aber auch die innere Losgelassenheit fördern wir auf diese Weise“, erklärt Miesner. Und das nicht nur beim Pferd: „Auch der Reiter, der aus dem Büro kommt und tagsüber viel gesessen hat, erreicht mit dem Schrittreiten am hingegebenem Zügel schon unglaublich viel. Er kann sich in Ruhe ins Pferd hineinfühlen, sich von der Bewegung des Pferdes mitnehmen und die Hüfte mitschwingen lassen.“ Über die Dauer des Schrittreitens zu Beginn gibt es geteilte Meinungen.

Die Richtlinien Reiten und Fahren sehen vor, mindestens zehn bis 15 Minuten im Schritt warmzureiten, ehe man sich höheren Gangarten widmet. Susanne Miesner sagt: „Die Dauer des Schrittreitens muss ganz individuell erfolgen, ausgerichtet nach dem vorherigen Trainingspensum, da muss man in das Pferd hineinhorchen, immer wieder aufs Neue jeden Tag.“

UNSERE EXPERTEN

Dr. Annette Wyrwoll Fachtierärztin für Pferde, seit 1997 betreibt sie die eigene Pferdepraxis Neuhof, Pferdewirtschaftsmeisterin Reiten und Zucht und Haltung, ehemalige Vielseitigkeitsreiterin, mit u. a. Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sydney 2000. pferdepraxis-neuhof.de

Susanne Miesner Dipl. Agraringenieurin und Pferdewirtschaftsmeisterin, Mitglied im Prüfungsausschuss für Berufsreiter, beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Ausbildung von Reitern und Pferden, von der Remonte bis Grand Prix. wietelshof.de

Meredith Michaels-Beerbaum 1969 geboren in Los Angeles, reitet seit der Hochzeit mit Markus Beerbaum für Deutschland. 1999 vertrat sie als erste Frau Deutschland bei einem Championat. Dreimalige Gewinnerin Weltcup-Finale, Europameisterin und Siegerin im Großen Preis von Aachen. michaelsbeerbaum.com

Ist das Pferd nicht gewohnt, mit hingegebenem Zügel Schritt geritten zu werden, kann es unter Umständen unruhig werden und nicht wie gewünscht den Hals fallen lassen. Das ist einerseits Übungssache, andererseits aber auch vom Pferdetyp und der vorherigen Bewegung abhängig. „Ist das Pferd noch ein bisschen nervös oder heftig, würde ich immer dazu raten, vorher den Bewegungsdrang auszugleichen, z. B. zu longieren, Führanlage, laufen lassen. Was gar nicht geht, ist aufsitzen und direkt die Zügel aufnehmen. Gerade bei dem nervösen Pferd halte ich diese Phase mit dem hingegebenen Zügel für enorm wichtig, weil das Pferd sagt: ‚Puh, ist ja alles gar nicht so schlimm.‘“ Würde man stattdessen direkt die Zügel aufnehmen und das Pferd so im Schritt warmreiten, steigert sich das Pferd in diesen Stresszustand von Tag zu Tag mehr hinein, weiß Susanne Miesner aus Erfahrung.

„Was gar nicht geht, ist aufsitzen und direkt die Zügel aufnehmen.“

Susanne Miesner

Nicht weniger bedeutsam ist diese Phase laut der Grand Prix-Reiterin aber auch bei dem faulen bzw. triebigen Pferd. Auch hier löst sich die Muskulatur durch die Nickbewegung im fleißigen vorwärts Schreiten. Statt dabei zu sehr ins Treiben zu kommen, solle lieber ein deutlicher Impuls mit beiden Schenkeln gegeben werden. Der Reiter muss das Pferd jederzeit „vor sich haben“.

Beton-Pferd und Pudding-Pferd

Aus tiermedizinischer Sicht ist eine Lösungsphase mit wohlüberlegtem Plan ebenfalls unabdingbar, meint die Tierärztin, Züchterin und Vielseitigkeits-Olympiareiterin Dr. Annette Wyrwoll. Ihrer Ansicht nach gibt es beim Schrittgehen aber auch ein „zu viel“. Und zwar bei beiden Pferdetypen – das „Beton-Pferd“ und das „Pudding-Pferd“, wie sie es nennt. Die Tierärztin sagt: „Das Pudding-Pferd ist in der Regel das brave, es lässt den Reiter sitzen, bockt nicht, macht nichts falsch, hat aber wenig Muskeltonus, ermüdet also auch sehr schnell durch das Reitergewicht. Das Beton-Pferd ist das mit dem höheren Muskeltonus, spannt häufig eher die Muskulatur an, wenn der Reiter aufsitzt und braucht dann länger um loszulassen.“ Hier könne nach dem Mindestmaß an Schritt oft ein ruhiger Galopp im leichten Sitz besser zum Erfolg führen als zu langes Schrittreiten. Das Pudding-Pferd wiederum sollte nur solange gelöst werden, wie es noch die positive Spannung im Körper behält. Hier eignen sich Lektionen wie Schenkelweichen auf verschiedenen Linien, zum Beispiel von der Mittellinie in Richtung Bande, aber auch auf der Zirkellinie. Diese sollten dann auch bereits mit ein wenig aufgenommenen Zügeln geritten werden. Auch Susanne Miesner empfiehlt, die Zügel noch beim Warmreiten im Schritt aufzunehmen. Am besten dann, wenn das Pferd die gewünschte Nickbewegung und den locker aus dem Widerrist fallen gelassenen Hals einige Runden gezeigt hat. Bei Pferden, die spürbar noch nicht ideal auf die reiterlichen Hilfen reagieren, empfiehlt auch Miesner Lektionen wie Schenkelweichen im Schritt. Und sie hat noch mehr Tipps für das Lösen im Schritt: „Reiter sollten da auch an Lektionen denken, die total in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel eine Vorhandwendung, oder eine sehr groß angelegte Schrittpirouette, damit die Hilfen so allmählich besser beim Pferd ankommen. Auch fördert man damit die Lastaufnahme des Pferdes und bereitet auf diese Weise die kommende Arbeitsphase schon vor.“

Anders, aber mit Erfolg

BEOBACHTET MAN Meredith Michaels-Beerbaum beim Training oder auch wenn sie selbst Turnier reitet, sieht man etwas Untypisches. Nicht nur ein hingegebener Zügel im Schritt, sondern auch im Trab. Für Susanne Miesner ist das Lösen des Pferdes effektiv nur mit Anlehnung möglich. Meredith Michaels-Beerbaum hat andere Erfahrungen gemacht: „Meiner Meinung nach ist es ganz wichtig, das Pferd sich in den ersten Minuten quasi selbstständig warm machen zu lassen. Es soll erstmal vorwärts gehen, ohne Störung. Dazu trabe ich erstmal ziemlich doll nach vorne. Viele Kollegen haben über meine Art gelacht, weil es nicht der typisch deutsche Weg ist. Ich probiere, die Pferde nicht zu viel zu stellen, sondern sie sollen den Rücken und Hals lockern. Für mich ist es so wichtig, weil sich das Pferd dabei loslässt. Ich mache das, bis ich merke, dass das Pferd richtig locker ist. Und dann können wir weiter arbeiten und auf andere Dinge achten: das Akzeptieren des Sitzes, das Akzeptieren der Hand. Ich mache das ziemlich gleich mit Pferden, die viel Blut haben, aber auch mit Pferden, die eher ,kalt‘ sind. Pferde die kälter sind brauchen ein bisschen mehr Motivation mit dem Bein, damit sie besser vorwärts gehen. Und eher heiße Pferde bauen Spannung nicht ab, wenn man sie so unter Kontrolle halten will. Darum führt diese Art der Lösungsphase auch bei diesen eher angespannten Pferden zu mehr Losgelassenheit. Die Pferde werden dann von alleine wieder lässiger, langsamer.“ Dass die mehrfache Weltcup-Siegerin Europa- und Mannschaftsweltmeisterin belächelt wurde, stört sie nicht. Ihre Pferde hätten ihr gezeigt, dass ihnen diese Art des Lösens gut tut: „Eigentlich merke ich nur durch diese Methode, wie sich das Pferd besser arbeiten lässt, zusammenzustellen lässt, mit positiver Spannung und Konzentration. Alles andere geht dann viel einfacher.“ Ihre Pferde, die das bereits gewohnt sind, brauchen nach dem Aufwärmen im Schritt circa sechs bis acht Minuten, bis sie richtig locker sind, beschreibt die Springreiterin.

Ein weiterer Tipp: „Man kann auch mit dem jüngeren Pferd öfter aus dem Schritt anhalten und es schon mal Rückwärtsrichten lassen, vier- bis fünfmal, jeweils auch ruhig nur ein paar Tritte, das muss nicht wie im Turniersport sein. Das Pferd soll dabei lernen, die annehmende und die verhaltene Hilfe zu akzeptieren.“ Was die Pferdewirtschaftsmeisterin hingegen nicht empfiehlt, ist das Reiten auf dem zweiten Hufschlag bei Pferden, die gerne an der Bande kleben bleiben. „Das ist ein Thema für die Geraderichtung des Pferdes und somit die Arbeitsphase der Trainingseinheit.“ Aber: Wird das Pferd unruhig beim Lektionen reiten im Schritt am halblangen Zügel bzw. bei lösenden Übungen, ist das nicht zielführend und das Pferd vom Typ her mitunter eher eines, das in einer höheren Gangart besser „loslässt“.

„Ein heißes Pferd will häufig eher vom kürzeren zum längeren Zügel geritten werden.“

Dr. Annette Wyrwoll

Welche Anlehnung?

Verschiedene Pferde brauchen also verschiedene Lösungsphasen. So weit, so gut. Wie geht es dann nach dem Schritt weiter? Bei Lucky verläuft der Versuch seiner Reiterin Bea, den Wallach vorwärtsabwärts in die Tiefe zu reiten, erfolglos. Das ist aber gar nicht ungewöhnlich. Susanne Miesner erklärt: „Es ist ein Irrglaube, dass Pferde am Anfang der Reiteinheit im Trab nur vorwärts-abwärts geritten werden dürfen. Denn wenn die Pferde noch nicht vernünftig gelöst sind, tritt die Hinterhand nicht genug unter den Schwerpunkt.“ Rein physiologisch ist es dem Pferd damit unmöglich, sich korrekt vorwärts-abwärts ans Gebiss zu dehnen. Gelegentlich kann man Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen, das ist je nach Pferd ganz individuell. Annette Wyrwoll meint: „Ein heißes Pferd will häufig eher vom kürzeren zum längeren Zügel geritten werden. So ein Pferd braucht erstmal die Verbindung, und wenn es dann loslässt, ist Zügel-aus-der-Hand-kauen möglich.“ Dem stimmt Susanne Miesner zu. Zwischendurch kann der Reiter das immer mal wieder antesten. „Ziel der Lösungsphase ist auch, dass ich mit der Anlehnung variieren kann. Gehe ich mit beiden Händen nach vorne, sollte sich das Pferd in diese Richtung ans Gebiss herandehnen.“

Nun wird sich das Pudding-Pferd tendenziell schon früher in der Lösungsphase in Richtung vorwärts-abwärts dehnen, wenn man die Zügel aus der Hand kauen lässt. Hier gilt es aber, wachsam zu sein. Dieser Typ neigt dazu, die positive Körperspannung zu verlieren. Wenn das passiert, „latscht“ das Pferd auf der Vorhand und fußt zu wenig unter den Schwerpunkt. Da bringt dann auch die Nase auf Höhe des Buggelenks herzlich wenig. Annette Wyrwoll empfiehlt: „Im Trab am besten in kurzen Reprisen das Programm ändern: viele Schritt-Trab-Übergänge und Tempiunterschiede, jeweils nur fünf Trabtritte vor, dann wieder zurück.“ Auch eine der liebsten Übungen von Susanne Miesner: Zulegen an der offenen Zirkelseite im Trab, wieder einfangen an der geschlossenen Seite.

Welcher Sitz?

Bei den Tempiunterschieden kann sich der Reiter den Wechsel zwischen Leichttraben und Aussitzen zu Nutze machen. Nicht nur, um die Tempounterschiede zwischen Zulegen und Einfangen an sich stärker herauszuarbeiten, sondern auch, um den eigenen Körper zu lösen. „Den Wechsel zwischen verschiedenen Arten des Reitersitzes halte ich für elementar wichtig. Wenn jemand sein Pferd selber fertig macht, putzt, sattel, Hufe auskratzt etc., ist der Körper schon halbwegs aufgewärmt. Der Reiter sollte außerdem dazu animiert werden, mit unterschiedlichen Bügellängen zu reiten. Steifere Reiter lasse ich im Trab in den leichten Sitz gehen. Viele Reiter können, obwohl leichter Sitz gefordert ist, gar nicht mit dem Leichttraben aufhören. Das ist dann der Beweis dafür, dass das Fundament noch nicht da ist. Beim Traben im leichten Sitz verbessern Reiter dieses Fundament, lernen, mit dem Absatz vernünftig zu federn. In jeder Einheit sollte man bewusst auf den eigenen Sitz achten, immer wieder den leichten Sitz im Trab für zum Beispiel eine halbe Zirkellinie einbauen“, empfiehlt Susanne Miesner.

Ebenfalls gleichermaßen Training für den Reiter wie für das Pferd ist das Reiten über Stangen. „Das schult die Konzentration des Reiters und die Aufmerksamkeit und Rückenarbeit des Pferdes, das ist immer gut. Erstmal nur über eine Stange“, rät Susanne Miesner. Bei mehreren Stangen immer die richtigen Maße beachten für die jeweilige Gangart und Tritt- bzw. Sprunglänge. Variiert wird je nach Qualität der Gangart. Vermeiden sollte man es bei der korrekten Ausbildung, den Ablauf des Pferdes in irgendeiner Art und Weise durch z. B. bewusst weit gewählte Abstände der Stangen in der Lösungsphase zu beeinflussen. Die Ausbilderin empfiehlt die Arbeit mit Stangen übrigens insbesondere für bodenscheue Pferde.

Pause tut gut

Wie Forscher von der Universität Göttingen einmal in einer wissenschaftlichen Untersuchung herausfanden, festigt sich Gelerntes im Pferdehirn vor allem während Pausen. Es lohnt sich also, immer mal wieder eine Unterbrechung einzubauen, übrigens auch in der Lösungsphase schon. Nach einer gelungenen Lektion, einem Schenkel-weichen im Trab, einem lockeren, nicht übereilten Galopp durch den Körper zum Beispiel. Durchparieren, Zügel lang, loben, Pause. Das motiviert das Pferd, Reiter und Pferd können beide durchatmen und neue Konzentration sammeln. Susanne Miesner mahnt: „Aber ohne dann das Handy aus der Tasche zu ziehen oder sonstiges!“ Die Pause nur so lange gestalten, wie man das Gefühl hat, das Pferd verschnauft, dehnt sich ans Gebiss heran und weiß quasi etwas mit der Pause anzufangen. Für eher heiße Pferde sind Pausen genauso wichtig wie für andere Pferdetypen. Eine Runde Schritt sollte aber genügen. Sonst geht die positive Spannung verloren und somit auch das, was man sich in der Lösungsphase bis dato erarbeitet hat.

Bea hat herausgefunden, dass Schema F bei Lucky nicht funktioniert. Sie versucht nun nicht mehr, ihn schon zu Beginn zum Vorwärts-Abwärts-Dehnen zu überzeugen. Stattdessen findet Lucky mit kürzerem Zügel im Trab nach ausgiebigem Schritt reiten viel schneller zur Losgelassenheit. So wird auch die anschließende Arbeitsphase effektiver.

Gloria Lucie Alter

CHECKLISTE

Lösungsphase TRIEBIGES PFERD

Schrittreiten mit hingegebenem Zügel, wenn Treiben nötig, dann unbedingt impulsartig

lösende Lektionen im Schritt einbauen wie Schenkelweichen, auch Rückwärtsrichten

so oft wie möglich Umgebung wechseln für das Training

nicht zu viel vorwärts-abwärts im Trab, positive Spannung erhalten

mit schnellen Übergängen und Tempounterschieden das Pferd vor sich bekommen

zwischendurch Losgelassenheit durch Zügel-aus-der-Hand-kauen überprüfen

Stangenarbeit fördert Konzentration von Pferd und Reiter

am eigenen Sitz arbeiten durch Traben im leichten Sitz

Pausen einbauen

CHECKLISTE

Lösungsphase HEISSES PFERD

vorher für genug Bewegung sorgen (Weide, Paddock, Longe, Führmaschine) und so innere Losgelassenheit fördern

Schrittreiten am hingegebenen Zügel, Schenkel am Pferd lassen

Trab oft angenehmer für das Pferd mit eher höher eingestelltem Hals

eher schon früher, aber dann kontrolliert galoppieren, im leichten Sitz das Pferd lösen

erst danach Dehnungsbereitschaft mit dem Zügel-aus-der-Handkauen-lassen überprüfen

bei Pferd mit großer Ganaschenfreiheit, das schnell eng wird: immer wieder phasenweise mit hingegebenem Zügel reiten, um das Pferd zu animieren, den Ganaschenwinkel zu öffnen und an das Gebiss heranzutreten

Pausen einbauen