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Interview: „Das Kind nicht auf eine Rolle festlegen“


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2010 vom 23.09.2010
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Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 10/2010

Anna von Behr ist Psychologin am Deutschen Jugendinstitut in München.


ÖKO-TEST: Gene, Hormone, unterschiedliche Arbeitsweisen des Gehirns – die Forschung scheint solche Dinge inzwischen höher zu bewerten als die soziale Erziehung von Jungen und Mädchen. Führt das nicht zu einer Verfestigung der alten Rollenklischees?

Von Behr: Für die Entwicklung einer positiven Geschlechtsidentität ist es kontraproduktiv, ein Kind auf eine Geschlechterrolle festzulegen, weil es große individuelle Unterschiede innerhalb der Gruppe aller Jungen oder aller Mädchen gibt. Einzelne Jungen und Mädchen können sich in ihren Eigenschaften und Neigungen viel ähnlicher sein als ein einzelner Junge oder ein einzelnes Mädchen dem Durchschnitt ihrer Geschlechtsgruppe. Inzwischen steht die Sozialwissenschaft auf dem Standpunkt, dass es zwar das biologische Geschlecht gibt, aber eben auch ein soziales. Wichtig ist es, dass ein Kind nicht wegen seines Geschlechts in seinen Handlungen und Wünschen eingeschränkt und in eine Richtung gedrängt wird. Zu oft wird das Verhalten von kleinen Kindern nämlich „geschlechtstypisch“ interpretiert. Sind Jungen aggressiv, heißt es gleich, „es sind halt Jungs“.

ÖKO-Test: Wie können Eltern verhindern, dass aus ihren Kindern das wird, was sie – vielleicht – nie wollten?

Von Behr: Wenn ein kleiner Junge Macho sein will, dann sollte man ihn erst einmal Macho sein lassen. Das kann ein individueller Entwicklungsprozess sein. Man muss deshalb nicht alles akzeptieren, was er tut oder sagt. Es wäre gut, wenn Eltern nicht jedes Verhalten durch die Geschlechterbrille betrachten würden. Liebt ein Mädchen rosa Spitzenkleider, sollte die Mutter nicht gleich die Emanzipation der Tochter in Gefahr sehen, sondern sie könnte die Neigung des Mädchens so interpretieren, dass diese sich eben gerne mit schönen Stoffen beschäftigt.
ÖKO-Test: Wie viele Rollenklischees werden auch in den modernsten Familien noch vermittelt?

Von Behr: Die klassischen Rollenbilder in unserer Gesellschaft lösen sich auf. Doch natürlich stehen wir mit unseren Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer noch immer am Anfang. Kinder durchlaufen auch Phasen, in denen sie Rollen ausprobieren müssen. Eltern sind ja auch nur eine Quelle für ein Rollenvorbild. Kinder reagieren sensibel auf alle Wertungen gegenüber männlichen oder weiblichen Verhaltensweisen. Sie saugen alles auf, nehmen so auch jede vielleicht scherzhaft gemeinte Bemerkung ihrer Umwelt auf. Eltern und Erzieher sollten sich bewusst sein, was sie über Männer und Frauen vielleicht nur so dahersagen.

ÖKO-TEST: Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, gegen den Strom zu schwimmen, also zum Beispiel den Jungen motivieren, sich zum Ballett anzumelden, wenn er das wirklich will, oder das Mädchen ermutigen, sich für eine jungentypischen Aktivität zu interessieren?

Von Behr: Man kann dem Kind erklären, dass eine bestimmte Aktivität mit dem Geschlecht nichts zu tun hat, also im Grundsatz weder männlich noch weiblich ist. Man kann den Kindern Vorbilder anbieten, die die vermeintlichen Geschlechtsgrenzen überwunden haben, in diesem Beispiel berühmte Tänzer oder weibliche Fußballstars. Aber Eltern können den Druck von Kindern nicht wegnehmen. Gilt Ballett als weiblich, muss sich schon das ganze Umfeld ändern, damit das Kind gegen den Strom schwimmen kann. Manchmal ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe wichtiger als die Verfolgung eines spannenden Interesses. Eltern müssen das akzeptieren.

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