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INTERVIEW: Im Gespräch mit Michael Braungart: „ ABFALL HAT EIN QUALITÄTS-PROBLEM, SONST NICHTS.“


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 08.10.2020

Bis 2050 soll jedes produzierte Produkt biologisch abbaubar oder technologisch wiederverwertbar sein – zumindest wenn es nach Michael Braungart geht, dem Erfinder des Designkonzepts Cradle-to-Cradle.


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Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 6/2020

Michael Braungart möchte, dass die Leute nicht mehr darüber nachdenken, wie sie weniger schlecht, sondern wie sie gut sein können: „Dann kann ich auch einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen – solange daraus ein Biotop wird.“


DIE IDEE VON MICHAEL BRAUNGART KLINGT ZUNÄCHST EXZENTRISCH.
Eine Welt, in der es keinen Abfall gibt: Wie soll die funktionieren? In der alle Materialien wieder und wieder durch Bio- ...

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... und Technosphäre wandern und stets neu verwendet werden? Doch je länger man dem Chemiker und Verfahrenstechniker zuhört, desto sinnvoller erscheint sein Verständnis von Nachhaltigkeit und seine Kritik am herkömmlichen Recycling, das für ihn oft nicht mehr ist als Augenauswischerei und Beschäftigungstherapie. Glücklicherweise kann man Braungart eines nicht vorwerfen: Mangel an Geduld und Beharrlichkeit. Der 62-Jährige steht erst vom Tisch auf, wenn sein Gegenüber offensichtlich verstanden hat, warum Effektivität wichtiger ist als Effizienz und warum man eine Waschmaschine lieber mieten sollte, anstatt sie zu besitzen – auch wenn das Interview dadurch deutlich länger wird und bis ein Uhr nachts dauert.

TERRA MATER: Herr Professor Braungart, Sie haben in den 80er-Jahren aufsehenerregende Aktionen für Greenpeace organisiert. Warum klettern Sie heute nicht mehr auf Fabrikschornsteine oder laden tote Fische vor der Tür von Industriekonzernen ab?
MICHAEL BRAUNGART: Protestieren war früher wichtig, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber jetzt kennen wir die Probleme, und es ist an der Zeit, Lösungen zu entwickeln. Sonst habe ich zwar recht gehabt, aber nichts geändert.

Wann haben Sie sich dazu entschieden, dem Aktivismus den Rücken zu kehren?
Nach der Basler Chemiekatastrophe 1986. Damals gelangten während eines Brands tonnenweise Pestizide der Firmen Ciba-Geigy und Sandoz in den Rhein. Die Folge war, dass sich der Fluss über hunderte Kilometer rosa gefärbt hat und die Fische massenhaft gestorben sind. Und weil die Schornsteine von Sandoz schlechter zu erreichen waren, haben wir dann eben über Weihnachten den Schornstein von Ciba-Geigy besetzt. (Lacht.) Allerdings hat sich die Firmenleitung völlig anders verhalten als sonst. Bis dahin waren wir es gewohnt, dass bei einer Aktion der Werkschutz kam und uns verprügelte. Dann waren wir die Guten und die die Bösen. Doch bei Ciba-Geigy kam der Werkleiter selbst und sagte: „Herr Braungart, es ist gefährlich, da oben zu bleiben. Wir garantieren Ihnen, wenn Sie über Nacht runterklettern, dürfen Sie morgen wieder rauf.“ Damit hat er das Spiel plötzlich geändert, und die Fronten waren nicht mehr so schwarz-weiß.


„ Herkömmliches Recycling ist ein Witz. Wir nennen es Recycling, wenn wir von vierzig verschiedenen Elementen, die in einem Handy drin sind, neun zurückgewinnen – auch wenn kein einziges seltenes Element dabei ist. Kein Gallium, kein Indium, kein Germanium. Es ist alles weg.“


Sind Sie runtergeklettert?
Nein. (Lacht.) Aber es entstand ein Dialog, aus dem schlussendlich auch Cradle-to-Cradle hervorging, weil die Schweizer Chemieindustrie wissen wollte, wie man Nachhaltigkeit anders angehen und definieren kann. Das Problem ist nämlich bis heute, dass man die falschen Dinge perfekt macht, wodurch sie dann nur perfekt falsch sind. Autoreifen halten heute zum Beispiel doppelt so lange wie vor dreißig Jahren. Aber es sind 470 Chemikalien drinnen. Früher blieb der Abrieb der Reifen auf der Straße liegen. Jetzt ist er so fein, dass wir ihn einatmen und er seinen Weg in die Gewässer findet. Über die Hälfte des Mikroplastiks in der Donau besteht aus Reifenabrieb.

Das bringt uns zum Kern Ihrer Arbeit: Cradle-to-Cradle ist ein Designkonzept, das Sie mitentwickelt haben. Die Grundidee: Man stellt zum Schutz der Umwelt Produkte so her, dass kein Abfall mehr entsteht. Wie soll das gehen?
Indem ich sie so produziere, dass ich sie entweder in die Biosphäre oder in die Technosphäre zurückführen kann. Dazu muss man zuerst verstehen, dass Material, das zu Abfall wird, lediglich ein Qualitätsproblem hat. Wenn es nicht verrottet oder nicht wiederverwertbar ist, muss ich es auf eine Deponie kippen oder verbrennen, und dann bleibt erst recht giftige Schlacke übrig, die ich irgendwo entsorgen muss. Da ist es doch viel besser, Produkte von vornherein so herzustellen, dass ich sie entweder kompostieren oder die Teile in anderen Produkten einsetzen kann.

Was unterscheidet Cradle-to-Cradle von herkömmlichem Recycling?
Die Dimension. Herkömmliches Recycling ist ein Witz. Wir nennen es Recycling, wenn wir von 40 verschiedenen Elementen, die in einem Handy drin sind, 9 zurückgewinnen – auch wenn kein einziges seltenes Element dabei ist. Kein Gallium, kein Indium, kein Germanium … Es ist alles weg. Die 46 Stahllegierungen eines Autos „recyceln“ wir zu Baustahl und verlieren dabei alle Buntmetalle wie Kobalt, Mangan, Bismut oder Vanadium. Das ist eine riesige Augenauswischerei.

Sie haben in der Vergangenheit auch andere offensichtlich positive Maßnahmen kritisiert, etwa das Plastiksackerlverbot … (Braungart lacht laut auf.) Was ist daran so komisch?
Das geht genau in dieselbe Richtung! Das mit den Plastiksackerln ist letztlich nur eine Beschäftigungstherapie. Das mag ja ganz nett sein, aber es geht eben nicht weit genug. Und gleichzeitig entsteht durch solche Maßnahmen ein Ökologismus, der der Ökologie gar nicht dient, sondern uns nur beschäftigt hält. Die Methoden und Maßnahmen stehen einfach in keinem Verhältnis zur Dringlichkeit des Problems. Wenn ich heute in Wien bin und morgen in Hamburg sein muss, dann ist es doch irrsinnig, wenn ich mich jetzt zu Fuß auf den Weg mache – und genauso irrsinnig ist es, wenn Sie mich dazu beglückwünschen, einen Schritt in die richtige Richtung getan zu haben. Das ist so, wie wenn Sie in Ihren SUV Biodiesel tanken. Wir verwenden übrigens drei Millionen Tonnen Palmöl in Europa, um daraus Biodiesel zu machen. Ein Hektar Regenwald hat 7.000 Tonnen Kohlenstoff gespeichert, ein Hektar Palmölplantage 60 Tonnen. Damit schütze ich die Umwelt doch nicht!

Was wäre denn ein echter Schritt in die richtige Richtung?
Ich möchte vor allem, dass die Leute nicht mehr darüber nachdenken, wie sie weniger schlecht, sondern wie sie gut sein können. Ich sage doch auch nicht: „Schütz dein Kind, indem du es nur fünfmal anstatt zehnmal schlägst.“ Das ist kein Schutz, das ist nur weniger Zerstörung. Fahr weniger Auto, mach weniger Müll – das ist ein ganz perverser Schutzbegriff. Schutz heißt, sich aktiv dafür einzusetzen, dass es jemandem gutgeht. Und nicht, ihn ein bisschen weniger zu misshandeln. Wenn man einmal verstanden hat, dass weniger schlecht nicht gut ist, dann möchte man einfach nicht mehr mit weniger schlecht weitermachen. Dann kann ich auch einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, solange daraus ein Biotop wird. Deshalb geht es mir eben um qualitätsgebundene Systeme. Ein Produkt, das zu Abfall wird, hat ein Qualitätsproblem, sonst nichts.

Michael Braungart, 62, ist Chemiker, Verfahrenstechniker und Professor an den Universitäten Rotterdam, Lüneburg und Twente sowie an der TU Delft. Braungart ist Begründer des Hamburger Umweltinstituts, der Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) und Gründungsmitglied der Partei Die Grünen in Deutschland. Gesunder Boden ist einer der Hauptkohlenstoffspeicher. Deshalb fordert Braungart im Kampf gegen den Klimawandel eine neue Art der Landwirtschaft, die Boden nicht zerstört, sondern systematisch aufbaut.


Qualität hat aber ihren Preis und kann oft nicht mit der billigeren Konkurrenz mithalten.
Überhaupt nicht! Das ist alles eine Frage des Designs und der Innovation. Unsere Teppichböden kann man so einfach zusammenbauen, dass der Hersteller damit 20 Prozent Umsatzrendite erzielt. Oder der Fernseher, den wir für Philips entwickelt haben – der spart so viel Strom, dass er sich innerhalb von acht Jahren von selbst finanziert. Gleichzeitig ist es der erste Flatscreen, der komplett ohne Indium und ohne PVC auskommt.

Warum finden wir nicht an allen Ecken und Enden Cradle-to-Cradle Produkte, wenn sie besser und billiger sind?
Erstens gibt es bereits 10.000 Cradle-to-Cradle-zertifizierte Produkte, zu denen ständig mehr hinzukommen. Zweitens braucht Innovation Zeit. Und drittens ist das ein Problem unseres aktuellen Wirtschaftssystems, in dem eine Firma den Gewinn privatisieren und die Risiken auf die Allgemeinheit abwälzen kann – und in dem ich etwas sofort am Hals habe, sobald ich es kaufe, auch wenn ich es gar nicht wirklich brauche.


„ Ich plädiere für eine intelligente Verschwendung. Solange mein Verhalten der Umwelt nützt, kann ich ja ruhig verschwenderisch sein.Aber die Leute fallen immer wieder zurück in diese Leier vom bescheidenen Lebensstil – reduzieren, vermeiden, verzichten. Die Natur ist doch auch großzügig und verschwenderisch.“


Wie meinen Sie das?
Ich brauche zum Beispiel keine Waschmaschine mit 150 billigen Plastiksorten darin. Was ich brauche, ist saubere Wäsche. Da wäre es doch gut, wenn ich beim Hersteller keine Waschmaschine, sondern lediglich 3.000 Waschgänge kaufen könnte. Kaufe ich die Waschmaschine, dann hat er ein Interesse daran, dass sie kaputtgeht, damit er mir möglichst schnell eine neue verkaufen kann. Kaufe ich aber nur die Waschgänge, hat der Hersteller ein Interesse daran, dass die Waschmaschine, die er mir dafür ausleiht, nicht kaputtgeht …

… weil sie immer noch ihm gehört …
Und so geht das im Grunde mit allem. Kaufe ich nur die Dienstleistung und nicht den Gegenstand, dann kann ein ganzes Gebäude zur Materialbank werden. Ich brauche keine Kupferleitung, ich brauche nur Strom. Ich brauche kein Fenster, ich brauche nur Wärmedämmung und möchte durchgucken. Und nach einer bestimmten Zeit bekommt der Hersteller die Materialien wieder zurück. So kann er die besten Stoffe einsetzen, weil er will, dass sie halten, und weil er weiß, dass sie ihm ab einem gewissen Zeitpunkt wieder zur Verfügung stehen. Und mithilfe der Digitalisierung lässt sich der künftige Einsatz eines Produkts schon bei der Herstellung genauestens planen.

Dann käme der Hersteller in zehn Jahren, um sich das alte Fenster zurückzuholen, und ich kriege stattdessen ein neues für zehn weitere Jahre?
Genau. Das ist auch für den Innovationszyklus wichtig. Eine Waschmaschine, die dreißig Jahre hält, ist für alle Beteiligten eine Katastrophe.

Man hört oft, dass jeder Einzelne etwas zum Umweltschutz beitragen kann, wenn er etwa weniger Fleisch isst oder generell weniger konsumiert. Wie wichtig ist der Verzicht?
Ich halte es für gefährlich, die Umwelt zu einem Moralthema zu machen. Das sieht man leider viel zu oft: Eine Firma hat ein Umweltprogramm, aber wenn es mal schlecht läuft, wird das als Erstes eingespart, weil es eben nur ein Bonus ist. Stattdessen sollten wir die Umwelt als wirtschaftliche Chance begreifen. Cradle-to-Cradle rentiert sich, und man kann damit Geld verdienen. Deshalb plädiere ich auch für eine intelligente Verschwendung. Solange mein Verhalten der Umwelt nützt, kann ich ja ruhig verschwenderisch sein. Aber die Leute fallen immer wieder zurück in diese Leier vom bescheidenen Lebensstil – reduzieren, vermeiden, verzichten … Die Natur ist doch auch großzügig und verschwenderisch, sie braucht nur die richtigen Energiequellen, und die Materialien müssen nützlich sein. Dann ist es effektiv. Für mich ist das überhaupt eine der wichtigsten Unterscheidungen – die zwischen Effizienz und Effektivität.

Könnten Sie das näher erläutern?
Der Leiter der Verpackungsabteilung von Unilever hat 31 Jahre lang den ökologischen Impact seiner Eiscremeverpackung um ein Prozent pro Jahr reduziert. In den gleichen 31 Jahren hat Unilever den Absatz von Eiscreme verfünffacht. Also was hilft mir das, wenn ich daneben Schädlichkeit reduziere? Das wird mehr als ausgeglichen durch die höhere Produktivität. Das ist dann zwar effizient, aber alles andere als effektiv. Oder nehmen wir den Ikea-Katalog: Der hat vor dreißig Jahren etwa 90 Stoffe beinhaltet, die eine Kompostierung ausschließen. Heute sind es nur noch 60 oder 50. Dafür hat man viel Geld ausgegeben und im Grunde nichts erreicht. Trotzdem gilt es als effizient.

Wenn es nicht über den Verzicht geht, wie können wir sonst gut zur Umwelt sein?
Indem wir aufhören, die falschen Dinge zu optimieren und uns mehr auf Effektivität als auf Effizienz konzentrieren. Dazu müssen wir uns erst einmal fragen, was überhaupt das Richtige ist. Das Allererste wäre eigentlich eine andere Art der Landwirtschaft. Wir haben in den letzten 200 Jahren die Flächen Chinas und der USA als landwirtschaftliche Flächen eingebüßt. Das ist irre. Da ist alles andere im Verhältnis dazu Pipifax, weil Boden der Hauptkohlenstoffspeicher ist. Deshalb brauchen wir eine Landwirtschaft, die Boden aufbaut und ihn nicht systematisch zerstört. Eine der wirkungsvollsten Maßnahmen ist witzigerweise, Vieh einzusetzen, um das Gras runterzutrampeln. Dadurch wird es in Form von Boden fixiert, und neues Gras kann durchwachsen. Auch Wälder erzeugen neuen Boden, weil die Abbaugeschwindigkeit der Blätter geringer ist als das, was nachkommt. Solche Mechanismen kann man lernen. Die Landwirtschaft ist dann zwar viel arbeitsintensiver, aber sie unterstützt die anderen Lebewesen und ist darüber hinaus viel produktiver als das, was Monsanto so treibt.

Da haben Sie sich recht viel vorgenommen, wenn Sie gleichzeitig Mentalität und Arbeitsweisen global umkrempeln wollen.
Jaja, ich möchte schließlich, dass alles im Sinne von Cradle-to-Cradle noch einmal neu erfunden wird. Aber das findet erfreulicherweise gerade in einer Geschwindigkeit statt, die ich selber nie erwartet hatte. Als ich vor dreißig Jahren angefangen habe, dachte ich, ich würde das nie und nimmer erleben. Inzwischen lehrt so gut wie jede Designschule der Welt Cradle-to-Cradle. Und weil Designer wirkliche Gestalter sind und keine Behübscher, geht da richtig was vorwärts. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann ist die gesamte Welt bis 2050 Cradle-to-Cradle-zertifiziert. Dabei hilft mir zudem die neue Generation – die will nämlich stolz auf sich sein und nicht nur doof Geld verdienen, egal mit welchen Mitteln. Deshalb ist sie auch viel offener für solche Ideen.

VOM FUSSABDRUCK ZUM BIOTOP

Nach der Philosophie von Cradle-to-Cradle ist der Mensch nützlich für die Umwelt.

BIOLOGISCH ABBAUBAR ODER TECHNISCH WIEDERVERWERTBAR, EGAL OB TURNSCHUH ODER MONDRAKETE:
Diese Prämisse steckt hinter dem Designkonzept Cradle-to-Cradle („von der Wiege zur Wiege“), das der Deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough zu Beginn der 1990er-Jahre entwickelt haben.

Abfall fällt ja nur deswegen an, so Braungart und McDonough, weil wir Dinge aus den falschen Materialien herstellen oder es verabsäumen, ihre Weiterverwendung schon bei der Produktion mit einzuplanen. Folgt man jedoch dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, so wird zum Beispiel aus einem Mobiltelefon im nächsten Verwendungszyklus ein Autoteil und im übernächsten vielleicht eine Komponente für eine Waschmaschine. Die aus wertvollen Elementen produzierten Bestandteile des Handys landen also nicht beispielsweise im Elektroschrott, sondern finden ständig neue Anwendungen.

Damit das funktioniert, könnten Produkte künftig nicht mehr real gekauft, sondern als Dienstleistung „gemietet“ werden. Als Verbraucher würde man also keinen Fernseher mehr besitzen, sondern den Hersteller nur einige Jahre lang für dessen Verwendung bezahlen und das Gerät dann wieder gegen ein neues eintauschen. Das ist für den Produzenten einerseits ein Anreiz, qualitativ hochwertiges Material zu verwenden. Andererseits gewährleistet das System, dass die gemieteten Geräte und ihre „Zutaten“ zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder für andere Verwendungen zur Verfügung stehen.

Andere Produkte wiederum, wie zum Beispiel Kleidung, könnten hingegen aus Materialien gefertigt werden, die biologisch abbaubar sind. Ein T-Shirt könnte man dann auf dem Kompost entsorgen, wo es einfach verrottet. Dadurch wird das Kleidungsstück wieder zum Nährstofflieferanten für neue, nachhaltige Rohstoffe – die ihrerseits das Material für neue Textilien oder andere Produkte liefern können. So stellt der Mensch keine Gefahr für den Planeten dar, sondern ist umgekehrt eine Chance für ihn.

Aktuell gibt es bereits über 10.000 Produkte mit Cradle-to-Cradle-Zertifizierung – vom Teppichboden, der das Raumklima verbessert, indem er Schadstoffe aus der Luft filtert, bis hin zu Gebäuden, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen.


FOTOS: RAPHAEL GABAUER