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INTRO: Oh Gott!


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 30.08.2019

Die katholische Kirche verschreibt sich derzeit intensiv der menschenverachtenden Hetze gegen LGBTI*. Warum sie damit ihre eigenen Werte Lügen straft, erklärt SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll


Ich bin katholisch erzogen worden. Nachdem ich meine frühe Jugend durchaus in kirchlichen Zusammenhängen verbracht hatte, pflanzte die Pubertät jedoch zunehmend eine kritische, wenn nicht gar bockige Ablehnung von Religion und Kirche in meinen Geist. Zu viel Gerede von Schuld, Sünde und Scham, zu wenig, mit dem ich mich als rebellischer Teenager identifizieren konnte. Mein schwules Coming-out zementierte diese Haltung entsprechend. Mit jugendlicher Lust am Diskutieren und Provozieren posaunte ich meine Verachtung der Kirche bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit heraus. Oft bekam ich in diesen Debatten zu hören: Natürlich, nicht alles, was Kirche und Religion auslösen, ist gut. Aber dennoch hätten sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion – die Vermittlung „christlicher” Werte wie Mitgefühl, Respekt, Vergebung, Nächstenliebe, Menschenwürde. In den letzten Monaten wurde mir allerdings einmal mehr gewahr, dass all diese Werte nichts weiter als Lügen sein können, da sie im Weltbild der katholischen Kirche nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen gelten: heterosexuelle cis Personen. Bei einem Blick in queere Medien lassen einem die Schlagzeilen der vergangenen Wochen das Blut in den Adern gefrieren, hetzt doch keine Institution derzeit so radikal und menschenverachtend gegen LGBTI*-Personen wie die katholische Kirche: In Polen warnen Bischöfe vor „kranker LGBT-Ideologie” oder vor der „Regenbogen-Pest” und rufen damit indirekt dazu auf, die Prides auf den Straßen polnischer Städte niederzuknüppeln. In den USA wird LGBTI*-freundlichen Politiker*innen mit einem Ausschluss vom Abendmahl gedroht, in Amsterdam wird ein schwuler Priester nach seinem Coming-out gefeuert und der Vatikan hetzt gegen trans* und inter* Personen. Und all das in einem politischen Klima, das sich ohnehin weltweit nach rechts verschiebt. Wäre es in dieser brisanten gesellschaftlichen und politischen Situation nicht die Aufgabe einer Institution, die sich Nächstenliebe auf die Fahnen geschrieben hat, die Menschen zu einen und dazu anzuregen, Respekt voreinander zu zeigen? Dafür zu sorgen, dass all diese Werte keine hohlen Phrasen verklemmter und verbitterter Bischöfe sind? Stattdessen sprüht die katholische Kirche allerorts ihre toxischen, volksverhetzenden Ideologien in die Gesellschaften und befeuert damit eine Situation, die uns LGBTI* genau das raubt, was der Katholizismus anderen verspricht: Menschenwürde. Nicht mein Gott! Nicht meine Religion! Nicht meine Kirche!


Diese Werte sind Lügen


… denn im Weltbild der katholischen Kirche gelten sie nicht für LGBTI*

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