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Insel der Ruhe


Die Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 11.07.2021

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Bildquelle: Die Kirche, Ausgabe 27/2021

Begleitend zur Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ veröffentlicht „die Kirche“ jüdisch-christliche Interviews. Im Juli spricht Anna Müller, Beraterin bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, über Schabbat beziehungsweise Sonntag mit dem Münchener Rabbiner Steven Langnas und der Pfarrerin und Beauftragten für Spiritualität, Andrea Richter. Über eine Insel der Ruhe, eine zweite Seele und sinnvolle Verbote.

Rabbiner Langnas, wie sieht für Sie der Schabbat aus? Wenn der Wecker klingelt, was machen Sie als Nächstes?

Langnas: Der Wecker klingelt am Samstag nicht, weil wir keine Technik benutzen dürfen. Die Vorbereitungen für unseren Schabbat beginnen schon am Mittwoch oder Donnerstag. Alles muss eingekauft, vorgekocht und arrangiert sein, bevor der Schabbat am Freitagabend losgeht. Beim Schabbes Eingang zündet die Frau die Schabbes Lichter, um mehr Licht und ...

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... Freude zu Hause zu verbreiten. In dieser Zeit gibt es einen Gottesdienst in der Synagoge. Danach wird es zu Hause mit Familie und Freunde gefeiert. Die festliche Mahlzeit wird mit dem Kiddusch, ein Gebet über Wein und Brot, eingeleitet. Zwischen den Gängen gibt es Tischlieder und am Ende ein Tischgebet. Dazwischen wird über eine Bibelstelle diskutiert. Schabbat feiern ist ein spirituelles Erlebnis, nicht nur eines für den Bauch.

Was passiert am Samstag?

Langnas: Der Gottesdienst dauert zwei bis drei Stunden. In der Synagoge gibt es ein kleines Essen. Dabei ist Gelegenheit zum Gespräch. Wieder folgt eine Mahlzeit. Am Nachmittag lesen, spazieren, schlafen wir. Gegen Sonnenuntergang gibt es noch eine Mahlzeit und einen Abendgottesdienst. Da verabschieden wir uns vom Schabbes durch die Zeremonie Hawdala. Mit ihr trennen wir die Heiligkeit des Schabbes vom Anfang der neuen Woche.

Pfarrerin Richter, wie ist das bei Ihnen am Sonntag?

Richter: Ich werde ganz sehnsüchtig, wenn ich höre, wie durchgestaltet und erfüllt das klingt. Als Gemeindepfarrerin versuchte ich am Samstagabend die Arbeit wegzulegen und das Essen für den Sonntag vorzubereiten. Am Sonntagmorgen spazierte ich lange mit meinem Hund im Grünen und stimmte mich ein auf den Gottesdienst. Mittags trafen wir uns als Familie, haben ausführlich gegessen, Mittagsschlaf und Sonntagsspaziergang gemacht. Diese aus dem Judentum überlieferten Elemente sind in den Sonntagsritualen alle enthalten.

Gott ruhte am siebten Tag, eigentlich ist das der Samstag. Wie kommt es dann, dass im Judentum der Schabbat auf Freitagabend und Samstag fällt und im Christentum auf den Sonntag?

Langnas: Christen waren jüdisch. Sie hielten Schabbes am Samstag. Zusätzlich feierten sie am Sonntag den Tag des Herren, die Auferstehung Jesu. Als die Kirchenväter das Christentum mehr vom Judentum trennen wollten, verschoben sie die Feierlichkeiten vom Schabbes von Samstag auf den Sonntag. Schabbat ist immer noch ein Teil vom Christentum, aber ohne die Rituale und das strikte Arbeitsverbot.

Richter: Dass im Christentum das Bewusstsein für den Ruhetag, den Schabbat so verschwunden ist, bedauere ich sehr. Bemerkenswert am Schabbat finde ich auch: Der Mensch empfängt eine zweite neue Seele, die „Neschama Jetera“, um Gott erfahren zu können. Wie einen spirituellen siebten Sinn. Christ*innen begehen den Sonntag als Tag der Auferstehung, an dem das Leben neu auflebt.

Langnas: Diese Schabbat-Seele „nischoma bischema“ ist eine zusätzliche Dimension von Spiritualität. Durch die Verbote und die Schabbat-Ruhe wird ein Mensch empfänglicher für das Spirituelle.

Am Schabbat ist vieles nicht erlaubt. Wie erklären Sie diese Verbote heute?

Langnas: Geht man die Liste von Verboten durch, meint man: Was für ein düsterer Tag! Kein Handy, kein Computer, kein Fernseher, keine Elektrizität, kein Fahren mit Fahrrad, Auto und öffentlichem Verkehrsmittel. Kein Einkaufen, kein Kochen, kein Kino. Aber durch diese Verbote ist ein richtiger Ruhetag garantiert. Denn es ist doch so: An einem freien Tag nehmen wir uns vor, spazieren zu gehen oder ein Buch zu lesen. Aber was passiert? Mir fällt ein, was ich alles vergessen habe zu tun und ich erledige es. Hast du aber ein Verbot, ist diese Insel der Ruhe garantiert.

Was hat es mit dem Verbot zu arbeiten auf sich?

Langnas: Die Verrichtung von Melacha „Arbeit“, ist am Schabbat verboten. Von dem Wort kommt die Redewendung „malochen gehen“. Verboten ist kreatives Arbeiten. Betätige ich einen Lichtschalter, erlaube ich dem Strom, durch das Kabel bis zur Glühbirne zu fließen. Das erzeugt Licht und Wärme, die vorher nicht existierte. Das ist kreative Arbeit.

Frau Richter, gibt es im Christentum auch Ge- und Verbote?

Richter: Manchmal wünschte ich mir, mir würde jemand am Sonntag den Strom abstellen. Aber in der evangelischen Tradition gibt es kein strenges Reglement. Wir haben es schwerer als eine jüdische Familie. Es ist in die Hände jeder Familie gelegt, wie sie mit der Einladung für einen Ruhetag umgeht. Und bedenkt, dass wir nicht die Schöpfer*innen unseres Lebens sind. In der Corona-Zeit erlebten wir digital eine Art Revival der Haus-und Familienkirche. Das knüpft an die jüdische Tradition an.

Was ist ihnen besonders wichtig am Sonntag als Ruhetag?

Richter: Was wirklich für die Seele notwendig ist, kann ich nicht machen, nur empfangen. Wir sind nicht Schöpfer, aber wir haben schöpferische Fähigkeiten. Diese sind uns als Aufgaben in die Hände gelegt. Haben wir sie erfüllt, sind wir nicht mehr Schaffende, sondern geschafft und können uns die leeren Hände wieder füllen lassen. Das ist die Funktion des Sonntags. Das müssen wir als Christen wieder mehr verstehen lernen und Rituale dafür finden.

Langnas: Pfarrerin Richter, sie haben eine wichtige Sache erwähnt. Unsere schöpferische Fähigkeit ist einer der Gründe für die Schabbes-Ruhe. Einen Tag in der Woche hören wir auf, schöpferisch zu sein, um zu erkennen, dass dieses wunderbare Geschenk von Gott kommt. Wir haben so viel geschaffen, Radio, Raumschiffe, Computer: Wow, wie toll wir sind. Wir sind toll! Aber die Möglichkeit all das zu tun, kommt nicht von uns. Sie kommt von oben.

Richter: Das könnte man sofort auf den Sonntag als Tag der Auferstehung übertragen. Es bedarf einer Art spirituellen Grabesruhe, um anzuerkennen, dass wir unser Leben nicht aus uns selber haben. Wir bedürfen der Auferstehung und der Geistkraft Gottes, um neu anfangen zu können.

Worin besteht für sie die soziale und politische Bedeutung des Sonntags?

Richter: Die Ruhe ist wichtig, um die Kraft zu gewinnen, die versklavenden Todesstrukturen unserer Welt zu erkennen. Und dagegen aufzustehen. Wir schonen auch die Natur und hinterlassen einen kleineren ökolo -gischen Fußabdruck. Hier kommt aus den monotheistischen Religionen ein wesentlicher Impuls. Auch der Freitag der Muslime gehört dazu.

Immerzu piepst sonntags beim Essen ein Handy, klingelt ein Telefon. Eine Software kann regeln, dass am Sonntag niemand anruft. Der Bedarf nach Ruhe setzt ein kreatives Schaffen frei?

Langnas: Schabbat erinnert an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Wenn ich bei Sonnenuntergang am Freitag mein Handy ausschalte, bin ich befreit von meiner Sklaverei der heutigen Technik.

Kirchen und Gewerkschaften kämpfen aus unterschiedlichen Perspektiven für den Ruhetag.

Zugleich gab er immer wieder Anlass für antisemitische Übergriffe.

Langnas: In den USA, wo ich ursprünglich herkomme, ist alles 24 Stunden offen. Die Feiertagsruhe existiert nicht mehr. In Deutschland musste ich mich erst daran gewöhnen, dass ich am Sonntag – nach dem ohnehin freien Schabbat – nicht einkaufen kann. Dazu kommt: Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Samstag vielerorts ein Arbeitstag. Jemand, der Schabbat halten wollte, hatte es oft sehr schwer, am Samstag frei zu bekommen.

Richter: Ich halte es für eine anthropologische Notwendigkeit, dass wir die Bedeutung der Ruhetagskultur wieder erlernen. Entsetzt bin ich darüber, wie oft die Schabbatruhe genutzt wurde, um gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen. Das Nichtarbeiten am Samstag wurde sogar unter Strafe gestellt.

Die Kirche behauptete, Jesus hätte den Schabbat gebrochen.

Richter: Das ist infam! Das Gegenteil ist der Fall. Jesus interpretierte den Schabbat auf eine bestimmte Weise: Lebensnotwendiges darf am Schabbat geschehen, wie das Heilen. Wenn ich richtig informiert bin, darf ein jüdischer Arzt am Schabbat natürlich einem Kranken zur Hilfe eilen. Aber er wird nicht mit dem Auto zurückfahren. Ich glaube das ist eigentlich jesuanisch.

Langnas: Wenn Lebensgefahr besteht, darf man im Judentum nicht nur die Schabbat-Vorschriften aufheben, man muss alles tun, was möglich ist, um Leben zu retten! Jesus war im grünen Bereich. Er heilte mit Worten. Das ist nicht verboten.

Sonntag gilt als achter Tag. Manche Kirchen und Taufsteine sind deshalb achteckig. Dabei ist der Sonntag der siebte Tag, wie kommt das?

Richter: Die Acht sprengt die irdische Dreidimensionalität und eröffnet eine neue Dimension, genauso wie die Auferstehung. Der siebte Tag ist der Ruhetag, der achte Tag der erste Tag der neuen Schöpfung. In der Taufe sind wir hinein -genommen in Tod und Auferstehung Jesu, deshalb das Achteck.

Langnas: Im Judentum ist das auch so. Sieben ist ein kompletter Zyklus. Acht ist ein neuer Anfang. Deshalb werden Jungen am achten Tag beschnitten. Für einen Jungen beginnt sein vollständiger Status als Mitglied des Bundes Abrahams.

Richter: Auch das Jesuskind wurde am achten Tag zur Beschneidung gebracht.

Zum Thema „Auszeit vom Alltag – Schabbat beziehungsweise Sonntag“ lädt „die Kirche“ zu einem Online-Dialog (via Zoom) am Mittwoch, 14. Juli, um 19 Uhr mit Rabbiner Steven Langnas und Pfarrerin Andrea Richter.

Es moderiert Anna Müller. Bitte anmelden unter der E-Mail-Adresse: dialog@wichern.de Einen Tag vorher erhalten Sie dann die Zugangsdaten.

Auszeit vom Alltag

Höhepunkt jeder Woche ist der Schabbat, der siebente Schöpfungstag, an dem wir in Nachahmung Gottes von unserem Tagewerk ruhen sollen. Die Geschäftigkeit des Alltags soll pausieren, damit wir uns anderen Dingen widmen können, für die sonst wenig Zeit bleibt: Familie, Freunde, Torastudium, Gottesdienst und Geselligkeit in der Synagoge, Ausruhen und Auftanken. Schabbat meint nicht untätiges Herumsitzen, sondern aktives Streben nach anderen Dimensionen unseres Seins. Als Hilfestellung formulierte die jüdische Tradition einen Katalog von Tätigkeiten, die nicht verrichtet werden sollen, damit wir Ruhe finden und diese Freiheit von Arbeit ebenso den Menschen und sogar auch den Tieren in unserer Umgebung gewähren. Der Schabbat ist kaum denkbar ohne die festlichen Mahlzeiten im Kreis von Familie und Freunden, eingeleitet von Segenssprüchen über Kerzen, Wein und zwei geflochtenen Brotzöpfen. Die Gebete und Lieder in der Synagoge preisen Gottes Schöpfungswerk, im Morgengottesdienst steht die Lesung des Wochenabschnitts der Tora im Zentrum. Dieser Text ist auch der Fokus von Torastudium und -auslegungen an diesem Tag. Diese aktiven Phasen des Schabbats wechseln ab mit Zeiten der Ruhe und des Kraftschöpfens, bis dann am Samstagabend mit der Hawdalah-Zeremonie, dem Segen über Wein, Licht und Gewürze, die Rückkehr in den Alltag erfolgt. Rabbinerin Ulrike Offenberg