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Inferno in Eis und Schnee


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 14.01.2022

3. KAPITEL TRAGÖDIE

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 2/2022

Krieg ohne Wiederkehr Hunger, Kälte und der Zorn der Roten Armee: 150 000 deutsche Soldaten finden im Kessel von Stalingrad den Tod

Draußen tobt ein Schneesturm, minus 30 Grad zeigt das Thermometer, im selbst gebauten Bunker sorgt ein einfacher Ofen für ein wenig Wärme. In dieser Nacht vor Heiligabend im Jahr 1942 haben Soldaten der 29. In fanterie divisi on ein paar Frikadellen aus Pferdefleisch gebraten. Ein Festessen! Sie haben Glück gehabt, eine andere Einheit hatte Tiere geschlachtet und ihnen Fleisch abgegeben. Andere Soldaten verspeisen in diesen Tagen Hunde und Katzen. Der Gefreite Hans Happe aus Delbrück in Westfalen denkt an seine Familie zu Hause. 19 Jahre ist er alt und seit mehr als einem Monat zählt er zu den Eingeschlossenen im Kessel von Stalingrad.

Seine Division gehört zur 6. Armee unter Generaloberst Friedrich Paulus, die am 19. November 1942 von den Russen eingekreist worden ist. Adolf Hitler hat dem Verband verboten, aus der Umklammerung auszubrechen. Stalingrad soll um jeden Preis ...

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... gehalten werden. Großspurig hat der »Führer« versprochen, die Männer aus der Luft versorgen zu lassen. Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, hat sich verbürgt, dass seine Transportmaschinen das schaffen, obwohl er genau weiß, dass es dafür zu wenige Flugzeuge gibt. Da die Rote Armee einen Belagerungsring um die Stadt und die Umgebung gelegt hat, müssten täglich 500 Tonnen eingeflogen werden, Treibstoff, Munition, Medikamente, Verpflegung. So lautet eine Berechnung der 6. Armee. Im Oberkommando der Wehrmacht gehen die Experten von einem weitaus höheren Bedarf aus. Am 27. November heißt es im Kriegstagebuch: »Nur 27 Ju 52 sind gestern in den Raum Stalingrad eingeflogen. Vorhanden sind 298 Ju 52, die täglich etwa 600 Tonnen Versorgungsgut nach Stalingrad schaffen könnten; gebraucht werden vorläufig 700 Tonnen täglich, später nach Verbrauch der vorhandenen Verpflegungssätze 1500 Tonnen.« Da die sowjetischen Jäger ständig die Transporter attackieren, diese auch von Flak und Artillerie beschossen werden, dazu viele Maschinen wegen Eis und Schnee ausfallen, reicht die Zahl der vorhandenen Flugzeuge nie. Außerdem gibt es in Stalingrad keinen richtigen Flugplatz, nur einfache Pisten. Alles Material, das hereinkommt, muss per Hand ausgeladen werden.

Zum Scheitern verurteilt: Die Versorgung des Kessels durch eine Luftbrücke

Ein letztes Festmahl in der Hölle: Frikadellen aus Pferdefleisch

»Kaum eine irdische Hoffnung bleibt mehr«

Der Truppenarzt Kurt Reuber am 9. Januar 1943

Oft gelingt es nur einigen wenigen Ju 52 oder He 111, im Kessel zu landen. 30 Tonnen, mal 150 Tonnen gelangen so zur 6. Armee. Nie kommt genug Nachschub an. Abertausende deutsche Soldaten sterben an Kälte, Unterernährung und Krankheiten, die nicht behandelt werden können. Allein im Dezember 1942 hat die 6. Armee gut 80 000 Mann verloren. Ein Pathologe, der im Kessel viele Leichen untersucht, kommt zu dem Schluss, dass mindestens die Hälfte der Gestorbenen verhungert ist.

Auch Hans Happe bekommt ständig zu wenig Nahrung. Aber gestern, am 23. Dezember, hat er sich endlich einmal satt gegessen. Es gab so viel Pferdefleisch, dass der Gefreite und seine Kameraden ganz volle Bäuche hatten, zehn Frikadellen hat Happe verschlungen. Satt. Ein

Gefühl, das die Männer schon lange nicht mehr kennen. Aber dann erhalten sie am 24. Dezember 1942 einen dieser Befehle, die sie verzweifeln lassen. Sie müssen ihren Bunker aufgeben. Die Russen gefährden die Stellung. Abermals ziehen sie sich weiter auf Stalingrad zurück. Eine neue Unterkunft müssen sie sich bauen, 200 Meter hinter der Hauptkampflinie. Der Boden ist hart gefroren, Steine und Holz gibt es kaum, der Sturm treibt den Schnee vor sich her.

Bis auf wenige Kilometer vor Stalingrad sind vor einigen Tagen die deutschen Truppen herangekommen, die den Kessel befreien sollen. Aber die »Operation Wintergewitter« erreicht die Eingeschlossenen nicht. Ganz kurz vor Weihnachten haben die anrückenden Einheiten sogar Funkkontakt zur 6. Armee hergestellt. Aber die sowjetischen Truppen verhindern, dass die Verbände zusammenkommen.

Die 29. Division, in der Happe dient, hat bereits die Order bekommen, sich bereitzuhalten, um nach Südwesten auszubrechen. Aber am 23. Dezember 1942 bricht das Oberkommando des Heeres die Aktion ab. Das Weihnachtswunder bleibt aus.

Weil Happe und seine Mitbewohner des Bunkers an Heiligabend schuften müssen, verpassen sie die »Weihnachtsringsendung«, die auf vielen Radiogeräten im Kessel läuft. »Hier ist Stalingrad«, krächzt es aus den Lautsprechern. »Hier ist die Front an der Wolga.« Aus dem Kessel melden sich aber keine Soldaten. Die Sendung, die angeblich Standorte der Wehr-macht von Nordafrika bis zum Nordkap verbindet, ist nicht live, sie wurde vorher im Studio produziert. Das Propagandastück soll den Angehörigen der Soldaten in Deutschland vorgaukeln, dass es an allen Fronten ruhig sei und die Kämpfer dort friedlich »Stille Nacht, heilige Nacht« singen. In Stalingrad hören die Eingeschlossenen das Heulen der Stalinorgeln, mächtiger Raketenwerfer, das tak-tak-tak der Maschinengewehre, das Explodieren der Granaten.

Ein paar Zigaretten und ein wenig Schokolade erhalten die Soldaten vom Kompaniechef als Weihnachtsgabe. Happe hat Wache, er blickt in einen sternenklaren Himmel und denkt an sein Zuhause, 3000 Kilometer entfernt. Am 2. Weihnachtstag bekommen Happe und seine Kameraden endlich wieder einmal Briefe. Fünf Schreiben seiner Familie erhält der Gefreite.

Weihnachten ohne jede Hoffnung und eine Großoffensive der Roten Armee

Am Ersten Weihnachtstag sitzen die Soldaten erschöpft in dem neuen Erdloch, über dem sie einen Holzverschlag errichtet haben. Es ist eng darin, aber die Kälte ist nicht so schlimm wie draußen. Anderen Landsern geht es schlechter. Gegen Ende des Jahres 1942 sterben jeden Tag 700 bis 1000 deutsche Soldaten im Kessel.

An Silvester bekommt Happe ein Kochgeschirr voll mit Grießsuppe, die aus viel Wasser, ein wenig Salz und kaum Grieß besteht. Das ist schon besser als die Versorgung an den Tagen zuvor. Happe betet an diesem letzten Tag des Jahres 1942, dass der Herrgott ihn bald aus dem Wirrwarr dieses Krieges befreit.

Am 10. Januar 1943, nachdem Generaloberst Paulus das Angebot zu kapitulieren ausgeschlagen hat, beginnt ein Großangriff der Russen. Sie wollen die Stadt, die den Namen ihres Generalissimus Stalin trägt, nun endlich zurückerobern. Am 18. Januar verfügen die Männer über keinen Treibstoff mehr. Panzer und Geschütze bleiben stehen. Alle Infanteristen, die noch gehen können, sollen sich in die Stadt zurückziehen. Seit dem 22. Januar 1943 gibt es kein Lebenszeichen mehr von Hans Happe. Er ist wohl gefallen oder in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Seine Division gilt als aufgerieben, sein Geschütz ist nun unbemannt. Am selben Tag, an dem sich Happes Spur verliert, weist Adolf Hitler den Befehlshaber der 6. Armee an, bis zur »letzten Patrone« zu kämpfen.

Die Angreifer erobern einen Tag später das letzte Flugfeld, das die Luftwaffe noch im Kessel nutzen konnte, um Material anzuliefern und Verwundete auszufliegen. Nun werfen die Transportmaschinen nur noch Vorräte aus der Luft ab, die im hohen Schnee verschwinden, von den Russen geborgen werden oder von den entkräfteten Männern nicht abgeholt werden können. Die Lebensmittel sind aufgebraucht, Proviant soll nur noch an Kampffähige ausgeteilt werden, obwohl geschätzt 40 000 Verwundete und Kranke in Hilfslazaretten vor sich hin vegetieren. Paulus hält sich an Hitlers Anweisung, keinesfalls zu kapitulieren und Stalingrad solange zu verteidigen, bis es nicht mehr geht.

Die Verwundeten in den Lazaretten erhalten keine Verpflegung mehr

Am 28. Januar empfängt die Funkstelle im Kessel eine Nachricht des Reichsmarschalls Hermann Göring mit einem pathetischen Nachruf über den Opfergang der 6. Armee. Noch am selben Tag lässt Paulus eine kurze Nachricht an Hitler funken: »Zusammenbruch ist keine 24 Stunden mehr aufzuhalten.« Sein Oberbefehlshaber ernennt ihn daraufhin zum Generalfeldmarschall. Warum Hitler das macht, verschweigt er seinen Vertrauten nicht. Zu General Jodl sagt er, noch nie sei ein deutscher Feldmarschall in Gefangenschaft gegangen. Der »Führer« will, dass Paulus entweder im Kampf stirbt oder sein Leben selbst beendet.

Drei Tage später fällt der Südkessel, die Rote Armee hat die deutschen Einheiten bereits voneinander getrennt. Am 31. Januar 1943 um 6 Uhr 15 meldet ein Funker aus Stalingrad, dass Russen »vor der Tür« stehen. Eine Stunde später erreicht das Oberkommando des Heeres der letzte Funkspruch der 6. Armee aus Stalingrad. Der Funker meldet, dass er sein Gerät zerstört, damit es nicht in die Hände des Feindes fällt. Am 2. Februar geben schließlich auch die Männer im Nordkessel auf. Nach 162 Tagen endet der Kampf. Insgesamt macht die Rote Armee mehr als 91 000 Kriegsgefangene in Stalingrad. Nur 6000 werden, meist nach vielen Jahren, ihre Heimat wiedersehen.

LESETIPP

Wolfram Wette: »Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht«. Fischer 2012, € 10,99

30. Januar 1943

Görings Totenrede

Am zehnten Jahrestag der nationalsozialistischen »Machtergreifung« spricht Hermann Göring im Rundfunk über die 6. Armee. Zu diesem Zeitpunkt wissen viele Deutsche noch gar nicht, dass die Männer in Stalingrad eingeschlossen sind. Die gleichgeschaltete Presse und der Rundfunk mussten das verschweigen. Görings Ansprache macht nun den Hörern deutlich, wie ernst die Lage ist. »Noch in tausend Jahren wird jeder

Deutsche mit heiligem Schauer von diesem Kampf in Ehrfurcht sprechen und sich erinnern, dass dort trotz allem Deutschlands Sieg entschieden worden ist«, tönt der Reichsmarschall. Göring hält die Totenrede auf eine Armee, die sich nicht ergeben durfte, weil Hitler es so wollte. Seine Ansprache hören viele Soldaten im Kessel. Sie erkennen, dass von ihnen bereits in der Vergangenheit gesprochen wird.