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INTERNATIONAL: Nicht länger schweigen


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 29.06.2020

Der Tod von George Floyd, der von einem Polizisten ermordet wurde, und die Proteste gegen Rassismus bewegen derzeit die ganze Welt. Wie aber fühlt es sich an, im aktuellen Klima in den USA zu leben? Und welche Rolle spielen queere Personen in den Protesten? SIEGESSÄULE-Autorin Isabel Ehrlich hat mit drei Aktivist*innen aus den USA gesprochen


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FOTO: YU YOUNG DONG

FOTO: CORRINE JASMIN

Foto: (v. l. n. r.) Cameron Cook, Sa’dia Rehman und Corrine Jasmin

S ehr intensiv.“ So fasst Corrine Jasmin zusammen, wie sie die aktuellen Proteste in den USA erlebt. Selbst könne die Performancekünstlerin und Autorin aus ...

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... Pittsburgh gar nicht bei jedem Protestmarsch dabei sein, wenn sie ihre mentale Gesundheit in Balance halten will. Im Interview mit SIEGESSÄULE via Videocall wirkt sie entspannt, lacht viel. Doch die Erinnerungen an die Ereignisse der vergangenen Wochen belasten sie, erzählt sie, ebenso die aufgeheizte Stimmung auf der Straße, das Tränengas, die Ausschreitungen. Dazu betont sie jedoch: „Oft ist es die Polizei, die die Gewalt anzettelt. In vielen US-Medien wird es so dargestellt, als gehe die Gewalt von den Protestierenden aus.“ Denen gehe es in erster Linie darum, „gehört und gesehen zu werden, ihre Trauer und Wut auszudrücken“. Wut auf ein von strukturellem Rassismus gegen Schwarze Menschen durchsetztes System.

Am 25. Mai wurde der unbewaffnete George Floyd in Minneapolis verhaftet. Ein Polizist kniete minutenlang auf seinem Hals. Immer wieder flehte Floyd „I can’t breathe“, bis er das Bewusstsein verlor. Der Krankenwagen kam zu spät, im Krankenhaus wurde Floyd für tot erklärt. Doch warum löste gerade dieser Fall nun eine immense internationale Protest- und Solidaritätswelle aus? Nachrichten von tödlicher Gewalt seitens der Polizei und „Bürgerwehren“ gegen Schwarze Menschen in den USA sorgten bereits 2013 zur Entstehung der #BlackLives- Matter-Bewegung. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass nicht nur umstehende Passant*innen fassungslos den Todeskampf von Floyd verfolgten, sondern sich Videos der Tat schnell im Netz verbreiteten. Gleichzeitig hat die Corona-Krise in den USA ein grelles Schlaglicht auf die soziale Kluft zwischen weißer und Schwarzer Bevölkerung geworfen. Auch Corrine hält Corona für einen entscheidenden Faktor, warum die Proteste gerade jetzt in dieser Intensität losgingen: „Die Menschen waren wochenlang an ihre Wohnungen gefesselt, an ihre Telefone und Computer, deswegen kam niemand an dem Thema vorbei. Gleichzeitig waren wir durch die Pandemie noch emotionaler, noch verletzlicher als sonst.“ So sehr sie die aktuelle Bewegung begrüßt, so frustrierend ist für sie auch die Erkenntnis, dass „der Rest der Welt gerade erst aufzuwachen und plötzlich den Rassismus, die Unterdrückung Schwarzer Menschen“ zu erkennen scheint. „Wir versuchen seit Ewigkeiten, euch dieses Problem zu erklären.“

Ambivalente Gefühle zum aktuellen Diskurs schildert auch Cameron Cook. „Es fühlt sich so an, als wären wir an einem Punkt in der Geschichte angelangt, an dem sich die Dinge in die richtige Richtung verändern“, sagt der Autor und Journalist, der in Los Angeles geboren wurde und seit viereinhalb Jahren in Berlin lebt. „Aber die Wut, die Traurigkeit, das Trauma, das ich fühle … damit musste ich mich mein ganzes Leben auseinandersetzen.“ Wichtig ist ihm auch, dass Fälle von Polizeigewalt lediglich als Symptome eines strukturellen, historischen Problems erkannt werden: „Die faulige Wurzel ist die Idee, dass das Leben Schwarzer Menschen weniger wert wäre als das der anderen. Deswegen lautet der Slogan ‚Black Lives Matter‘. Als eine weiße Person zum ersten Mal auf eine Schwarze Person traf, war da der Gedanke, dass man die Schwarze Person ausbeuten, versklaven, ermorden durfte, aus welchem toxischen, kranken Grund auch immer.“

Welche Rolle spielt die queere Community in den Protesten? Corrine Jasmin nutzte Anfang Juni einen Post auf Instagram über die Stonewall Riots, um an die Errungenschaften von und die Gewalt gegen queere Menschen zu erinnern. Sie schrieb: „Die BLM-Bewegung muss sich für Schwarze Menschen aller Intersektionen starkmachen.“ Im Gespräch mit SIEGESSÄULE ergänzt sie, dass sich derzeit viele auf Floyd konzentrierten, während andere Opfer unsichtbar blieben. „Die Protestierenden skandieren nicht die Namen getöteter trans* und queerer Menschen. Aber wir stehen ebenfalls an vorderster Front in dieser Bewegung. Auch Schwarze Frauen wie Breonna Taylor werden ignoriert.“ Taylor wurde von Polizisten erschossen, die nachts ihr Haus gestürmt hatten. Gleichzeitig musste die queere Community in den USA Antworten auf die Frage finden: Wie begehen wir den Pride 2020? Wurde zunächst wochenlang diskutiert, wie ein CSD in Corona-Zeiten funktionieren könne, gab die BLM-Bewegung einen umso nachdrücklicheren Anlass, Inhalte und Umsetzung der Prides neu zu denken. Die schon lange von Teilen der Community kritisierte Kommerzialisierung vieler Events erschien jetzt erst recht unangebracht. Erste konkrete Reaktionen gab es bereits: In New York kündigte die „Reclaim Pride Coalition“ eine Demo unter dem Motto „Für Schwarze Leben und gegen Polizeigewalt“ an. „Stonewall war keine Party, sondern ein Aufstand, gestartet von trans Aktivist*innen wie Marsha P. Johnson“, sagt Sa’dia Rehman. Die visuelle Künstlerin wurde in New York geboren und lebt derzeit in Columbus, Ohio. Ihr queeres Umfeld engagiere sich auf vielfältige Weise für die BLM-Bewegung, sie selbst ist u. a. als „legal observer“ aktiv und dokumentiert Verstöße der Polizei. Rehmans Eltern migrierten in den 60er-Jahren aus Pakistan in die USA. Auch sie kennt das Gefühl, anders behandelt zu werden als weiße Menschen. Aber: Dass ihre Familie in die USA einwandern konnte, habe sie der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu verdanken, in deren Folge die Einwanderungsgesetze angepasst wurden. „Die Menschen, die damals in die USA kamen, waren fast alle sehr gut ausgebildet. Deswegen wurden wir Asiat*innen als Vorbildminderheit dargestellt.“ Schwarze Menschen blieben dagegen benachteiligt, bis heute. Die Künstlerin spürt eine große Verantwortung, sich solidarisch zu zeigen. Dazu gehöre, sich selbstständig zu bilden und nicht „Schwarze Menschen zu fragen, was man jetzt tun sollte“.

Das bestätigt Corrine Jasmin. Sie freut sich über ermutigende Nachrichten von User*innen auf Instagram. Und sie ist begeistert von den weltweiten Protesten. Als unangemessen empfindet sie dagegen Nachrichten, in denen weiße User*innen sie bitten, ihnen zu erklären, was gerade „richtig oder falsch“ sei. „Findet es selbst raus. Setzt euch mit euren Schuldgefühlen, eurem Unwohlsein selbst auseinander“, sagt sie. Der in Berlin lebende Cameron Cook wünscht sich ein Umdenken im Alltag. Er wurde schon häufig mit rassistischen Situationen konfrontiert, sein Umfeld habe dazu oft geschwiegen. „Im Nachhinein heißt es: ,Das war wirklich schlimm, was der zu dir gesagt hat.‘ Ich denke mir, warum reagierst du dann in der Situation nicht?“ Dieses Umdenken ist Arbeit, und die kann nicht von Schwarzen Menschen übernommen werden. „Könnten Schwarze Menschen Rassismus stoppen, wäre dies schon geschehen.“