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▼ INTERVIEW MIT: GUILLERMO DEL TORO »GESCHICHTE BESTEHT AUS MYTHEN«


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deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 69/2018 vom 16.05.2018

Auf dem 36. BIFFF konnte sich deadline-Mitarbeiter Philippe Beck in engerem Kreis mit Guillermo del Toro unterhalten. Hier erzählte der mexikanische Filmemacher von seinem Bezug zur Fantastik, seinem Oscar-prämierten SHAPE OF WATER, seiner Filmografie sowie vom Bezug zwischen Fiktion und Geschichte.


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DEADLINE: Warum ist Fantastik so wichtig in Ihrem Werk und Ihrem Leben?
GUILLERMO DEL TORO: Auf spiritueller Ebene hat sie meine Persönlichkeit tiefgreifend geprägt. Das hört sich als Zitat gut an, aber es ist die reine Wahrheit. So wie andere Leute Jesus finden, hab ich Frankensteins Kreatur gefunden. In ...

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DEADLINE: Warum ist Fantastik so wichtig in Ihrem Werk und Ihrem Leben?
GUILLERMO DEL TORO: Auf spiritueller Ebene hat sie meine Persönlichkeit tiefgreifend geprägt. Das hört sich als Zitat gut an, aber es ist die reine Wahrheit. So wie andere Leute Jesus finden, hab ich Frankensteins Kreatur gefunden. In jeder Lebensphase ist die Fantastik für mich elementar gewesen. Sie erlaubt mir, das Leben so zu interpretieren, dass es lebenswert ist. Man kann mit der Fantastik Werte in Form von Parabeln besprechen. Es ist kein Zufall, dass fast alle Weltreligionen die Parabel als Diskussionswerkzeug benutzen. Märchen, Parabeln und Horrorgeschichten sind für mich eng miteinander verbunden. Sie sind für mich Werkzeuge spirituellen Erwachens – auch in meiner eigenen Lebensgeschichte.

DEADLINE: Welchen Blick werfen Sie auf den lateinamerikanischen Genrefilm? Kann er in seiner Entwicklung dem Magischen Realismus zugeordnet werden?
GUILLERMO DEL TORO: Nein. Ich denke, diese Frage ist schwer zu beantworten. Denn jede Strömung ist ein Konstrukt, das eine erklärende Funktion hat. Wenn Leute einen Maler als Impressionisten und Symbolisten kategorisieren, dann haben wir ihn schon in zwei verschiedenen Schubladen gleichzeitig. Im Zuge des literarischen Booms in Lateinamerika versuchen wir alle in die Kategorie »Magischer Realismus« einzuordnen, doch ist die Realität weitaus komplexer. Gewisse lateinamerikanische Künstler sind sehr europäisch. Andere wiederum sehr lateinisch. Eine Sache können wir schon bemerken: In Lateinamerika akzeptieren wir das Außergewöhnliche als gewöhnliches Ereignis. Wir leben Magie. Wenn du jemandem in Mexiko erzählst: »Du, meine verstorbene Großmutter hat mich davor gewarnt, nach Puerto de Bejar zu fahren«, dann erhältst du als Antwort: »Echt? Was ist passiert?« Niemand wird dir sagen: »Das ist unmöglich!« Das Fantastische gehört zum Alltag. In meinen Filmen koexistieren übernatürliche Wesen und gewöhnliche Situationen. Das ist für mich als Lateinamerikaner vollkommen normal. Wir können einen amphibischen Flussgott in eine Badewanne stecken. In Lateinamerika kannst du einem Arbeitskollegen erzählen: »Gestern Nacht hatte ich Sex mit einem Flussgott!« Dann wird er antworten: »Und? Wie war’s? Erzähl!« Niemand wird dir sagen, dass du einen Dachschaden hast.


»DAS KONKRETE DURCH DAS ABSTRAKTE ZU ERHELLEN IST DER WIRKSAMSTE KREATIVE AKT ÜBERHAUPT«

DEADLINE: In SHAPE OF WATER geht es um die Konfrontation mit dem Anderen. Das verleiht der sogenannten Migrantenkrise ein Echo …
GUILLERMO DEL TORO: Der Film war schon abgeschlossen, bevor diese Völkerbewegungen einsetzten. Das war im Zeitgeist. Als Mexikaner bist du sowieso immer »der andere«. Punkt. Insbesondere an den Landesgrenzen. Wenn du aus einer Kultur wie meiner stammst, nimmst du die Welt anders wahr. Ich bin mal in Beverly Hills von einem Polizisten angehalten worden. Das war, wenn ich mich recht erinnere, 1995. Ich fuhr einen kleinen Mietwagen in schlechtem Zustand. Als der Polizist meine Papiere durchsieht, fragt er: »Sie sind Mexikaner. Was machen Sie in Beverly Hills?« Ich antwortete: »Ich bin hier, um einen Produzenten zu treffen.« – »Mit diesem Auto?« – »Ja!« Dann hat diese Routinekontrolle fast eine Stunde gedauert. Die ethnische Herkunft spielt im Alltag schon eine Rolle.

DEADLINE: In der Masterclass sprachen Sie von drei Filmen, die einen besonderen Status für Sie haben, darunter auch PAN’S LABYRINTH …
GUILLERMO DEL TORO: Ja, da sind drei Filme, von denen ich bei den Dreharbeiten gesagt habe: »Das wird mein letzter Film! Da steck ich jetzt alles rein.« Das sind THE DEVIL’S BACKBONE (2001 ), PAN’S LABRINTH (2006 ) und THE SHAPE OF WATER (2017 ). Jedes Mal habe ich da etwas Neues ausprobiert. THE DEVIL’S BACKBONE unterscheidet sich sehr von meinen ersten Filmen. Und gleichzeitig fasst jeder dieser Filme mein kreatives Schaffen bis zu diesem Zeitpunkt zusammen. Das ist nicht so geplant, das passiert einfach. Das sind Eckpfeiler von dem, was andere meine Filmografie nennen, was für mich aber meine Biografie ist. Diese Filme sind für mich Lebensereignisse wie Hochzeiten, Taufen usw. für andere. Viele schauen sich die Filme an und fahren dann nach zwei Stunden fort mit ihrem Leben. Sich den Film anschauen und ihn leben sind zwei unterschiedliche Dinge. Die Zuschauer, die sich auf intimer Ebene mit dem Film verbunden fühlen, können spüren, wie wichtig diese Filme für mich sind. Bei diesen Filmen geht es wirklich um Leben und Tod. Wir Filmemacher machen einen Pakt mit einer Art von Teufel, wo wir drei Jahre unseres Lebens gegen einen Eintrag in der IMDb-Online-Filmdatenbank eintauschen.

DEADLINE: Insbesondre in diesen drei Filmen spielen historische Ereignisse eine wichtige Rolle. In THE DEVIL’S BACKBONE und PAN’S LABRINTH sind es der Spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg, in THE SHAPE OF WATER der Kalte Krieg. Dort entsteht ein Dialog zwischen Geschichte und Fiktion, was von Historikern manchmal kritisch betrachtet wird. Was ist Ihr Standpunkt hierzu? Was ist der Mehrwert dieser Mischung?
GUILLERMO DEL TORO: Geschichte besteht aus Mythen, die von den Gewinnern erzählt werden. Die erzählte Geschichte ändert sich, je nachdem, welche Seite gewinnt. Wenn du Chroniken des Römischen Reichs über die »Barbaren« liest oder die »Barbaren« (nach ihrer Darstellung ) fragst, dann bekommst du eine völlig andere Geschichte zu hören. Wenn du die Azteken und die Spanier nach ihrer Darstellung der Eroberungen fragst, dann wirst du auch zwei ganz andere Storys aufgetischt bekommen. Denn was historisch (von der einen Seite ) »Eroberung « genannt wird, bedeutet Zerstörung und Genozid für die andere. Geschichte ist eindeutig Fiktion, Fantasie, die wir alle aufgrund eines demokratischen Prozesses akzeptieren. Wir modifizieren die Geschichtsschreibung sogar im Laufe der Zeit. Wir modifizieren auch andere imaginäre Linien, wie z. B. geografische Grenzen oder Währungen. Was ist das Stück Papier in deinem Portemonnaie? Wir haben uns alle darauf geeinigt, dass es 20 Euro wert ist. Ist es wirklich 20 Euro wert? Nein, aber wir haben uns auf diese Fantasie geeinigt. Wenn ich die niederländisch-belgische Grenze überschreite, dann spüre ich keinen physischen Schock. Wir haben uns lediglich auf diese geografische und politische Grenze geeinigt.

DEADLINE: Eine Nation ist eine »imaginierte Gemeinschaft« …
GUILLERMO DEL TORO: Genau! Die Fantasiewelt der Erwachsenen ist nicht unbedingt seltsamer oder grundverschieden von der von Kindern, von Märchen oder Folklore. Das ist der Grund, warum ich Historiker zum Kaffee einladen würde, um klarzustellen, dass in der Schmiede der Zivilisation die Mythen über Odin und Walhalla oder die griechischen Mythen mit der gelebten Geschichte verschmolzen sind. Mythos und Identität sind ursprünglich ein und dieselbe Sache. Warum sollte ich nicht davon Gebrauch machen? Die beste Art und Weise, die gespenstische Wirkung des Spanischen Bürgerkriegs zu verdeutlichen, ist eine Geistergeschichte. Das ist die logische Antwort für mich. Vielleicht nicht für den Historiker. Aber damit bin ich einverstanden. Wenn ich in PAN’S LABYRINTH den Mythos einer faschistischen Regierung und die Art und Weise, wie eine reine Seele damit umgeht, behandle, dann greife ich zur Form des Märchens. Und wenn ich das Anderssein während des Kalten Krieges in Amerika behandeln möchte, dann tue ich das anhand eines Flussgottes und einer Putzfrau. Das bedeutet, dass wir uns einig sind, kulturell auf demselben Platz zu spielen. Man kann jetzt sagen, dass ich mir meinen Spielplatz aussuche. Denn ich nehme Odin oder die griechischen Mythen nicht aus der Geschichtsschreibung heraus, und kein Historiker hat das Recht, Geschichte aus meinem Diskurs zu entfernen. Das Konkrete durch das Abstrakte zu erhellen ist der wirksamste kreative Akt überhaupt. Das ist Sinn und Zweck von Kunst. Das bedeutet nicht Flucht vor der Realität, sondern die Realität im Lichte der Fantasie zu interpretieren. Denn Fantasie erlaubt Abstraktion, und Abstraktion führt zu Parabeln und Vergleichen.