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INSTINKTE VERSTEHEN: Was macht glücklich?


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 06.12.2019

Pferde sindSteppen-, Herden, Flucht- undBeutetiere und zeigen dementsprechendeVerhaltensweisen. Für denReiter ist es wichtig zu verstehen, warum es so und nicht anders reagiert. Je mehr er über dieBedürfnisse weiß, desto eher kann er unerwünschtes Verhalten verhindern und fürWohlbefinden sorgen Text: Inga Dora Schwarzer


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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 10/2020

Instinktgesteuert: Droht Gefahr, setzt sich die gesamte Pferdeherde in Bewegung


Zugvögel zieht es in den Süden, Bienen automatisch zum Wabenbau. Diese Verhaltensmuster sind vom Instinkt der Tiere gesteuert. Auch unsere Pferde haben ihre Instinkte trotz Domestikation durch ...

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... den Menschen nicht abgelegt. Bei ihnen stellt sich ein unwillkürlicher Drang oder die unmittelbare Tendenz ein, etwas Bestimmtes zu tun. Die Vierbeiner sind aber auch lernfähig. So kann der Mensch bestimmte Instinkthandlungen, wie das Fluchtverhalten bei Gefahr, durch die Ausbildung minimieren.

Angeboren sind sozialen Verhaltensweisen der Pferde. „Als Sozialverhalten bezeichnen wir alle Verhaltensweisen, die gegen einen Sozialpartner (Artgenossen) oder ein anderes befreundetes Tier gerichtet sind und auf dessen Reaktion/Aktion abzielen“, erklärt Susanne Grun, studierte Pferdepsychologin und Pferdeverhaltenstherapeutin aus Rosenheim (Bayern). Dazu gehören alle Aktivitäten, die zur innerartlichen Verständigung und Kommunikation dienen, sowie alle Formen der Kooperation, z. B. gegenseitige Körperpflege, oder der Konfrontation, wie etwa aggressive Konflikte um eine Ressource.

Sozialerfahrung im Fohlenalter

Das gegenseitige Lesen und Verstehen der Körpersprache muss aber erst erlernt werden. „Aus diesem Grund ist es für die soziale Entwicklung unserer Fohlen und Jungpferde so enorm wichtig, dass wir ihnen ermöglichen, in Gruppen aufwachsen zu können“, sagt Grun. Hatte ein Jungpferd beispielsweise nur die eigene Mutter als Sozialpartner, fehlt ihm eine ausreichende Sozialerfahrung in den ersten Lebensjahren. „Diese Tiere bleiben ihr Leben lang problematisch, sobald sie in engeren Kontakt mit anderen Pferden treten. Sie eignen sich dann nicht für die Gruppenhaltung, da das Leben in der Herde für sie Stress bedeutet und entweder ihr eigenes Verletzungsrisiko oder das der anderen Pferde überproportional hoch ist“, weiß die Pferdetrainerin.

Soziales Verhalten lässt sich im Erwachsenenalter nicht mehr antrainieren, soziales Fehlverhalten nicht mehr korrigieren. „Hier empfehle ich dann die Einzelhaltung in einer hellen, geräumigen Paddock-Box, mit Kontakt zu Artgenossen“, so die Ausbilderin. Es gibt aber auch Rassen, die ein ererbtes einzelgängerisches Wesen mit einem großen Individual-Abstand haben, z. B. Andalusier, Lusitanos, Lipizzaner oder auch viele Traber. Bei ihnen beobachtet die Expertin häufig, dass sie unverträglich werden, wenn ihre Individualdistanz unterschritten wird oder sie (vom Menschen) dazu gezwungen werden, ein kleines Areal zu bewohnen. In der Herde weiden sie meist allein oder nur mit ihrem Fohlen und schließen sich weniger gern zu den sonst üblichen Gruppen zusammen. „Im Stall neigen diese Rassen oft dazu, sogenannte Boxenschläger zu werden, weil sie die für sie zu dicht aufgestallten Pferde vertreiben möchten“, erklärt die Verhaltenstherapeutin.

Kurz gesagt: Wenn wir Menschen es den Pferden nicht möglich machen, ihre Sozialerfahrungen zu machen und ihre eigene, individuelle Distanz zu berücksichtigen, entstehen früher oder später unerwünschte Verhaltensweisen oder -auffälligkeiten.

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Das passiert auch, wenn ihr Ausdrucksverhalten falsch von uns interpretiert wird.

Bewegung muss sein

Neben dem Bedürfnis, in einer Herde zu leben, steht der Drang, sich zu bewegen, ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. Allein bei der Nahrungsaufnahme bewegen sie sich in der Natur 12 bis 16 Stunden am Tag im langsamen Schritt vorwärts. Ein Wildpferd legt täglich während der ca. 16-stündigen Nahrungsaufnahme etwa acht Kilometer zurück. Ein Boxenpferd im Vergleich dazu gerade einmal ca. 170 Meter. Hohe Geschwindigkeiten im Trab oder Galopp zeigen Pferde nur kurzfristig während der Flucht (wenn Gefahr droht) oder bei Laufspielen. „Diese Verhaltensweisen müssen wir bei unserer Pferdehaltung berücksichtigen. Die Pferde sollten also (bis auf wenige Ausnahmen) in Gruppenauslauf-Haltung leben dürfen, wo sie sich ihrer Natur entsprechend frei bewegen können. Bei einem 23-stündigen Boxenaufenthalt braucht sich der Reiter nicht zu wundern, wenn das Pferd in der einen Stunde, in der er es reiten möchte, wie eine Rakete ist, die jeden Moment zu explodieren droht. Physiologisch mangelhafte Bewegung, zeitlich zu kurze, zu wenig und zu schnelle Bewegung sind außerdem die Hauptursachen für Erkrankungen wie z. B. geschwollene Beine oder Durchblutungsstörungen“, sagt die Expertin.

Mit dem Bewegungsdrang geht der Fluchtinstinkt einher. Er ist abhängig von der Rasse und dem Charakter. Pferderassen, die in bestimmten Geländeformen aufwachsen, wie beispielsweise im Gebirge oder in Sumpfgebieten, zeigen kaum Fluchtverhalten, da blindes Loslaufen in diesen Regionen tödlich enden könnte. Viele schwerere Ponyrassen, die in nahrungsarmen Gegenden leben, besitzen ebenfalls gute Nerven. Der Grund? Eine häufige Flucht würde bei kargem Futterangebot zu viel lebenswichtige Energie verbrennen. Diese Pferde neigen eher zu einem „Einfrieren“, einem unbeweglichen Stehen mit hoher Kopfhaltung.

Einen stärkeren Fluchtinstinkt haben hoch im Blut stehende Pferde, wie beispielsweise Araber, aber auch Pferde, die gerade in eine neue Herde integriert wurden, tragende Stuten und traumatisierte Pferde. „Wenn die Tiere schlecht hören oder sehen, stelle ich ebenfalls oft einen erhöhten Fluchtinstinkt fest“, ergänzt die Expertin. Auch die Mensch-Pferd-Beziehung kann Auslöser für eine erhöhte Fluchtbereitschaft des Pferdes sein. „Ein Pferd, das seinen Menschen noch nicht gut kennt oder einen Menschen hat, der nicht in der Lage ist, für Sicherheit zu sorgen, wird immer fluchtbereiter sein als ein Pferd, das sich bei seinem Menschen sicher fühlt“, sagt sie. Das Problem? Ein fluchtbereites Pferd kann weder ausgebildet noch trainiert oder korrigiert werden. „Es wird mir nicht zuhören, nicht atmen und sich nicht entspannen – somit nicht lernen“, weiß die Ausbilderin.

Camargue-Pferde zeigen weniger Fluchtinstinkt. Blindes Loslaufen könnte im Sumpf für sie den Tod bedeuten


Sicherheit vermitteln

Wird Ihr Vierbeiner nervös, weil sich ein Traktor auf dem Waldweg nähert? „Dann ist es Ihr Job, für Sicherheit zu sorgen. Bleiben Sie ruhig und stellen Sie das Pferd so auf, dass es den Traktor gut sehen kann. Am besten stehen Sie schützend zwischen Traktor und Pferd. In solchen Situationen lache ich immer und spreche mit dem ‚Monster‘, das sich nähert. Keinesfalls wäre es hier sinnvoll, das Pferd zu beruhigen! So bestätigen Sie nur, dass es einen Grund für seine Aufregung gibt. Doch den gibt es nicht, denn Sie sind ja da und passen auf“, gibt die Expertin ein Beispiel.

Ihr Pferd regt sich in der Reithalle auf, wenn es ein Geräusch von außen wahrnimmt? „Dann sollten Sie die Aufregung des Pferdes ignorieren und es so beschäftigen, dass es sich konzentrieren muss. Ruhig, aber bestimmt und mit klaren Worten fordern Sie es auf, sich auf Sie zu konzentrieren und fahren mit der Arbeit fort.“ Zur Desensibilisierung kann auch ein Gelassenheitstraining helfen. Je mehr „Gefahren“ es kennt, desto besser. Aber: „Die Luftballons oder der Klappersack machen das Pferd nicht gelassener. Es orientiert sich immer an seinem Menschen.“

Da Flucht eine Überlebensstrategie ist, sind die Pferde bestrebt, ihre Umgebung gut zu kennen. Das gibt ihnen Sicherheit. Deshalb sind sie von Natur aus neugierig. Sie erkunden und beobachten genau. „Wenn sie ein Gebiet kennen, kennen sie auch mögliche Gefahren und können diese besser einschätzen. Außerdem bin ich der Meinung und stelle immer wieder fest, dass Pferde, die ihre umgebende Umwelt erkunden können und dürfen, sich wohler und sicherer im Herdenverband fühlen, mutiger sind und weniger schreckhaft. Zusätzlich sind sie selbstbewusster und bei Problemen viel lösungsorientierter. Ein solches Pferd ist leichter zu trainieren oder auszubilden. Und es ist auch ausgeglichener“, so die Ausbilderin.

Steht ein Pferd aber in einer dunklen Box und wird für eine Stunde am Tag von seinem Menschen in der Reithalle gearbeitet, kann das Erkundungsverhalten nicht ausgelebt werden. Es sammelt schlichtweg keine Erfahrungen. „So haben wir früher oder später entweder ein permanent angespanntes oder gestresstes Pferd (Folge sind z. B. Magenprobleme) oder ein hypernervöses, scheuendes, durchgehendes Pferd“, sagt sie. Es fehlt die Gewöhnung an alltägliche Reize. Nervenstärke ist eben immer auch abhängig von der Haltung.

Wohlbefinden steigern

Auffälligkeiten zeigen Pferde auch dann, wenn sie ihr Komfortverhalten nicht ausleben können. Dazu zählen alle Verhaltensweisen, die mit der Körperpflege und dem Wohlbefinden zu tun haben, angefangen vom Wälzen bis hin zum Scheuern und Kratzen an Ästen oder anderen Gegenständen. Auch das Wasserplanschen zählt für viele zur Befriedigung ihres Bedürfnisses. „Eine artgerechte Haltung von Pferden, die neben ausreichend Fress- und Trinkplätzen auch Wälz- und Scheuermöglichkeiten ermöglicht, ist schon ein sehr guter Beitrag, um ihr Bedürfnis nach Komfort und Wohlbefinden zu unterstützen“, so Grun.

Fühlen sich die Vierbeiner nicht wohl, führt dies irgendwann zu echten Problemen. „Das sind dann die sogenannten Problempferde, die ich zur Therapie bekomme“, sagt die Expertin. „Ein Pferd, das keine Möglichkeit bekommt, sich nach der Arbeit oder nach einem Regenguss zu wälzen, wird das in seiner Box tun – und sich dann eventuell festliegen oder verletzen. Ein Pferd, das sich nicht an der Schweifrübe scheuern oder am Bauch kratzen kann, macht das vermutlich beim nächstbesten Gegenstand. Ob dieser nun scharfkantig ist oder nicht, kann es nicht einschätzen“, zählt die Ausbilderin mögliche Folgen auf. Generell sei ein Pferd, das sich unwohl fühlt, auch immer frustriert. So könne es nicht lernen und sich nicht gut konzentrieren. „Es ist viel zu viel damit beschäftigt, seinem Bedürfnis nach Wohlfühlen irgendwie nachzukommen, dass es keinen Sinn macht, mit so einem Pferd zu arbeiten“, meint sie.

Schrecktraining macht Pferde nur dann gelassener, wenn Reiter ihnen dabei Sicherheit vermitteln


Gleiches gilt auch für ein Pferd, das nicht zur Ruhe kommt. Kann es sein Bedürfnis nach Entspannung nicht ausleben, ist es nicht aufnahmebereit für das Training. „Das ist wie bei uns Menschen. Sind wir nicht erholt und ausgeruht, sind wir nicht leistungsfähig.“ Im schlimmsten Fall wird das Pferd aggressiv oder krank. „Es stellt sich eine hohe Frustration ein, die wiederum zu den verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten führen kann“, warnt Grun.

Das Ruhen ist wichtig für die Vierbeiner, denn neben der Nahrungsaufnahme verbringen sie damit die meiste Zeit des Tages. Dies geschieht in mehreren kurzen Schlafeinheiten über den Tag verteilt (etwa zwischen fünf und neun Stunden bei erwachsenen Tieren). Das Ruhen wird unterteilt in Dösen und Tiefschlafphasen. „Beim Dösen verbringen sie die Ruhepause im Stehen und entlasten oft ein Hinterbein. Dieser Wach-/ Schlafzustand nimmt 80 Prozent des Ruheverhaltens ein“, erklärt die Pferdetrainerin. Der tatsächliche Tiefschlaf wird in Seitenlage abgehalten und ist wichtig für die psychische Regeneration. „Pferde ruhen nur im Liegen, wenn sie sich sicher fühlen. Als Fluchttiere müssen sie zu jeder Zeit die komplette Umgebung im Blick haben oder einen Artgenossen in ihrer Nähe, der Wache hält.“ Einfluss auf das Ruheverhalten haben neben dem Rang auch die Witterung, die Haltungsform, die Jahreszeit und das Alter. Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung sollte der Mensch daher ebenfalls erfüllen.

Pferde im Offenstall brauchen der Anzahl der Tiere entsprechend ausreichende Liegeflächen, die mit trockener, sauberer Einstreu gebettet sind. Wichtig ist, dass das Lager zum Hinlegen anregt, den Gliedmaßen Schutz vor Verletzungen gewährt und eine Wärmedämmung zwischen dem warmen Körper und dem kalten Boden schafft. „Um dem Pferd das Bedürfnis nach Ruhe zu gewähren, ist gleichzeitig auch das Komfortverhalten des Pferdes zu berücksichtigen. Es legt sich nicht in den eigenen Mist oder auf nasse Einstreu. Somit wird es nicht ruhen, und auch das Komfortverhalten wird gestört“, meint die Expertin.

Ausreichend Raufutter

Probleme können sich ebenso aus dem Ernährungsverhalten ergeben, wenn dieses nicht so naturnah wie möglich gestaltet werden kann. Pferde sind typische Pflanzenfresser. Ihr gesamter Organismus ist darauf ausgelegt, große Mengen an rohfaserreichem, energiearmem Futter aufzunehmen. Wildlebende Pferde widmen sich ca. 16 Stunden am Tag der Nahrungsaufnahme. Geschickt durchsuchen sie mit ihren beweglichen Lippen das Gras und wählen Pflanzen, Kräuter, Beeren, Früchte, Blätter und Wurzeln aus, die schmecken und die sie gerade in der jeweiligen Situation brauchen (Fellwechsel, evtl. Krankheiten). „Wenn wir weidende Pferde, zum Beispiel die Dülmener Wildpferde, beobachten, zeigt sich, dass sie offenbar taunasses Gras bevorzugen. Daraus lässt sich schließen, dass das Pferd von Natur aus ein nächtlich oder gegen Morgen äsendes Tier ist. Auch ist davon auszugehen, dass das sogenannte Nassfüttern natürlichen Bedingungen entspricht“, erläutert Grun.

Um eine naturnahe Fütterung zu ermöglichen, sollte Futter bodennah gegeben werden. Dies entspricht der natürlichen Fresshaltung und verhindert Schlundverstopfungen. Die wichtigste Zutat auf dem Speiseplan unserer Pferde muss neben Gras einwandfreies und in ausreichender Menge vorhandenes Raufutter sein. Wenn aber nur zweimal am Tag Heu gefüttert wird, ergeben sich zu lange Fresspausen. Die Folge sind Zahnprobleme, Verdauungsstörungen, Koliken, Kreuzverschlag oder Hufrehe.

„Auffällig ist, dass in Ställen, in denen zu wenig Raufutter verabreicht wird, mehr Verhaltensauffälligkeiten auftreten als in Ställen mit 24/7-Heufütterung. Aufgrund fehlender Lagermöglichkeiten für Heu, hoher Preise, schlechter Qualität und erhöhtem Arbeitsaufwand wird dann vermehrt Kraftfutter verabreicht. Das ist dann für viele Pferde das Highlight des Tages. Und schon haben wir Verhaltensweisen wie Übererregung, Ersatzbeschäftigungen, Benagen oder andere nach Aufmerksamkeit heischende Verhaltensweisen“, kritisiert die Expertin. Wichtig ist auch, keinen Futterneid entstehen zu lassen, um Verletzungen vorzubeugen, und Pferden die Möglichkeit zu geben, in Ruhe fressen zu können.

Da die Weiden nicht mehr alle Nährstoffe bieten, die die Tiere benötigen, ist es wichtig, je nach Alter, Arbeitsintensität und Stoffwechsel darauf zu achten, ihnen die notwendigen Salze und Mineralien zu verabreichen, die sie für ihre Körperfunktionen brauchen. Außerdem sollte die Kraftfutter- Ration angepasst sein. „Von Unmengen an Fertigfuttermitteln wie industriellem Müsli sollte man absehen. Ich empfehle immer, genau die Zutatenliste zu lesen und sich ggf. durch ein Blutbild zu vergewissern, ob das Pferd einen Mineral-, Vitamin- oder Vitalstoffmangel hat.“ Gut zu wissen: „Eine Erhöhung des Raufutteranteils und eine im Gegenzug verminderte Kraftfuttergabe kann eine wirksame Maßnahme sein, um Problemverhalten vorzubeugen“, sagt sie.

Je mehr der Reiter über das Fressverhalten und die Ernährungsbedürfnisse seines Pferdes weiß, desto mehr kann er unerwünschtem Verhalten (Anknabbern von Holzwänden) oder Verhaltensauffälligkeiten (Bocken, Durchgehen) vorbeugen oder diese gar abstellen. „Bekomme ich ein neues Pferd zum Training, prüfe ich immer als Teil meiner Anamnese ganz genau, wie das Pferd ernährt wird. Dies gibt schon sehr viel Aufschluss über sein Verhalten“, berichtet Grun.

Aggressives Verhalten

Eher selten zeigen Vierbeiner ihren Selbstverteidigungstrieb. „Er zählt, wie auch der Bewegungs-/Flucht- und Ernährungstrieb, zum Selbsterhaltungstrieb der Pferde. Über die Jahre wurden durch Zuchtauslese Tiere mit starkem Selbstverteidigungstrieb ausgemerzt. Zur Selbstverteidigung würden sie sich aber auch heute noch mit Beißen oder Schlagen wehren. Aber erst dann, wenn sie keine Möglichkeiten zur Flucht finden und um Leib und Leben fürchten“, merkt die Verhaltenstherapeutin an. Werden Pferde in die Enge getrieben, können sie mit einem Gegenangriff reagieren. Auch das Buckeln gehört zu den Verteidigungsmaßnahmen.

Eine solche Situation kann ein „Training“ im Roundpen sein, wo ein vermeintlicher „Trainer“ das „dominante“ Pferd unterdrücken möchte, es zu sehr bedrängt oder gar misshandelt. Hier gibt es immer wieder charakterstarke Pferde, die dann zur Gegenwehr ansetzen und den Menschen angreifen. „Das geschieht aber nur, wenn im Vorfeld bereits sehr viel im Umgang und der Arbeit mit diesem Pferd falsch gelaufen ist.“

Die Ursachen für aggressive Verhaltensweisen sind zahlreich. „In meiner Arbeit ist es meist ein Mix aus Haltungs- und Ernährungsfehlern durch den Menschen, auch unpassende Ausrüstungsgegenstände über einen längeren Zeitraum hin. Natürlich auch grobes Verhalten des Menschen gegenüber dem Pferd“, zählt die Trainerin auf.

Pferde nehmen sehr viel hin, von der harten Reiterhand über malträtierende Sporen bis hin zu Gertenmissbrauch. Die Expertin hat festgestellt, dass einige Pferde, die ein aggressives Verhalten zeigen, sich dieses regelrecht antrainiert haben: „Sie haben gelernt, dass beim Drohen mit der Hinterhand oder einem Beißversuch die meisten Menschen Angst bekommen und so vom Training mit dem Pferd absehen. Da Pferde immer lernen, lernen sie auch hier, dass es ihnen ‚Freizeit‘ bringt, wenn Sie ein gewisses Verhalten zeigen.“ Jedoch gibt Susanne Grun abschließend auch Folgendes zu bedenken: „Aggression ist aber grundsätzlich immer ein Hilfeschrei.“

Pferde, die lange in ihren Boxen stehen, zeigen oft Verhaltensauffälligkeiten

Fellpflege betreiben nur Pferde miteinander, die sich mögen


PRAXISTIPPS: SOZIALVERHALTEN NUTZEN

Pferde haben als soziale Wesen von Natur aus ein starkes Bedürfnis nach sozialem Kontakt, gehen gerne Bindungen ein und zeigen Bereitschaft, anderen nachzufolgen. Sie zeigen Sympathien und Antipathien gegenüber anderen Individuen.

Tipp 1: Neue Pferde integrieren Dieses Bedürfnis nach Beziehungen kann sich der Mensch zunutze machen. Pferde lassen sich besser in eine bestehende Herde eingliedern, wenn sie diesen Schritt nicht alleine gehen müssen. Dieses „gemeinsame Schicksal“ der neuen Pferde verbindet sie, wenn auch vielleicht nur für eine kurze Anfangszeit. So gelingt die Integration leichter.

Tipp 2: Intensive Fellpflege Fehlt das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd, kann das Bedürfnis der Fellpflege helfen. Sich gegenseitig zu pflegen, ist für die Pferde immer ein Ausdruck von Zuneigung. Sie kraulen sich auch dann, wenn es keiner Pflege bedarf. Dies hat im Laufe der Verhaltensforschung sogar die Bedeutung eines Freundschaftsbeweises angenommen. „Das Striegeln durch den Menschen empfindetFellpflege betreiben nur Pferde miteinander, die sich mögen das Pferd daher als Zeichen der Zuneigung. „Stärkt die Bindung zu eurem Vierbeiner und putzt und pflegt sie täglich selbst“, empfiehlt Susanne Grun.

Tipp 3: Feedback geben Das Bedürfnis des Pferdes, das Alleinsein zu vermeiden, ist ein stark ausgeprägter Instinkt. Als Herden- und Fluchttier empfindet es erst mal nur in der Herde Schutz und Sicherheit. Das stellt manche Reiter vor Herausforderungen, wenn sie ihr Pferd von der Koppel holen oder alleine ausreiten möchten. „Das Pferd klebt am Stall bzw. der Herde“, weiß die Expertin. Warum tut es das? Weil es sich durch seinen Menschen nicht sicher und beschützt fühlt. Was kann der Pferdebesitzer tun? „Seien Sie zu 100 Prozent im Hier und Jetzt“, rät Grun. „Treffen Sie alle Entscheidungen selbst. Seien Sie dabei Sie selbst. Seien Sie echt. Und emotional. Wenn Sie dem Pferd spiegeln, was richtig (loben) und was falsch (tadeln) in der Arbeit ist und immer ein ehrliches Feedback geben, weiß es immer, woran es ist und fühlt sich sicher. Zeitgleich wird es Sie als Führungspersönlichkeit akzeptieren.“

KEINE LECKERLIS!

Pferde sind Dauerfresser und bewegen sich bei der Nahrungssuche im Schritt vorwärts


Pferde sind Dauerfresser. Das Ernährungsverhalten sollte sich der Mensch aber nicht mit der Gabe von Leckerlis zunutze machen. Futterlob lehnt die Expertin ab. Aus zwei Gründen: Im Gegensatz zum Hund musste das Pferd sein Futter nie jagen. Ein Hund sieht seinen Jagderfolg und damit das Fressen als Belohnung an. Den Pferden stand ihr Futter (Gras) aber schon immer zur freien Verfügung. Das Futterlob sei daher kein Lob und könne vom Pferd nicht als solches erkannt werden. „Natürlich frisst es das Leckerli gerne, es schmeckt ja gut, kein Thema. Aber mit der Gabe von Futter aus der Hand fordern Sie es gerade dazu auf, zu schnappen oder zu drängeln“, gibt Susanne Grun zu bedenken.

Krauleinheiten und lobende Worte stärken die Bindung


WOHLBEFINDEN STÄRKT DIE BEZIEHUNG

Pferde sind Harmonietiere und wollen ihr eigenes Wohlbefinden immer optimieren, frei nach dem Prinzip von Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung. „Pferde tun bestimmte Dinge nicht auf Kommando, nur weil sie uns so sehr lieben oder weil sie uns als Chef anerkennen. Sie reagieren auf bestimmte Signale, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es sich für sie ganz individuell lohnt, darauf zu reagieren“, erklärt Grun. Loben Sie Ihr Pferd, können Sie sich das Bedürfnis nach Nähe, Berührung und Harmonie zunutze machen. Loben Sie mit ihrer Stimme, freuen Sie sich unbändig über das Gezeigte, kraulen Sie an der Mähne oder am Widerrist. „Unsere Pferde mögen körperliche Nähe und Berührung von ihrem Menschen. Ich habe in all den Jahren die Erfahrung gemacht, dass sie dem angenehmen Gefühl, dem Lob, nacheifern und immer danach streben, es zu erhalten“, so Grun.

RUHEPAUSEN IM TRAINING

Schlafen und Ruhephasen sind wichtig. Hier findet latentes Lernen statt


Das Bedürfnis nach Ruhe können Sie in Ihrem Training nutzen. „Ein aufgeregtes oder nervöses Pferd soll erst einmal zur Ruhe kommen können. Es wird immer bei mir Ruhe finden. Longiere ich Jungpferde an oder korrigiere sogenannte Problempferde, baue ich extrem viele Ruhepausen ein. In diesen Pausen kann das Pferd, das vielleicht noch angespannt oder skeptisch ist, durchatmen, sich wieder besinnen und nachdenken“, sagt Susanne Grun. Versteht ein Pferd eine Aufgabe nicht, hilft es, ihm einen Tag Pause zu gönnen. Meist hat es am darauffolgenden Tag die Aufgabe verstanden und führt sie problemlos aus. „Wir Verhaltenstherapeuten nennen das ‚latentes Lernen‘. Auch beim Stehen neben mir in der Pause, während ich es ausgiebig kraule und lobe, nutze ich sein Bedürfnis nach Ruhe und Nähe.“

UNSERE EXPERTIN

SUSANNE GRUN hat Pferdepsychologie und Pferdeverhaltenstherapie studiert. Die diplomierte Expertin aus Rosenheim arbeitet seit Jahren als Pferdetrainerin, bildet seit 2018 Bodenarbeitstrainer aus und bietet Einzelcoachings/Kurse an zum Thema Bodenarbeit, Angst beim Reiten, Yoga und Reiten uvm. www.horselearningbysusn.com


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