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INTERNATIONAL: Frust und Lust im Lockdown-Modus


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 26.06.2020

Die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus haben die Welt zum Stillstand gebracht. L-MAG befragte zehn Lesben aus zehn Ländern zu Arbeit, Liebe und Alltag während des Lockdowns


Marta Dalla Chiesa

Reiseveranstalterin (Brasilien)

Artikelbild für den Artikel "INTERNATIONAL: Frust und Lust im Lockdown-Modus" aus der Ausgabe 4/2020 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 4/2020

Brasilien ist durch die Ignoranz des ultra-rechten Präsidenten Jair Messias Bolsonaro hart von Covid-19 betroffen. Marta Dalla Chiesa von Brazil Ecojourneys in Florianópolis sieht in Bolsonaros Versagen aber auch die Chance, den homophoben, menschenrechtsverachtenden und Klimawandel leugnenden Präsidenten vorzeitig loszuwerden. Die Surferin organisiert unter anderem LGBT ...

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... Surf Camps in Brasilien.

„Ich arbeite sowieso hauptsächlich zusammen mit meiner Partnerin von zu Hause aus. Der Lockdown hat also kaum Einfluss auf unseren Alltag. Trotzdem ist es beruflich schwer. Unser diesjähriges Gay Surf Brazil Camp konnte noch stattfinden, da Brasilien zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Corona betroffen war. Inzwischen ist der Tourismus aber zum Stillstand gekommen und unser Geschäft hat komplett aufgehört, sodass wir uns Sorgen um die Zukunft machen. Hoffentlich gehen LGBTs früher wieder auf Reisen als Mainstream- Touristen. Für das Gay Surf Brazil Camp 2021 sind schon Voranmeldungen möglich und es sind auch schon Anfragen eingegangen. Wie viele andere haben auch wir viel gegessen, dabei aber auf gesunde Ernährung geachtet, zum Beispiel durch das Experimentieren mit der ayuvedischen Küche. Und Alkohol haben wir nur zu sozialen Online-Events getrunken.
Bolsonaro ist in der Coronakrise von seiner homophoben Hassrhetorik auf fremdenfeindliche Propaganda umgeschwenkt. Die gute Nachricht ist, dass dieser schreckliche Präsident aufgrund seines schlechten Krisenmanagements derzeit viel von seiner Unterstützung verliert. Es besteht die Hoffnung, dass er seine Amtszeit nicht beendet!“

Ella Bottom Rouge

Künstlerin (Italien)

Ella Bottom Rouge aus Mailand versteht sich als moderne Version italienischer Filmdiven der 1950er Jahre. Bei der „Berlin Burlesque Week 2018“ kam die Künstlerin und Aktivistin mit ihrem „wunderschönen Cocktail aus orientalischem Tanz, Burleske und Fetischstil“ auf den zweiten Platz.

„Bei uns in Mailand war die Situation ernster als in anderen Teilen Italiens. Seit Mitte Februar bekomme ich nur noch Absagen für meine Auftritte und Shows. Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder vor einem Live-Publikum auftreten kann. Wahrscheinlich erst im Oktober, November oder so. Ich versuche aber, über soziale Medien mit meinen Followern in Verbindung zu bleiben. Um ehrlich zu sein, eine Show zu Hause zu machen, ist frustrierend.
Normalerweise bin ich mit meinem Engagement für über 200 Projekte ein bisschen überaktiv. Während des Lockdowns habe ich auf meinen inneren Rhythmus gehört, gegessen, geschlafen, gelesen und Liebe gemacht, wann immer ich wollte. Meine neue Freundin hatte ich ja erst etwa zwei Wochen vor dem Lockdown kennengelernt. Aus der Quarantäne haben wir gleich einen wundervollen Honeymoon gemacht.
Außerdem habe ich viel gekocht und gegessen. Das ist schon sehr typisch italienisch. Ich stamme aus dem Süden. Dort ist die erste Frage bei Besuchen von Geschwistern immer: „Hai Mangiato“ – „Hast du schon gegessen?“
Auf der anderen Seite war ein lieber Freund mit dem Virus infiziert und sehr krank. Doch jetzt ist er wieder super in Ordnung und wir haben uns Ende Mai erstmals, nach fast drei Monaten, wiedergesehen! Was für eine Freude!“

Walaiporn „Be“ Phumirat

Erdbeerbäuerin (Thailand)

Walaiporn „Be“ Phumirat ist eine Erdbeerbäuerin in Chiang Rai im Norden von Thailand. Be versteht sich als non-binäre Lesbe. Nach einem ziemlich harten Lockdown öffnet sich Thailand langsam wieder. Die sozial-ökonomischen Folgen sind jetzt verheerend. Schätzungen gehen von mehr als acht Millionen Arbeitslosen aus, davon alleine 2,5 Millionen in der völlig zum Erliegen gekommenen Tourismusbranche.

„Privat ging es mir im Lockdown großartig. Als introvertierte Persönlichkeit fühle ich mich sowieso sicherer und freier ohne Menschen um mich. Ich habe Netflix geschaut, Musik gehört, Bücher gelesen, viel gegessen, regelmäßig Sport getrieben und mit Freunden gechattet. Das Gute an dieser Langsamkeit war das Nachdenken über wichtige Fragen wie: Was brauchen wir wirklich im Leben? Was sind meine Werte gegenüber anderen Menschen oder der Welt?
Die entspannte Zeit habe ich sehr genossen, aber jetzt fange ich an, mir über die liegengebliebenen Arbeiten auf der Farm, im Café und in meinem Naturlernzentrum für Kinder Sorgen zu machen. Das alles war durch den Lockdown zum völligen Stillstand gekommen. Zwar konnte die Erdbeerernte noch kurz vor Corona verkauft werden, aber meine Familie baut noch andere Obstsorten – wie Papaya, Pomelo und Lychee – an, die wir nicht mehr auf den Markt bringen konnten.
Es gibt aber viele Menschen in Thailand, denen es sehr viel schlechter geht. Viele haben ihre Arbeit verloren und können ihre Familien nicht mehr ernähren. Corona hat mir die Armut und soziale Ungleichheit in meinem Land deutlich vor Augen geführt.“

Merryn Johns

Journalistin (USA)

Merryn Johns lebt in New York City, einem Epizentrum der Coronakatastrophe in den USA. Große Sorgen macht sich die Chefredakteurin von Curve um die Zukunft ihres Lesbenmagazins. Privat entdeckte sie mit ihrer neuen Liebe im Lockdown die Romantik neu.

„Der Lockdown in New York City war sehr schwierig und beängstigend. Wir haben die höchste Zahl an Todesopfern in den USA. Die Gefahr ist so real! Für mich als Journalistin und Redakteurin war es sehr schwierig, weil ich einen Großteil meines Berufslebens damit verbringe, mich zu vernetzen, Kontakte zu knüpfen und in der Stadt Veranstaltungen zu besuchen, die meine Arbeit inspirieren.
Das Anzeigenaufkommen bei Curve ist massiv eingebrochen. Aber wir versuchen, die Leserinnen mit einem virtuellen Curve-Festival, Livestreaming-Veranstaltungen und -Interviews zu erreichen, damit sich queere Frauen durch Online-Musikkonzerte, Lesungen, Fitness -und Kochshows weniger ängstlich und isoliert und mehr miteinander verbunden fühlen.
Natürlich esse ich zu viel. Jeder tut das aus Angst, Emotion oder Langeweile. Mein persönliches Leben war besonders hart, weil ich gerade angefangen hatte, eine neue, faszinierende Frau zu daten. Sie war verreist, als Lockdown und Quarantäne begannen. Das ist für eine neue Liebe sehr hinderlich. Wir können uns jetzt nicht durch persönliche Begegnungen langsam kennenlernen, sondern indem wir uns E-Mails, Briefe und Gedichte schreiben. Damit hat die Distanz zwischen uns auch etwas Romantisches. Vielleicht ist das eine gute Sache.“

Ritu Dalmia

Star-Köchin (Indien)

Ritu Dalmia ist eine indische Starköchin. Zusammen mit fünf anderen Gay-Aktivisten war die lesbische Frau eine der Klägerinnen vor dem Obersten Gerichtshof gegen den homosexuellenfeindlichen Paragraf 377. 2018 kippte das Gericht das Gesetz. Der für die 1,3 Milliarden Menschen in Indien verhängte Corona- Lockdown ist der größte der Welt und Neu Delhi war ein Hotspot der Epidemie im Land.

„Meine Partnerin war in Indien, als der Lockdown verhängt wurde und wir verbrachten drei herrliche Wochen zusammen. Dann hatte ihr Vater einen Schlaganfall und sie musste mit einem Evakuierungsflug der Botschaft zurück nach Deutschland. Seit vielen Wochen bin ich nun alleine.
Geschäftlich sind die Einschränkungen eine völlige Katastrophe. Mein „Diva – The Italian Restaurant“ in Neu Delhi wird vielleicht überleben. Bei meinen Diva-Restaurants mit indischer Küche in Neu Delhi und Goa bin ich mir nicht so sicher. Indien hat einen der härtesten und schwierigsten Lockdowns auf der ganzen Welt. Mit ein paar kleinen Lockerungen wurde er Ende Mai zum fünften Mal verlängert und zwar bis Ende Juni. Gott weiß, wie es dann weitergeht.
Für Frauen ist das besonders schwierig. Sie tragen die Verantwortung für Familie und Heim. Gleichzeitig gibt es einen enormen Anstieg von häuslicher Gewalt und Selbstmorden von Frauen.
Für mich persönlich war das aber auch eine spannende Reise, die mit Wut, Frustration und Depressionen begann. Jetzt befinde ich mich in einem Stadium der Akzeptanz und des Umdenkens darüber, worauf es im Leben wirklich ankommt.“

Síona Cahill

Aktivistin (Irland)

Die irische Feministin und LGBT-Aktivistin Síona Cahill rief in der Coronakrise eine Reihe von Basisprojekten zur Unterstützung benachteiligter Gruppen wie Senioren und Obdachlose ins Leben. Die junge Aktivistin spielte zuvor eine maßgebliche Rolle bei der Kampagne zur Legalisierung von Abtreibung und bei der Öffnung der Ehe für Homosexuelle. In Irland wurden Anfang März bereits die Feierlichkeiten zum St. Patricks Day abgesagt. Bis Ende Mai folgte der totale Lockdown.

„Meine Lebenspartnerin Sarah und ich sind seit dem irischen Abtreibungsreferendum im Mai 2018 zusammen. Es war wunderbar, die Lockdownzeit gemeinsam zu verbringen. Aber wir sind durchaus mal alleine spazieren gegangen oder haben Zeit in getrennten Räumen verbracht. Für eine gesunde Beziehung ist es wichtig, auch mal Zeit für sich selbst zu haben. Es war sehr schwer, mit der Angst vor einer sehr realen Gesundheitsgefahr umzugehen, wenn diese unsichtbar ist und nur aus den Verlautbarungen von Politikern und Experten sowie tragischen Threads auf Twitter zu bestehen scheint.
Während Irland am 22. Mai fünf Jahre Öffnung der Ehe feierte, ist die Zahl von Mobbing und psychischen Problemen unter jungen LGBT noch immer signifikant. Ich bin unglaublich besorgt über die Auswirkungen der Einschränkungen auf junge LGBT, die zu Hause ohne Unterstützung durch Gleichaltrige oder Gruppen isoliert waren.
Die Community ist über die Absage der Pride-Events enttäuscht. Sarah und ich hatten zum 1. Juni eine Pride-Flagge mit Zitaten von Angela Davis und Maya Angelou rausgehängt, um auch die Black- Lives-Matter-Bewegung zu unterstützen. Als jemand unsere Haustür mit einem Graffiti ‚verzierte‘, war ich entsetzt. Aber eines ist sicher – von einem schlecht gezeichneten Penis lasse ich mich nicht mundtot machen.“

Candy Yun

Leiterin eines LGBT Centers (Südkorea)

Südkorea war zunächst stark von Corona betroffen, bekam aber schnell und erfolgreich die Epidemie in den Griff. Nach einem erneuten Virusausbruch sowohl in einigen LGBT-Clubs als auch Kirchen in Seoul mussten seit Mitte Mai wieder viele öffentliche Einrichtungen schließen. Candy Yun ist Direktorin des Korean Sexual-Minority Culture and Rights Center in Seoul.

„Die Quarantäne hatte in Südkorea großen Einfluss auf den Alltag. Auch meine Organisation „Korean Sexual-Minority Culture and Rights Center“ führte Home-Office und digitale Kommunikation ein. Da wir in erster Linie eine Bildungsorganisation sind, mussten wir Vorlesungen und Vorträge verschieben oder absagen.
Die koreanische LGBT-Community ist derzeit durch den Ausbruch von Corona in ihren Clubs mehr Hass und Stigmatisierung ausgesetzt. Weil Diskriminierungen für die Prävention nicht hilfreich sind, haben Regierung und Kommunalverwaltungen Maßnahmen zur Gewährleistung der Menschenrechte für LGBT ergriffen. Es wird außerdem sichergestellt, dass bei Coronatests keine persönlichen Daten weitergegeben werden. LGBT-Gruppen bieten zudem Beratungen und Hilfe bei Menschenrechtsverletzungen an.
Privat habe ich zu Beginn der Zeit im Home-Office gerne gekocht. Das fand ich aber schnell ziemlich mühselig. Doch schön war es, mehr Zeit mit Freunden zu verbringen, sich Geschichten zu erzählen, zusammen zu essen und das Leben zu teilen.“

Jennifer Lu

Campaignerin (Taiwan)

Durch das Geschehen in China, Europa und den USA wurde der fulminante Erfolg Taiwans bei der Virusbekämpfung kaum wahrgenommen. Dank der Lehren aus der SARS-Epidemie und eines frühen, entschiedenen Handelns der Politik, wurde die Ausbreitung schnell gestoppt und das auch ohne massiven Lockdown. Die Bilanz bisher: 443 Fälle, davon 428 genesen, sieben Todesfälle. Jennifer Lu ist Chefin der Organisation Taiwan Equality Campaign.

„Das Virus ist unter Kontrolle und das Leben ist wieder normal. Außer, dass man natürlich Abstand halten und Masken tragen muss. Ein Problem gab es allerdings für unsere transsexuellen Mitarbeitenden: Krankenhäuser hatten Hormontherapien und andere nicht unmittelbar notwendigen Behandlungen verschoben.
Taiwan Equality Campaign hat sehr genau das Geschehen in der LGBT-Community verfolgt. Bei Coronatests war zwar die Datensicherheit gewährleistet, aber trotzdem hatten viele Angst. Zudem leben viele bei ihren Eltern. Das kann extrem problematisch sein. Über unsere Partnerorganisationen haben wir Telefonberatungen organisiert, die besonders auf junge LGBT spezialisiert sind. Die Feiern zum ersten Jahrestag der Öffnung der Ehe am 17. Mai hat meine Organisation virtuell veranstaltet.
Privat lebe ich alleine und das war in der Coronakrise von Vorteil. Wer in Wohngemeinschaften lebt, kam sich vor wie im Gefängnis. Weil im März und April alle Clubs, Bars, Restaurants, Kneipen und Cafés geschlossen waren, konnte man nicht ausgehen. Aber jetzt ist alles wieder offen.“

Carrie Lyell

Journalistin (Großbritannien)

Carrie Lyell ist Chefredakteurin des Britischen Magazins DIVA, Europas auflagenstärkste Zeitschrift für lesbische und bisexuelle Frauen. Die Corona-Politik von Premierminister Boris Johnson gilt als Desaster. Obwohl Großbritannien die höchsten Todeszahlen in Europa hat und die Infektionszahlen steigen, gelten sei dem 1. Juni umfangreiche Lockdown- Lockerungen.

„Der Lockdown hat mein persönliches und berufliches Leben erheblich beeinflusst. Normalerweise pendele ich zwischen London, wo ich arbeite, und Edinburgh, wo ich lebe. Seit dem Lockdown war ich seit fast drei Monaten nicht mehr im Büro und habe meine Kolleginnen, Freunde oder Familie nicht mehr gesehen. Meine Welt ist plötzlich sehr klein und sehr langsam. Ich vermisse alle möglichen Dinge wie Schwimmen, durch Buchläden ziehen oder Umarmungen.
Durch den Verlust von Werbeeinnahmen und der ungewissen Lage haben die Eigentümer von DIVA die schwierige Entscheidung getroffen, das Magazin vorläufig einzustellen. Wir hoffen sehr, dass wir nach dem Lockdown dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Bis dahin bleiben unsere digitalen Türen jedoch weit offen und wir bieten unseren Leserinnen zusätzliche Unterstützung durch unsere neue Facebook-Gruppe „DIVA-Community“.
Gleichzeitig hat diese Zeit auch eine dringend benötigte Zeit zum Nachdenken ermöglicht – sowohl persönlich als auch beruflich. Ich bin unglaublich glücklich und unendlich dankbar, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin – meine Frau ist eine wunderbare Unterstützung. Es war manchmal schwierig, aber wir haben festgestellt, dass diese letzten Monate unsere Beziehung gestärkt haben.“

Silvia Casalino

Ingenieurin (Frankreich)

Die Italienerin Silvia Casalino hat als Raumfahrtingenieurin bei der französischen Raumfahrtagentur gearbeitet, an renommierten französischen Universitäten gelehrt und eine beachtliche Karriere als Feministin und LGBT-Aktivistin hingelegt. Derzeit lebt sie in Paris. In Frankreich galten strickte Ausgangsregeln. Zeitweise konnte nur mit Passierschein das Haus verlassen werden.

„Während der Sperrung war Paris völlig abgeschottet. Die normalerweise chaotischen Straßen waren leer gefegt – das war manchmal beängstigend. Meine Partnerin wurde bei der Rückkehr vom Einkauf von zwei Männern angegriffen. Sie war geschockt, als sie nach Hause kam. In Krisenzeiten sind Frauen, Lesben, Schwarze, Behinderte, Arme, Migranten oder Senioren gefährdeter als andere.
Von einer Entschleunigung durch den Lockdown war bei mir nichts zu spüren. Ich bin seit einigen Monaten Executive Co-Direktorin der EuroCentralAsian Lesbian* Community (EL*C). Unmittelbar nach Beginn der Sperrung mussten wir unsere Arbeit, Aktionen, Projekte und Veranstaltungen komplett neu organisieren, um der Krise zu begegnen und den Kontakt zwischen den Lesbengemeinschaften zu halten. Das war einfach nur verrückt.
Die Krise wirkt sich auch finanziell auf die Arbeit unserer Organisation aus. Einige internationale Stiftungen, die uns unterstützten, verwenden bereits ihre Mittel für die Reaktion auf die Pandemie. Das wird weitere Konsequenzen und Veränderungen mit sich bringen für Organisationen, die für LGBT-Rechte kämpfen, nicht nur aus finanzieller Sicht.
Meine Partnerin und ich arbeiten auch sonst viel zu Hause und verbringen viel Zeit miteinander. Aber während der Krise haben wir einfach alles zusammen gemacht. Das war eine großartige Erfahrung.“


FOTO: bergserg/IStock; privat [5]

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