Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

INTERVIEW: GINGER BAKER: 80 JAHRE – und ein bisschen leiser


drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 14.06.2019

Kaum zu glauben, dass man diese Worte überhaupt einmal schreiben würde – daher mit dem nötigen Respekt: GINGER BAKER wird im August 80. Zuletzt gesundheitlich gebeutelt, kehrte er jüngst an die Drums zurück – wenn auch eher im Schongang. Der einstige Haudrauf ist nicht nur an den Drums etwas leiser geworden.


Artikelbild für den Artikel "INTERVIEW: GINGER BAKER: 80 JAHRE – und ein bisschen leiser" aus der Ausgabe 4/2019 von drums & percussion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Cream: Baker (l.) mit Jack Bruce und Eric Clapton (r.) in den Sechzigerjahren.


Foto: PublicDomain

Cream: Baker (l.) mit Jack Bruce und Eric Clapton (r.) in den Sechzigerjahren.


Foto: Ingo Baron

Eine Lebensgeschichte wie die von Peter Edward Baker, wie er eigentlich heißt, kann man nicht erfinden – dafür ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von drums & percussion. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von NEWS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von MUSIKMESSE FRANKFURT 2019: Geplante Neuausrichtung: IM DRUMBEREICH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MUSIKMESSE FRANKFURT 2019: Geplante Neuausrichtung: IM DRUMBEREICH
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Erst Backbord, dann BACKBEAT…. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Erst Backbord, dann BACKBEAT…
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von MORITZ MÜLLER: Bei der Band ZU HAUSE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MORITZ MÜLLER: Bei der Band ZU HAUSE
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von SLIM JIM PHANTOM: Aus dem STAND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SLIM JIM PHANTOM: Aus dem STAND
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von MARILYN MAZUR: Rhythmische KLANGSAMMLERIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MARILYN MAZUR: Rhythmische KLANGSAMMLERIN
Vorheriger Artikel
Erst Backbord, dann BACKBEAT…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel MORITZ MÜLLER: Bei der Band ZU HAUSE
aus dieser Ausgabe

... reicht selbst die blühendste Fantasie schwerlich aus. Es war eine wahre Achterbahnfahrt, die Baker durch sämtliche Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts (und der menschlichen Existenz) katapultiert hat. Vieles an seiner Biografie mag der sperrig-schroffen, ruppigen und deswegen oft aneckenden Haudegenpersönlichkeit geschuldet sein, doch darüber kann und sollte kein Außenstehender wirklich urteilen. Auch über den schon sprichwörtlichen Konsum von mancherlei ›Substanzen‹ und das zelebrierte Kettenrauchen wurde genug geschrieben.

Worüber man allerdings reden muss: Über all dem thront Bakers mehr als nur prägende, nichts weniger als visionäre Rolle in der Musik- und ganz speziell der Schlagzeugwelt, und das gleich für Generationen: Mit Gitarrist Eric Clapton und Bassist Jack Bruce bildete Baker die Band Cream als Urtypus eines schier grenzenlos improvisierenden, stets unter Volldampf stehenden Jazz-Blues-Rock-Trios, dem kaum eine Barriere heilig und das damit zudem kommerziell erfolgreich war. Auch mehr als 50 Jahre nach seiner zweieinhalbjährigen (!) Existenz hat es seinen unauslöschlichen Fußabdruck hinterlassen und wird immer wieder noch von Musikern sämtlicher Couleur als wesentlicher Einfluss zitiert. Da stehen in Sachen Ginger Baker aber noch andere Dinge, zum Beispiel mit dem live bis an die 30 Minuten ausgedehnten »Toad« [zuerst auf »Fresh Cream«, 1966, zu hören] eines, wenn nicht das erste aufgenommene und bewusst eingesetzte Schlagzeugsolo in der Pop- bzw. Rockmusik als Blaupause für alles Spätere. Da steht die Adaption von afrikanischer Musik- und Spielkultur oder, wie Baker vermutlich sagen würde, von African Time in die westliche, populäre Musikwelt. Da stehen halsbrecherische und vielleicht gerade deshalb so kometenhaft kurzlebige Projekte wie Blind Faith, Ginger Baker’s Air Force, die Zusammenarbeit mit Fela Kuti u.v.m. Da steht ein unverwechselbarer Jazzdrummer, der Baker von Hause aus ist, sowie ein Mann, der unter vielerlei Umständen gleich mehrfach in Afrika, Italien, den USA und natürlich in England gelebt und seine Spuren hinterlassen hat – bevor er das Land mitunter schlagartig wieder verließ. Da steht, ganz nebenbei, ein professioneller Polospieler und Pferdeliebhaber – aber eben auch ein kaum berechenbarer Mann, der es seinen Mitmusikern (und sich selbst) niemals leicht gemacht hat und macht. Vor 15 Jahren tat sich Cream nochmals für einige wenige Shows in Originalbesetzung zusammen (bevor Jack Bruce 2014 starb) – und auch diese blieben nicht ohne Wirkung.

Baker im Jahr 2009


Foto: Ingo Baron

Baker im Look der Achtzigerjahre


Foto: Zoran Veselinovic, CC BY-SA 2.0

Dies alles in der nötigen Tiefe auf einige Seiten zu bringen, ist schlichtweg unmöglich. Empfohlen seien daher nach wie vor Bakers mit Tochter Ginette verfasste Autobiografie »Hellraiser« und der Kinofilm »Beware of Mr. Baker« des US-Musikjournalisten Jay Bulger – dem vom Meister höchstpersönlich mittels Gehstock die Nase lädiert wurde. Das ist (leider) die Szene, die in jüngerer Zeit wohl am meisten Öffentlichkeit in Sachen Ginger Baker erzeugt hat und den Blick auf das Wesentliche mitunter kräftig verstellt.

Heute ist es merklich ruhiger um den offensichtlich gesundheitlich angeschlagenen Mann mit dem beeinträchtigen Gehör, der gebrochenen Stimme, dem kurzen Atem, der langsamen Wortwahl und dem nach wie vor doch abgeklärten Humor geworden. Vom teuflischen Furor und der bis zur Brutalität gesteigerten, ekstatisch zelebrierten Trommelenergie vergangener Tage ist nicht viel übrig geblieben. Der afrikanische Percussionist Abass Dodoo, mit dem Baker seit rund zehn Jahren stets zusammen auf der Bühne steht, weicht auf Tour nicht von seiner Seite, eskortiert die Legende zum Drumset und auch wieder zurück. Es sind manchmal nur wenige Songs, die Ginger Baker heute mit den Stöcken in der Hand bestreiten kann. Und doch: Sitzt er einmal am Set, ist es trotz aller körperlichen Schwächen und trotz aller Unkenrufe nicht zu überhören, dieses unverwechselbare Time-Empfinden, das Ginger Baker mit Fug und Recht zu einem Pionier unserer Zunft macht.

Ginger, wie fühlst du dich derzeit?

Nicht so besonders. Ich war nach der Herzoperation vor einiger Zeit sehr, sehr krank und habe seit etwa zwei Jahren überhaupt kein Schlagzeug mehr spielen können. Im Grunde bin ich nicht einmal jetzt davon überzeugt, dass ich wieder Schlagzeug spiele, sondern nur das tue, was ich eben leisten kann.

BIOGRAFIE

Ginger Baker , am 19.8.1939 in London geboren, wurde 17-jährig Drummer von Bob Wallis and The Storyville Jazz Band, darauf bei Mr. Acker Bilk und Terry Lightfoot. 1962 ersetzte er Charlie Watts in Alexis Korner’s Blues Incorporated. Dort traf er den Bassisten Jack Bruce, den Saxofonisten Dick Heckstall-Smith und den Orgelspieler/Saxofonisten/Sänger Graham Bond, woraus bald darauf die Graham Bond Organisation wurde. 1966 formierte Baker mit Eric Clapton und Jack Bruce das legendäre Trio Cream. Nach dessen Ende spielte er mit Clapton, Steve Winwood und Ric Grech in der kurzlebigen ›Supergroup‹ Blind Faith. Von 1970 bis 1971 existierte die üppig besetzte Formation Ginger Baker’s Air Force. Danach wanderte er nach Nigeria aus, lernte neben afrikanischem Trommeln auch Fela Kuti kennen und musizierte mit ihm. Mit der Baker Gurvitz Army entstanden später drei Alben. 1980 gehörte Baker kurzzeitig zu Hawkwind, 1990 zu den Stonerrock-Pionieren Masters of Reality. Zwischenzeitlich auch in Italien und den USA ansässig und leidenschaftlicher Polospieler, tourte Baker mit Bassist Jonas Hellborg (auch 2011) sowie eigenen Jazzprojekten. 2005 feierte Cream in der Londoner Royal Albert Hall eine umjubelte Reunion. 2012 lief der US-Dokumentarfilm »Beware of Mr. Baker« im Kino. 2014 tourte Baker mit seiner Jazz Confusion, es erschien das Album »Why?«. Nach einer Herz-OP spielte Baker, der heute wieder in England lebt, 2019 erstmals wieder einige wenige Konzerte in Deutschland.

Vor deiner Herzoperation wolltest du deine Formation Air Force wieder auf die Bühne bringen, doch die Ärzte haben dir einen Strich durch die Rechnung gemacht…

Das war eine riesige Schande, aber hätte ich die Tour gespielt, wäre ich heute sicher nicht mehr hier.

War das für dich eine Premiere, dass du eine Tour aufgrund gesundheitlicher Probleme absagen musstest?

Ich weiß nicht, ob es das erste Mal war, aber die Enttäuschung war sehr groß.

Heute lebst du nach einer Odyssee durch die ganze Welt wieder in England. Genießt du es?

Es ist okay. 32 Jahre habe ich nicht mehr in England gelebt. Es macht nicht wirklich viel Spaß, aber die gesundheitliche Situation hat mich dazu gezwungen.

Spielst du zu Hause noch Schlagzeug?

Nein, ich habe nicht einmal meine Drums bei mir zu Hause.

Vermisst du es?

Ganz ehrlich – nein.

Das ist erstaunlich für einen, der seit Dekaden eine solche Leidenschaft fürs Drumming hat.

Schon möglich. Wenn, dann probe ich ein wenig, wenn ein Konzert ansteht. Meist lerne ich die Musiker aber erst kurz vorher kennen – wie heute.

Hast du immer noch dieselbe Passion fürs Schlagzeugspielen wie früher?

Nein, heute nicht mehr. Es macht mit diesen Schmerzen oder allein der Vorstellung davon einfach nicht mehr viel Spaß. Es tut während des Spielens schon weh – körperlich weh.

Eine deiner Initialzündungen als junger Drummer war die Begegnung mit dem englischen Schlagzeuger Phil Seamen, der dich in einer nahezu einzigen Nacht mit afrikanischem Drumming konfrontiert hat.

Das stimmt. Der arme Kerl ist schon so lange tot. Ich spielte damals einen Allnighter im Flamingo-Club in Soho/London. Tubby Hayes [englischer Saxofonist], so sagte man mir zumindest, war ebenfalls dort, hörte mich und rannte zu Ronnies Club [Ronnie Scott’s Jazzclub, damals noch in der Gerrard Street] und holte Phil. Ich habe nichts davon mitbekommen, spielte mein Set zu Ende, ging von der Bühne und stand auf einmal vor meinem Gott [lacht]. Ich hatte ihn schon oft live gesehen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, ihn anzusprechen und zu fragen, ob er nicht ein paar tolle Tipps hätte. Ich befürchtete, er würde sagen: »Klar, einen: Verpiss dich!« Ich war total überrascht, dass er mich, nachdem wir eine Weile geredet hatten, zu sich einlud und mir Platten mit afrikanischem Drumming vorspielte. Er machte mir dann ein Riesenkompliment, als er sagte: »Wenn du wüsstest, wie vielen Drummern ich das alles zu erklären versucht habe. Keiner außer dir hat’s kapiert!«

Was genau meinte er?

African Time. Die meisten kapieren es nicht und spielen einen 6/8 – aber es ist ein 12/8. Sonst verlierst du den kompletten Zusammenhang zur Time.

Es geht also im Wesentlichen um die Verbindung zwischen 12/8 und 4/4?

Ja, da ist etwas dran.


DIE MEISTEN KAPIEREN AFRICAN TIME NICHT UND SPIELEN EINEN 6/8. ABER ES IST EIN 12/8


1991 verewigte sich Baker auf dem »Hollywood Rock Walk of Fame«.


Foto: Margaret Heath, CC BY-SA 2.0

DISKOGRAFIE

(Auswahl)

Bob Wallis and the Storyville Jazzmen (Single, 1957)
Terry Lightfood’s Jazzmen: Trad in Colour (1960)
The Graham Bond Organisation: The Sound of ’65 (1965), There’s a Bond Between Us (1965), Live at Klooks Kleek (1964)
Cream: Fresh Cream (1966), Disraeli Gears
(1967), Wheels of Fire (1968), Goodbye
(1969), Live Cream I/II (1970/1972), Live (2005)
Blind Faith: Blind Faith (1969)
Ginger Baker’s Air Force: Air Force (1970), Air Force II (1970), Live at the Royal Albert Hall (1970/2004)
Fela Ransome-Kuti and the Africa ’70 with Ginger
Baker: Live (1972)
Baker Gurvitz Army: Baker Gurvitz Army (1974),
Elysian Encounter (1975), Hearts on Fire (1976)
Hawkwind: Levitation (1980), Zones (1983), Do
Not Panic (1984), Utopia (1984)
PIL: Album (1986)
Ginger Baker: African Force (1987)
Jonas Hellborg: Bass (1988)
Masters of Reality: Sunrise of the Sufferbus (1992)
BBM: Around the Next Dream (1994)
Ginger Baker Trio: Going Back Home (1994),
Falling Off the Roof (1996)
Ginger Baker and the DJQ20: Coward of The County (1999)
Ginger Baker’s Jazz Confusion: Why? (2014) Ginger Baker/Abass Dodoo: Live at Paderborn (2016)

Wie hast du diese Time auf Blues und Jazz übertragen?

Das brauchte ich nicht, sie war einfach da. Alle großen Jazzbläser zum Beispiel hatten sie. Du musstest sie einfach fühlen.

Wenn man sich zum Beispiel die Cream-Songs anhört, dann wird man das Gefühl nicht los, dass die wesentlichen Time-Aspekte bei deiner Art zu trommeln eigentlich von Ridebecken und Hihat kommen. Würdest du dem zustimmen?

Ich weiß es nicht. Natürlich spielen die rechte Hand und der linke Fuß bezüglich der Time eine besondere Rolle. Die beiden arbeiten zusammen, während die linke Hand und der rechte Fuß unabhängig davon agieren.

Heute spielt bezüglich der Time der Backbeat ja eine mitunter wesentlich größere Rolle…

Ist das so? – Keine Ahnung. Da hat jeder seine eigene Meinung. Analysieren hat nie viel Sinn, finde ich. Hilft das anderen Drummern?

Drummer wie Baby Dodds, Art Blakey, Elvin Jones, Max Roach und natürlich Phil Seamen hatten wesentlichen Einfluss auf dich. Wie siehst du deinen Einfluss auf andere?

Diese Drummer hatten wohl die größte Wirkung auf mich, und ich hatte die Ehre, mit fast allen meiner Heroen zusammenspielen zu dürfen – einfach so aus Spaß. Wir waren zusammen und hatten Lust zu spielen. Ob ich einen Einfluss auf andere Drummer hatte oder habe, weiß ich nicht. Ehrlich.

Mit Abass Dodoo spielst du seit über zehn Jahren zusammen. Wie verständigt ihr euch auf der Bühne?

Baker : Es macht einfach ›Klick‹. Wir wissen, wo wir hin wollen und gehen dorthin [lacht].

Dodoo : Am Anfang habe ich mit Ginger Djembé gespielt, aber dann auf die Kpanlogo-Drum, den afrikanischen Urtyp der Congas aus Ghana, umgeschwenkt. So kann ich live auch mal ganz normale Congas nehmen.

Baker : Die meisten Drumfiguren wie zum Beispiel ein Paradiddle basieren ja auf einer Art 4/4. Wenn du sie aber in einen 12/8 überträgst, dann bekommt die Sache ein ganz anderes Feel [trommelt auf dem Tisch]. Solche Sachen setze ich viel ein.

Glaubst du, dass du das alles als Erster in westliche Blues- und Jazzmusik eingebracht hast?

Wer? Ich? – Ich habe keine Ahnung, bewusst war’s jedenfalls nicht. Ich habe einfach nur das gespielt, was ich gefühlt habe. Mit manchen Musikern konnte ich zusammenspielen, mit anderen nicht. Mit Abass kann ich zusammenspielen – und ich hoffe zumindest, dass es immer noch funktioniert. Mehr als zwei Jahre nicht zu spielen, das ist in meinem Alter eine lange Zeit.

Die Musikszene hat sich seit den Sechzigerjahren enorm verändert. Vermisst du diese Zeit?

Die Zeit damals war schon besonders, aber wie genau sich die Dinge entwickelt hatten, war mir gar nicht so klar. Ich war jedenfalls mittendrin. Alles kam irgendwie aus der Traditional-Jazzszene, bewegte sich in Richtung Modern-Jazz, und damals spielte das Zusammenspielen in Clubs eine zentrale Rolle, vor allem in den ersten Hälfte der Sechziger. Dort kamen die Leute zum Jammen zusammen, und so haben sich viele Dinge von selbst ergeben. Das ist heute anders – zumindest soweit ich das beurteilen kann.

Cream war für dich ein Weg, eine Band auch kommerziell auf den Weg zu bringen?

Ja, auf eine gewisse Weise ist das wohl so. Auch die Graham Bond Organisation [wo Baker zuvor mit Jack Bruce spielte] war zu 295 Prozent kommerziell. Ich leitete die Band über drei Jahre lang, trotz Grahams spezieller Persönlichkeit, die man erst einmal in den Griff bekommen musste. Das haben viele nicht geschafft – ich schon. Dann habe ich Cream mit Eric und Jack gegründet. Die Musik selber war niemals Arbeit, sondern Spaß [lacht].


MEHR ALS ZWEI JAHRE NICHT ZU SPIELEN, DAS IST IN MEINEM ALTER EINE LANGE ZEIT


Abass Dodoo (l.) und Ginger Baker (r.)


Foto: Ingo Baron

EQUIPMENT

Drums & Hardware: DW 10“x 8“, 12“ x 9“, 13“ x 10“, 14“ x 12“ Toms 20“x 14“, 22“ x 14“ Kicks 13“ Edge-Snare
Cymbals: Zildjian 16“ K Dark Crash 18˝ A Medium Crash 14“ A New Beat Hihats 8“ A Splash / Fast Splash 10“ A Splash 22“ A Medium Ride
Stöcke: Zildjian »Ginger Baker« 7a

Hast du je bereut, Cream so rasch zu den Akten gelegt zu haben?

Nein, zumindest damals nicht. Der Grund war die Art und Weise, wie sich die Dinge mit Jack entwickelten. Das war nicht besonders schön. Es hatte nicht zwingend mit Eifersüchteleien zwischen Jack und mir bzw. Eric zu tun, aber Jack stellte sich als Sänger und Frontmann einfach zunehmend in den Vordergrund. Das ging Eric und mir ziemlich auf die Nerven. Es war einfach lächerlich, wie sich die Dinge entwickelten.

Gab’s keine Alternative zur Bandauflösung?

Nein. Eric war auch musikalisch deswegen nicht mehr glücklich – selbst wenn er das nie offen gesagt hätte. Wir hatten aber beide unabhängig voneinander die Nase voll, und das war’s. Wir haben dann gemeinsam die Band aufgelöst, was eine große Schande war.

Hörst du dir Musik von damals eigentlich heute noch mal an?

Nein, ich höre weder bewusst Platten noch Musik überhaupt. Es gibt ein paar Sachen, die mir gefallen, aber nicht viele – zumal ich meist keinen Musikkanal auf dem Fernseher laufen habe.

Siehst du dich selber als eine Art Legende?

Ich habe keine Ahnung, wie die Leute mich sehen. Das müssen sie selber entscheiden. Ich weiß, dass ich »pretty f****** good« war.

Text: Ingo Baron

TRANSKRIPTION

Ginger Baker

Im Interview spricht Baker von der African Time. Was hat es damit auf sich, und warum sollte sie als 12/8 (und nicht als 6/8) gefühlt bzw. notiert werden? Nun, ein Großteil der westafrikanischen Rhythmen basiert auf einem 6/8-Feel. Grundgerüst dieser Rhythmen ist die sogenannte 6/8-Clave, für die es drei mögliche Schreibweisen gibt: zwei 6/8-Takte, ein 12/8- oder ein 4/4-Takt (Bsp. 1 ). Im 6/8 ist der Schwerpunkt auf der ersten, der dritten und der fünften Achtel (Bsp. 2 ). Beim 12/8 und 4/4 ist der Schwerpunkt auf der ersten, der vierten, der siebten und der zehnten Achtel, also analog zu den Vierteln. Es gibt zahllose Möglichkeiten am Drumset, dieses Feel zu interpretieren. InBsp. 3 seht ihr einige Anwendungen aus Bakers Songs und Soli. Wer sich ein Bild von Bakers »African Time« machen möchte, dem empfehle ich folgende Songs: - »African Time« (Album: »Ginger and Abass live at Drums ´n´ Percussion Paderborn 2017«) - »Ginger Spice« (Ginger Baker: »Why«) - »Go do« (Ginger Baker: »The African Force«) Viel Spaß wünscht

Andy Gillmann