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INTELLIGENZ: Eine Frage der Intelligenz


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 08.03.2019

KOGNITION Das aussagekräftigste Persönlichkeitsmaß, das wir kennen, ist die Intelligenz. Ohne sie helfen auch Motivation, Ausdauer und Einfühlungsvermögen nur begrenzt im Leben weiter.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 4/2019

PHOTOCASE / DAVID-W

Die oben stehenden Beispiele enthalten unterschiedliche Elemente – eines ist sprachlicher Art, ein anderes numerisch, das dritte visuell-räumlich. Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass hier aus Bekanntem logische Schlüsse gezogen werden müssen. Schlussfolgerndes Denken, also die Generierung von neuem aus bestehendem Wissen, gilt als Kern menschlicher Intelligenz. Daher ist »Analogien finden« eine typische ...

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... Aufgabe in IQ-Tests.

Das stellt hohe Anforderungen an unser Arbeitsgedächtnis. Denn die gesamten Informationen müssen zunächst gespeichert, ihre Elemente miteinander verglichen und irrelevante Aspekte außer Acht gelassen werden. Parallel dazu muss man mögliche Lösungen erwägen und auf ihre Richtigkeit prüfen.

Zum Beispiel: Zwischen den Wörtern Wald und Baum besteht eine Beziehung, die auf ein weiteres Wortpaar übertragen werden soll. Dabei ist der erste Begriff (Wiese) vorgegeben. Hat man nun die Wahl zwischen Gras, Heu, Futter, Grün, Weide, so könnte man denken: Die gemeinsame Farbe von Wald, Baum und Wiese ist grün! Diese Wahl wäre jedoch falsch, da es nicht um die Gemeinsamkeit der drei Wörter geht, sondern um die Gemeinsamkeit der Beziehung zwischen den Wortpaaren. Das zu erkennen, erfordert eine zusätzliche Abstraktionsstufe.

Wiese steht allerdings auch zu den anderen Begriffen in enger Beziehung. Solche Überlegungen gehen aber ebenso in die falsche Richtung, da sie nichts mit der Beziehung zwischen Wald und Baum zu tun haben. Intelligente Menschen erkennen, dass Wald durch die Existenz von Bäumen definiert ist, so wie die Wiese durch die Existenz von Gras. Die Herausforderung bei dieser Aufgabe besteht also darin, gewisse Assoziationen zu hemmen und die abstrakte Beziehung »wird definiert durch« zu aktivieren.

Wie gut jemand bei so unterschiedlichen Aufgaben abschneidet, hängt statistisch eng zusammen. Das heißt, es macht keinen großen Unterschied, ob schlussfolgerndes Denken auf numerischer, sprachlicher oder räumlichvisueller Basis erfasst wird. Bereits vor mehr als 100 Jahren hat der US-amerikanische Psychologe und Intelligenzforscher Charles Spearman die Gemeinsamkeit unterschiedlicher Intelligenzaufgaben auf einen g-Faktor zurückgeführt: die generelle kognitive Leistungsfähigkeit (siehe »Eine kurze Geschichte des IQ«, S. 16). Dieses Maß beschreibt, wie ähnlich eine Person über verschiedene Aufgabenbereiche hinweg abschneidet.

UNSERE EXPERTEN

Elsbeth Stern ist Psychologin und Professorin für Lehr-Lern-Forschung an der ETH Zürich.Aljoscha Neubauer ist Professor für Differentielle Psychologie an der Universität Graz (Österreich).


CHRISTIAN WIND

Nadelöhr Arbeitsgedächtnis

In den letzten Jahren machten Forscher große Fortschritte dabei, die Intelligenz im Drei-Speicher-Modell der menschlichen Informationsverarbeitung zu verorten. Das Arbeitsgedächtnis – jene Instanz, die zwischen der eingehenden Information und dem im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissen vermittelt – ist am zielgerichteten Handeln und schlussfolgernden Denken entscheidend beteiligt. Es hat hierbei vier Funktionen zu erfüllen: Es muss eingehende Informationen verfügbar halten, vorhandenes Wissen aus dem Langzeitgedächtnis aktivieren, nicht Benötigtes hemmen und das Ziel im Blick behalten. Bei allen Aufgaben, die diese Funktionen erfassen, schneidet eine Person ähnlich gut ab wie in einem IQ-Test. Obwohl es zu kurz gegriffen wäre, die Intelligenz eines Menschen allein auf sein Arbeitsgedächtnis zurückzuführen, hat Letzteres großen Einfluss auf die Lern- und Denkfähigkeit.

Ähnliche Anforderungen wie bei Intelligenztests stellen sich beim schulischen Lernen. Um einen Text zu verstehen, muss man die übergeordnete Frage präsent haben, sonst verliert man den roten Faden. Wer etwa eine mathematische Textaufgabe lösen soll, muss von der Situation abstrahieren können und die Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen begreifen. Naturwissenschaftliche Kompetenzen fußen ebenso auf abstrakten Konzepten, die man auf verschiedene Fälle anwenden muss, etwa um die Gemeinsamkeit von Begriffen wie Batterie und Stausee einzusehen (beide speichern Energie). Gleiches gilt für das abwägende Denken: Was spricht für und was gegen eine bestimmte Erklärung? Welche Variablen muss man bei einem Experiment variieren und welche konstant halten? Auch hier geht es darum, bestimmte Informationen im Hinterkopf zu behalten, zu vergleichen, zu deaktivieren und immer wieder zu prüfen, ob man auf der richtigen Spur ist. Nicht anders beim Fremdsprachenlernen: Grammatikregeln und Vokabeln müssen beim Lesen oder Sprechen integriert werden, während man die dominante Erstsprache gleichzeitig ausblendet – sonst funken »falsche Freunde« dazwischen wie in dem Satz: »When will I become my lasagne?«

Intelligenztests erfassen geistige Fähigkeiten, die im Alltag selten so isoliert zu betrachten sind. Dennoch hängt der IQ eng mit den Leistungen in Schule, Berufsausbildung oder Studium zusammen. Zudem gestalten Menschen mit hoher Intelligenz meist ihr Leben besser: Sie ernähren sich zum Beispiel gesünder, schätzen Risiken realistischer ein und lassen sich von einer Krise nicht so leicht aus der Bahn werfen.

Dass Intelligenzunterschiede oft in den Genen wurzeln, belegen viele Zwillingsuntersuchungen. Bei der Intelligenz handelt es sich um ein polygenetisch, also durch viele Gene vererbtes Merkmal mit einer großen so genannten Reaktionsnorm. Das bedeutet, dass Umweltfaktoren bei der Entwicklung der Intelligenz eine beträchtliche Rolle spielen. Dabei gilt: Je ähnlicher die Umwelt, desto stärker schlagen genetische Einflüsse durch. Würde unsere Gesellschaft allen Mitgliedern optimale Bedingungen zur Intelligenzentwicklung bieten, wären nahezu 100 Prozent der Unterschiede in diesem Merkmal durch Genvariationen erklärbar. So zeigte ein Forscherteam um Eric Turkheimer in einer Studie, dass Umweltfaktoren rund 60 Prozent der Intelligenzunterschiede zwischen ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellten Familien bedingten, während die genetischen Einflüsse nahezu gleich null waren. Betrachtete man jedoch nur wohlhabende Familien, war es fast umgekehrt: Die Umwelteffekte waren hier minimal, und beinahe alle IQ-Unterschiede gingen auf Genvariationen zurück.

Obwohl diese zentralen Befunde der Intelligenzforschung über Jahrzehnte immer wieder bestätigt wurden, fällt es vielen Menschen – teils auch ausgebildeten Psychologen – schwer, sie zu akzeptieren. Eine beliebte Abwehrstrategie besteht darin, nach Eigenschaften zu suchen, die für den schulischen oder beruflichen Erfolg ebenso wichtig oder sogar wichtiger sind als der IQ. Das ist an sich legitim und zeugt von einem lebendigen wissenschaftlichen Diskurs. Beispielsweise ergaben Studien, dass auch das Vorwissen von Menschen gewisse Leistungsunterschiede erklären kann. Eine weniger intelligente Person mit viel Vorwissen oder praktischen Erfahrungen erzielt daher häufig eine bessere Leistung als jemand mit dem umgekehrten Profil. Das wurde etwa fürs Schachspielen gezeigt, das zwar anspruchsvoll ist, aber nicht so abstrakt, dass nur sehr intelligente Menschen es sich erschließen könnten. Solche Befunde lassen sich dennoch nicht einfach auf andere Gebiete übertragen: Einen unterdurchschnittlich intelligenten theoretischen Physiker wird man schwerlich finden.

Wenn es darum geht, Neues zu lernen oder bestehendes Wissen auf andere Gebiete zu übertragen, haben intelligente Menschen gegenüber weniger intelligenten Vorteile. Der Einfluss von spezifischem Vorwissen stellt also nicht die Rolle der Intelligenz in Frage. Er macht vielmehr deutlich, dass sie ihre Wirkung nur über den Erwerb und das Nutzen von Wissen entfaltet.

Die Inflation der Intelligenzen

Manche versuchen auch, den Einfluss der Intelligenz zu relativieren, indem sie die Bedeutung anderer nichtkognitiver Eigenschaften hervorheben. So wird der Intelligenzbegriff häufig erweitert auf sportliche, soziale oder musische Fähigkeiten, selbst von spiritueller oder sexueller Intelligenz hört man bisweilen. Besonders verbreitet ist das Konzept der emotionalen Intelligenz, die analog zum IQ das Label »EQ« trägt. Wissenschaftlich fragwürdig ist daran nicht die Suche nach zusätzlichen Einflüssen auf den schulischen und sonstigen Erfolg von Menschen. Niemand stellt in Frage, dass intelligente Personen unterschiedlich empathisch oder sozial geschickt sein können oder sich manche vielleicht durch eine mangelnde Impulskontrolle auszeichnen. Und natürlich gibt es auch im Sport oder in der Kunst bewundernswürdige Leistungen, die Intelligenztests nicht gut erfassen. Wer jedoch den Eindruck erweckt, die genannten Eigenschaften ließen sich mit der gleichen Güte und Verlässlichkeit messen und erlaubten ebenso gute oder sogar bessere Vorhersagen wie die Intelligenz, der betreibt Etikettenschwindel.

Kein anderes psychologisches Persönlichkeitsmerkmal steht annähernd auf so seriösen Grundlagen wie die Intelligenz. Es ist nicht verboten, weitere »Intelligenzen « auszurufen – allerdings sollten wir uns vor Trittbrettfahrern innerhalb und außerhalb der Psychologie hüten, die die kognitive Intelligenz als Deckmantel nutzen, um eigene, teils mit kommerziellen Interessen verbundene Ideen zu verbreiten.

Unter Laien wie Psychologen beliebt ist auch die Vorstellung, die Motivation von Menschen könne Leistungsunterschiede besser erklären als deren Intelligenz. Angela Duckworth von der University of Pennsylvania in Philadelphia betont beispielsweise, dass Ausdauer und Leidenschaft, englisch: »grit«, für den Lebenserfolg oft ausschlaggebender seien (siehe Gehirn&Geist 6/2018, S. 12). Ohne die Ergebnisse ihrer Studien anzuzweifeln, muss man deren Geltungsbereich jedoch einschränken. An Duckworths Untersuchungen nahmen überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler teil; die dadurch bedingte geringe Varianz der IQ-Unterschiede reduzierte naturgemäß auch den Einfluss der Intelligenz auf die Schulleistung. Diese wurde zudem durch eher einfache Kompetenzen wie Bruchrechnen oder Buchstabieren erfasst – Dinge, die für die Teilnehmer nicht übermäßig anspruchsvoll waren. Folglich können hier weniger intelligente Probanden, die jedoch fleißig üben, mit den intelligenteren gleichziehen. Daraus lässt sich nicht ableiten, Fleiß und Durchhaltevermögen seien wichtiger als Intelligenz, wenn es darum geht, größere Hürden in Ausbildung und Studium zu nehmen. Sobald schwierigere, abstrakte Konzepte ins Spiel kommen, machen sich Intelligenzunterschiede stärker bemerkbar.

Selbst unter Höchstbegabten mit einem IQ weit jenseits von 140 zeigte sich, dass IQ-Unterschiede den beruflichen Erfolg bestimmen. Das oberste Viertel dieser sehr intelligenten Probanden stand in einer Studie von Matthew Makel und Kollegen von der Duke University in Durham (USA) besser da als das unterste: Die Betreffenden hatten eher einen Doktortitel, hielten mehr Patente oder bekleideten häufiger Führungspositionen.

Bei Studierenden der Fächer Physik, Mathematik und Maschinenbau an der (als anspruchsvoll bekannten) Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich beeinflusste der IQ ebenfalls stark die Prüfungsergebnisse nach dem ersten Studienjahr. Dies berichtete eine von uns (Stern) zusammen mit Michal Berkowitz 2018. Etwa ein Viertel der Untersuchten konnte als hochbegabt gelten, kaum ein Student hatte einen IQ unter 120. Die Botschaft aus beiden Studien lautet: Selbst bei eingeschränkter Varianz erklärt die Intelligenz Leistungsunterschiede auf anspruchsvollen Gebieten.

Motivation allein genügt nicht

Dies stellt die Bedeutung von Motivation und Ausdauer nicht grundsätzlich in Frage. Anspruchsvolle Inhalte können sich auch intelligente Menschen kaum nebenbei aneignen. Diszipliniertes Arbeiten, das oft mit dem Verzicht auf kurzfristige Belohnung einhergeht, ist dafür unabdingbar. Nur lässt sich mit Motivation allein eben nicht alles erreichen. Mit einem unterdurchschnittlichen IQ ist ein Physik- oder Mathematikstudium kaum zu bewältigen – Ansporn hin oder her. Idealerweise sollte daher jeder vor einer Ausbildungs- und Berufswahl wissen, welches Maß an Anstrengungsbereitschaft nötig ist, um das jeweilige Ziel zu erreichen.

Tatsächlich ist es weder sinnvoll noch wissenschaftlich haltbar, Motivation und Intelligenz als Konkurrenten zu betrachten. Es handelt sich um zwei Faktoren, die auf unterschiedliche Weise zu einer Leistung beitragen. Während die Intelligenz ein stabiles, situationsunabhängiges Merkmal darstellt, ist Motivation eher an den momentanen Zustand der Person und an die äußeren Umstände gebunden. Die oft zitierte Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation – ob man etwas aus Liebe zur Sache oder für Belohnungen wie Geld oder Lob tut – stellt ein Kontinuum dar: Wer etwa eine Doktorarbeit um ihrer selbst willen schreibt, muss dennoch über weite Strecken Dinge tun, die wenig motivierend sind. Sich trotzdem »aufzuraffen «, ist eine Kompetenz, die man erwerben kann und zu der Eltern sowie Lehrer beitragen können. Laut der Selbstbestimmungstheorie der Psychologen Edward Deci und Richard Ryan motiviert es Menschen, wenn sie ihre eigene Kompetenz, ihre Autonomie und soziale Anbindung erleben. Gelingt es Lehrern, dies bei der Gestaltung von Lerngelegenheiten zu berücksichtigen, steigt die Anstrengungsbereitschaft auch unter jenen Schülern, die »von sich aus« nicht übermäßig für ein Thema brennen.

Ein großer Irrtum mancher Lehrer besteht darin zu glauben, ihre Schülerinnen und Schüler seien nur dann zum Lernen bereit, wenn sie bereits mit hoher intrinsischer Motivation in den Unterricht kommen. Umgekehrt können Lehrer durch schlechten Unterricht viele positive Erwartungen zunichtemachen und Schüler mit hoher Lernbereitschaft vergraulen. Die Botschaft lautet also: Anders als Intelligenz ist Motivation kein überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, sondern beschreibt die kurzfristig beeinflussbare Handlungs- und Anstrengungsbereitschaft. Mehr oder weniger motiviert ist man nicht generell, sondern immer auf ein bestimmtes Ziel bezogen. Der Satz »Eva ist überdurchschnittlich intelligent « ist ohne weiteren Kontext sinnvoll, »Eva ist überdurchschnittlich motiviert« dagegen nicht.

Motivation und Anstrengungsbereitschaft beeinflussen unsere Ziele, unsere Entscheidungen und unser Verhalten. Dabei ist jede Entscheidung für etwas zugleich eine Entscheidung gegen etwas anderes. Hört man in der Vorlesung aufmerksam zu oder tippt auf dem Smartphone unter dem Tisch? Das hängt stark davon ab, ob man aus dem Vortrag für sich Gewinn ziehen kann. Natürlich spielt dabei die Qualität des Vortrags eine Rolle, aber auch die kognitiven Voraussetzungen des Zuhörers sind wichtig. Lässt sich das Gehörte an bestehendes Wissen anknüpfen, erweitert oder korrigiert es dieses? Hier machen sich unweigerlich Intelligenzunterschiede bemerkbar, denn intelligentere Menschen verfügen im Schnitt über mehr und über besser vernetztes Wissen als weniger intelligente. Und selbst wenn man kein detailliertes Wissen auf einem Gebiet hat, hilft Intelligenz dabei, Beziehungen herzustellen, die anderen entgehen.

Wer auf Grund fehlenden Wissens und niedriger Intelligenz nicht in der Lage ist, neues (wie auch immer es präsentiert wird) in vorhandenes Wissen zu integrieren, der wird kaum die nötige Motivation dafür aufbringen. Der Betreffende erlebt weder Kompetenzzuwachs noch Autonomie und fühlt sich im Lernkontext fremd. Um Menschen solche Erfahrungen zu ersparen, gilt es bei der Berufs- und Ausbildungswahl im Zweifel stärker die eigenen Fähigkeiten als die Interessen zu gewichten (siehe Literaturtipp unten).

Inzwischen erklären zahlreiche große Schul- und Unterrichtsstudien, wann und warum sich Schüler im Lernerfolg unterscheiden. Wichtig ist dabei die Qualität der Rückmeldung durch die Lehrenden sowie der Einsatz von geistig aktivierenden Lernformen, die die Schülerinnen und Schüler wirklich zum Nachdenken anregen. Doch gerade bei hoher Unterrichtsqualität zeigt sich konsistent: Individuelle Voraussetzungen wie Intelligenz und Vorwissen erklären die Unterschiede im Lerngewinn besser als der jeweilige Unterricht selbst. Das heißt, auch bei sehr gutem Unterricht wird ein Schüler mit ungünstigen Voraussetzungen sich zwar verbessern, jedoch nicht mehr dazulernen als ein Schüler mit besseren Voraussetzungen, aber schlechtem Unterricht. Die pädagogische Qualität bestimmt mit darüber, wie gewinnbringend Lernende ihre Intelligenz in den Erwerb von Kompetenzen investieren können. Lehrende haben ihren Job also gut gemacht, wenn alle etwas dazulernen. Nur sind gerade dann Leistungsunterschiede vor allem eine Frage der Intelligenz.

Lesen Sie ab S. 22 in diesem Heft, warum wir bei der alltäglichen Lebensgestaltung mehr auf unsere Gaben und Talente achten sollten als auf kurzlebige Interessen.

Auf einen Blick: Und sie zählt doch!

1 Intelligente Leistungen zeigen sich auf verschiedenen Gebieten, etwa im Umgang mit Zahlen, Sprache oder Formen. Ein gemeinsamer Nenner, der generelle IQ-Faktor, gründet in der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses.

2 Laien, aber auch Forscher halten mitunter andere Eigenschaften wie die Motivation oder die Willenskraft eines Menschen für wichtiger im Leben als den IQ. Doch kein anderes Maß hängt enger mit dem Bildungs- oder Berufserfolg zusammen als die Intelligenz.

3 Auch nichtkognitive Faktoren wie etwa das Einfühlungsvermögen werden manchmal als »Intelligenz« bezeichnet. Allerdings ist der IQ das am besten erforschte Persönlichkeitsmerkmal, das die Psychologie kennt.

LITERATURTIPP

Neubauer, A.: Mach, was du kannst. DVA, München 2018Wissenschaftlich fundiertes Plädoyer dafür, bei der Berufs- und Studienwahl kognitive Fähigkeiten stärker zu gewichten als Interessen

QUELLEN

Berkowitz, M., Stern, E.: Which Cognitive Abilities Make the Difference? Predicting Academic Achievements in Advanced STEM Studies.In: Journal of Intelligence 6, 48, 2018

Makel, M. et al.: When Lightning Strikes twice: Profoundly Gifted, Profoundly Accomplished.In: Psychological Science 27, S. 1004–1018, 2016

WEBLINK

Mehr zum Institut für Lehr- und Lernforschung:

Weitere Quellen im Internet:www.spektrum.de/artikel/1623830

KURZ ERKLÄRT:

ARBEITSGEDÄCHTNIS

Speicher von eng begrenzter Kapazität, der Informationen vorübergehend mental präsent hält. Gilt als wichtige Basis des generellen Intelligenzfaktors.

ERBLICHKEIT

Fast jede psychologische Eigenschaft ist sowohl genetisch als auch durch Umweltfaktoren bedingt. Hält man Letztere konstant, etwa indem man Probanden aus derselben Umwelt vergleicht, gewinnen die Gene automatisch an Bedeutung. Wie erblich Intelligenz ist, hängt also von der Stichprobe ab.

KORRELATION

Statistisches Maß zwischen –1 und 1, das angibt, wie sehr zwei Variablen miteinander variieren. Bei 0 besteht kein Zusammenhang, bei (–)1 ein perfekter. Die IQ-Werte einer Person bei wiederholter Messung korrelieren mit zirka 0,7 – was für die hohe Güte der Tests spricht.