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„Infantino hat nicht verstanden, worum es geht“


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Berliner Morgenpost - epaper ⋅ Ausgabe 321/2022 vom 23.11.2022

Al Ruwais. In kurzer Hose und kurzärmligem Trainingsshirt betritt Leon Goretzka den Konferenzraum am Trainingsgelände der deutschen Nationalelf in Al Ruwais, die Baseballkappe sitzt verkehrt herum auf dem Kopf. Die Kleidung ist den Temperaturen angemessen, zumindest außen. Den Konferenzraum hat die Klimaanlage auf 19,5 Grad heruntergekühlt, die Reporter haben sie kurz vor dem Gespräch abgeschaltet. „Danke dafür“, sagt 27-Jährige und lässt sich in einen der 18 Leder-Drehstühle fallen, die den schweren Holztisch umringen. Der Raum sieht aus, als könnten hier politische Sitzungen stattfinden. Und das passt zu dem Gespräch mit einem der politischsten Köpfe in der Nationalmannschaft über die Fifa, ihren Präsidenten Gianni Infantino, die Debatte um die One-Love-Kapitänsbinde – aber auch die sportliche Lage vor dem Auftaktspiel heute gegen Japan (14 Uhr/ARD).

Herr Goretzka, endlich geht’s los. Haben Sie ...

Artikelbild für den Artikel "„Infantino hat nicht verstanden, worum es geht“" aus der Ausgabe 321/2022 von Berliner Morgenpost. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe 321/2022

Leon Goretzka (27/ Bayern München) erzielte in 45 Länderspielen 14 Tore. Mit der Olympiaauswahl gewann er 2016 Silber, mit der A-Nationalmannschaft 2017 den Confed-Cup.
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... sich überlegt, wie Sie jubeln, wenn Sie im Auftaktspiel in Doha gegen Japan ein Tor erzielen? Leon Goretzka: Bisher noch nicht.

Verstehen Sie Aufrufe zum WM-Boykott? Menschenrechtsorganisationen haben uns in den vergangenen Monaten in unserer Haltung bekräftigt: Ein Boykott bringt nichts voran. Ein Austausch dagegen bietet die Chance auf Fortschritt.

Seit Monaten wird besonders in Deutschland über Frauenrechte und die Situation von Arbeitsmigranten und Homosexuellen in Katar diskutiert. Infantino sagte jetzt, dass auch er wisse, wie es sich anfühle, diskriminiert zu werden. Er sei als Kind in der Schule wegen seiner roten Haare gemobbt worden. Was denkt man als Spieler, wenn man so einen Satz liest? Man hat leider nicht das Gefühl, dass Herr Infantino verstanden hat, worum es bei der ganzen Diskussion geht. Und das ist sehr schade.

”Ich habe ein Radar dafür, wenn es nicht fair zugeht. Dann versuche ich, meine Reichweite als Fußballer auch für wichtige Themen zu nutzen.

Leon Goretzka (27), Fußball-Nationalspieler

Das Lifestylemagazin „GQ“ erklärte Sie im vergangenen Jahr zum „politischsten Akteur der DFB-Auswahl“. Freuen Sie sich über solche Beschreibungen? Ich bin Fußballer, kein Politiker. Aber ich bin schon politisch interessiert. Und ich bin vor allem daran interessiert, dass sich Dinge zum Positiven wandeln. Ich habe ein sensibles Radar dafür, wenn es nicht fair zugeht. Dann versuche ich, meine Reichweite als Fußballer auch für wichtige Themen zu nutzen.

Fühlen Sie den Druck, dass Sie als sozial engagierter Mensch nicht nur als Fußballer gefragt sind? Ich empfinde es als Selbstverständlichkeit. Ich agiere ja bewusst so. Und solange ich das Gefühl habe, dass ich zum Fortschritt beitragen kann, mache ich das total gern. Ich kann aber jeden Fußballer verstehen, der sich in diesem politischen Bereich lieber nicht äußern will. Es ist ein schwieriges Terrain. Jedes Wort, jede Formulierung wird registriert. Die Gefahr, einen Fehler zu machen, ist riesengroß.

Bei der WM geht es bei fast jeder Pressekonferenz nicht nur um Fußball. Wie bereiten Sie sich auf die anderen Thematiken vor? Es ist ganz normal, dass man sich vor einer Pressekonferenz oder einem Interview Gedanken macht, was für Themen oder Fragen kommen könnten. Generell lese ich gern und tausche mich mit Freunden und der Familie auch über Themen aus, die wenig mit Fußball zu tun haben.

Bei der WM ist Ihr direkter Vorgesetzter Hansi Flick, der die schwierige Aufgabe hat, Sie und Ihre Kollegen bestmöglich auf das Auftaktspiel gegen Japan vorzubereiten, obwohl die Politik den Sport so sehr überlagert. Wie macht er das? Er sorgt dafür, dass wir uns bestmöglich auf den Sport fokussieren können. Das ist ja auch seine Aufgabe als Bundestrainer. Er bereitet uns extrem akribisch auf diese WM vor. So kenne und schätze ich ihn als Trainer schon aus unserer gemeinsamen Zeit bei Bayern München.

Was erwarten Sie sportlich von sich? Wir alle haben nicht nur Mannschaftsziele, sondern auch persönliche. Ich halte es auch für wichtig, dass die jeder Einzelne hat. Nur verraten werde ich sie nicht.

Warum nicht? Ich mache mir selbst den meisten Druck, so dass ich keinen Mehrwert darin sehe, meine persönlichen Ziele mit der Welt zu teilen. Klar ist, dass ich eine andere Rolle als bei der EM im vergangenen Jahr anstrebe. Da kam ich aus einer langen Verletzung. Jetzt bin ich fit, ich möchte Verantwortung übernehmen. Das entspricht auch meinem Naturell. Dieses persönliche Ziel habe ich übrigens schon bei meiner ersten Pressekonferenz beim FC Bayern geteilt. Da wurde ich ein wenig belächelt. Dieses Ziel habe ich bei den Bayern aber sehr gut erreicht, finde ich.

Was muss an diesem Mittwoch im Khalifa-Stadion passieren, damit es für Deutschland ein gutes Turnier wird? Wir müssen als Team zusammenwachsen und gut ins Turnier starten. Ganz, ganz wichtig ist es, Klarheit und Selbstvertrauen zu haben. Wir brauchen den unbedingten Glauben an uns, um mit breiter Brust in das Auftaktspiel zu gehen.

In Ihrer Heimat im Ruhrpott gehört Bier zum Fußball dazu, hier in Katar ist das anders. Wie sehen Sie das Bierverbot, das die Regierung Katars nun kurz vor dem Eröffnungsspiel ausgesprochen hatte? Für mich ist es vor allem nicht nachvollziehbar, dass man diese Entscheidung so kurz vor der WM getroffen hat. Hier werden Versprechen an die Fans nicht eingehalten. Noch weniger nachvollziehbar ist, dass es bestimmte Bereiche im Stadion gibt, in denen es doch erlaubt sein wird…

…im VVIP-Bereich, also in dem Bereich für die Ver y, Ver y Important Persons… Das versteht niemand.

Gibt es bei einem Erfolg gegen Japan zumindest ein Siegerbierchen im Hotel? Fakt ist, dass wir alle körperlich extrem gefordert sind und sehr auf unsere Regeneration achten müssen. Ein Bier nach dem Spiel würde da nicht unbedingt helfen. Das klingt nicht wirklich nach Fußball-Romantik – ist aber so.