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INTELLIVISION AMICO GROSSE RETRO-HOFFNUNG, TIEF GEFALLEN


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Games Aktuell - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 19.10.2022
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Bildquelle: Games Aktuell, Ausgabe 11/2022

DStellt euch eine Heimkonsole vor, die alle Vorzüge einer modernen Plattform bietet, dabei aber euren Retro-Hunger befriedigt: Grafisch aufgehübschte Neuauflagen absoluter Atari- und Mattel-Klassiker wie Moon Patrol, Asteroids oder Warlords werden von brandneuen Spielen im Stile der 80er und 90er begleitet. Evel Knievel und sein Motorrad sind ebenso mit dabei wie Finnigan Fox und die Glücksbärchis. Natürlich bedeutet das auch, dass die Konsole in vollem Umfang familienfreundlich ist, denn jedes der Spiele ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet; manche sogar ab sechs Jahren. Und das allerbeste: Keines der Spiele soll mehr als zehn Euro kosten, während die Konsole für gerade einmal 180 Euro zu haben ist – und das wird vom Hersteller sogar in seinen „10 Gaming-Geboten“ festgehalten! Habt ihr bereits Lust, das Ding anzuschmeißen und eine Runde Retro-Spaß zu erleben? Kein Wunder, wir sind selbst ganz ...

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... begeistert von den Versprechen. Die Super-Konsole der Stunde trägt den Namen Intellivision Amico und stellt den geistigen wie technischen Nachfolger der Intellivision aus dem Jahr 1979 dar. Dessen nicht genug, ist für das Projekt niemand anderes als Tommy Tallarico verantwortlich, der Macher von „Video Games Live“. Richtig, DAS Video Games Live! Warum also empfehlen wir euch an dieser Stelle nicht, alles stehen und liegen zu lassen und euch eine Vorbestellung zu sichern? Nun, ein paar der Gründe dafür sind, dass die Konsole bereits am 10. Oktober 2020 hätte in den Läden stehen sollen, heutzutage bis zu 340 Euro kostet, ihre Spiele nicht mehr exklusiv sind und das Gerät eine Weile lang nur gegen eine Vorauszahlung von 100 Euro überhaupt vorbestellbar war. Was das alles mit Hass im Internet, billigster Hardware und dem FilmFernsehFonds Bayern, sowie in Bamberg gefertigten NFTs zu tun hat erfahrt ihr jetzt!

Ihr habt es sicher bereits erraten: Bei der ganzen Sache gibt es ein paar massive Probleme, die wir in dieser Reportage beleuchten wollen. Dabei beginnen wir mit der Prämisse und den wichtigsten Informationen hinter der Intellivision Amico und wie sie zu Beginn konzipiert war, gehen danach zu Gründer Tommy Tallarico über und schauen uns im Anschluss an, wie sich das Projekt über die Zeit verändert hat. Als Letztes nehmen wir die Finanzierung des Projekts in Augenschein und erklären, warum es extrem unwahrscheinlich ist, dass die Intellivision Amico jemals auf dem Markt erscheinen wird.

DIE ERSTE 16-BIT-KONSOLE

Im Jahr 1979 stellte die 16 Bit starke Intellivision den direkten Konkurrenten zum erfolgreichen Atari 2600 dar. Im Vergleich zum Ein-Button-Joystick des Atari wies die Intellivision geradezu revolutionäre Controller auf: Die per Kabel mit der Konsole verbundenen Eingabegeräte besaßen nicht nur ein nummerisches Tastenfeld von 0 bis 9, samt Löschen- und Eingabe-Knöpfen, sondern auch jeweils Schultertasten auf den gegenüberliegenden Seiten des Controllers. So wurde auch linkshändigen Spielern ein flüssiger Gaming-Genuss ermöglicht. Dessen nicht genug wartete die Intellivision mit einem kreisförmigen D-Pad auf, das 16 Richtungen unterscheiden und damit sowohl als Steuerkreuz als auch als Paddel benutzt werden konnte. Zur Erklärung für Uneingeweihte: Als Paddel bezeichnet man die Drehscheiben, mit denen damals zum Beispiel einfache Titel wie Pong gespielt wurden.

Aufmerksame Spieler haben bestimmt bereits festgestellt, dass Intellivison seiner Kontrolldisk Nintendos D-Pad um drei Jahre zuvorkam. Die Japaner erfanden das kreuzförmige D-Pad mit der Game&Watch-Variante von Donkey Kong im Jahr 1982. Als Sahnehäubchen gab es für die Intellivision spezielle Plastikkärtchen, die man über das Tastenfeld schieben und auf diese Weise direkt erkennen konnte, welche Taste mit welcher Aktion belegt wurde. Später bekam die Konsole mit dem „Intellivoice“-Zusatzmodul sogar eine waschechte Sprachausgabe verpasst. Nun ja, immerhin in fünf Spielen. Ein amüsantes Detail nebenbei: Heute taucht der Intellivision-Controller regelmäßig in der Top 3 der schlechtesten Controller aller Zeiten auf. Die 16-fache Richtungseingabe war extrem hakelig. Trotzdem: Die Intellivision und ihre Controller zeigten uns Jahre vor dem NES, wie moderne Videospielkonsolen später einmal aussehen würden und gilt deshalb zu Recht als ein Meilenstein der Videospielgeschichte Wer will, kann sogar versuchen, eine der unzähligen Plug&play-Minikonsolen zu ergattern, welche die Intellivision über die Jahre hinweg inspirierte: Das „Intellivision 10 Game System“ stellt einen direkt in den Fernseher steckbaren Controller mit 10 Spielen dar, während die berühmte „Intellivision Flashback“ praktisch die NES-Mini-Variante der Mattel-Konsole darstellt: 60 Spiele, Originalcontroller und authentisches Aussehen mit inbegriffen. Wir könnten an dieser Stelle noch viel, viel mehr über die legendäre Konsole erzählen, doch das würde den Rahmen sprengen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur: Die Intellivision liegt vielen Leuten am Herzen, weshalb die Diskussion um das Projekt Intellivision Amico auch so emotional aufgeladen ist.

EINE KONSOLE FÜR JUNGE UND ALTE SPIELER

Das Konzept der Intellivision Amico ist an sich schnell erklärt, denn die Plattform soll eine nicht ganz originalgetreue Neuauflage der ursprünglichen Intellivision von Mattel werden. Die Konsole eifert ihrem Vorbild in vielen Dingen nach: Das Aussehen orientiert sich zumindest in den Grundzügen am Original, sie besitzt ab Werk zwei Controller und die Gamepads ähneln den Original-Controllern. Mit drei wichtigen Unterschieden: Sie sind kabellos, besitzen eine präzisere Steuerung und das Tastenfeld wurde durch einen LCD-Touchscreen ersetzt. Ein Mikrofon samt Lautsprecher und Force-Feedback komplettieren die Features des Amico-Controllers. Und ja: Die Controller sind immer noch für Rechts- und Linkshänder gleichermaßen geeignet.

Die Konsole an sich sollte bei ihrer Vorstellung 180 Euro kosten, während keines der Spiele einen Preis von zehn Euro übersteigen sollte. Die Intellivision Amico sollte zudem eine familienfreundliche Konsole werden, jedes auf der Amico erhältliche Spiel muss laut Vorgaben eine ESRP-Wertung von E bis maximal E10+ erhalten. Das Electronic Software Rating Board nimmt in Amerika eine ähnliche Stellung wie hierzulande die USK ein; die Bewertung entspricht in etwa den Freigaben ab 6 Jahren und ab 10 Jahren. Weitere Vorgaben wie „Spiele müssen 2D oder 2,5D sein“, „Spiele müssen mit sehr wenig Anleitung spielbar sein“ und „Spiele müssen Intellivision-exklusiv sein“ finden sich in den von Tommy Tallarico selbst verfassten „10 Geboten des Spieledesigns“.

Allem Anschein nach ist die Intellivision Amico in der Tat sein Herzensprojekt. In einem Interview mit der Website Venturebeat teilte Tallarico seine Erfahrungen mit der Intellivision: „Ich habe sie mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder gespielt. Wir konnten es alle verstehen. Wir mussten kein Handbuch lesen oder 50 Stunden spielen, um ein Spiel zu beenden. Unsere Zielgruppe ist der Nichtspieler, die Familie. Wir wollen Einfachheit. Es gibt kein System, bei dem Jung und Alt und Nichtspieler gemeinsam zu Hause spielen können. Die Leute spielen zwar auf dem Handy, aber es ist immer noch eine sehr einsame Erfahrung.“

Das sind ganz schön viele positive Worte für eine Konsole, vor der wir euch im Endeffekt warnen möchten. Unsere Einleitung ist so lange, weil wir glauben, dass Tallarico eine gute Idee hatte, die durch Fehlentscheidungen und einen schlechten Umgang mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln begraben wurde. Hinzu kommt, dass Tallarico gerne und oft seine Meinung im Netz zum Besten gibt und dabei nicht zimperlich vorgeht.

PR-PROBLEME UND KONFRONTATION

Der Unternehmer und Komponist Tommy Tallarico hat einen bewegten Lebenslauf, der ihn wie geschaffen für die Neuauflage einer klassischen Konsole macht: Nachdem er im Jahr 1992 als Spieletester bei Virgin Interactive begann und unter anderem an Aladdin, The Terminator, The 7th Guest und Cool Spot arbeitete, brachte er zwei Sammelalben mit Videospielmusik auf den Markt – neben dem Spielen war und ist Musik seine große Leidenschaft. Im Jahr 1994 komponierte er für Shiny Entertainment den Soundtrack zu Earth Worm Jim und drei Jahre später den Soundtrack für Shinys erstes PC-Spiel MDK. Im Jahr 2002 gründete Tallarico das Unternehmen Mystical Stone Entertainment, aus dem wenig später die inzwischen bekannte Show Video Game Live hervorging. Kurz darauf gewann seine orchestrale Komposition für Advent Rising im Jahr 2005 mehrere Preise. Heute steht Video Games Live mit fast 360 erfolgreichen Videospielkonzerten im Guiness-Buch der Rekorde. Im Mai 2018 gründete Tommy Tallarico Intellivision Entertainment, das die Lieblingskonsole seiner Kindheit mit neuem Leben erfüllen sollte. Tallarico besitzt also gute Kontakte in die Spieleindustrie, einen Hintergrund in der Entwicklung, das Wissen um und die Kompetenz für die Organisation enormer Projekte. Und er verfügt über Erfahrungen mit der Original-Intellivision. Und das nicht via Kauf eines Ebay-Relikts, sondern als Zeitzeuge. Was ist also das Problem?

Die Krux ist nicht Tommys Kompetenz, sein Lebenslauf spricht für sich. Stattdessen sorgten seit Beginn der Amico-Kampagne Tallaricos Mitteilungsbedürfnis sowie seine Einstellung und Reaktionen auf Kritik für Schwierigkeiten. Wer Beispiele sucht, begibt sich einfach in das AtariAge-Forum und sucht dort nach den Kommentaren Tallaricos. Der Unternehmer liefert sich dort gerne seitenlange und emotional aufgeladene verbale Schlagabtäusche. Das ist für den Präsidenten einer Firma nie eine gute Idee, doch es wird noch unangenehmer: In einer Serie gelöschter Posts bezeichnete Tallarico seine Kritiker allem Anschein nach als „mental herausgefordert“, „Trottel“, „geistig instabil“ und „Idioten“. In einem inzwischen berühmten Post verglich er „ungerechtfertigte Kritik“ an seinem Projekt mit „Spiele-Rassismus“ und griff seine Kritiker persönlich an, indem er ihnen unterstellte, „auch privat schlechte Menschen“ zu sein. Im Dezember 2021 wurde der Amico-Bereich des AtariAge-Forums durch die Administratoren geschlossen, bis, wir zitieren: „[...]die Amico tatsächlich auf den Markt kommt und in die Hände der Kunden gelangt.“ Zudem wurde das Verhalten Tommys mit für die Schließung verantwortlich gemacht, der in seinem letzten Post in einem Atemzug Kritiker beschimpfte und gleichzeitig angab: „Es ist am besten, wenn wir versuchen, das Drama aus AtariAge herauszuhalten.“ Zumindest Letzteres erreichte er.

Dessen nicht genug, folgt Tallarico auf seinem Twitter-Profil, für jeden öffentlich einsehbar, bekannten US-konservativen White-Supremacy-Größen wie Tomi Lahren und Dan Crenshaw. Beide fielen durch despektierliche Äußerungen in Bezug auf Einwanderer auf. An dieser Stelle haken wir ein und bemerken, dass man auf seinem Twitter-Profil natürlich grundsätzlich jedem folgen darf, dem man folgen möchte. Tallarico vergisst dabei aber seine Position als Unternehmenspräsident. Man kann es nicht oft genug sagen: In dem Moment, in dem ein CEO oder Präsident einer Firma persönliche politische Meinungen äußert, die seinem Unternehmen Schaden zufügen, oder sich auf eine lautstarke, persönliche Diskussion einlässt, schmilzt die Kompetenzvermutung dahin wie Eis in der Sonne. Zur Erklärung: Kompetenzvermutung stellt in der Öffentlichkeitsarbeit die Annahme des Kun- den dar, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen „kompetenten Partner“ anstelle eines „Lieferanten“ handelt. In dem Moment, in dem der Präsident eines gegebenen Unternehmens ausfällig wird, gibt es immer einen Kundenteil, der die Kompetenzvermutung verliert. Und um fair zu sein: Tommy Tallarico wurde allem Anschein nach mehr als nur ausfällig. Er wurde verletzend.

Ein anschauliches Beispiel für Tallaricos Umgang mit Problemen stellt seine Reaktion auf die vorzeitige Veröffentlichung der technischen Spezifikationen der Intellivision Amico dar. Das Ganze basierte auf einem Fehler von Intellivision Entertainment selbst, denn am 14. Juni 2021 vergaßen die zuständigen Entwickler offensichtlich, ihr Development-Portal zu schützen, sodass für kurze Zeit jeder, der Zugang zum Internet besaß, einfach zugreifen und alles herunterladen konnte. Nachdem die Spezifikationen in einer Archiv-Seite verewigt waren und Intellivision-Entertainment die Lücke mit Höchstgeschwindigkeit gestopft hatte, machte sich die Website Arstechnica an die Arbeit und veröffentlichte einen langen Artikel, in welchem sie die Technik des Intellivision Amico auseinandernahm und zu keinem guten Urteil gelangte. Dazu später mehr. Anstatt das Ganze mit Wür- de zu nehmen oder schlicht seinem Anwalt zu übergeben, drohte Tallarico der Website auf seinem Twitter-Profil mit einem Gerichtsverfahren. Einer Website, wohlgemerkt, die öffentlich einsehbare Informationen nutzte, die zu diesem Zeitpunkt bereits durch die Website „The Wayback Machine“ in einem automatisierten Archivsystem verewigt worden waren. Selbst wenn in großen Buchstaben „vertraulich“ auf dem Dokument steht, bedeutet das laut US-Rechtslage herzlich wenig, wenn man es persönlich in einem Leak verbreitet. Zum Vergleich: Sowohl das Devkit der Xbox One, der PS4 als auch der PS5 wurden vor der Veröffentlichung geleakt. Die damalige Reaktion von Sony und Microsoft? Augenrollen und Schulterzucken, danach ging das Geschäftsleben wie üblich weiter. Wenig später löschte Tallarico seinen Tweet.

Leider sieht es tatsächlich so aus, als ob Tallaricos Umgangsformen Einfluss auf die Personalstruktur des Unternehmens hätten. Im Mai 2020 heuerte Intellivision Entertainment mit James Allard eine hochkarätige Ex-Microsoft-Größe an. Allard war unter anderem an der Erschaffung der Xbox und von Windows NT beteiligt sowie einer der firmeninternen Vorreiter, was Microsofts Eroberung des Internets anging. Als globaler Geschäftsführer hätte er in Intellivision Entertainment eine zentrale Rolle eingenommen – nach der Veröffentlichung des Arstechnica-Artikels und der damit einhergehenden Reaktion Tallaricos trennte er sich jedoch vom Unternehmen. Achtung: Das muss nichts bedeuten, denn Allard gab auf Nachfrage der Website Geekwire explizit an, dass es, Zitat: „kein Drama gab, wir passten einfach nicht gut zusammen.“ Merkwürdig ist nur, dass James Allard auf seinem LinkedIn-Profil nach einem kurzzeitigen Eintrag als Vollzeit-Anstellung seinen Status bei Intellivision auf Teilzeit änderte und danach sogar jede Spur einer Zusammenarbeit löschte.

Wie man es von Tallarico inzwischen gewohnt war, reagierte er unprofessionell: Unter dem Video des Youtubers „TheGeekGetaway“, der sich ebenfalls mit der Kündigung der Xbox-Größe beschäftigte, gab er entgegen Allards Äußerungen an, dass der Ex-Geschäftsführer „auch heute noch bei Bedarf als Berater tätig“ sei. Tallarico argumentierte polemisch, emotional und greift sein Gegenüber persönlich an. Um das Ganze in Relation zu setzen: TheGeekGetaway ist ein winziger Kanal mit weniger als 700 Abonnenten, der lediglich Fakten zum Besten gab. Tommy Tallarico ist der Präsident eines riesigen Unternehmens und Veranstalter Konzerten, der Fakten mit Beleidigungen begegnete. Wir haben Tallarico vor der Veröffentlichung dieser Reportage um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.

SMARTPHONE-HARDWARE MIT SMARTPHONE-SPIELEN

Sobald ihr euch die Intellivision Amico ein wenig näher anschaut, geratet ihr schnell ins Stutzen, wenn ihr eine grundlegende Technikaffinität mitbringt: Gemäß den recht ungenauen Angaben auf der eigenen Website bringt die Amico in etwa eine Leistungsfähigkeit mit, die sich mit heutigen Smartphones der Budget- bis unteren Mittelklasse vergleichen lässt: Ein 8 Core, 1.8Ghz Qualcomm Snapdragon-Prozessor ist nichts Weltbewegendes. Laut den geleakten und von Arstechnica veröffentlichten internen Dokumenten sieht es im Konsoleninneren auch eher düster aus, denn die Interna enthalten genaue Spezifikationen für verschiedene Systemelemente der Konsole. Das dient vor allem dazu, Spieleentwicklern dabei zu helfen, mit der Entwicklung von Amico-Software zu beginnen, bevor sie offizielle Entwicklungskits erhalten. Wir zitieren: „Wir haben festgestellt, dass das Mobiltelefon ZTE ZMax Pro Z981 ein guter Benchmark-Test ist und nur ein wenig langsamer läuft als die Amico-Hardware.“

Das hört sich nicht gut an, dieses Smartphone-Modell stammt aus dem Jahr 2016 und kostete schon damals umgerechnet nur 90 Euro. Als Ziel wird in dem Dokument die Smart-Display-200-Plattform von Qualcomm genannt, die anstelle eines Snapdragon 617 einen 1.8GHz Snapdragon 624 aufweisen würde. In dem Qualcomm-Paket enthalten sind außerdem eine Adreno 506 GPU, ein Speicherplatz von 16 Gigabyte sowie zwei Gigabyte LPDDR3 DRAM. Schlechte Neuigkeiten: Wenn ihr ein modernes Smartphone in der Tasche tragt, ist dieses mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mehr als achtmal leistungsfähiger als die Intellivision Amico. Ihr könntet jetzt mit dem Einwand kommen „die Wii hatte auch keine gute Hardware, und sie war trotzdem ein Erfolg!“ Richtig, denn am Ende verkaufen sich Familienkonsolen über Innovation sowie die Qualität ihrer Spiele, als über ihre Grafikpracht. Und die Intellivision Amico wird explizit als Familienkonsole angepriesen. Damit kommen wir direkt zum nächsten technischen Schwachpunkt.

Die Controller der Amico besitzen nicht nur das charakteristische drehbare Steuerrad der Intellivision, sondern auch vier Buttons und einen kleinen Touchscreen. Im internen Dokument wird ein bizarrer Vergleich zu Nintendo gezogen. Wir zitieren: „Ein Touchscreen und physische Tasten und Eingabescheiben wurden ebenfalls noch nicht genutzt, die Wii U scheiterte kläglich“. Das ist mutig, denn wo der Controller der Wii-U eine Größe von 6,2 Zoll und eine Auflösung von 854x480 Pixeln sowie 30 fps besitzt, kommt die Amico-Variante nicht einmal in die Nachbarschaft: Ein Display von gerade einmal 3,2 Zoll mit einer Auflö- sung von 320 x 240 Pixeln und einer Framerate von „15 bis 30 fps“ sind keine Heldentat. Das Argument der „innovativen Familienspiele“ steht auf wackeligen Füßen, denn dafür müsste der Touchscreen in erheblichem Maße am Gameplay beteiligt sein.

Aus den Interna geht jedoch hervor, dass die für den Controller programmierten Anwendungen komplett in einem HTML/CSS-Hybrid erstellt werden müssen, der im Dokument als „Spark Ace“ bezeichnet wird. Das unangenehmste Detail ist die vorgeschriebene Größe der Controller-Anwendungen, die laut Dokument 1 MB nicht überschreiten dürfen. Dabei sind Grafik, Sound und die für jedes Spiel vorgeschriebenen Titelbilder eingerechnet. Wenn der Touchscreen mehr als 15 Frames pro Sekunde hergeben soll, wird das Endprodukt auf dem Bildschirm wahrscheinlich simpel ausfallen: Kleine Icons und ein paar Farben sollten das höchste der Gefühle sein. Großartige Grafiken, animierte Inventarbildschirme oder gar Minispiele sind bei diesen Beschränkungen unwahrscheinlich. Am 31. Mai 2021 bestätigte sich diese Annahme, als ein internes Development-Video des Spiels Bombsquad auf Youtube die Runde machte. In dem ist klar zu sehen, dass es eine enorme Eingabeverzögerung gibt, die selbst dann auftritt, wenn die Grafiken auf dem Touchscreen nur aus ein paar farbigen Strichen bestehen. Amüsant ist, dass Intellivision Entertainment offenbar plant, eine Smartphone-App zu veröffentlichen, die den Controller emuliert und so Mehrspielerpartien ohne den Zukauf neuer Hardware möglich macht. An sich löblich. Im Trailer von 2021 sieht man jedoch, wie die Smartphones ihren hochauflösenden, reaktionsstarken Touchscreen auf eine Weise ins Spiel bringen, von denen die eigentlichen Controller natürlich nur träumen können. Das ist kein guter Look für die Konsole – und das im eigenen Trailer.

Schauen wir uns die Spiele der Intellivision Amico an, stoßen wir ebenfalls auf Interessantes, denn wie wir uns erinnern, ist eines von Tallaricos „10 Geboten des Spieldesigns“ die Amico-Exklusivität. Die Trailer, die im Jahr 2019 die Runde machten, sahen gut aus und beinhalteten neben Asteroids und Hotwheels auch etwas, das wie eine Neuauflage von Ecco the Dolphin aussah. Also exakt das, was sich die Vorbesteller erhofften. Am 5. August 2020 wurde ein fast anderthalb Stunden langer Gameplay-Trailer veröffentlicht, der Spielern die Sorgenfalten auf die Stirn trieb.

Der Grund war das Spiel „Evel Knievel“, das in einem sympathischen Interview mit Kelly Knievel, dem ältesten Sohn des berühmten Stuntmans, vorgestellt wurde. Ähnlich wie in der Trials-Reihe von Ubisoft steuert der Spieler einen zweidimensionalen Motorradfahrer durch eine Reihe Hindernisse. Dabei war nicht das Gameplay suspekt, die Grundidee des Spiels ist zwar simpel, aber motivierend; also so, wie es die 10 Gaming-Geboten verlangen. Stattdessen wunderten sich Spieler über Grafik und Menüführung des Titels, der mit Anziehpuppen-Animationen wie ein altes Flash- oder Smartphone-Spiel aussah. Insbesondere die riesigen Buttons im Hauptmenü erinnerten an Playstore-Titel. Wenig später kam heraus, dass Evel Knievel, wie es auf der Intellivision Amico vermarktet wird, die 1:1-Portierung eines Smartphone-Spiels aus dem Jahr 2015 darstellt – mit der Ausnahme, dass die Amico-Version einen lokalen Mehrspielermodus erhält. Damit nicht genug, wurden über die Zeit weitere nicht exklusive Spiele zum Amico-Katalog hinzugefügt. Beispiele dafür sind das Smartphone-Rennspiel „Care Bears Care Karts“ aus dem Jahr 2016 und „Finnigan Fox“, eine grafisch veränderte Version von „Fox n Forests“, das im Jahr 2018 auf allen damaligen Konsolen und dem PC erschien. Besonders bitter ist die Ankündigung einer „Sesamstraßen-Edutainment-Compilation“, die unter dem Namen „Sesame Workshop“ läuft. Diese Spiele können derzeit in vollem Umfang kostenlos auf der Website der Sesamstraße gespielt werden. Bizarr: Im Trailer von 2021 wurde immer noch mit der Exklusivität der Spiele geworben, mit einer kleinen Einschränkung: „Alle unsere Spiele sind exklusiv – oder beinhalten exklusiven Content.“

Am 10. Oktober 2021 gab Intellivision Entertainment bekannt, dass der offizielle Verkauf von 50.000 Spieleboxen gestartet sei, die in zwei Paketen verkauft werden: Je vier Spiele zu einem Preis von umgerechnet 80 Euro und acht Spiele zu einem Preis von 150 Euro. Eine Intellivision-Cartridge findet ihr in den physischen Boxen nicht. Stattdessen liegen eine RFID-Karte sowie eine Sammlermünze in der Kiste. Mithilfe der Karte kann das Spiel heruntergeladen werden, sobald ihr eure Amico erhaltet.

Die Spieler waren nicht begeistert, das Ganze zielte meilenweit an dem Konzept vorbei, das hinter physischen Spielemedien steht, es wurde obendrein mit NFTs verknüpft: Jedes eurer per RFID-Karte herunterladbaren Spiele hängt zwingend an der Blockchain. Fassen wir die Fakten also zusammen: Ihr kauft mit eurer „Spielebox“, neben einer Sammlermünze potenziell ein NFT eines alten Smartphone-Spiels für eine Konsole, die noch nicht erschienen ist.

STEIGENDE PREISE, SINKENDE CHANCEN

Kommen wir zu dem Teil, mit dem die Zukunft der Intellivision Amico steht und fällt: den Finanzen. Generell wurde die Konsole, mit zwei Controllern und ein paar vorinstallierten Spielen, bei ihrer Ankündigung für einen Preis von 180 Euro beworben. Durch den kleinen Abstecher in die internen Dokumente der Firma wissen wir aber, dass die verbaute Hardware samt Controller nur knapp 100 Euro kostet. Daraus kann man Intellivision Entertainment noch keinen Strick drehen, wir können nicht erwarten, dass ein verhältnismäßig kleiner Hersteller seine Konsolen mit Verlust verkauft, nur um später mit den Spielen Geld zu verdienen, erst recht nicht, wenn die Spiele einen Preis von 10 Euro nicht überschreiten dürfen. Wenn wir einen Blick auf die „10 Gebote“ werfen, sehen wir außerdem, dass DLCs und Mikrotransaktionen verboten sind. Das hört sich toll an. In Kombination mit der Vorgabe der Exklusivität, einer „7 von 10 oder höher auf Intellivisions Qualitäts-Kontrollskala“ und einer Balance, „die Spielern mit verschiedenen Fähigkeiten-Levels erlaubt, Spaß zu haben“, wird die Kosten-Nutzen-Rechnung für Entwickler kritisch. Nun nimmt man noch hinzu, dass Tallarico seinen Investoren in einem Video aus dem März 2021 versprach: „Unsere Marge reicht von 100 Prozent bei Spielen, die wir entwickeln, bis hin zu 50 Prozent für Top-Entwickler und große Lizenzen.“ Mit Blick darauf werden die meisten Entwickler rückwärts den Raum verlassen. Der März des Jahres 2021 war auch der Zeitpunkt, an dem Intellivision Entertainment mit der Annahme von Vorbestellungen begann. Der Preis stieg schlagartig von 180 auf 250 bis 300 Euro, je nachdem, um welche Version es sich handelte. Außerdem war eine Anzahlung von 100 Euro notwendig, um eine Konsole vorbestellen zu dürfen, denn Intellivision Entertainment versprach Investoren einen Markt von – haltet euch fest – drei Milliarden Konsumenten! Das ist laut des Pitches „fünfzehn Mal so groß wie traditionelle Videospielmärkte.“ Kein Wunder, denn in dieser Behauptung wurden zwangsläufig nicht nur alle PC- und Konsolenspieler, sondern auch jeder berücksichtigt, der zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben schon mal ein Mobiltelefon in der Hand hatte. Es war ohnehin sehr unwahrscheinlich, dass die Amico es mit der Beliebtheit der großen drei Konsolen aufnehmen würde können, doch diese Ver- sprechen mussten auf erfahrene Investoren wie ein riesiges Warnsignal wirken. Zudem blicken geeignete Geldgeber auf eine lange Linie gescheiterter „Casual-Konsolen“ zurück: Der Atari VCS kam im Jahr 2021 auf den Markt, erwies sich jedoch als schwacher Hybrid aus Konsole und PC, samt einem kaum brauchbaren Controller. Die Ouya war eine Open-Scource-Konsole, die im Jahr 2013 veröffentlicht wurde, aber dank eines kompletten Mangels an Interesse nach der Übername durch Razer inc. im Jahr 2015 eingestellt wurde. Die Retro Chameleon, eine Neuauflage der Colecovision, sollte schließlich eine auf Cartridges basierende Crowdfunding-Konsole werden, die sich jedoch im Prototyp als aus Pappe und vorgefertigten Bauteilen zusammengelötete Attrappe und damit als waschechter Scam erwies. Damit möchten wir vor allem eines aufzeigen: Große Anleger wissen, wie riskant die Investition in die Intellivision Amico ist.

Im Dezember 2021 wurde angekündigt, dass Video Games Live im April 2022 einen Tourstop einlegen würde, während das Unternehmen im Januar 2022 alle finanziellen Tätigkeiten von Kalifornien nach Delaware verlegen würde. In diesem Zusammenhang wichtig: Delaware ist als Staat dafür bekannt, dass er börsennotierten Unternehmen in Gerichtsverhandlungen gegenüber ihren Anteilseignern in vielen Fällen recht gibt.

Am 8. Februar 2022 trat Tommy Tallarico überraschend als CEO von Intellivision Entertainment zurück und nahm seinen heutigen Posten als Präsident des Unternehmens ein; der neue CEO ist Phil Adam, ehemaliger Leiter der Finanzabteilung des Unternehmens. In einer Stellungnahme gegenüber IGN erklärte Adam: „Als Unternehmen, das sich der letzten Phase vor der Markteinführung nähert, hielt Tommy es für wichtig, gezielt Aufgaben zu übernehmen, damit er weiterhin die Dinge tun kann, die er am meisten liebt.“ Das ist Konzernsprache und bedeutet erst einmal nichts; viel interessanter war da schon die Äußerung zur Zukunft der Spielepreise der Amico. Wir zitieren: „Wir stecken mehr Geld in den Inhalt und die Software, als ursprünglich geplant, und der Preis wird steigen. Er wird nicht um 500 Prozent steigen, er wird nicht 50 Dollar betragen, aber er wird in einigen Fällen um 50 bis 100 Prozent steigen.“ Das deckt sich exakt mit dem Preis für die physischen Spielboxen, die Ende 2021 verkauft wurden.

Einen Tag später, am 9. Februar 2022, offenbarte sich die finanzielle Lage des Unternehmens, als Intellivision Entertainment im Zuge ihrer vierten (!) öffentlichen Finanzierungsrunde in weniger als vier Jahren eine SEC-Einreichung abgab, um weitere fünf Millionen Dollar zu generieren. Zur Erklärung: Die SEC überwacht den Wertpapierhandel in den USA und verpflichtet börsennotierte Unternehmen, Unternehmensinsider und Broker-Dealer zur Einreichung regelmäßiger Abschlüsse und anderer Offenlegungen. Das bedeutet auch, dass ab diesem Zeitpunkt jeder, der sich dafür interessiert, einen Einblick in die finanzielle Situation eines Unternehmens werfen kann. Das Dokument ist 76 Seiten lang und so staubtrocken, wie man es erwartet. Dementsprechend fassen wir die wichtigsten Punkte zusammen.

Erstens: Das Unternehmen hat seit seiner Gründung im Jahr 2018 keinen Umsatz generiert. Das wird von ihnen selbst explizit erwähnt. Außerdem gebe es „anhaltende Verluste seit der Gründung“ und nur „eine begrenzte Vorgeschichte, auf deren Grundlage eine Bewertung der Leistung und der Zukunftsaussichten des Unternehmens vorgenommen werden kann.“ Zweitens: Vielleicht wird die Amico nie erscheinen. Der folgende Abschnitt ist recht lang; es ist aber wichtig, dass er zitiert wird, wie er im Dokument steht: „Es ist möglich, dass es nie eine voll funktionsfähige Intellivision Amico geben wird. [...] Es ist möglich, dass die Nichtveröffentlichung des Produkts das Ergebnis einer Änderung des Geschäftsmodells ist, nachdem das Unternehmen zu dem Schluss gekommen ist, dass das Geschäftsmodell oder ein anderer Faktor nicht im besten Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre/ Mitglieder/Gläubiger liegt.“ Das hört sich nicht nur für Investoren schlecht an.

Drittens: Intellivision Entertainment besitzt massive Schulden. Darunter fallen nicht nur „ausstehende Darlehen in Höhe von insgesamt 3,1 Millionen Dollar“ von seinen Vorstandsmitgliedern, sondern auch 1,35 Millionen Dollar an „Vorauszahlungen für elektronische Bauteile an Ark Electronics USA“. In dem Dokument steht außerdem, dass aufgrund eines Vertragsstreites „die Verwendung dieser Gelder potenziell gefährdet“ sei. Zur Erklärung: Ark Electronics USA ist ein chinesischer Elektronikfabrikant mit Hauptquartier in Kalifornien und Fabriken in China, der in einer Pressemitleitung vom 16. September 2020 bestätigte, dass er den Auftrag von Intellivision Entertainment angenommen habe. Darin wurde zwar keine Herstellungsexklusivität erwähnt, Intellivision nannte in dem Dokument aber auch keine anderen Lieferanten. Eine der bizarrsten Entscheidungen ist sicherlich die Aufnahme von Schulden in Höhe von 810.000 US-Dollar beim sogenannten „Angel Investor“ Sudesh Aggarwal, dessen Name im Dokument auf zwei verschiedene Arten geschrieben wird. Ein Angel Investor ist im deutschsprachigen Raum auch als „Unternehmensengel“ bekannt und unterstützt seine Investitionen nicht nur mit Geld, sondern auch mit seiner Erfahrung und Ratschlägen. Interessant ist vor allem, dass sich Intellivision Entertainment verpflichtet, Aggarwal 100 US-Dollar vom Verkauf jeder Konsole zu zahlen, bis die Schulden getilgt sind – damit ist das Rätsel um die Vorauszahlung von 100 Euro bei der Vorbestellung einer Intellivision gelöst. Insgesamt belaufen sich die langfristigen Schulden von Intellivision Entertainment laut des Dokumentes auf 7,2 Millionen US-Dollar und die kurzfristigen Schulden auf 1,2 Millionen US-Dollar. Viertens: Als Zweigstelle erhielt die Intellivision Entertainment Europe GmbH insgesamt 450.000 Euro an staatlichen Zuschüssen vom deutschen FilmFernsehFonds Bayern. Durch den bayerischen Staat als Förder ist jeder Bayer indirekt Finanzier der Amico-Konsole. Eine der Bedingungen für die Beihilfen war, dass das Geld für die Entwicklung von Spielen ausgegeben wird, die komplett in Deutschland entwickelt werden. Laut der SEC-Einreichung wurde „ein Großteil“ des Geldes dafür verwendet, um 14 verschiedene Amico-Spiele in zwölf verschiedenen Studios zu entwickeln. Das Unternehmen erwähnt in der SEC-Einreichung jedoch nicht, welche Studios das sein sollen und wie sich die Ausgaben aufteilten.

Fünftens: Die Rolle von Xbox-Größe James Allard ist nun offensichtlich, auf Nachfrage der SEC zu seinem Angestelltenstatus musste Intellivsion Entertainment eine geänderte Stellungnahme abgeben, die ebenfalls öffentlich einsehbar ist. Wir zitieren: „In Anbetracht seiner Beiträge insgesamt hat Herr Allard keine wesentliche Rolle bei der Produktentwicklung von Amico gespielt.“

Kurz nach der SEC-Einreichung brach das Unternehmen seine Crowdfunding-Finanzierungsrunde auf Startengine aus eigenem Antrieb ab, als gerade einmal 59.000 von angepeilten fünf Millionen US-Dollar zusammengekommen waren. Im März 2022 wurde Gamestop-Kunden, welche die Konsole vorbestellten, auf einmal der volle Kaufpreis vom Konto abgebucht und ihnen wurde mitgeteilt, dass ihre Geräte „innerhalb von zwei Tagen eintreffen“ würden. Kurz darauf wurden Käufer benachrichtigt, dass die Konsolen „neue Artikelnummern“ erhalten hätten und die Lieferung nicht erfolgen könne. Einen Monat später erhöhte Intellivision Entertainment am 9. April 2022 den Preis der Konsole mit zwei Controllern auf 339,99 Euro und entfernte im gleichen Atemzug die 100-Euro-Anzahlung, die Vorbesteller bis dato leisten mussten. Bizarr: Offensichtlich bat das Unternehmen Gamestop, Vorbestellungen zu stornieren und die Anzahlungen zurückzuzahlen – woraufhin Gamestop seinen Kunden versicherte, dass alle stornierten Vorbestellungen zum Preis von 300 Euro reaktiviert werden könnten.

Ein weiterer schwerer Schlag folgte für das Unternehmen, als der Präsident und Managing Director Hans Ippisch der Intellivision Europe GmbH zum 1. Mai 2022 seinen Posten niederlegte und als Principal Producer zu Holoride wechselte. Seine Linkedin-Page gibt derzeit an, dass er in einer beratenden Funktion weiter mit Intellivision Entertainment arbeitet. Ippisch spielte eine entscheidende Rolle im Unternehmen, denn er sorgte nicht nur dafür, dass sechs der acht Launch-Titel der Intellivision Amico in Deutschland entwickelt wurden, sondern organisierte mit der Intellivision Entertainment Europe GmbH auch die Produktion der ers- ten Spiele: Die Prägung der Münzen in Nürnberg, die Codierung der RFID-Karten in Bamberg und den Druck der beiliegenden 3D-Sammelkarten in Hessisch-Lichtenau gehen auf Ippischs Konto. Im Gegensatz zu James Allard stellte der deutsche Unternehmer lange Zeit einen tragenden Pfeiler des Produktions- und Marketingteams von Intellivision dar. Mit seinem Weggang fehlt dem Unternehmen nicht nur eine direkte Linie nach Europa, sondern auch ein Organisator und Präsident. Auch Hans Ippisch antwortete nicht auf unsere Frage nach einer Stellungnahme. Hierzu ein Transparenzhinweis in eigener Sache: Hans Ippisch war bis 2019 CEO des Medienunternehmens Computec Media, zu dem auch die N-ZONE gehört.

DIE ZUKUNFT DER INTELLIVISION

Was bedeutet das alles für die Zukunftsaussichten der Intellivision Amico? Schaut man sich die Höhe der Schulden an, ist nicht alles verloren, Dinge dieser Art sind bei der Gründung eines Geschäftes und insbesondere der Markteinführung einer Independent-Konsole üblich. Die Art und Weise, wie sich das Unternehmen das Geld geborgt hat, ist besorgniserregender, denn hier tun sich fragwürdige Entscheidungen auf: Alleine die Schulden bei Sudesh Aggarwal und die Verpflichtung, 100 US-Dollar pro Konsole zu zahlen, bedeuten im Endeffekt, dass das Geld aus den Vorverkäufen nicht genutzt werden kann, um neue Konsolen zu finanzieren. Der Konflikt mit Ark Electronics USA bedeutet außerdem, dass die Produktionsverträge für die Konsole nicht gesichert sind.

Am schlimmsten sind jedoch die 1,6 Millionen US-Dollar, welche das Unternehmen für die interne Entwicklung benötigt, die „für Back-End-Cloud-Systeme sowie für die Optimierung der Firmware und des Gaming-Betriebssystems erforder- lich“ sein wird. Übersetzt: Die System-Firmware, das Betriebssystem und das Cloud-Backend sind weder vollständig noch finanziert. Selbst der in dem im Dokument aufgeführte Plan des Unternehmens, Kredit bei seinen Zulieferern zu erhalten, ist bestenfalls ein Notbehelf und wird die Situation von Intellivision nicht verbessern.

Alles in allem bedeutet die SEC-Einreichung, dass Intellivision Entertainment zu diesem Zeitpunkt noch circa einen bis zwei Monate vor sich hatte, bis ihnen schlicht das Geld ausgehen würde. Durch die fragwürdigen finanziellen Entscheidungen, Tallaricos Verhalten in der Öffentlichkeit und den Versuch, einen Markt aufzutun, wo keiner existiert, bräuchte das Unternehmen nun mindestens zehn Millionen US-Dollar an Investment, um den nächsten Schritt seines Plans über neun Monate hinweg zu verwirklichen. Ohne dieses Geld gibt es für die Konsole, so hart das auch klingen mag, keinen Weg, um zu erscheinen. Selbst wenn die Konsole auf dem Markt auftauchen sollte, ist der Preis von inzwischen 340 Euro notwendig, damit sie beim Verkauf keinen Verlust einstreicht. Zur Erinnerung: Wir reden über eine Konsole, die achtmal schwächer als euer Smartphone ist und praktisch keine Features oder exklusiven Spiele besitzt. Der Preis dafür wäre höher als der für eine neue Switch. Das ist der sicherste Weg, um einen Ladenhüter zu produzieren. Am 8. Juni 2022 schickte CEO Phil Adam eine E-Mail an Vorbesteller der Konsole und erklärte, wie es um die Zukunft des Projektes steht. Zusammengefasst: Die laufenden Kosten würden durch „einen erheblichen Personalabbau“ eingedämmt und alle bisher exklusiven Titel des Intellivision Amico sollten lizenziert werden, um auf anderen Plattformen veröffentlicht zu werden. Das soll nicht nur den Markennamen der Amico weiterverbreiten und für positive Presse sorgen, sondern auch Geld in die Kasse spülen. Danach gibt Adam zu, dass „die Ungewissheit der Öffentlichkeit über unseren Status in den letzten Monaten verständlicherweise zu einer Flut von Anträgen auf Rückerstattung von Vorbestellungen“ geführt habe.

Außerdem gibt er an, dass die Rückerstattungen nur schleppend vorangingen, da Intellivision Entertainment mit einer dramatisch geschrumpften Belegschaft zurechtkommen muss und das Geld nur langsam zurückzahlen kann, weil „der Finanzierungsbedarf für die Aufrechterhaltung des Betriebs“ weiter besteht. Trotz allem ist er zuversichtlich, dass die erste Massenproduktion der Konsole dazu genutzt werden könne, um Vorbestellungen abzuarbeiten und die ersten Konsolen dieses Jahr den Weg auf den Markt finden würden.

Wie unwahrscheinlich das war, zeigte sich am 4. Juli 2022, als das US-Patent- und Markenamt, den Markeneintrag der Amico ganz offiziell als „DEAD“ angab. Darunter steht in all er Deutlichkeit: „Diese Markenanmeldung wurde vom Amt zurückgewiesen oder für ungültig erklärt und diese Anmeldung ist nicht mehr aktiv.“ Als Grund wird vom Patentamt das Versäumnis angegeben, eine Nutzungserklärung nachzureichen. Vom Zeitpunkt der Mitteilung an hatte Intellivision Entertainment noch zwei Monate Zeit, um die Erklärung nachzureichen oder eine Fristverlängerung zu beantragen. Inzwischen wurde der Antrag rückwirkend für den 30. Juni 2022 nachgereicht, sodass die Arbeit an der Konsole weitergehen kann, wie CEO Phil Adams gegenüber bestätigte. Um an dieser Stelle ganz klar zu sein: Dass es überhaupt so weit kommen konnte, lässt Schlimmes erahnen. Das Unternehmen musste Angestellte entlassen, hat immer noch keinen Umsatz generiert, lies fast sein eigenes Patent auslaufen und muss derzeit auf Investoren wie ein großes rotes Warnschild wirken. Ein letzter Sargnagel war am 15. Juli 2022 die Listung der Büroräume des kalifornischen Zweiges von Intellivision Entertainment auf einer Makler-Website. Das bedeutet, dass Intellivision seinen finanziellen Umzug nach Delaware beendet hat und nun von der dortigen Rechtslage profitiert, die vor allem dann zu tragen kommt, wenn es zu Streitigkeiten zwischen einem Unternehmen und seinen Anlegern kommt. Interessant: Neue Büroräume in Delaware scheint das Unternehmen derzeit nicht zu be- sitzen. Zudem ist auf dem Listing ersichtlich, dass das Unternehmen in Kalifornien mehr als 19.000 US-Dollar pro Monat für fast 1.900 Quadratmeter bezahlte. Das ist für ein Start-up-Unternehmen von der Größe Intellivision Entertainments absurd übertrieben und stellt einen massiven Geldverlust dar. Kein Büro, keine Konsole und kein Geld: Die Zukunftsaussichten der Amico sind also mehr als düster.

FAZIT: IST DIE INTELLIVISION AMICO EIN SCAM?

Dank des Debakels rings um die Retro Chameleon und die in letzter Zeit zunehmenden Skandale in der Videospielebranche kam in Zusammenhang mit der Amico öfter die Rede auf einen Betrugsversuch. Wir wollen hier aber eindeutig sagen: Nein, die Intellivision Amico ist ganz sicher kein Scam und niemand versucht, euch hier hinters Licht zu führen, zumindest nicht absichtlich. Es steckt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal ein wirklich böser Gedanke in dem Projekt an sich. Wie wir bereits eingangs erwähnten, ist die Intellivision Amico einfach nur eine interessante Idee, die derzeit kurz davor steht, auf katastrophale Art und Weise in der Umsetzung zu scheitern. Sehr bitter ist jedoch der Umstand, dass das Ganze inzwischen praktisch wie ein Scam funktioniert, weil das Erscheinen einer funktionierenden Amico immer unwahrscheinlicher wird, je mehr Zeit ins Land streicht. Der Moment, an dem klar war, dass die Amico zu einem Teil alte Smartphone-Spiele nutzen würde, stellte bereits keinen guten Look für das Markenzeichen dar, und je länger die Vorbesteller auf ihre Rückerstattungen warten und je länger das Unternehmen sich weigert, sein Scheitern einzugestehen, desto näher rückt der Fall Amico in den Betrugsbereich. Unklar ist auch, ab welchem Zeitpunkt das Projekt von einem ernst gemeinten Herzenswunsch zu einer leeren Hülle wurde, die nur noch von Pressetexten und Hoffnung aufrechterhalten wurde. Spätestens mit der SEC-Einreichung war jedoch klar, dass die Amico vermutlich nie erscheinen wird. Natürlich hätte man dabei einige technische Dinge cleverer angehen, ein paar bedachtere finanzielle Entscheidungen treffen oder den Markt besser ausloten können. Am besten wäre aber sicherlich die Investition in eine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit gewesen, denn Tallarico fügte der Marke durch sein inakzeptables Verhalten einen langfristigen Schaden zu.

Abschließend lässt sich nur sagen, dass die Intellivision Amico, wie es das Unternehmen in der eigenen SEC-Einreichung so passend formuliert, vermutlich nie auf den Markt kommen wird. Wenn nicht gerade ein weißer Ritter aus dem Boden erwächst und Intellivision Entertainment mit einer Investition von mehreren Millionen Dollar sowie neuen Büroräumen unter die Arme greift, ist diese Chance sogar verschwindend gering.

Fairerweise müssen wir aber sagen, dass das Unternehmen angibt, dass zum Zeitpunkt der Recherche für dieses Video immer noch an der Konsole gearbeitet wurde und wird. Alle Beteiligten, inklusive der Ex-Mitarbeiter, scheinen wirklich zu wollen, dass das Gerät auf dem Markt erscheint; so unwahrscheinlich das auch ist. Das Herzensprojekt von Tommy Tallarico war zumindest bei seiner Konzeption kein absichtlicher Scam. Es ist einfach nur eine weitere unabhängig produzierte Konsole, die vermutlich nie das Licht der Welt erblicken wird. Auf Amazon wird das Erscheinungsdatum der Intellivision Amico derzeit übrigens mit dem 31. Dezember 2022 angegeben, dem letztmöglichen Platzhalterdatum für das Jahr 2022. Wir sind gespannt.