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INDIVIDUELLES TRAINING: EXTERIEUR: Hinschauen zahlt sich aus


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 80/2019 vom 12.07.2019

Jedes Pferd hat aufgrund seines In- und Exterieursspezielle Bedürfnisse – sowohl in Bezug auf die Ausbildung als auch das Training. Es liegt in derVerantwortung des Reiters, diesen Anforderungen gerecht zu werden und das Training dementsprechend zu gestalten


Bei Menschen suggerieren Models ein vermeintliches körperliches Ideal – ob dieses tatsächlich der Realität entspricht, ist fraglich. Auch bei Pferden gibt es einen idealen Körperbau. Dieser zielt allerdings nicht nur auf das ästhetische Erscheinungsbild ab, sondern hat Auswirkungen auf die Biomechanik und somit das Training. Die Anatomie des ...

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... Pferdes entscheidet also nicht nur über ein harmonisches Äußeres, sondern gibt zum Teil Grenzen hinsichtlich der Ausbildungsmöglichkeiten vor: So fällt die Beizäumung beispielsweise einem Pferd mit engen Ganaschen deutlich schwerer als einem Tier mit idealen Ganaschen. Die anatomischen Gegebenheiten bestimmen jedoch nicht ausschließlich die Qualität und Leistungsfähigkeit eines Pferdes. Es liegt vielmehr in der Verantwortung des Reiters, sein Pferd angepasst an dessen Anatomie auszubilden und zu trainieren. Indem auf diese Weise Rücksicht auf Exterieurmängel genommen wird, können diese durch passendes Training kompensiert und im besten Fall sogar verbessert werden.

Das Idealbild der Reitlehre

Für die meisten Reiter ist ihr Pferd das schönste und talentierteste Tier im ganzen Stall. Für eine langfristige sinnvolle Gymnastizierung, die der Gesunderhaltung des Pferdes dient, muss der Reiter allerdings einen genaueren Blick auf das Exterieur seines Tieres werfen. Nur wenn Abweichungen vom idealen Körperbau erkannt werden, kann das Training dementsprechend angepasst werden. Die Beurteilung des Exterieurs ist auch wichtig, wenn es um die Eignung des Pferdes für eine spezielle Disziplin geht. Sie dient der Einschätzung möglicher Stärken und Schwächen – bedingt durch seinen Körperbau. Auch das Interieur des Pferdes – also sein Charakter und seine Persönlichkeit – muss hier miteinbezogen werden.

UNSERE EXPERTIN

CHRISTINE HLAUSCHECK beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Aus- und Weiterbildung von Pferden und ist Expertin in den Bereichen Anatomie und Biomechanik. Sie legt den Fokus auf eine artgerechte und pferdefreundliche Ausbildung. Ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz vermittelt sie auf bundesweiten Lehrgängen.www.bewegungs-freiheit.de

Die Ausbildung und das Training müssen auf das individuelle Pferd angepasst werden – vor allem, wenn anatomische Besonderheiten vorliegen


Anhand der Proportionslehre ist erkennbar, dass dies ein Rechteck-Pferd ist: Der Abstand vom Bug bis zum Sitzbeinhöcker ist größer als die Widerristhöhe – es ist also länger als hoch


„Auch die traditionelle Reitlehre orientiert sich am Idealbild eines Reitpferdes. Dieses soll unter anderem folgende Eigenschaften haben: gute Ganaschenfreiheit, mittellange Halsung, genügend langer Rücken und leicht geneigte Kruppe“, erklärt Christine Hlauscheck, eine erfahrene Ausbilderin. „Das Idealbild eines Pferdes hat nur in zweiter Linie ästhetische Gründe, der Hauptgrund liegt in einem ökonomischen Bewegungsablauf, der durch gut proportionierte Körperbereiche entsteht. Nur wenn die Vor-, Mittel- und Hinterhand im Gleichgewicht zueinander stehen, steht einer optimalen Bewegungsentfaltung nichts im Wege.“ Auf den Körperbau des Pferdes kann nur äußerst bedingt Einfluss genommen werden– nämlich lediglich in Bezug auf die Bemuskelung und minimal die Stellung der Gliedmaßen durch die Hufbearbeitung. Damit wird klar, warum seriöse Züchter bei der Wahl der Elterntiere sehr viel Wert auf das Exterieur legen. Schließlich vererben diese nicht nur die Qualitäten, sondern auch die Schwächen. Dem stimmt auch Christine Hlauscheck zu: „Mit Pferden, die deutliche anatomische Defizite haben, sollte nicht gezüchtet werden. Schließlich wird die Nachzucht in den meisten Fällen irgendwann einmal ein Reitpferd, das dann möglicherweise zuchtbedingte anatomische Defizite hat.“

Zwischen Lusitano und Oldenburger

Läuft man durch die Stallgassen der meisten Ställe, so begegnen einem Pferde vieler unterschiedlicher Rassen: Vom deutschen Warmblut über verschiedene Robustpferderassen wie Haflinger und Fjordpferde bis hin zu den spanischen und portugiesischen Rassevertretern. Stellt man all diese Pferde nebeneinander, werden die Unterschiede im Exterieur – und damit die Herausforderungen an den Reiter – offensichtlich. Robustpferde haben häufig eine eher enge Ganasche, Lusitanos haben oft einen kurzen Rücken und somit eine problematische Sattellage, und Friesen haben allzu oft einen hohen Halsansatz – diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Viele dieser aufgezählten Merkmale werden meist zu den Exterieurmängeln gezählt. Expertin Christine Hlauscheck findet diese Bezeichnung allerdings nicht ganz optimal: „Jedes Pferd ist ein Individuum, auf dessen ganz eigene körperliche Voraussetzungen man bei der Ausbildung und dem Training eingehen muss. Abweichungen vom körperlichen Idealbild sehe ich dabei weniger als Beeinträchtigung, sondern vielmehr als Herausforderung für den Reiter, den Trainer und/ oder den Ausbilder. Daher bevorzuge ich den Begriff ‚anatomische Besonderheit’, da das Wort ‚Mangel’ meines Erachtens immer einen leicht negativen Beigeschmack hat. Zudem sind einige dieser Abweichungen rassetypisch. Es liegt in der Verantwortung des Reiters, das Training individuell und nicht nach Schema F zu gestalten.“

GENICK

Das Ergebnis einer guten Hilfengebung und Ausbildung ist eine feine Anlehnung mit der Stirn- Nasen-Linie vor der Senkrechten


In dieser gestellten Situation ist der falsche Knick deutlich zu erkennen


Das Genick wird aus dem Hinterhauptbein, dem ersten und zweiten Halswirbel gebildet, und übernimmt die Aufgaben des Beugens, Drehens und Streckens. Zudem spielt es bei der Anlehnung eine große Rolle. Fast jeder Reiter wünscht sich ein Pferd, das leicht in der Anlehnung ist. Auf diesen Wunsch geht die aktuelle Zucht ein, weshalb die meisten Pferde über ein sehr leichtes und bewegliches Genick verfügen. Allerdings ist dies auch gleichzeitig eine potenzielle Fehlerquelle: „Sportpferde werden auf Leichtigkeit – auch in Bezug auf das Genick – gezüchtet. Allerdings sind die Reiter nicht in demselben Maße feinfühliger in ihrer Hilfengebung geworden, wie es die Pferde durch die Zucht geworden sind“, warnt Christine Hlauscheck. „Das Genick ist die empfindlichste und nachgiebigste Stelle der Kopf-Hals- Struktur des Pferdes. Pferde mit einem sehr leichten Genick tendieren dazu, mit dem Kopf abzukippen.“ Dies wird allzu häufig mit einer schönen Anlehnung verwechselt. Allerdings hat dies nichts miteinander zu tun, vielmehr ist dieser sogenannte „falsche Knick“ nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern ein ernst zu nehmender Ausbildungsfehler. „Die eigentlich gewünschte, halbkreisförmige Aufwölbung der Halsoberlinie wird durch den falschen Knick zwischen dem zweiten und dritten Halswirbel unmöglich gemacht. Die Bildung des Knicks entsteht durch schlechte und unachtsame Gymnastizierung“, so die Ausbilderin weiter.

Trainingstipps :Das Training von Pferden, die Anlehnungsprobleme haben, ist leider nie einfach und schnell. Der Reiter muss viel Geduld haben und kleinste Erfolge belohnen. „Bei Pferden, die sich aufgrund eines sehr leichten Genicks einrollen oder einen falschen Knick aufweisen, gibt es leider nicht DIE Übung“, so Christine Hlauscheck. „Vielmehr steht die absolute Selbstdisziplin und gegebenenfalls Korrektur des Reiters ganz oben auf dem Plan – insbesondere die Verfeinerung der Zügelhilfen ist elementar wichtig. Die Beizäumung darf keineswegs erzwungen oder durch manipulative Zügelhilfen – umgangssprachlich auch ‚Riegelngenannt – erreicht werden.“ Allzu oft entstehen Fehler wie Einrollen oder der falsche Knick nämlich nicht nur durch anatomische Gegebenheiten – die diese Fehler zwar begünstigen –, sondern durch den Einfluss des Reiters. Auch muss daran gearbeitet werden, dass der Energiefluss von der Hinterhand bis zum Maul des Pferdes geht. Dafür empfiehlt die Ausbilderin verschiedene Übungen: „Schon in der Lösungsphase können Sie die ersten Übungen einbauen: Eine Möglichkeit wäre, im Schritt am langen Zügel die Schritte zu verlängern. Dabei soll das Pferd nicht eiliger werden, sondern lediglich raumgreifendere Bewegungen machen. Zur eigenen Kontrolle können Sie ganz einfach die Schritte zwischen zwei Bahnpunkten zählen: Bei der Schrittverstärkung benötigt das Pferd weniger Schritte für dieselbe Strecke als im Grundtempo.“ Diese Übung trägt bereits zur Verbesserung der Übertragung der Bewegungsenergie vom Hinterbein über einen korrekt arbeitenden Pferderücken zum Pferdemaul bei. Dadurch verbessert sich nahezu automatisch die Anlehnungsbereitschaft des Pferdes. Wichtig ist, dass der Reiter stets eine Augenmerk auf die Erhaltungen der Vorwärtstendenz des Pferdes legt. Zusätzlich können zu diesem Zweck auch Bodenstangen ins Training integriert werden, erklärt Christine Hlauscheck: „Um den Raumgriff zu vergrößern und die Stirn-Nasen-Linie vor die Senkrechte zu bekommen, können auch Bodenstangen in Schritt und Trab im Training verwendet werden. Der Abstand kann dabei schrittweise vergrößert werden, sodass das Pferd dazu angeregt wird, seine komplette Oberlinie zu dehnen und die Schritte oder Tritte zu vergrößern.“ Auch bieten sich Übungen auf gebogenen Linien, Tempiwechsel sowie Seitengänge zur Stabilisierung des Genicks an. Verzichten sollten Sie zunächst auf Rückwärtsrichten und Übungen, die eine Gangart überspringen wie Schritt-Galopp-Schritt: Hier besteht die Gefahr, dass sich das Pferd wieder hinter dem Zügel verkriecht.

Herausforderungen annehmen, Verantwortung übernehmen

Jeder Reiter sollte sich nicht nur grundlegend in der Reitlehre, sondern auch in den Bereichen Biomechanik und Anatomie stetig weiterbilden. „Für die Ausbildung eines anatomisch korrekt gebauten Pferdes wird bereits umfangreiches Wissen und ein großer Erfahrungsschatz benötigt. Tiere mit anatomischen Besonderheiten sind eine noch größere Herausforderung“, so die Expertin. „Der Pferdekörper ist ein ausgeklügeltes System, bei dem sich anatomische Schwächen auf den gesamten Bewegungsablauf auswirken können.“ Wird dann kein Gegengewicht mit passendem Training geschaffen, verursacht die anatomische Schwäche nahezu zwangsläufig gesundheitliche Schäden.

Die einzelnen Stufen der Ausbildungsskala – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung – sind für ein Pferd, dessen Exterieur dem Ideal entspricht beziehungsweise sehr nahekommt – einfacher zu erreichen als für ein Pferd mit anatomischen Besonderheiten. „Diese beeinflussen den Ausbildungsweg – und machen ihn häufig etwas anspruchsvoller“, so Christine Hlauscheck. „Beispielsweise muss man wissen, dass das korrekt ausgeführte Rückwärtsrichten einem Pferd mit gerader Kruppe sehr schwerfällt. Meist kommt man in diesem Fall mit der standardisierten Ausbildungsmethode nicht weiter, sondern muss sich alternative Wege suchen. Versucht man, dem Pferd die Lektion mit Zwang beizubringen, wird es diese – je nach Charakter – eventuell irgendwie ausführen. Allerdings meist eher schlecht als recht und in einer Kompensationshaltung, durch die andere anatomische Strukturen beoder überlastet werden.“

Ein Ziel in der Ausbildung von Reitpferden sei die Schwerpunktverlagerung und die Lastaufnahme der Hinterhand, so Christine Hlauscheck. „Pferde sind von Natur aus etwas vorhandlastig, sodass mehr Gewicht auf den Strukturen der Vorhand lastet. Stellen Sie sich nun ein Pferd vor, dessen Rückenlinie zur Kruppe hin stark ansteigt – welches also hinten deutlich überbaut ist. Soll dieses Pferd nun den Schwerpunkt nach hinten verlagern und mit der Hinterhand mehr Last aufnehmen, ist dies natürlich möglich, allerdings auf- grund des Exterieurs deutlich erschwert. Bei einem solchen Fall muss man das Training besonders auf diese anatomische Besonderheit aufbauen, da ansonsten über kurz oder lang gesundheitliche Probleme im Bereich der Vorhand drohen – beispielsweise in Form von Sehnenproblemen.“

KURZER RÜCKEN

Iberische Pferde haben häufig einen kompakten Körperbau mit einem kurzen Rücken


Die Kombination aus verschiedenen Trainingselementen bietet sich an. In diesem Beispiel wurde Schulterherein im Schritt mit Tritteverlängern im Trab kombiniert


Dem Rücken eines Reitpferdes kommt aufgrund seiner Nutzung eine große Bedeutung zu. Die ideale Rückenlänge wird wie folgt beschrieben: „Der Rücken soll so lang sein, dass die Vorderbeine, der Rücken und die Hinterbeine ein harmonisches Rechteck beziehungsweise Quadrat – je nach Rassezugehörigkeit und Zuchtziel – bilden. Der ideale Rücken ist dabei elastisch, um die Fähigkeiten zum Schwingen und zur Biegung mitzubringen, und stabil, um den Reiter tragen zu können.“ Generell bestimmt die Länge eines Pferderückens maßgeblich seine Fähigkeit, sich zu biegen und zu schwingen. „Stellen Sie sich einmal einen kurzen und einen langen Ast vor. Der kurze Ast lässt sich weniger gut biegen als der lange. Ähnlich verhält es sich auch mit einem kurzen Pferderücken“, erklärt Christine Hlauscheck. Besonders Islandpferde und iberische Pferde haben häufig eine verhältnismäßig kurze Rücken- und Lendenpartie. Dadurch wird bereits die Suche nach einem Sattel, der sowohl zum Pferd als auch zum Reiter passt, oft zu einer echten Herausforderung. „Pferde mit kurzem Rücken sind meist sehr kompakt, wodurch die Elastizität – sowohl horizontal als auch vertikal – eingeschränkt wird“, so die Expertin. Der Reiter muss bei solchen Pferden immer auf die Aktivierung des Rückens hinarbeiten. Ein nicht korrekt arbeitender Rücken verursacht gesundheitliche Schäden.

Trainingstipps: Für Christine Hlauschek ist der kurze Rücken die mit am schwierigsten zu kompensierende anatomische Besonderheit: „Ein kurzer Pferderücken erfordert vom Reiter sehr viel Gefühl und exzellent aufeinander abgestimmte Hilfengebung. Der Reiter muss bereits kleinste Bewegungsamplituden spüren – beziehungsweise dies erlernen –, da sich ein kurzer Rücken weitaus weniger als ein normal langer Rücken bewegt.“ Und zwar sowohl in die horizontale als auch vertikale Richtung. Daher ist auch das gewünschte Aufwölben des Rückens manchmal gar nicht so einfach zu spüren. Die Dehnungshaltung ist bei Pferden mit kurzer Rückenpartie – wie bei nahezu allen Pferden – ein wichtiger Punkt in der Grundausbildung des Pferdes. „Haben Sie eine gute Dehnungshaltung mit Ihrem Pferd erarbeitet, kann mit leicht versammelnden Lektionen begonnen werden“, so die Ausbilderin. „Dazu eignen sich Seitengänge in allen Variationen: Sie verbessern die Beweglichkeit in der Beckenregion des Pferdes und machen somit den kurzen Rücken elastisch. Zudem erhält der kurze Rücken durch den versammelnden Charakter dieser Lektionen eine deutliche Aufwölbung. Und die geforderte Biegung verbessert die Elastizität des Pferdes in der Längsrichtung.“ Seien Sie zudem kreativ und kombinieren Sie verschiedene Trainingselemente – so bringen Sie nicht nur Abwechslung ins Training, sondern setzen auch verschiedene Reize. Christine Hlauscheck kombiniert beispielsweise gerne das Schulterherein mit der Lektion Tritteverlängern, damit das versammelnde Element des Seitengangs nicht zu ausgeprägt wird: „Reiten Sie bis etwa zur Mitte der langen Seite Schulterherein. Dort fangen Sie Ihr Pferd ab, richten es gerade, beginnen leicht zu traben und verlängern auf der halben Diagonalen die Tritte bis zum Wechselpunkt. Durch das Wechselspiel zwischen der leichten Versammlung des Schulterhereins und dem frischen Vorwärts des Tritteverlängerns wird das Pferd mit kurzem Rücken immer wieder unterschiedlich gefordert: Längsbiegung, relative Geraderichtung, Rückenaufwölbung, Lastaufnahme und Schubentwicklung im Wechsel sorgen für eine aktive Rückentätigkeit, die den kurzen Rücken geschmeidiger macht und zum Schwingen bringt.“

Reiter trägt die Verantwortung

In den ethischen Grundsätzen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) steht: „Der physischen wie psychischen Gesundheit des Pferdes ist unabhängig von seiner Nutzung oberste Bedeutung einzuräumen.“ Dies bedeutet, dass das Wohl des Pferdes immer im Vordergrund sein muss, und die Anforderungen für eine bestimmte Leistung immer hinten anstehen müssen. Dies betont auch Christine Hlauscheck: „Jeder Reiter muss darauf achten und eingehen, welche körperlichen Stärken und Schwächen das jeweilige Pferd mitbringt. Ähnlich wie beim Menschen hat nicht jedes Tier für jede Disziplin den passenden Körperbau. Menschlichen Hürdenläufern mit langen Beinen fällt es meist leichter, die Hindernisse zu überwinden als dies für kurzbeinige Kollegen der Fall ist. Ebenso verhält es sich bei den Pferden. Und nicht jedes Pferd ist für jede Sparte geeignet: So fallen schwere Dressurlektionen den meisten Fjordpferden schwerer als einem darauf gezüchteten Warmblut.“

Das Pferd muss immer das Maß aller Dinge sein – unabhängig davon, was sich der Reiter als Ziel gesetzt hat. Daher sollte man auch beim Pferdekauf nicht nur auf den ansprechenden Charakter und das hübsche Erscheinungsbild achten, sondern sich über die eigenen Ziele und Wünsche im Klaren sein, um ein Pferd zu wählen, dass zumindest vom Exterieur her die Voraussetzungen für die gewünschte Disziplin mitbringt. „Reiterliche Leistungsansprüche dürfen niemals auf Kosten der physischen und psychischen Gesundheit des Pferdes erfüllt werden“, gibt Christine Hlauscheck zu bedenken. „Die Missachtung der körperlichen Möglichkeiten des Pferdes kann große Schäden verursachen: In erster Linie natürlich körperliche Schäden, aber auch seelische. Sind die Anforderungen und Erwartungen an ein Pferd permanent zu hoch, führt dies zu psychischem Stress und Frust. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten permanent Misserfolge – dies wirkt sich über kurz oder lang negativ auf die Psyche aus.“

ENGE GANASCHE

Die Beizäumung des Pferdes wurde durch Handeinwirkung erreicht – die Ohrspeicheldrüse tritt deutlich hervor (Situation gestellt)


Die Reiterin lässt die Nase des Pferdes weit nach vorn, sodass sich das Pferd dehnen kann


Die Ganasche ist der Zwischenraum zwischen den hinteren Enden der Unterkieferäste, den Atlasflügeln und den Querfortsätzen des Axis. „Eine ideale Ganasche sollte in entspannter Haltung mindestens zwei Finger breit sein“, erklärt Christine Hlauscheck. Vor allem Vertreter der Robustpferderassen wie Fjordpferde oder Haflinger neigen zu sehr engen Ganaschen – auch Ganaschenzwang genannt. „Die Ganaschenfreiheit bezeichnet den Stellungsspielaum am Übergang zwischen Kopf und Hals und ist eine der Voraussetzungen für eine korrekte, leichte und widerstandslose Anlehnung seitens des Pferdes“, so die Ausbilderin. Bei Pferden mit sehr wenig Ganaschenfreiheit stellt die Beizäumung manchmal schon aus anatomischen Gründen ein Problem dar. „Wird in solchen Fällen die Beizäumung erzwungen, so kann es sowohl zu physischen als auch psychischen Problemen kommen: Da die Ganasche der Lageort für die Ohrspeicheldrüse ist, tritt diese bei Pferde mit sehr engen Ganaschen deutlich hervor. Eine Reizung oder gar Quetschung der Ohrspeicheldrüse ist unangenehm bis schmerzhaft für das Pferd. Daher wird das Pferd versuchen, diesen Zustand zu vermeiden.“ Zudem verursacht dieser Widerstand eine Art Kettenreaktion: Durch das Zusammenbeißen der Zähne verspannt sich die Kiefermuskulatur, was wiederum zu einem unerwünschten Aufbau der Unterhalsmuskulatur führen kann.

Trainingstipps: Pferde mit engen Ganaschen haben häufig eine stark entwickelte Halsunterlinie und eine schwach entwickelte Halsoberlinie. Dieser Zustand muss laut Christine Hlauscheck zunächst geändert werden: „Zu Beginn empfehle ich, die korrekte Dehnungshaltung zu erarbeiten. Durch das Dehnen der Oberlinie und die Aktivierung der Muskulatur der Oberlinie wird die Unterhalsmuskulatur inaktiviert und bildet sich infolgedessen zurück. Dabei ist es am Anfang wichtig, den Pferden mit wenig Ganaschenfreiheit eine Dehnung mit weiter vorgenommener Stirn-Nasen-Linie zu gestatten als einem Pferd mit guter Ganaschenfreiheit.“ Zudem muss oft nicht nur an den körperlichen Gegebenheiten gearbeitet werden, sondern auch an den psychischen. Wurde ein Pferd mit wenig Ganaschenfreiheit über eine längere Zeit in eine für es schmerzhafte Anlehnung gezwungen, so muss der Reiter zunächst das Vertrauen des Pferdes in die Reiterhand zurückgewinnen. „Hat der Reiter das Vertrauen in die Reiterhand und eine gute Vorwärtstendenz erarbeitet, so empfehlen sich Übungen für die Längsbiegung im Hals, um den durch die Arbeit in der Dehnungshaltung verlängerten Hals auch nach rechts und links elastisch zu machen“, so Christine Hlauscheck. Eine gute Übung sind beispielsweise Volten entlang der Mittellinie. Generell eignen sich nahezu alle Übungen auf gebogenen Linien – solange die Vorwärtstendenz erhalten bleibt. „Nachdem zunächst der Längsbiegung Aufmerksamkeit geschenkt wurde, soll anschließend durch das Dehnen und Beweglichmachen des Halses in vertikaler (senkrechter) Richtung eine zusätzlich Verbesserung der Aufwölbungsfähigkeit der Oberlinie erreicht werden. Dies erfolgt unter anderem durch das Reiten von Übergängen und Tempiwechseln“, empfiehlt Christine Hlauscheck. Trotz aller Übungen wird eine enge Ganasche niemals zu einer idealen. Allerdings lässt sich die Situation für Pferd und Reiter verbessern.

HALSANSATZ

Dieses Pferd hat einen sehr hohen Halsansatz


So sollte der optimale Halsansatz aussehen – nicht zu hoch und nicht zu tief


Dieses Warmblut hat einen sehr tief angesetzten Hals – die Aufrichtung fällt ihm eher schwer


Die Halswirbelsäule des Pferdes besteht aus sieben Wirbeln und ist der beweglichste Teil der Wirbelsäule. „Der Hals ist ein sehr wichtiges Körperteil in der Reitpferdeausbildung. Zum einen ist er die Balancierstange des Pferdes, und zum anderen leitet er gemeinsam mit dem Rücken die Bewegungsenergie des Pferdes von der Hinterhand bis zum Genick und Maul“, erklärt Christine Hlauscheck. Bei der Exterieurbeurteilung wird der Hals nach den Kriterien Länge, Form und Halsansatz beurteilt. „Der Ansatz beschreibt, wie der Hals am Körper, genauer an der Schulter, angesetzt ist. Einen Halsansatz, der das natürliche Gleichgewicht des Pferdes nicht negativ beeinflusst, erkennen Sie, indem Sie vom Widerrist aus eine senkrechte Linie in Höhe der Gurtlage ziehen. Aus dem Mittelpunkt dieser Linie ziehen Sie eine zweite Linie im rechten Winkel nach vorn in Richtung Hals. Dort, wo diese Linie endet, liegt der ideale Halsansatz“, erklärt die Expertin. „Der Halsansatz kann Einfluss auf den Raumgriff des Vorderbeins und die Bergauftendenz des Pferdes in seinen Bewegungen haben.“

Pferde mit einem tiefen Halsansatz neigen zur Vorhandlastigkeit. Ebenso wirken die Bewegungen – besonders die der Vorderbeine – häufig flach und wenig schwungvoll, da die Bewegungsfreiheit der Schulter durch den tiefen Halsansatz eingeschränkt ist. Der hohe Halsansatz bringt andere Probleme mit sich, wie Christine Hlauscheck erklärt: „Der vergleichsweise hoch angesetzte Hals täuscht oftmals eine Aufrichtung vor, die jedoch nicht das Ergebnis einer systematischen Ausbildung ist. Wird aufgrund der äußerlich schönen, aufgerichteten Haltung auf eine korrekte Basisausbildung verzichtet, besteht hier die große Gefahr, dass sich das Pferd mit inaktivem Rücken unter dem Reiter bewegt.“ Friesen haben beispielsweise häufig einen sehr hoch angesetzten Halsansatz.

Trainingstipps: Wie so oft ist die Dehnungshaltung sowohl bei Pferden mit hohem als auch tiefem Halsansatz ein wichtiges Basiselement im Training. Pferde mit einem tief angesetzten Hals sollten auf jeden Fall in einer korrekten Dehnungshaltung gearbeitet werden, auch wenn der Beobachter das Gefühl hat, der Reiter solle das Pferd etwas „aufrichten“. Allerdings führt frühes und/oder erzwungenes Anheben des Halses nur zu einem weggedrückten Rücken. Christine Hlauschek erklärt, worauf es bei der Dehnungshaltung in Abhängigkeit vom Halsansatz ankommt: „Pferde mit tiefem Halsansatz sollten mit dem Maul keinesfalls tiefer als Höhe Buggelenk kommen, da ansonsten die Vorhand unnötig belastet wird. Während Pferde mit hoch angesetztem Hals durchaus auch mal etwas tiefer eingestellt werden können, damit die Hebelwirkung der Dornfortsätze des Widerrists voll zum Tragen kommen kann.“ Bei Pferden mit tiefem Halsansatz muss an der Lastaufnahme der Hinterhand gearbeitet werden: „Nach der Dehnungshaltung kann mit leicht versammelnder Arbeit begonnen werden, wodurch die Schub- in Tragkraft umgewandelt und der Schwerpunkt des Pferdes nach hinten verlagert wird. Zu den Lektionen, die die Versammlungsfähigkeit fördern, gehören Kreislinien und Wendungen in allen Gangarten, Übergänge und Tempiwechsel innerhalb der Gangarten. Außerdem können Stangen und Cavaletti abwechslungsreich und effektiv eingesetzt werden.“ Auch bei Pferden mit hohem Halsansatz eignet sich die Arbeit mit Stangen, um die Dehnungsbereitschaft und den Raumgriff zu fördern. Solche Pferde neigen dazu, eine starre, vermeintliche Versammlung einzunehmen und den Rücken wegzudrücken. Daher muss bei diesen Pferden besonders auf den Wechsel zwischen dehnenden und leicht versammelnden Übungen geachtet werden.

BUCHTIPP

Die Autorin Christine Hlauscheck beschäftigt sich in dem Buch „Steile Schulter, kurzer Rücken und Co.“ mit der Ausbildung und dem Training von Pferden mit Exterieurmängeln. Es liegt in der Verantwortung des Reiters, das Pferd anhand seiner Möglichkeiten und Bedürfnisse zu fordern und zu fördern. Erhältlich beim FNverlag,Warendorf, 2017.

ISBN: 978-3-88542-777-3

Preis: 22,90 Euro

www.fnverlag.de

Mit Plan zum Erfolg

„Ein idealer, mängelfreier Körperbau ist zwar von Vorteil, aber er ist noch lange kein Garant für den Erfolg. Vielmehr sind es die inneren Werte und Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie weit man es im Sport oder besser noch im Leben bringen kann“, schlussfolgert Christine Hlauscheck. Damit der Weg dorthin etwas klarer wird, sollen die in diesem Artikel gezeigten Trainingstipps und Übungen Anreize geben, um die tägliche Arbeit biomechanisch sinnvoll und gleichzeitig abwechslungsreich zu gestalten.

Beim Training sollte nicht nur der körperliche Aspekt, sondern auch die seelische Komponente berücksichtigt werden. Genießen Sie zwischendurch mal einen Ausritt mit Ihrem Pferd!


Fotos: Slawik.com (4), Janine Krech* (1), Birte Ostwald* (1), Julia Rau* (4), Christine und Martin Hlauscheck* (1), Katrin Brüggemann* (1), PR (1); Grafiken* (2) *mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Steile Schulter, kurzer Rücken und Co.“ von Christine Hlauscheck, FNverlag, Warendorf 2017