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INTERNATIONALER VERGLEICH: VEGGIE ALL OVER THE WORLD?


ÖKO-TEST Spezial Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 02.11.2018

Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Industrieländern liegt vegetarische und vegane Ernährung im Trend. Vor allem auf der Südhalbkugel könnte der Appetit auf Fleisch in den kommenden Jahren allerdings zunehmen.


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Foto: hadynyah/getty images

Mahatma Gandhi war nicht nur ein Prediger des Friedens, sondern auch des Tierschutzes. Der spirituelle Fortschritt, so sagte der indische Freiheitskämpfer einmal, werde es vom Menschen verlangen, dass er aufhört, seine Mitlebewesen zur Befriedigung seiner eigenen Gier zu töten. Bei seinen Landsleuten stieß Gandhi damit auf offene Ohren. Vor allem aus ...

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... religiösen Gründen verzichten in Indien viele Menschen auf Fleisch. Kein Wunder also, dass das Land mit den meisten Vegetariern nicht etwa in Europa liegt, sondern eben in Südasien. Im Schnitt isst ein Inder nach Statistiken der Welternährungsorganisation (FAO) nur vier Kilogramm Fleisch pro Jahr. In Deutschland sind es rund 60 Kilogramm.


Das Land mit den meisten Vegetariern liegt nicht etwa in Europa. In Indien ernährt sich mehr als ein Drittel der Bevölkerung ohne Fleisch.


Wie viele Menschen sich in den rund 200 Staaten der Erde jeweils vegetarisch ernähren, dazu liegen recht unterschiedliche Schätzungen vor. Unbestritten ist aber, dass Indien unangefochten an der Spitze liegt. Nach einem Ranking der Websiteworldatlas.com ernähren sich dort 38 Prozent der Einwohner vegetarisch. Danach folgen Israel, Taiwan und schließlich vier europäische Länder, auf den Plätzen fünf und sechs auch Österreich und Deutschland.

Hierzulande erleben Vegetarismus und Veganismus seit Jahren einen Boom. Nach Angaben des Vegetarierverbands Proveg verzichten acht Millionen Deutsche auf Fleisch, 1,3 Millionen auf alle tierischen Produkte.

Foto: imago/Vibrant Pictures

Foto: efesenko/getty images

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Jung, urban, vegan: Bei der Ernährung ohne Fleisch und andere tierische Produkte gibt es ein klares Stadt-Land-Gefälle. Auf dem Land stößt die Lebensweise immer noch auf große Vorbehalte.


Foto: KatarzynaBialasiewicz/getty images

Die Zahl der vegetarischen und veganen Restaurants steigt, entsprechende Kochbücher finden reißenden Absatz. Ob aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen: Fleischlose Ernährung liegt im Trend. Und nicht selten haben deutsche Urlauber den Eindruck, dass es im Ausland eher schwieriger ist, sich vegetarisch zu ernähren.

Aber stimmt das wirklich? Als europäisches Vorzeigeland für die fleischlose Lebensweise gilt – wer hätte das vermutet – Großbritannien. „Die britische Veggiebewegung ist eine der am weitesten fortgeschrittenen in Europa“, sagt Jimmy Pierson, Leiter der länderübergreifenden Vegetarierorganisation Proveg in Großbritannien. „Die Medien berichten häufiger und positiver über den pflanzlichen Lebensstil als je zuvor, und immer mehr Menschen assoziieren den Veganismus mit Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden.“


English Breakfast gibt es inzwischen auch ohne Eier und Speck.


Früher als andere Länder hat Großbritannien zum Beispiel eine weitgehende Kennzeichnung von Lebensmitteln durchgesetzt. Wer auf Fleisch oder ganz auf tierische Produkte verzichten will, hat es nicht nur in London leicht. Diese Erfahrung hat die Deutsche Linda Sabin gemacht, die auf dem Blog Veltenbummler von ihren Reisen als Veganerin berichtet.
„Sogar in Cornwall habe ich in einem normalen Pub ein veganes Gericht auf der Karte gefunden: Backofenkartoffel mit Chili sin Carne“, erzählt sie. „Und es gibt dort sogar vegetarische und vegane Bed and Breakfasts.“ Doch selbst wenn der Anteil der Vegetarier im Vereinigten Königreich mit neun Prozent (ohne Veganer) recht hoch liegt, muss einschränkend gesagt werden, dass die Inselbewohner nach einer aktuellen OECD-Statistik mit den fleischliebenden Ungarn zu den dicksten Europäern gehören. Die Leidenschaft für fettige Pommes, kleine Tüten Chips als Snack zwischendurch sowie für Softdrinks setzt eben schnell an – selbst wenn auf Fleisch und Fisch verzichtet wird.

In anderen Teilen Europas sieht die Situation noch etwas anders aus. In Spanien ist beispielsweise der jährliche Pro-Kopf-Konsum von Fleisch nach Angaben der FAO zwar zwischen 2002 und 2013 von 120 auf 94 Kilo gesunken. Von „deutschen Verhältnissen“ sei man aber noch weit entfernt, berichtet Gero Schomaker, Leiter des dortigen Proveg-Verbands. „Allein in Berlin leben so viele Veganer wie in ganz Spanien. Viele Spanier glauben immer noch, dass es bedenklich sei, kein Fleisch zu essen.“

Foto: coldsnowstorm/getty images

Bewusste Ernährung ist vor allem in Industrieländern ein Thema. In manchen Teilen der Welt hat der Verzicht auf Fleisch andere Gründe.


Foto: Kailash Kumar/getty images


41 Prozent der Polen glauben, dass es ungesund ist, kein Fleisch zu essen.


Ähnlich ist die Situation in Osteuropa. Patricia Homa, Leiterin von Proveg Polen, berichtet, dass der Wissensstand der Bevölkerung zu diesem Thema noch gering sei: 41 Prozent der Polen glauben, dass eine Ernährung ohne Fleisch ungesund ist. In Kantinen und öffentlichen Einrichtungen sind fleischlose Mahlzeiten eher selten. Allerdings lässt sich in Polen ein Gefälle beobachten, das es auch in vielen anderen Ländern gibt: ein klarer Gegensatz zwischen großen Städten und ländlichen Regionen. Auf dem Land stößt die pflanzliche Ernährungsweise noch immer auf Vorbehalte. „In Warschau verzeichnen wir dagegen einen wahren Boom, was die Zunahme von vegetarischen und veganen Restaurants angeht“, sagt Patricia Homa. Auf der Rangliste der zehn veganerfreundlichsten Städte der Welt, die das Portalhappycow.net aufgestellt hat, belegt die polnische Hauptstadt Platz drei.

Auch in Spanien hat der Trend zur vegetarischen und veganen Lebensweise vor allem die großen Städte erfasst. Die Zahl der veggiefreundlichen Restaurants hat sich dort laut Happy Cow in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Ähnlich ist es in den USA: In dem Land, in dem Barbecue, saftige Steaks und Burger für viele Menschen praktisch zum Lebensgefühl gehören, haben Menschen, die sich fleischlos ernähren, vor allem in den Metropolen fast unbegrenzte Möglichkeiten: Von den laut Happy Cow zehn veganerfreundlichsten Städten der Welt liegen vier in den Vereinigten Staaten: Los Angeles, New York, Portland und San Francisco.

In verschiedenen Ländern versuchen gerade Städte und ihre Verwaltungen das Thema in ihrem überschaubaren Radius voranzutreiben: Als weltweit erste Stadt hat das belgische Gent schon 2009 den Donnerstag zum offiziellen Veggietag erklärt: Zahlreiche Schulen, öffentliche Einrichtungen und Betriebe machen mit und setzen an diesem Tag nur fleischlose Mahlzeiten auf ihre Speise karten. Das Konzept hat im Rest des Fleischesser-Landes Nachahmer gefunden: Andere belgische Städte wie Brüssel, Ost ende und Hasselt haben das Modell übernommen. In der italienischen GroßstadtTurin rief Bürgermeisterin Chiara Appendino 2016 den Plan aus, ihre Kommune zur ersten „vegetarischen Stadt“ des Landes zu machen – ebenfalls mit einem fleischlosen Tag pro Woche, mit Bildungsprojekten an Schulen, mit einem vegetarischen Stadtplan. Allerdings stieß das Vorhaben erwartungsgemäß auf heftige Kritik der örtlichen Fleischproduzenten.


Ein Tag ohne Wurst und Schnitzel ist für viele immer noch undenkbar.


Um noch mehr Menschen weltweit von fleischloser Ernährung zu überzeugen, hat sich die länderübergreifende Vegetarierorganisation Proveg gegründet, in der auch der deutsche Vebu aufgegangen ist. Sie solle dem Anliegen eine einheitliche starke Stimme verschaffen, sagt Sebastian Joy, Geschäftsführer von Proveg International. Es geht dabei nicht nur um gesundheitliche Aspekte und Tierschutz, sondern auch um Nachhaltigkeit: Schätzungsweise neun Milliarden Menschen müssten im Jahr 2050 ausreichend ernährt werden, sagt Joy. „Das ist nur unter einer Bedingung und ohne einen Zuwachs an Umweltschäden möglich: Der viel zu hohe Konsum tierischer Produkte in den Industrie- und Schwellenländern muss zügig gesenkt werden“, ist Joy überzeugt.

Das dürfte eine riesige Herausforderung sein. Denn auf der Welt sind teils gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten. Der gesellschaftliche Wandel hin zu einer nachhaltigen und tierfreundlichen Ernährung betrifft vor allem die Industrieländer. In den Schwellen- und Entwicklungsländern aber nimmt die Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln zu. Dafür ist auch das Vegetarierland Indien ein Beispiel: Weil der Fleischverzicht seine Wurzeln in der Religion hat, spielt er gerade für Menschen mit einer traditionellen Lebensweise eine wichtige Rolle. In der aufstrebenden urbanen Mittelschicht gehört es dagegen für viele Inder zum modernen Lebensstil, mit alten Traditionen zu brechen, sich am Konsum anderer Länder zu orientieren und eben vermehrt Fleisch zu essen. Kein Wunder also, dass der sehr hohe Anteil an Vegetariern in Indien leicht rückläufig ist.

Während bei uns Fleisch in der Regel günstig und überall zu bekommen ist, gilt es in ärmeren Teilen der Welt häufig noch als wertvolles Gut und als entsprechend begehrenswert. Das kann auch für Reisende Folgen haben. Wer zum Beispiel von Einheimischen in Afrika oder Südamerika zum Essen eingeladen wird, bekommt oft ganz bewusst Fleisch vorgesetzt, gerade weil man dem Gast Ehre erweisen und ihm etwas Besonderes bieten will. Wer dann ablehnt, stößt die Gastgeber nicht selten vor den Kopf. Gerade auf der Südhalbkugel müssen reisende Vegetarier und Veganer manchmal erfinderisch sein. Wer auf Fleisch oder auf alle Tierprodukte verzichtet, muss häufig ein eingeschränktes Speiseangebot akzeptieren. Oder selbst kochen. So machen es zum Beispiel die Vegetarier Femke und Finn Werner. Die Kieler sind seit Sommer 2017 auf Weltreise und berichten im Blog Alltagsgewusel von ihren Erlebnissen. Wo Obst wie in Thailand günstig ist, haben sie keine Probleme satt zu werden. Gerade in ländlichen Gebieten in Südostasien bekomme man als Vegetarier allerdings auch immer wieder Fisch angeboten.

Kichererbsen, Gemüse, Oliven und Kräuter sind aus der israelischen Küche nicht wegzudenken. In dem Land leben – verglichen mit anderen Nationen – viele Vegetarier und Veganer.


Foto: TeodoraDjordjevic/getty images

Trotzdem: Gerade Südostasien ist für Reisende, die auf Fleisch verzichten, keine schlechte Region. Femke und Finn Werner waren zum Beispiel von der Stadt Ubud auf der indonesischen Insel Bali begeistert: „Da ist es eher eine Ausnahme, wenn man Fleisch essen möchte. An jeder Ecke bekommt man vegane und vegetarische Speisen.“ Als Hochburg der fleischlosen Ernährung gilt auch Taiwan: mit zwölf Prozent lautworldatlas.com das Land mit dem dritthöchsten Anteil an Vegetariern an der Bevölkerung. Die Inselrepublik vor der chinesischen Küste zählt Tausende vegetarische Restaurants und hat strenge Kennzeichnungsrichtlinien für Lebensmittel. Buddhistische Gruppen in Taiwan propagieren die fleischlose Ernährung stark.


In ärmeren Teilen der Welt gilt Fleisch noch als wertvolles Gut und deshalb als besonders begehrenswertes Nahrungsmittel.


Als Nummer eins in Sachen Veganismus gilt aber Israel. Je nach Statistik sind 2,5 bis 5 Prozent der Israelis Veganer, hinzu kommen acht Prozent Vegetarier. Allein in Tel Aviv listethappycow.net rund 170 vegane Essmöglichkeiten auf. Die Gründe für den Boom sind vielfältig: Die Küche des Nahen Ostens basiert ohnehin auf Gemüse. Und auf Milchprodukte zu verzichten, sind viele Juden ohnehin gewöhnt, weil „Milchiges und Fleischliches“ nach den Regeln des koscheren Essens nicht zusammen verzehrt werden darf. Eine gut organisierte und umtriebige Tierschutzszene geht zudem gegen den Fleischkonsum vor. Der Veganismus speist sich in Israel daher sowohl aus religiösen Traditionen als auch aus dem modernen Trend zu gesunder und nachhaltiger Ernährung. So essen nicht nur immer mehr junge Großstadtbewohner in Tel Aviv vegan. Auch die israelische Armee hat vegane Angebote auf dem Speiseplan.