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INTERVIEW: „Wir schafften vereint viel mehr als nur blühende Landschaften“


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 18/2019 vom 25.04.2019

Der ostdeutsche Liedermacher und LyrikerWolf Biermann, 82 , über seine Sicht auf die Wiedervereinigung und die drei Jahrzehnte, die seit dem Mauerfall vergangen sind

Artikelbild für den Artikel "INTERVIEW: „Wir schafften vereint viel mehr als nur blühende Landschaften“" aus der Ausgabe 18/2019 von SUPERillu. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 18/2019

WOLF B I ERMANN: Leben zwischen Ost und West

1953 ging Biermann als junger Kommunist aus Hamburg in die DDR, wurde dort als kritischer Liedermacher populär. Nach seiner „Ausbürgerung“ 1976 konnte er erst nach dem Mauerfall 1989 wieder in die DDR einreisen. Heute lebt er wieder in seiner Geburtstadt Hamburg

SUPERillu-Politikchef Gerald Praschl sprach mit Wolf Biermann in dessen Haus in Hamburg-Altona


Sein Leben füllt Bände, im wahrsten Sinne ...

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... des Wortes. 2016 veröffentlichte Wolf Biermann seine 576 Seiten dicke Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ Auf noch einmal 288 Seiten erzählt der Liedermacher jetzt in seinem neuen Werk „Barbara“ weitere „Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“ aus seinen bewegten Jahren zwischen Ost und West. SUPERillu-Politikchef Gerald Praschl traf ihn zum Interview in Hamburg.

Herr Biermann, wegen Ihres neuen Buchs gibt es Streit mit der Familie des 2016 verstorbenen Schauspielers Manfred Krug. Sein Sohn Daniel beklagt, Sie schilderten seinen Vater als „protzenden Angeber“…
Biermann: Das sind die Worte von Daniel Krug. Ich halte das Ganze für ein fast albernes Missverständnis. Erstens hat uns die eine Begebenheit, die ich in der Novelle mit Krug erzähle, Manfred selbst auf einer Party als Kabinettstück -genial wie immer -vorgespielt. Zweitens ist meine Novelle auch im juristischen Sinne ganz und gar keine Beleidigung, also keine Verletzung des Persönlichkeitsrechts – aber drittens ist die Geschichte vor allen Dingen ein sympathisches Porträt meines Freundes, dem „Selbsthelfer“ Manfred Krug. Ich führe manchmal im Stillen Gespräche mit Manfred, der jetzt da oben sitzt auf seiner Wolke. Mir hat er anvertraut, dass er die Novelle großartig findet. Dass sein Sohn, den ich nicht kenne, das anders sieht, ist sein Menschenrecht. Es betrübt mich nur, dass ich nun mit Krugs Witwe Ottilie in eine „falsche Feindschaft“ gerate. Dabei weiß ich doch, man soll sich nicht nur vor „falschen Freunden“ hüten, sondern auch vor „falschen Feindschaften“.

Daneben erzählen Sie uns eine Menge Liebesabenteuer aus ihren jüngeren Jahren. Was sagt Ihre Frau Pamela dazu, mit der sie seit 30 Jahren verheiratet sind …
Ach, darum geht es nur in drei der achtzehn Geschichten. Alle anderen berichten von unerhörten Lebenswegen, von Schicksalen, die sehr bewegend sind. Für „Barbara“ schrieb ich Novellen über außergewöhnliche Charaktere, denen ich begegnet bin. Darin geht es um die Liebe, ja, um tragische Zufälle oder himmlische Fügungen. Aber auch um politische Zerreißproben, neben kuriosen und urkomischen Begebenheiten. Und Pamela, nach der Sie fragen, weiß, dass ich mich mit meinen Abenteuern gut auf das Leben mit ihr vorbereitet habe. Wir leben schon seit 1983 zusammen. Ich war damals Mitte 40, sie war 19.


„Wer sich nicht über die friedliche Revolution freuen kann, mit dem möchte ich nicht mal übers Wetter reden.“


► Ein nicht ganz unerheblicher Altersunterschied! Wie kommen Sie klar?
Als ich Pamela traf, war ihr inneres, charakteristisches Alter bereits 36. Das ist immer so geblieben. Als diese wunderbare West-Frau diesem Ost-Biermann begegnete, veränderte sich mein Leben. Wenn die Götter es gut mit einem meinen, dann schicken sie einem eine Verbündete. Und die Liebe zu diesem unverwechselbaren Menschen prägt einen dann so, wie man es braucht, um wirklich glücklich zu werden. Dies Glück passierte mir. Pamela ist ein Roman – den ich nicht schreiben kann, ich bin kein Romancier. Aber Gedichte schreibe ich. Mit jeweils einem über Pamela eröffne und schließe ich das neue Buch(zitiert) : „Kurzer Lebenslauf für Pamela.// Im Streit der Welt, im Klassenkampf/ Im ewigen Spiel der Geschlechter/ Ward ich meines Vaters getreuer Sohn/ Als kleiner Soldat im Freiheitskrieg/ Ein tapfrer und halbwegs gerechter.// Was sichelten wir! was hämmert wir!/ Im Arbeiter-Bauern- und Bonzenstaat/ Ach, Liebchen, in meinen Jugendtagen/ Auf alles hatt’ ich die Antwort parat/ Erst, als ich dich traf, dämmerten mir/ Auch endlich die tieferen Fragen.// Erst in deinen Armen ward ich ein Mann/ Im Spiele des Nehmens und Gebens/ Ich blieb, der ich bin, seit ich dich gewann/ Und wurde ein anderer, endlich! Das war/ In der Hälfte schon meines Lebens“. Dieses Gedicht fasst eigentlich mein ganzes Leben gut zusammen.

Wolf und Pamela Biermann sind seit 1983 ein Paar, im Jahr des Mauerfalls heirateten sie. Sie haben drei Kinder



„Als diese wunderbare West-Frau diesen Ost-Biermann 1983 traf, veränderte sich mein Leben. Wenn die Götter es gut mit einem meinen, dann schicken sie einem eine Verbündete.“
Biermann über seine Frau Pamela


In den 50er-Jahren verließen mehr als drei Millionen Menschen die DDR. Sie gingen hin, 1953, aus ihrer Heimatstadt Hamburg nach Ostberlin …
Kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Ich kam nun mal aus einer Kommunisten- und Judenfamilie. Meine ganze jüdische Familie wurde von den Nazis ermordet. Meine Mutter und ich blieben vielleicht auch am Leben, um meines Vaters Vermächtnis zu erfüllen und das Gedenken an diese Familie zu erhalten. Als ich in den Osten ging, wollte ich helfen, den Kommunismus aufzubauen, eine gerechtere Gesellschaft, für die mein Vater gekämpft und jahrelang im Knast gesessen hatte. Natürlich merkte ich, dass mir auf dem Weg in den Osten sehr viele entgegenkamen. Und bald geriet ich auch in erste Konflikte. Doch gläubig wie ich war, schob ich alles, was schieflief, auf „die Verhältnisse“. Auf die vielen einstigen Nazi-Anhänger, die nicht so schnell die Kurve kriegten. Oder auf unfähige Bonzen und Karrieristen in den eigenen Reihen. Anders als die meisten war ich in der DDR in der privilegierten Lage, dass ich aufgrund meiner „makellosen“ Herkunft radikaler als andere Kritik üben konnte. So dachte ich zumindest.

Erst als 1989 die Mauer fiel, durften Sie wieder in den Osten zurück. Sie setzten sich danach für eine Aufklärung des DDR-Unrechts ein. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Wir waren der Meinung, dass diese Dokumente der Unterdrückung und des Widerstands im allerzynischsten Sinne Kulturgut sind. Es gab noch nie ein Land in der Weltgeschichte, das nach dem Ende der Diktatur so gründliche Anstrengungen der Aufarbeitung machte wie Deutschland. Wer sich nicht über die friedliche Revolution und das geeinte Deutschland freuen kann, mit dem möchte ich nicht einmal übers Wetter reden. Das betone ich, weil die schlechte Laune, auch einiger ehemaliger Untertanen im Osten, die sich selbst befreit haben, mich tief befremdet. Von Preußens Kaiser Friedrich III. ist der Spruch überliefert: „Lerne leiden ohne zu klagen“. Heute scheint die Befindlichkeit so mancher Deutscher zu sein: „Lerne klagen, ohne zu leiden“. Das finde ich absurd. Gemessen am Leid auf dieser Welt und gemessen an unserer eigenen deutschen Geschichte ging es uns Deutschen in Ost und West noch niemals so gut wie heute. Wir sollten viel stärker auf die Erfolge schauen. Was Helmut Kohl damals versprach, blühende Landschaften, war eine Untertreibung. Wir schafften vereint viel mehr als nur blühende Landschaften. Und so wie im Osten blüht es übrigens an vielen Orten im Westen nicht, etwa im Ruhrgebiet oder in Schleswig-Holstein.

Im Streit um die Migration scheint es ein neues Zerwürfnis zwischen Ost und West zu geben. Viele Ostdeutsche klagen auch, sie fühlten sich als Bürger zweiter Klasse …
Sie könnten darüber glücklich sein, dass sie sich heute -berech-tigt oder nicht -als Bürger zweiter Klasse fühlen können und dass sie nicht mehr, wie zu DDRZeiten, Bürger zehnter Klasse sind. Die SED-Diktatur ließ überhaupt keine freien Bürger zu, sondern verordnete, wie sich „unsere Menschen“ zu fühlen hatten. Man kann nicht erwarten, dass sich mit der Wiedervereinigung alles, was die Nazidiktatur und vierzig Jahre DDR angerichtet haben, über Nacht in Wohlgefallen auflöst.

Und über was sollen wir uns Sorgen machen?
Ich halte es für einen Fehler, dass wir aus der Atomkraft ausgestie-gen sind. Angela Merkel ist als Kanzlerin ein großes Glück für Deutschland. So denke ich, auch wenn ich nicht immer mit ihr einer Meinung bin. Den japanischen Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Atomkraft halte ich für einen Fehler. Die prekäre Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge 2015 aber halte ich für das Beste, was wir Deutschen in dieser schwierigen Situation, in der man nur zwischen zwei Fehlern entscheiden konnte, überhaupt tun konnten. Hätte man diese verzweifelten Menschen mit Knüppeln und Tränengas oder Schlimmerem von der Grenze fernhalten sollen?

Die Demokratie scheint in einer Krise. Ist das wie zum Ende der Weimarer Republik?
Die Demokratie hat bekanntlich einen schweren immanenten Fehler, der leider nicht zu beheben ist: Jeder, der etwas gestalten will, muss vorher von einer Mehrheit gewählt werden. Egal wie viel Ahnung die Wähler von Politik haben. Die Wahlen sind die Stärke der Demokratie und zugleich ihre größte Schwachstelle, denn es kann passieren, dass die Demokratie sich demokratisch abwählt und in eine Diktatur kippt. Ja, der Erfolg der Populisten in Europa ist beunruhigend. Mit dem Ende der Weimarer Republik ist diese Entwicklung jedoch nicht gleichzusetzen, das wäre Hysterie. Heinrich Heine dichtete: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Ich kann, wenn ich an unser Deutschland denke, so gut schlafen, dass ich am Morgen frisch genug bin für meine Liebste, für meine Freunde, für die Musen sogar – und auch für den Streit der Welt.

Wolf Biermann und Angela Merkel als Gast bei seinem 80. Geburtstag im November 2016


„Angela Merkel ist als Kanzlerin ein großes Glück für Deutschland.“


BIERMANN-AFFÄRE: Das Drama von 1976

1976 ließ die SED Wolf Biermann zu einem Konzert nach Köln reisen (Foto). Während er dort war, ließ Honecker ihn „ausbürgern“. Viele DDR-Künstler, die dagegen protestierten, mussten später ebenfalls das Land verlassen

BUCHTIPP
„Barbara“ Erschienen im Ullstein-Verlag ISBN 9783550200250, Preis 20 Euro


FOTOS: Nikola Kuzmanic für SUPERillu, Magnum Photos/Thomas Hoepker

FOTOS: laif, VISUM, DAVIDS, PR