Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

INTERNATIONAL: Schutzschild


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 29.06.2020

In vielen Ländern hat die Corona-Pandemie die Situation für LGBTI* verschärft. Das Kampagnenbündnis All Out hat deshalb einen Hilfsfonds gegründet, der queere Organisationen weltweit unterstützt. Wir sprachen mit Geschäftsführer Matt Beard


Artikelbild für den Artikel "INTERNATIONAL: Schutzschild" aus der Ausgabe 7/2020 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Matt Beard, Geschäftsführer von All Out

Digitales Festival #UnDistanced, Juni und Juli 2020 Infos und Programm unter: undistanced. weareallout.org

Spenden an den „Covid-19 Emergency Response Fund“ bzw. „Corona- Nothilfe“: allout.org/corona

Matt, wie hat die Corona- Pandemie das Leben von LGBTI* in verschiedenen Weltregionen verändert? Man hört ja immer den ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Siegessäule. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Liebe Berlinerinnen und Berliner,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Berlinerinnen und Berliner,
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von STADTBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STADTBILD
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von INTRO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTRO
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von MAGAZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAGAZIN
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von GESELLSCHAFT:Warum wir nicht atmen können. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GESELLSCHAFT:Warum wir nicht atmen können
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von INTERNATIONAL: Nicht länger schweigen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERNATIONAL: Nicht länger schweigen
Vorheriger Artikel
INTERNATIONAL: Nicht länger schweigen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel INTERNATIONAL: „Ins dunkle Zeitalter“
aus dieser Ausgabe

... Satz: Das Virus diskriminiert nicht. Das stimmt zwar, dennoch sitzen wir nicht alle „im selben Boot“. Das Virus hat bestehende Ungleichheiten nochmals verstärkt. Einige LGBTI*-Personen weltweit sind jetzt obdachlos. Für viele sind die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und der Lockdown kaum einzuhalten, weil sie Missbrauch von ihnen nahestehenden Personen oder in ihrem Elternhaus erfahren. In manchen Teilen der Welt stellt die Corona-Pandemie auch ein Problem für HIV-positive Menschen dar, wenn die Situation dazu führt, dass sie nicht mehr an ihre notwendigen Medikamente kommen. In Uganda zum Beispiel wurde im Zuge des sehr strengen Lockdowns auch privater motorisierter Transport untersagt. In Europa sind insbesondere LGBTI*-Geflüchtete in einer kritischen Lage. Viele sind nur informell angestellt, verlieren nun durch Corona ihre Arbeit und können ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Asylanträge werden außerdem kaum noch bearbeitet, viele Menschen, die solche Anträge gestellt haben, hängen momentan in der Luft und wissen nicht, wie es weitergeht. Und auch in Camps, in denen Geflüchtete untergebracht sind, herrscht ein enormes Risiko, dass sich das Coronavirus ausbreitet, weil die Menschen nicht ausreichend Zugang zu sanitären Einrichtungen und medizinischer Versorgung haben.

Durch Corona ist auch vielerorts queere Infrastruktur verloren gegangen. Wie wirkt sich das aus? Die Arbeit vieler queerer Grassroots-Organisationen basiert zu einem Großteil auf dem Engagement von Freiwilligen, sie sind chronisch unterfinanziert und hatten bisher schon kaum genug Geld für ihre Aktivitäten. Schaffen diese Organisationen es jetzt nicht, diese Krise zu überwinden, wird dies einen massiven Einfluss auf die Schlagkraft unserer Bewegung haben. Das hat dann zwar nichts mehr direkt mit der Corona-Pandemie zu tun, aber wir könnten langfristig den Schutzschild unserer Communitys verlieren. Und durch die wirtschaftliche Rezession könnten wir einen weiteren Anstieg des rechten Populismus erleben, wie bereits aktuell in Ungarn, Brasilien und den USA, wo LGBTI*-Menschen als Sündenböcke benutzt werden. Das macht uns sehr verletzlich. LGBTI*-Organisationen weltweit sind deshalb dringend auf Spenden angewiesen.

Pride Parades mussten in vielen Ländern in diesem Jahr abgesagt werden. Was heißt das für uns als Bewegung?

Mehr als wir uns das vielleicht gerade vorstellen können, da es bei einer Pride ja nicht nur um diejenigen geht, die sich mit ihrer Identität oder Orientierung bereits wohl in ihrer Haut fühlen. Es geht um die Tausende von Menschen, die sich das erste Mal auf eine Pride Parade getraut und dabei gemerkt hätten: ich bin nicht allein. Diese wertvollen Momente gehen uns in diesem Jahr verloren. In Ländern wie Russland mit einer homophoben Gesetzgebung ist dieser Verlust natürlich noch viel härter.

All Out organisiert jetzt im Juni und im Juli das digitale Pride-Festival „#UnDistanced“ - mit einer Reihe von Events, die im Internet übertragen werden. Ja, wir wollten damit den Zauber der Pride-Paraden heraufbeschwören und ein Community-Gefühl stiften. Das Internet ist momentan der einzige Ort, an dem dies sicher möglich ist. Deswegen bieten wir nun im Rahmen von „#UnDistanced“ Talks, Lesungen, Musik-Events etc. online an.

Welche anderen Maßnahmen ergreift ihr, um LGBTI* in der Corona-Krise zu helfen? Unser Hauptvehikel ist der „Covid-19 Emergency Response Fund“. Wir konnten 200.000 Dollar durch Spenden sammeln und verteilen diese an unsere Partnernetzwerke vor Ort, in Lateinamerika, den USA, Asien, Afrika oder Europa. Wir geben Zuschüsse von je 3.000 Dollar an mehr als 50 Hilfsorganisationen, die diese wiederum für Nahrungsmittel, Medikamente, Hygieneprodukte und Behausung einsetzen. Außerdem haben wir das „Breaking the Silence“-Projekt ins Leben gerufen. Es dokumentiert die Erfahrungen queerer Menschen während der Pandemie. Vielleicht kann es später als historisches Dokument über diese schwierige Zeit genutzt werden.

Es gibt auch kritische Stimmen, die davor warnen, in der internationalen Zusammenarbeit Ungleichheiten und neokoloniale Strukturen zu verstärken. Wenn sich internationale Organisationen einmischen, könne dies die Situation von LGBTI* vor Ort unter Umständen sogar verschlechtern. Wie stehst du dazu? Um ehrlich zu sein, in vielen Fällen trifft das zu. Es wäre lächerlich, diese Realität zu leugnen. Aber bei All Out und anderen international tätigen LGBTI*-Organisationen wird versucht, bei allem, was wir tun, den Entscheidungen unserer Partner*innen vor Ort zu folgen. Sie bestimmen, wie weit wir gehen, ob wir diese oder jene Aktion oder Petition pushen, ob es hilfreich ist, internationale Presse einzubinden usw. Ein Beispiel: Ich war 2016 zur Pride Parade in Uganda, und der Minister für „Ethik und Integrität“ drohte, einen Mob mit Macheten auf die Parade zu hetzen. Das ugandische Paradekomitee hat die Veranstaltung abgesagt. Es war seine Entscheidung. Die Menschen vor Ort bestimmen, welche Risiken sie eingehen wollen und welche nicht. Wie kann man die Arbeit von All Out unterstützen? Durch eure Stimme: Nehmt an unseren Kampagnen teil! Außerdem brauchen wir weiterhin Geldmittel - insbesondere jetzt, im Kampf gegen Covid-19.

Du bist seit 2016 Geschäftsführer von All Out. Was waren deine bislang schönsten Momente? Der beste Moment war für mich die erste Pride Parade in Swasiland in 2018, bei der ich das Privileg hatte, dabei zu sein. Eine der Aktivitäten von All Out sind Crowdfundings, mit denen wir unsere Partnerorganisationen vor Ort unterstützen. Melusi Simelane von einem unserer Partner kam auf einer Konferenz zu mir und fragte mich: Warum crowdfunden wir nicht für den ersten Pride in Swasiland? Wir bekamen genug Mittel zusammen, um für die Sicherheit, die Logistik und alles andere zu bezahlen. 300 queere Menschen versammelten sich dann auf dem Sportplatz von Mbabane, der Hauptstadt von Swasiland, und gingen von dort aus zum ersten Mal auf die Straße. Es war wunderschön!

Und der herbste Rückschlag? Das war 2017 die Krise in Tschetschenien, als (vermeintlich) schwule Männer gefangen, gefoltert und getötet wurden. Das Russian LGBT Network, eine langjährige Partnerorganisation von uns, berichtete uns frühzeitig davon. Wir sammelten daraufhin in einer gemeinsamen Petition zwei Millionen Unterschriften, die aber nie ankamen, da unsere russischen Partner*innen und meine Kollegen vor der Übergabe verhaftet wurden. Durch eine Crowdfunding-Kampagne konnten wir aber helfen, für die Evakuierungen Betroffener aus der Region zu bezahlen. Es war eine tiefe Krise für die LGBTI*-Bewegung.

Findest du, dass es für die LGBTI*-Community weltweit vorangeht, oder siehst du tendenziell eher wieder Rückschritte? Eine schwierige Frage. Unser Kampf ist eine lange, holprige Piste mit Löchern. Aber solange sich der Wagen weiterbewegt, werden wir eines Tages an einem Punkt ankommen, von dem aus es uns verrückt erscheinen wird, dass Menschen einmal Repressalien erfuhren, weil sie „falsch“ liebten oder lebten.