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Internationale Raumstation: Großes Rätselraten um ein kleines Loch


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 12.10.2018

Ein zwei Millimeter großes Loch wurde am 30. August 2018von den Flugleitzentren in Houston, Texas, und Koroljow bei Moskau in der Internationalen Raumstation entdeckt. Entweichende Luft führte zu einem Druckabfall in der Station.


Artikelbild für den Artikel "Internationale Raumstation: Großes Rätselraten um ein kleines Loch" aus der Ausgabe 11/2018 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 11/2018

Das russische Sojus-Raumschiff gliedert sich in die kugelförmige Orbitalkabine (1), die glockenartige Rückkehrkapsel (2) und das Versorgungs- und Antriebsmodul (3). Sowohl die Orbitalkabine als auch das Antriebsmodul verglühen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.


NASA

Ein Vorfall an Bord der Internationalen Raumstation ISS sorgte im August und September 2018 weltweit für ...

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... große mediale Aufmerksamkeit. Was war geschehen?

Überwachungsssensoren an Bord der ISS hatten einen markanten Druckabfall bei der Atemluft festgestellt, der eine Intervention durch die sechsköpfige Mannschaft erforderte. Die Ursache war schnell gefunden, die Besatzung entdeckte ein zwei Millimeter großes Loch in der Orbitalsektion des angedockten russischen Raumschiffs Sojus MS-09 (siehe Bild oben). Mit diesem war unter anderem auch der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst im Juni auf die Umlaufbahn gekommen, und er soll mit ihm auch wieder zurückkehren. Zunächst wurde als Ursache ein Treffer durch einen Mikrometeoriten vermutet, der die Bordwand der Sojus durchschlagen haben sollte. Aber bald war klar, dass das Loch auf ganz andere Weise enstanden sein musste – nämlich durch einen Bohrer, der sich von innen nach außen seinen Weg gebahnt hatte.

Das Leck wurde unverzüglich von den russischen Kosmonauten mit Bordmitteln – wahrscheinlich mit Epoxidharz – geschlossen. Dies geschah übrigens gegen den Willen des US-amerikanischen ISS-Kommandanten Andrew Feustel, der zuvor noch Experten konsultieren wollte, was die Russen aber ablehnten.

RKK Energija: Loch absichtlich gebohrt, Täter unbekannt

Als höchst kompliziert erweist sich indes die Antwort auf die Frage, wo und wann das Loch entstanden ist. Sicher ist bisher nur, dass es von innen und wenig fachmännisch gebohrt und dann mit einem unkonventionellen Kleber so gut verschlossen wurde, dass es bei den strengen Kontrollen – sowohl beim Hersteller, dem Raumfahrtkonzern RKK Energija, als auch bei den wochenlangen Startvorbereitungen auf dem Kosmodrom Baikonur in Kasachstan – nicht auffiel. Im Weltraum ist der Kleber dann offensichtlich eingetrocknet und dann nach außen gedrückt worden, so die Vermutung der Experten.

Für diese These spricht auch die Tatsache, dass in der Station schon mehrere Tage vor der Entdeckung des Lecks ein leicht ansteigender Druckverlust registriert wurde, der allerdings im normalen Bereich gelegen hat. Er könnte durch das schrittweise Eintrocknen des Klebers verursacht worden sein.

Die fabrikinternen Untersuchungen bei der RKK Energija haben ergeben, dass das Loch absichtlich und mit einer Handbohrmaschine gebohrt wurde, nicht aber wann (siehe Bilder S. 21). Die Nachkontrolle jedes Produktionsschritts anhand der Arbeitsblätter und auch von Fotos habe keinen Hinweis erbracht, dass das Werk der Tatort ist. Insofern gebe es auch keinen »Täter«, wird in dem Abschlussbericht vom 10. September 2018 betont. Wenn das Loch also nicht erst auf der Umlaufbahn entstanden sei, müsse es folglich in den 180 Tagen nach Verlassen des Werks bis zum Start zur ISS entstanden sein, rechnete eine nicht näher benannte Quelle der Nachrichtenagentur RIA Nowosti vor.

Der Chef des Raumfahrtstaatskonzerns GK Roskosmos, Dmitri Rogosin, war mit diesem Ergebnis höchst unzufrieden. Die Situation sei offensichtlich »komplizierter « als angenommen, lautete sein Kommentar. Er berief deshalb am folgenden Tag eine Sonderkommission ein, welche die Ergebnisse der Energija-Untersuchungen »analysieren« und »neue Fakten« aufdecken soll.

Rogosin und Bridenstine vereinbaren Stillschweigen

In einem Telefongespräch am 12. September 2018 haben dann Rogosin und sein amerikanischer Counterpart, NASA-Chef Jim Bridenstine, vereinbart, sich bis zum Abschluss der Untersuchungen jeglichen Kommentars zu enthalten. Sie betonten zugleich die Notwendigkeit des weiteren engen Zusammenwirkens ihrer technischen Experten bei der Ermittlung der Ursachen für das Leck und bei der Fortsetzung der planmäßigen Arbeiten in der ISS. Außerdem bedauerten sie ausdrücklich die ausufernden und immer abenteuerlicher werdenden russischen Pressespekulationen hinsichtlich der US-Astronauten.

Einige russische Medien, allen voran die Moskauer Zeitung Kommersant, wollten erfahren haben, dass ein US-Astronaut erkrankt sei und vorzeitig zur Erde zurückkehren wollte. Um diesen Sonderflug nicht bei den Russen bezahlen zu müssen, habe man eine technische Panne provoziert. Der russische Ex-Kosmonaut Maxim Surajew, der heute für die Putin-Partei in der Staatsduma sitzt, hatte gar gemutmaßt, dass das Loch von einem »psychisch labilen« Besatzungsmitglied gebohrt worden sein könnte. Immerhin sei das dafür erforderliche Handwerkszeug an Bord. Surajew wurde daraufhin unter anderem von seinem Exkollegen Michail Kornijenko zurückgepfiffen. Er war zusammen mit seinem Freund Scott Kelly an Bord der ISS gewesen. Letzterer absolvierte von März 2015 bis März 2016 den ersten Einjahresflug eines US-Amerikaners.

Um den wilden Spekulationen Einhalt zu gebieten, forderte Rogosin die russischen und internationalen Medien auf, fortan keine anonymen Quellen mehr zu zitieren. Hier muss man allerdings anfügen, dass die GK Roskosmos die Spekulationen mitbefeuert hat, weil sie die Journalisten nur mehr als spärlich mit Informationen versorgt. Und Rogosin, der immer für einen lockeren Spruch gut ist, hatte zudem in der Leck-Affäre als Erster das Wort »Sabotage« in den Mund genommen.

Inzwischen wird, quasi als Vertrauensbeweis, sogar ein gemeinsamer Ausstieg von russischen und amerikanischen Raumfahrern erwogen, um die Meteoritenschutzverkleidung des Raumschiffs von außen zu inspizieren. Diese könnte bei den Bohrarbeiten ebenfalls beschädigt worden sein, wie angeblich Untersuchungen mit einem Endoskop zeigten. Experten gaben daraufhin zu bedenken, dass der Bohrer, der dabei zum Einsatz kam, mindestens einen halben Meter lang gewesen sein muss, weil man sonst gar nicht an die verwinkelte Bohrstelle herangekommen wäre. Einen so langen Bohrer gebe es aber in der Station nicht, hieß es dazu.

Damit war also die Diskussion wieder eröffnet. Dabei rückte nunmehr die rund 90 Tage dauernde Endmontage des Raumschiffs in den Fokus, welche die Kapsel noch im werkseigenen Kontroll- und Teststand verbrachte, um auf Herz und Nieren geprüft zu werden. Hier werden zwar auch alle Phasen peinlich genau dokumentiert, aber nicht im Bild festgehalten, hieß es. Für wenig wahrscheinlich wird auch erachtet, dass das Raumschiff auf dem Eisenbahnweg nach Baikonur in Kasachstan oder auf dem Kosmodrom selbst beschädigt worden sein könnte.

Alexander Gerst übernahm das Kommando

Unterdessen dreht die ISS weiter ihre Kreise um die Erde. Schenkt man dem russischen Kosmonauten Sergej Prokopjew Glauben, dann arbeitet nach dem Abdichten des Lecks die sechsköpfige Besatzung gesund in Ruhe und Gelassenheit ihre Experimente planmäßig ab. Anfang Oktober übernahm der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst von Andrew Feustel als erster Deutscher das Kommando über die Station.

GERHARD KOWALSKI war von 1966 bis 2007 Journalist für Nachrichtenagenturen und beschäftigt sich seit Ende der 1960er Jahre mit der russischen Raumfahrt.

Eindeutig durch einen Bohrer ist das rund zwei Millimeter durchmessende Loch in der Orbitalkabine der Raumkapsel Sojus-MS09 entstanden. Zudem lassen sich Schrammen im Umfeld erkennen. Unklar ist jedoch, wo und wann gebohrt wurde.


NASA

Mit Epoxid-Kleber und medizinischer Gaze wurde das Loch in der Orbitalkabine abgedichtet. Der Luftdruck in der Internationalen Raumstation ist seitdem stabil.


NASA