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INTERVIEW: An der Klangwand


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 06.12.2019

Auf seinem neuen Album erkundet der SchlagwerkerChristoph Sietzen die Stille.


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Foto: Daniel Delang

Durch seinen Vater ist er luxemburgischer Staatsbürger, aber Christoph Sietzen wurde vor 27 Jahren in Salzburg geboren, wuchs dort auf und lernte auch dort, bei Martin Grubinger sen., ehe er nach Linz, die zweite Schlagwerk-Hochburg im deutschen Sprachraum, wechselte. Mit seinem Lehrer Bogdan Bacanu und zwei weiteren Marimba-Kollegen bildet er seit 2008 – da war er 16 – das sehr erfolgreiche Wave Quartet. Vier Jahre hat er auch an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst unterrichtet. ...

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... Inzwischen konzentriert er sich auf das Quartett-Spiel und seine Solo-Projekte. „Stille“ ist sein drittes Album unter eigenem Namen.

Herr Sietzen, warum nennen Sie sich Schlagwerker?

Ich denke, Schlagwerk beschreibt besser, was ich mache, als Schlagzeug – da denkt man eher ans Drumset. Schlagwerk schließt eine größere Bandbreite an Instrumenten ein.


„Ich habe mir 300 Kilo Schrott gekauft und mich da durchgeklopft.“


Sie bringen im November ein Konzert für „Klangwerk“ und Orchester zur Uraufführung.

Für Georg Friedrich Haas hat das Instrumentarium mehr mit Klang als mit Schlagen zu tun, weil es so viele unterschiedliche Klänge umfasst – das finde ich einen sehr schönen Gedanken. Das Spannende an dem Stück ist – neben der großartigen Musik –, dass er die Idee hatte, ein komplett neues Instrument zu erfinden: eine Klangwand, die aus 48 Metallgegenständen besteht. Je höher ein Teil hängt, desto höher klingt es – und je weiter links, desto weniger Obertöne, je weiter rechts, desto mehr Obertöne. Da ist man als Schlagwerker gefordert, sich ein Instrument zusammenzubauen, was eine zeitintensive, aber auch unglaublich spannende Aufgabe ist. Ich hab mir auf dem Schrottplatz 300 Kilo Schrott gekauft und mich da durchgeklopft, weil man die Klänge ja auch finden muss. Allein die Tonhöhen zu bestimmen, ist gar nicht so einfach, weil es teilweise so viele unkontrollierte Obertöne gibt oder auch Untertöne, wo man nicht sicher ist, was ist überhaupt der Grundton. Das ist unglaublich spannend, weil jeder Ton seine ganz eigene Persönlichkeit hat. Das Ideal ist normalerweise, dass alle Töne eines Instruments den gleichen Charakter haben. Hier hat jeder Metallgegenstand seinen ganz eigenen Klang. Ich habe große Ölfässer, Alufelgen von einem AMG-Mercedes oder auch kleine Metallplättchen – was die für ein Obertonspektrum haben, ist faszinierend. Die Wand ist 2,30 Meter hoch und 2,30 Meter breit, das ist richtig groß. Es gibt von Georg Friedrich Haas nur diese Beschreibung: 48 Metallgegenstände, sechs mal acht Reihen. Und nach diesen Vorgaben mit den Tonhöhen und den Obertönen muss man sich das selbst zusammensuchen. Ganz wichtig dabei ist: Die Klangwand ist nicht nur Aktionismus, sondern es steckt ein klarer Gedanke dahinter, und dann wird so etwas sehr wertvoll.

Ist das Teil der Faszination Schlagwerk, dass man noch viel experimentieren kann?

Sicherlich. Aber es ist genauso faszinierend, an der Marimba nach Klangfarben zu suchen. Es ist manchmal einfacher, etwas Interessantes zu machen, wenn man sich die Klänge zusammensuchen kann. Wenn man nur ein Instrument mit all seinen Beschränkungen hat, muss man noch intensiver nach Klangfarben suchen. Und das Schöne ist, dass es auch da geht.

Sie spielen sehr oft Marimba, oder?

Ich spiele die ganze Bandbreite des Schlagwerks. Aber die Marimba ist für mich ein spezielles Instrument, weil ich übers Marimbafon zum Schlagwerk gekommen bin. Mich interessiert das Melodische sehr, und ich versuche auch in den ungestimmten Instrumenten das Melodische zu finden. Auf der neuen CD spiele ich fast nur Marimba. Aber die meisten Konzerte sind doch für große Schlagwerke geschrieben.

Sie spielen ja auch Kontrabass und Cembalo.

Mit sechs Jahren habe ich mit dem Xylofon angefangen, mit acht kam der Kontrabass hinzu. Ich komme aus einer Streicherfamilie, mein Großvater und meine Großmutter mütterlicherseits waren Geigenlehrer, mein Onkel ist Geiger und Dirigent. Vielleicht spiele ich deshalb so gern Bach an der Marimba – ich bin damit aufgewachsen. Mein Traum war immer, Musiker zu werden, solistisch als Schlagwerker und mit dem Kontrabass im Orchester. Irgendwann hab ich mich entscheiden müssen – Schlagwerk allein umfasst schon so viele unterschiedliche Instrumente. Marimba zum Beispiel hat vom technischen Aspekt her relativ wenig mit Trommeln zu tun.

Als Schlagwerker muss man stilistisch offen sein. Kommt das durchs Instrumentarium, oder wählen nur neugierige Menschen das Instrument?

Das kommt automatisch durch die Ausbildung. Man wird von Anfang an mit verschiedenen Stilen konfrontiert. Man muss als Schlagwerker eine Art Chamäleon sein. Der Rhythmus ist in Pop und Jazz präsenter als in der Klassik, allein dadurch ist man dem sehr nahe – ich hab ja auch ein Stück von Stewart Copeland uraufgeführt, dem alten Police-Schlagzeuger. Aber man sollte natürlich auch in einer Beet hoven-Sinfonie einen Groove finden, und auch wenn man Bach spielt. Deshalb hab ich mich viel mit dem Cembalo beschäft igt. Ich will es ja richtig machen und nicht nur ein bisschen Bach vergewaltigen.


„Man kann Stille in jedem Moment finden, wenn man offen ist.“


Ihr neues Album heißt „Stille“. War das ein inneres Bedürfnis oder dem Zwang geschuldet, ein Konzeptalbum zu machen?

Meine ersten zwei Solo-CDs waren schlagwerkspezifische Alben. Jetzt war es mir wirklich ein Bedürfnis, ein Album zu einem Thema zu machen, das aktuell ist und uns alle beschäftigt. Stille hat für mich ganz viele Aspekte – und die CD ist eine sehr persönliche Auswahl von Stücken, in denen ich selber wirklich Stille finde. Damit meine ich nicht Pausen – „4’33“ von John Cage ist nicht dabei. Ich bin überzeugt, dass man Stille nicht nur in ruhiger Musik findet. Man kann Stille in jedem Moment finden, wenn man offen ist. Es geht um die Einstellung. Die CD ist auch als Aufforderung gedacht, mal das Handy komplett auszuschalten und in eine kreative Stimmung zu kommen. Ein klassisches Konzert ist wirklich ein heiliger Ort, weil alle für zwei Stunden ihr Handy ausschalten und sich fokussieren. Bei einer CD funktioniert das viel seltener – leider. Aber es ist möglich. Außerdem wollte ich zeigen, dass das Schlagwerk nicht laut sein muss, sondern auch bis ins kleinste Pianissimo gehen kann.

Es gibt erstaunlich viele gute junge Schlagwerker, nicht zuletzt aus Salzburg. Ist der Markt groß genug für alle?

Leider können sich viele Menschen immer noch nicht vorstellen, was mit dem Schlagwerk alles möglich ist. Mit dem Wave Quartet spielen wir auf vier Marimbas Bach – da denken viele noch immer an Crossover. Aber wir spielen zusammen mit der Academy of Ancient Music oder dem L’Orfeo Barockorchester, und die sind unglaublich begeistert davon. Das Instrument bietet extrem viele Möglichkeiten. Es entwickelt sich enorm, das Niveau steigt unglaublich, Stücke, die vor zehn Jahren eine Handvoll Leute spielen konnten, spielt jetzt fast jeder. Das finde ich sehr spannend – weil es hoffentlich eines Tages nicht mehr heißt: Ich hab mal einen Schlagwerker gesehen. Sondern dass man anfängt zu vergleichen und die unterschiedlichen Musiker und Ansätze zu sehen. Der Pionier war Peter Sadlo, der in Salzburg unterrichtet hat. Dann kam Martin Grubinger, ebenfalls aus Salzburg, der eine Welt für sich ist und unglaublich viel bewegt hat. Und jetzt kommt die nächste Generation: Jetzt verankert sich das Ganze und geht in die Breite. Jeder von uns verfolgt seine eigene Richtung und hat seinen eigenen Stil – und damit hoffentlich auch seine Berechtigung.

Es entwickelt sich also in die richtige Richtung?

Absolut. Es ist kein Selbstläufer, es hängt viel von der persönlichen Überzeugungskraft ab, und man braucht Kraft dafür. Aber dann ergeben sich schöne Projekte wie mit der Academy oder jetzt das Haas-Konzert. Es tut sich enorm viel – und es ist schön, dabei zu sein.

Aktuelle CD

Silence. Werke von Glass, Albéniz, Bach, Tárrega, Piazzolla u. Pärt; Christoph Sietzen, Clemens Hagen, Bogdan Bacanu, Academy of Ancient Music (2019); Sony Classical