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INTRO


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 29.06.2020

Traut euch!

Angesichts des Rollbacks in puncto Trans*- und Inter*-Rechte in Ungarn, den USA und anderen Ländern fordert die Menschenrechtsaktivistin Julia Monro die Bundesregierung zum Handeln auf

Schon immer werden die Schwachen von den Starken unterdrückt. Nero hat es vorgemacht. Er brauchte einen Sündenbock und zündete Rom an. Die Schuld gab er den Christen, die damals in der Unterzahl waren. Die Christen wurden mehr, und das Spiel von Nero wiederholte sich. Aber diesmal in die andere Richtung. Die Inquisition ließ Rothaarige auf dem Scheiterhaufen brennen. „Gott will es“, hieß es immer, und man berief sich auf das heilige Buch. Doch wie viel Leid hat dieser Satz schon angerichtet? Was hat dieser Blick in die Vergangenheit mit der Situation von LGBTI* heute gemeinsam? Heute sind die Verfolgten von damals oft selbst Verfolger. Sie bringen religiöse Argumente und beschuldigen die „Regenbogenpest“, verantwortlich für Corona zu sein. Es sind oft sehr konservative, orthodoxe oder evangelikale Kreise, die eine vermeintlich „finanzstarke Gender-Lobby“ aufhalten wollen. In Ungarn werden trans* Personen per Gesetz ausgelöscht. Nach einem Gesetz, das die Regierung Orbáns im Mai erlassen hat, sollen nur noch die Geschlechtseinträge gelten, die bei Geburt verzeichnet wurden. Davon abweichende Regelungen sind nicht gewünscht. Rumänien will es verbieten, über das Thema Geschlechtsidentität an Schulen aufzuklären. Und Trump verbietet Trans* im Militär und macht die Errungenschaften von Obama rückgängig: Krankenhäuser dürfen trans* Personen ab jetzt offiziell die Versorgung verweigern. Die konservativen religiösen Gruppen feiern ihren Sieg und meinen, sie haben eine gute Tat für ihren Glauben vollbracht.

An alle Gläubigen: Hört auf, eure Ideologien für das Versagen eurer Nächstenliebe verantwortlich zu machen. Ihr alle habt einen Verstand und einen freien Willen mit dem klaren Auftrag: „Nehmt einander an.“ Hört auf mit euren Schuldzuweisungen. Nehmt euren Nächsten in den Arm. Seid empathisch, seid solidarisch. Wir brauchen eure Unterstützung. Gerade jetzt, wenn die Regierungen Polens, Ungarns, der USA und in anderen Weltregionen zunehmend Politik auf dem Rücken von trans* und inter* Personen, von LGBTI* machen, wäre es das richtige Zeichen, wenn die Bundesregierung mit positivem Beispiel vorangehen und eine Vorreiterrolle einnehmen würde. Wenn sie endlich ein Gesetz verabschieden würde, welches allen Menschen ermöglicht, ihren Geschlechtseintrag selbstbestimmt und ohne Gängelungen und entwürdigende Fremdbegutachtung zu ändern. Wir brauchen Gesetze, die eine besonders vulnerable Personengruppe vor Diskriminierung schützen, um eine angstfreie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. So braucht es auch endlich eine Verankerung des Merkmals „sexuelle und geschlechtliche Identität“ im Artikel 3 des Grundgesetzes. Wir brauchen Gesetze, die das Wohl und die Würde des Menschen wieder in den Fokus rücken. Traut euch


Wir brauchen Gesetze … die die Würde des Menschen wieder in den Fokus rücken


We need laws … that put the dignity of people back into focus


I dare you!

In light of the recent rollbacks in regard to trans* and inter* rights in Hungary, the USA and other countries, human rights activist Julia Monro calls on the federal government to take action

The weak have always been oppressed by the strong. Nero led the charge. He needed a scapegoat and set Rome ablaze. The blame was laid on the Christians, then in the minority. The Christians grew in number and Nero’s game began anew. But this time in the other direction. The Inquisition burned redheads at the stake. “It is God‘s will,” was always said and the Holy Book was invoked. Yet how much suffering has this one line caused?

What do these history lessons have to do with the situation of LGBTI* people today? The persecuted of yesterday are often themselves the persecutors of today. They bring up religious arguments and accuse a “rainbow plague” of being responsible for corona. And it is often deeply conservative, orthodox, or evangelical circles who want to put a stop to a supposed “financially-powerful gender lobby”.

In Hungary, trans* people are being wiped out under legal pretense. According to a law enacted by Orbán’s government in May, only the gender entered at birth is legally valid, with any deviation unwelcome. Romania wants to forbid any discussion about gender identity in schools. And Trump has banned trans* people from serving in the military and is reversing Obama’s advancements: Hospitals may now officially refuse care to trans* people. Conservative religious groups are celebrating these victories and saying they’ve done the Lord‘s work.

To all the believers out there: Stop using your ideology as an excuse for failing your neighbor. You all have a mind and free will, along with a clear duty: “Care for one another.” Stop with the finger pointing. Hug your neighbor. Be empathetic, show solidarity. We need your support. Especially in this moment, when the governments in Poland, Hungary, the USA and in other regions of the world gut the rights of trans*, inter* and LGBTI* people, it would send quite a message if the German government set a positive example and take on a leading role. If the government adopted a law allowing people to determine their own gender identity, without paternalism and degrading second-party assessment, for starters. We need laws that protect especially vulnerable groups from discrimination so participation in social life is as free of fear as possible. Therefore, it is also finally necessary to fix “sexual and gender identity” into Article 3 of the the Grundgesetz (the German Constitution). We need laws that put the well-being and dignity of people back into focus. I dare you!

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