Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 10 Min.

INTERVIEW: Eine Art uferstehung


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 06.09.2019

Ivo Pogorelich , der Klavier-Superstar der 80er-Jahre, meldet sich nach langer Pause mit einer CD-Aufnahme zurück.


Artikelbild für den Artikel "INTERVIEW: Eine Art uferstehung" aus der Ausgabe 10/2019 von FONO FORUM. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Am 17. November gastiert Ivo Pogorelich in Zürich, im Frühjahr dann mehrfach in Deutschland und in der Schweiz.


Foto: PR

Er war der erste Popstar der Klassik, in England wurde er gar zum „Mick Jagger der Klassik“ ausgerufen. Nachdem sein frühes Ausscheiden beim Chopin-Wettbewerb 1980 zu einem Riesenskandal in der Jury geführt hatte, wurde er Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon und füllte bald schon alle großen Säle bis hin zur Hollywood- Bowl mit 25.000 Zuschauern. Er war in den ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von FONO FORUM. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von FOYER: Liebe Leserin, lieber Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOYER: Liebe Leserin, lieber Leser!
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von AKTUELL: Konzert-Termine. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL: Konzert-Termine
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Fünf Fragen Fünf Antworten: Enrique Mazzola. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fünf Fragen Fünf Antworten: Enrique Mazzola
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von PORTRÄT: Von Bach bis zu den Beatles. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PORTRÄT: Von Bach bis zu den Beatles
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von INTERVIEW: Organisten sind f lexibel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERVIEW: Organisten sind f lexibel
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von PORTRÄT: Erfolgreiche Balance. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PORTRÄT: Erfolgreiche Balance
Vorheriger Artikel
Fünf Fragen Fünf Antworten: Enrique Mazzola
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PORTRÄT: Von Bach bis zu den Beatles
aus dieser Ausgabe

... Boulevard-Medien präsent, bewegte sich im Jetset, lebte auf einem Schloss in Schottland – und galt doch immer als höchst ernsthafter Musiker, der stupende Virtuosität mit tiefem, die Extreme nicht scheuendem Gestaltungswillen verband. Dann kam der Bruch. 1996 starb Pogorelichs Ehefrau, seine einstige Lehrerin Alisa Keseradse. Der Kroate, 1958 in Belgrad geboren und vom zehnten bis zum 20. Lebensjahr in Moskau ausgebildet, sagte alle Verpflichtungen ab und kehrte erst allmählich wieder ins Konzertgeschehen zurück. Bis heute gibt er nur rund zwei Dutzend Konzerte im Jahr, eine CD hatte er seit 1995 nicht mehr aufgenommen. Pogorelich, der seit langem in Lugano lebt, ist auf verschiedenen Feldern karitativ tätig.

Weil, so hieß es, kein geeignetes Zimmer mehr frei war, fand das Interview in einem riesigen neobarock ausgestatteten Raum eines Berliner Luxushotels statt, in dem ein kleines Tischchen und zwei Sessel recht verloren wirkten. Mit zehn Minuten Verspätung erschien Ivo Pogorelich, leger gekleidet mit mattgelbem Poloshirt, beigegrüner, aufgekrempelter Cordhose, orangen Strümpfen und braunbunten Sportschuhen, im Schlepptau eine Managerin und einen Manager, die sich im Foyer postierten. Zunächst prüfte er – nicht unsympathisch, aber ganz souveräner Herr der Lage – den Lichteinfall, rückte die Sessel dann so zurecht, dass wir uns genau gegenübersaßen, und fing, als ich das Stichwort CD nannte, gleich an zu sprechen – mit tiefer, angenehmer Stimme und englisch mit rollendem r.

Es liegt in der menschlichen Natur, besitzen zu wollen. Die Menschen mögen es, etwas zu berühren. Die LP war viel attraktiver, weil die Leute nicht nur die Musik genießen konnten, sondern auch, wenn das Foto auf Persönlichkeit des Künstlers bekamen durch das Gesicht, eine Geste, was auch immer. Aber mit dieser Zigarettenschachtelgröße… Wissen Sie, als die CD erschien, wurden die Künstler gebeten, etwas zu sagen. Natürlich etwas Positives, obwohl ich damals instinktiv fühlte, dass das den Reiz des Aufnahmeprodukts vermindern würde. Wegen der Größe und wegen des Zellophans, in das die CD-Hüllen eingeschweißt sind. Wenn Leute nach einem Konzert ein Autogramm auf der CD haben wollen, dauert es manchmal Minuten, bis sie das Plastik abbekommen und das Booklet herausgenommen haben.

Herr Pogorelich, warum haben Sie so lange keine CDs aufgenommen? Und warum jetzt dieses Programm?

Das ist ganz einfach. Aber es ist in der heutigen Welt einfacher, eine Sensation zu erklären, als etwas, was dem gesunden Menschenverstand entspricht. Jeder Künstler hat die Sehnsucht, sich zu entwickeln, seine Fähigkeiten und seinen Horizont zu erweitern. Es gibt Pianisten, die auch dirigieren, die Kammermusik spielen oder komponieren. Ich habe kein Talent zu all dem. Aber ich wollte meine instrumentalen Fähigkeiten perfektionieren und einen Punkt erreichen, wo ich einen wirklich substanziellen Beitrag zu der Musik leisten kann, die ich spiele. Das dauert seine Zeit. Ich war nie in Eile – weil ich in ganz jungen Jahren angefangen habe, öffentlich aufzutreten. Ich habe immer gefühlt: Wenn man Musik dokumentiert, muss man nicht nur sein Bestes geben, sondern auch auf eine Art über sich hinauswachsen. Das ist wie im Sport: Sportler kämpfen miteinander und versuchen immer zu gewinnen. Aber die meisten Weltrekorde oder persönliche Rekorde werden bei den Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften aufgestellt. Da versucht jeder über sich selbst hinauszuwachsen, weil er unbedingt eine Medaille oder einen Titel gewinnen will. So ging es mir immer bei Aufnahmen.

Außerdem: Um ein langes Leben als Künstler zu leben und produktiv zu bleiben, kann man nicht immer nur Dinge wiederholen, von Land zu Land reisen, Applaus bekommen, Aufnahmen machen … Ich war immer sehr vorsichtig. Ich habe nie mehr als eine Platte pro Jahr aufgenommen in den Jahren 1981 bis 1995. Das war natürlich weniger, als man von mir aus kommerziellen Interessen erwartete. Aber das war mein Ansatz. Die Werke, die Sie auf dieser CD finden, habe ich sehr sorgfältig ausgewählt.

Die beiden Sonaten von Beethoven sind kaum bekannt und werden fast nur im Rahmen von Gesamtzyklen gespielt, und auch da nur wie nebenbei. Als ich die Werke zu spielen begann, die Sonate in Fis-Dur op. 78 vor zwölf Jahren und die in F-Dur op. 54 vor etwa fünf Jahren, spürte ich instinktiv etwas, was ich nicht benennen konnte. Erst der Musikwissenschaftler, der den Booklet- Text geschrieben hat, hat das herausgefunden – ich empfehle Ihnen sehr, den Text zu lesen. Stellen Sie sich vor, die Sonate op. 54 schrieb Beethoven, kurz nachdem er ein Geschenk aus Paris bekommen hatte: einen Érard-Flügel, der technisch seinen bisherigen Instrumenten überlegen war. Der Érard hatte fünf Oktaven, fixierte Pedale und einen viel besseren Klang. Beethoven war sehr deutsch in dem Sinne, dass Deutsche ein Talent für Technik haben. In dem Punkt können wir Beethoven mit Leonardo da Vinci vergleichen, der sich auf so vielen Feldern bewegt und so viele Erfindungen vorhergesehen hat. Auch Beethoven hatte einen analytischen Ansatz und eine unendliche Neugier. Alles, was er später für Klavier geschrieben hat, basierte auf dieser neuen Technologie, die ihm beim op. 54 zum ersten Mal zur Verfügung stand. Beethoven war ein Ingenieur der klassischen Musik – abgesehen von seiner Inspiration und seinem Mut und seiner Kühnheit. Er war sich seiner Talente sehr bewusst und nutzte sie verantwortungsvoll. Er hat jeden Tag das Beste aus sich herausgeholt und manchmal mit rasanter Geschwindigkeit komponiert. Wenn Sie sich die Noten der Appassio nata anschauen, sehen Sie, dass die Striche superschnell geschrieben sind, sie sehen aus wie Regen in Schottland.

Erinnerung an alte Zeiten: Ivo Pogorelich 1986


Foto: Susesch Bayat

und 1980 beim Chopin-Wettbewerb


Foto: Narodowy Instytut Fryderyka Chopina

Auf dieser CD haben Sie zwei Werke, die signifikant sind für die gesamte Entwicklung der Klaviermusik nach Beethoven. Wenn wir dann noch bedenken, dass er auch ein konzertierender Pianist war, er war der Gründer der Schule, die später Liszt weiterentwickelt hat und zu der auch ich gehöre. Ich bin die Nummer 7 in direkter Linie nach Beethoven und die Nummer 5 in direkter ungebrochener Linie nach Liszt.

Was war so besonders in Beethovens Schreiben für Klavier? Es war erstens die Akkordstruktur. Vor ihm war die meiste Musik Melodie und Begleitung. Bei Beethoven fließt nun auch orchestrales Denken mit ein, er reflektiert den Klang des Orchesters, aber auch der menschlichen Stimme. In vielen seiner Sonaten sind die Andantes und Adagios sehr vokal gedacht, konzipiert im Stil italienischer Arien mit Atmen, Intonation usw. Die weitere Entwicklung bei Schumann, Brahms etc. wurzelt in diesen zwei Sonaten op. 54 und op. 78. Die Entwicklung der Toccata nimmt vom zweiten Satz der F-Dur-Sonate ihren Ausgang. Und wenn Sie den ersten Satz der Sonate Fis-Dur betrachten, dann finden Sie da auch Änderungen in der Struktur, der ABA-Struktur, es gibt fast keine Dramatisierung, keine Entwicklung. Das ist Musik, die schon in Richtung Impressionismus geht. Beet hoven bewegt sich sehr schnell, fast wie in einem Film, von einem Bild zum anderen, und diese Bilder haben einen tiefen psychologischen Gehalt. Auch die Pausen werden plötzlich wichtig, werden zu einem Mittel des Ausdrucks. Im zweiten Satz sieht man dann den klaren Einfluss des Ensemblespiels. Aber man findet auf der anderen Seite auch die typische pianistische Virtuosität, die später Chopin aufgegriff en hat. Wenige Menschen verstehen, wie stark Chopin von Beethoven beeinflusst war, wie sehr klassisch er geblieben ist in seinem Leben. Was ist klassisch bei Chopin? Das Material zu variieren. Man findet nie dieselben Akkorde in der Reprise, Chopin ändert immer die Intervalle, aus einem Sextakkord am Anfang macht er später einen Quartsextakkord, der das Ganze dramatisiert, und Ähnliches. All das findet man schon bei Beethoven.

Und was als Erstes ins Auge springt: die Bezeichnungen, die Beethoven den Sätzen gibt. Damals hat er sie noch italienisch formuliert, aber statt Menuett schreibt er über den ersten Satz der F-Dur-Sonate „In tempo d᾽un Menuetto“. Wieder verlässt er die Form zugunsten der Atmosphäre der Musik. Er behält das Metrum des Menuetts bei, aber er variiert es so sehr, dass es fast nicht mehr wahrnehmbar ist am Ende. Es ist mehr wie eine Arabeske, der Charakter steht nun im Vordergrund. Das macht Beet hoven später noch oft so. So viel zum ersten Teil der CD.

Der zweite Teil ist die zweite Sonate von Rachmaninow, die ich sicherlich schon mein halbes Leben lang spiele, und ich bin jetzt 60. Ich habe sie hunderte Male gespielt in verschiedenen Programmen. Aber ich habe mich bei ihr nie wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Das Erstaunliche war: Ich hatte mit ihr Riesenerfolge, die Leute sprangen auf und riefen Bravo – das machte es noch unangenehmer für mich. Ich dachte mir: Warum? Heute weiß ich: Das Problem bei Rachmaninow liegt darin, dass seine Musik nicht wirklich verstanden wird.

Als Kind verlangte man von mir, dieses spezielle Gefühl, diese Inspi- ration in Rachmaninows Werk zu erspüren. Auch in Russland, wo ich zehn Jahre studiert habe, war das Wichtigste, seine Musik „spontan“ zu spielen. Wie geht das bei einem Meisterwerk von einer halben Stunde? Ich fand schon damals, dass viel mehr Material in seiner Musik sei, aber die Türen waren noch nicht geöff net für mich. Erst viel später habe ich gemerkt, wie sehr er von Beethoven beeinflusst war. Rachmaninow benutzt dieselben Motive und entwickelt sie wie Beethoven in unendlichen Transformationen und Metamorphosen. Und wenn man auf seine Musik dieselben Prinzipien anwendet, wird seine Musik plötzlich viel materieller, ohne etwas von dem zu verlieren, was man „Gefühl“ oder Inspiration nennt.


„Man muss nicht nur sein Bestes geben, sondern über sich hinauswachsen.“


Aktuelle CD

Beethoven: Klaviersonaten Nr. 22 F-Dur op. 54, Nr. 24 Fis-Dur op. 78;
Rachmaninow: Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36; Ivo Pogorelich (2016/18); Sony Classical (Rezension s. S. 51)

Pogorelich gibt nur rund zwei Dutzend Konzerte pro Jahr – mit nur einem Recital-Programm und einem Konzert mit Orchester pro Saison.


Foto: PR


„Man kann Beethoven nicht mit Autopilot spielen. Man muss all seine Leidenschaft hineinlegen.“


In Deutschland gesteht man Rachmaninow ein Talent für Melodien und Harmonien zu, aber er sei nicht in derselben Liga wie Brahms oder die anderen deutschen Komponisten. Falsch! In den USA wird er fast Broadway- artig interpretiert. Auch ein komisches Konzept. Wenn Sie bedenken, dass er als Pianist sehr oft Beethoven gespielt hat, muss er doch beeinflusst worden sein von ihm. Als ich diese Sonate zu spielen begann, spürte ich, dass ich die Technik besaß, die ich für seine Musik brauchte. Ich wollte mit viel mehr Interaktion zwischen den Harmonien spielen und dem Raum zwischen den Akkorden und dem besonderen Klebstoff, den Rachmaninow da benutzt. Die Harmonien sind so dicht, so üppig, es musste doch eine Logik geben, wie sie konstruiert sind und wie man sie lesen muss. Oft hat man alle Finger im Einsatz, so dicht ist die harmonische Struktur. Hinzu kommt der Gebrauch der ganzen Tastatur, was von Beethovens op. 54 kommt. Diese riesige Freiheit konnte doch nicht nur spontan entworfen sein, das hat mich verstört. Ich versuchte mein Bestes, aber es funktionierte nicht. Und was interessant war: Es gab kein Beispiel für das, was ich suchte. Auch Rachmaninows eigene Aufnahmen zeigen das nicht, wegen des technischen Niveaus können wir nicht wirklich hören, sondern uns nur vorstellen, was er spielte. Nebenbei: Vor vielen Jahren bekam ich als Geschenk von Herrn Morita von Sony eine remasterte Aufnahme von Rachmaninow. Ich habe sie nach einem Satz weggelegt, denn die Magie war weg. Die alten Aufnahmen hatten viele Nebengeräusche – aber sie hatten einen Zauber, der beim Remastern verschwunden war.

Mit den Jahren kam ich langsam dem näher, was mir vorschwebte. Und ich merkte, wie schwer es wirklich ist, Rachmaninow zu spielen. Es ist wie bei Beethoven. Man kann Beethoven nicht mit Autopilot spielen. Man muss höchst konzentriert sein und all seine Leidenschaft hineinlegen. So ist es auch mit Rachmaninow. Man kann sich nicht ans Klavier setzen und sich vom Moment inspirieren lassen. Nein, Rachmaninow verlangt eine komplette Mobilisierung.

Deshalb war es so schwer, diese CD zu machen. Ich habe Beethoven und Rachmaninow zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen und an verschiedenen Instrumenten. Man benutzt unterschiedliche Techniken. Hundert Jahre der Entwicklung haben die Position der Hände usw. verändert. Ich bin sehr froh, dass diese CD jetzt erscheint. Sie zeigt meinen Respekt für die beiden Komponisten. Und sie zeigt meine Entwicklung als Pianist und Musiker, und das gibt mir eine Befriedigung. Es rechtfertigt die Zeit, in der ich nicht aufgenommen habe. Wenn man immer nur produziert und produziert und produziert, dann verliert man die Inspiration. Nach der Inspiration muss eine Phase der Arbeit kommen. Aber ohne Inspiration geht es nicht. Ich wollte nicht, dass mein künstlerisches Leben einfach so dahingeht. Sehen Sie, der Ruhm kam sehr früh zu mir, mit 22 Jahren. Ich bin nicht mehr hungrig nach Bravos und Applaus. Ich habe in allen großen Sälen gespielt, in allen Ländern der Welt. Was mich antreibt, ist meine eigene Entwicklung. Die Philosophie meiner Ausbildung basiert auf zwei Prinzipien: auf der italienischen Renaissance, dem Humanismus, und auf dem Konzept des ewigen Studierens, das aus China kommt. In China ist die privilegierteste Form einer Beziehung die zwischen dem Lehrer und dem Schüler, und der Respekt gebührt dem Lehrer, der den Schüler immer ermuntert zu wachsen, zum Horizont zu schauen und Wege zu finden, seine Gedanken zu konzentrieren. Der Respekt gebührt den Komponisten, die zwar nicht mehr am Leben sind, die aber etwas hinterlassen haben, was sich lohnt zu materialisieren. In jeder Aufführung feiert ein Stück eine Art Auferstehung. Es sind nur Zeichen auf einem Papier oder jetzt auf dem Bildschirm. Man muss es jedes Mal zum Leben erwecken, und das muss man mit Verantwortung tun.

Nachdem die PR-Frau der Plattenfirma mehrfach Zeichen von der Tür aus gemacht hatte – ich hatte mich mit einer halben Stunde Interviewzeit begnügt –, kommt nun Pogorelichs Manager zu uns: Die nächste Journalistin warte. Sofort sagt Pogorelich, der inzwischen einen kleinen Fächer aus seinem roten Wanderrucksack geholt hat und sich in der Hitze Luft zufächelt: Oh, ich bin sicher, Sie haben noch ein paar Fragen – nachdem ich die ganze Zeit monologisiert habe. Wir haben Zeit.

Ich will die Kollegin nicht warten lassen, deshalb nur noch eine Frage: Warum spielen Sie jede Saison nur ein Programm?

Natürlich tue ich das. Klassische Musik ist so reich, man muss sehr genau auswählen, und das Leben ist nicht lang genug für alles. Auch die zwanzigste Aufführung eines Werkes ist nicht das Ende meiner Möglichkeiten, ist nicht das Endergebnis, das mir vorschwebt. Ich gehe nicht durch Wiederholungen, sondern durch immer neue Herausforderungen. Beethovens op. 111 ist in Deutschland im Schnee etwas anderes als im Sommer in einem italienischen Kloster unter freiem Himmel. Eine Interpretation entwickelt sich durch Aufführungen. Man sagt, dass Künstler eines Stückes müde werden. Aber man muss es umdrehen: Ein Stück kann eines Künstlers überdrüssig werden. Das darf nie passieren. Dauernd das Repertoire zu wechseln ist viel leichter. Aber dann bleibt alles flach. Wenn man Stücke immer wieder spielt, in verschiedenen Städten, dann gewinnt man nur. Das ist das Prinzip, dem ich mein Leben lang gefolgt bin. Die 13 CDs, die ich zwischen 1981 und 1995 aufgenommen habe, leben alle noch. Alle. Sie sind nie aus dem Katalog gestrichen worden. Die älteste ist 38 Jahre alt – und lebt immer noch. Der Vogel hat immer noch seine Flügel und ist gesund. Weniger ist mehr – wenn weniger erfüllt ist und reich. Wenn weniger weniger ist, dann nicht.(lacht)