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INVASION DER VERSAUTEN JUNGJÄGER: GENERATION WILDSCHWEIN


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 110/2018 vom 19.10.2018

Dr. Lucas v. Bothmermachte vor 20 Jahren seinen Jagdschein. Wie keine andere Wildart haben die Sauen die Jäger seiner Generation geprägt. Hier blickt er kritisch zurück – und wagt einen Ausblick.


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Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 110/2018

Passionierter „Jungjäger“: schwarzwildgeprägt bis in die letzte Borste. Die Sauenschwemme hat es möglich gemacht.


Der AUTOR
DR. LUCAS V. BOTHMER
Geboren 1983, Jagdscheinkurs 1998, erster Jagderfolg: Ringeltaube, erstes Stück Haarwild: Fuchs, erstes Stück Schalenwild: Knopfbock, Lieblingswildart: Schwarzwild, Lieblingsjagdart: Drückjagd, Beruf: Jagdjournalist.

Als ich im Mai 1999 aus einem verrauchten Gasthof ...

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... irgendwo in der südlichen Lüneburger Heide stolperte, die schlaksigen Arme nutzlos am Körper baumelnd und ein Schlingelgrinsen im Gesicht, da hatte ich noch keine Ahnung, wie schicksalhaft dieser Tag für mein weiteres Leben sein würde.

In meiner Hand klemmte fest umschlossen das auf gelbem Papyrus und in altdeutscher Schrift verfasste Zeugnis meiner Jägerprüfung. Ich war so stolz, dass ich schon verdrängt hatte, dass es nur mit Glück und Hilfe des Kreisjägermeisters hatte ergaunert werden können. Denn als ich 40 Minuten zuvor das Gesäuge eines Rotalttiers fatalerweise eine „Milchleiste“ genannt hatte, hieß der Mann mich korrekterweise einen „totalen Spinner“. Er war ein warmherziger Prüfer, und wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn er mir an jenem Tage nicht verraten hätte, womit das Rotkalb tatsächlich gesäugt wird. Der Kreisjägermeister wusste, dass es das Recht der Jugend ist, Fehler zu machen – und dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.

DEMUT IST DER SCHLÜSSEL

Noch heute, fast zwanzig Jahre später, bin ich fest davon überzeugt, dass es eben genau dies ist, was den guten Jäger auszeichnet, wohl vor allen anderen Fähigkeiten. Die Demut. Die Demut vor der eigenen jägerischen Lernkurve. Die Demut vor der Schöpfung, vor unserem Wild und seiner enormen Intelligenz und Anpassungsfähigkeit. Die Demut vor Fehlern, die wir gemacht haben – und die uns hoffentlich zu besseren Jägern gemacht haben.

Gut betuchter Jungjäger: Seine Ausrüstung sieht zwar klassisch aus, ist aber brandneu. Die Frage ist, ob er auch noch Zeit und Lust hat, den Hochsitz aufzustellen, von dem er gleich auf Sauen schießt.


FOTO: OLIVIA V. BÜLOW

Und damit sind wir mitten im Thema. Denn als ich 1999 meinen Jagdschein bekam, da war ich ziemlich vieles. Aber alles andere als ein demütiger Jungjäger. Insofern war ich vermutlich vielen späteren Jungjägern nicht unähnlich. Denn liegt es nicht in der Natur der Demut, dass man sie nur durch demütigende Erfahrungen erlernen kann? Braucht es nicht die jugendliche Schamesröte in unserem Gesicht, um Lehren tief in unser Bewusstsein zu gravieren?

KLEIN IST ALLER ANFANG

Meine Schandtaten ließen nicht lange auf sich warten. Ein Knopfbock, den ich mit fünf Schuss nicht erlegen konnte, brauchte noch einen dilettantischen Stich in den Träger. Eine Leitbache wurde von mir waidwund gefasst und später von meinem Vater erlöst. Bei der Taubenjagd traf ich stundenlang gar nichts, bis ein ebenfalls naher Verwandter mir zeigte, dass diese auf unter 100 Metern womöglich erfolgreicher verlaufen könnte. Meine praktischen Fähigkeiten im Hochsitzbau und mit der Kettensäge waren damals lebensgefährlich, sind bis heute rudimentär, und es ist ein Segen, dass die Berufsgenossenschaft noch keinen Hochsitz geprüft hat, den ich jemals aufgestellt habe. Doch die Jagd ist ein vielseitiges Handwerk. Und ein jeder kann sich hier seine Nischen suchen. Für fast jeden findet sich hier irgendetwas, das er gut kann. Doch er muss vor allem eines mitbringen: Passion, Geduld und Demut.

PROBLEMZONEN DER JAGD

Doch ein neues Phänomen betritt die Szenerie: der drückjagdverrückte Schlaumeier. Egal, ob im 1.000 Euro Realtree-Kampfanzug frisch von der Jagdschule Blattschuss entlassen oder im Topmanager-Homeschooling geschult, immer mehr Könner betreten unsere Reviere, die in wenigen Wochen gelernt haben wollen, wofür andere Jahrzehnte gebraucht haben. Und ich frage mich, woher das kommt? Was sind die großen Veränderungen, die uns umtreiben? Was sind die neuen Herausforderungen an junge Jäger? Muss man heute noch wissen, wie man eine Wippbrettfalle aufstellt? Oder reicht es, ein braver Kugelschütze zu sein, um die ASP an den Ural zurückzudrängen? Vielleicht lohnt ein Blick auf ein paar Problemzonen, die sich mit der heutigen Jagd verknüpfen und die gefühlt anders sind als vor zwanzig Jahren.

1. Die Schwarzwildschwemme.
Nie zuvor war es so einfach, Hochwildjäger zu werden wie heute. Nie gab es mehr Sauen. Was noch vor zwanzig Jahren eine begehrte Beute war, gehört heute wie selbstverständlich zum Jungjägeralltag. Wo früher auf Füchse angesessen wurde, da wird heute nächtelang auf Sauen gewartet. Doch weil Wildschadensverhütung auch eine notwendige Pflicht ist, wird zugleich immer weniger Zeit auf die Niederwildhege verwandt. Genauso wie es zum Statussymbol geworden ist, viele Sauen zu erlegen und Bilder davon herumzuschicken. Besonders problematisch dürfte sich in diesem Zusammenhang ausnehmen, dass das einstmals edle Schwarzwild nunmehr eine Schadwildart ist, die im Zuge der Seuchenprävention quasi ausgerottet werden soll. Und was machen all die Schwarzwildfreaks bloß, wenn die Sauen nun rar werden?


„HEUTE JAGEN MEHRSTADTMENSCHEN ALS JEMALS ZUVOR.“


2. Die Landflucht. Vor zwanzig Jahren lebten insgesamt noch mehr Menschen auf dem Land, als dies heute der Fall ist. Doch viel dramatischer: Die Zahl der Bauernhöfe ist laut Bundesregierung von 1999 bis 2016 um 42 Prozent auf 275.392 gesunken. Damit einher geht, dass es weniger Bauern gibt und somit auch weniger Menschen, die aus der klassischen Jagdlobby kommen. Dies mag dazu geführt haben, dass Jagd weniger als natürliche Zusatzaufgabe des Landwirts, sondern vermehrt „konsumtiv“ begriffen wird. Wir sind zwar mehr Jäger als früher. Doch die, die jagen, sind seltener mit Land und Jagd aufgewachsen, sondern kommen immer häufiger aus der Stadt und haben oftmals Zeitdruck.

Jägernachwuchs, der mit der Jagd im Niederwildrevier aufwächst. So war es in der guten, alten Zeit.


FOTO: JÜRGEN GAUSS

Immer mehr junge Frauen jagen – auch dies dürfte längst eine Folge der sozialen Netzwerke sein!


FOTO: PAULINE V. HARDENBERG

3. Die Jagdschulen. 2014 haben wir im JÄGER eine Liste von 60 Jagdschulen veröffentlicht, vor zwanzig Jahren waren es nur eine Handvoll. Die Jagdschulen bieten Schnellkurse an. Heute gibt es wohl weit über 200 Jagdschulen bei uns. Die Schnellkurse vermitteln Wissen in Rekordgeschwindigkeit (die kürzesten Kurse dauern rund 10 Tage). Und das mag helfen, um eine schwere Prüfung zu bestehen. Keinesfalls aber hilft es, ein Handwerk zu erlernen, welches jahrzehntelange Erfahrung in der freien Wildbahn voraussetzt.

4. Smartphones und Internet. Auch dies ist eine Herausforderung für unsere historisch gewachsene Jagdkultur. So werden permanent Bilder von Handys oder Wildkameras herumgeschickt, hinzu kommen Youtube-Filme, Blogs, neue Meinungsführer (sogenannte „Influencer“), von denen es in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram nur so wimmelt. Weit über tausend Influencer existieren davon allein im Bereich der Jagd, sie verfolgen uns selbst bis auf den Hochsitz mit ihrer Selbstinszenierung. Die Folge sind Bewunderung, Jagdneid und Prestige, Anstachelung und historisch beispiellose, unverhohlene Prahlerei. Dabei gibt es vor allem eine Wildart, um die sich fast alles dreht: die nunmehr bedrohten Sauen.

5. Die Altersstruktur der Jäger. Früher waren mehr Jäger jung als heute. Der Anteil mittelalter und älterer Aspiranten hat zugenommen, in der soziografischen Struktur der Jägerschaft, die 2016 durch den DJV erstellt wurde, kann man erkennen, dass 61 Prozent der Jäger älter als 55 sind. Dies ist an sich erfreulich. Nur wird es dann problematisch, wenn es sich um Leute handelt, die beruflich schon Erfolg hatten – und sich nun wieder etwas sagen lassen müssen. Es sind nicht selten jungjägerische Führungskräfte, welche für bizarre Fehlabschüsse sorgen, eben weil sie es aus ihrem Berufsleben nicht mehr gewohnt sind, demütig an neue Prozesse heranzugehen. Aber Pauschalurteile verbieten sich.

6. Innovationsdruck der Industrie.
Bis ins Jahr 1998 schoss ein großer Teil der Jäger mit einem feststehenden Zielfernrohr und 98er oder gar Drilling. Das war weder einfach noch ein Vergnügen noch half es bei der Nachtjagd. Heute existieren Nachtsichtgeräte, Wärmebildtechnik und gigantische Zoom-Zielferngläser, die Schüsse bis ins Dunkle und auf sagenhafte Entfernungen möglich machen. Egal, wie man jagdethisch dazu stehen mag, mit allen Pros und Contras, eines aber ist gewiss: Taktik, Geschick und Naturverständnis sind nicht mehr so gefragt. Die Ausrüstung macht Dinge möglich, die früher unmöglich waren – und gerade wer viel auf große Distanzen auf Wild schießt, wird feststellen, dass er auch innerlich eine Distanz zum Wild aufbaut, ja, sich quasi von ihm entfremdet. Die Kunst des Pirschens war wohl nie weniger gefragt als heute. Man muss ja nicht mehr ran ans Wild.

7. Die Pachtpreise. Durch die Sauenflut sind die Pachten vielerorts massiv gestiegen. Denn Hochwild ruft eine andere Zielgruppe auf den Plan als Ente und Hase dereinst. In einer Gemeinde in Niedersachsen stieg etwa 2013 der Pachtpreis pro Hektar von vier auf 15 Euro, außerdem kostete eine durchschnittliche Pacht im Jahr 2016 rund 1.570 Euro, was ebenfalls eine deutliche Steigerung im Vergleich zu früheren Jahren darstellt. So kommt es, dass oftmals Jäger aus der Stadt Reviere auf dem Land pachten, was zu eingangs erwähntem konsumtiven Jagdverhalten führt. Ganz generell gilt ohnehin: Je teurer die Pacht, desto höher der Druck, dort auch Beute zu machen, und je geringer das Engagement für Wildarten, deren „materieller“ Wert geringer ist als der von Schwarz- und Rotwild. Interessant hierbei ist, dass der Wildschaden etwa in Rheinland-Pfalz überhaupt nicht zur Unverpachtbarkeit der Reviere beitrug, sondern im Gegenteil auch die Pachtpreise in die Höhe trieb. Verkehrte Welt im reichen Jäger-Deutschland (vgl. Ulf Hohmann, JÄGER 5/2013).

Jungjäger, der im Revier arbeitet: heute für viele nicht mehr so selbstverständlich wie früher.


FOTO: THOMAS ATWELL


„JE MEHR WILDSCHÄDEN, DESTOHÖHER DIE PACHTPREISE!”


FAZIT: SCHWARZ UND WEISS IST NICHTS

Die letzten 20 Jahre haben unsere Jagdkultur kräftig durcheinandergewirbelt. Es ist eine Menge passiert, das unseren Argwohn erregen muss, denn wir Jäger sind nicht grundlos konservativ, sondern vielmehr, weil wir bewahren wollen für die Nachwelt, was uns überantwortet wurde. Wild und Wald und Lebensraum. Das Schwarzwild hat einfach die Anforderungen an uns verändert und somit auch die Jagdkultur. Und doch ist zu sagen: Nicht alles war „früher“ gut. Und auch heute ist nicht alles schlecht. So lässt sich beispielsweise sagen, dass das vermehrte Aufkommen von Schwarzwild auch zur Schießkino-Invasion und einer gemeinhin besseren Schießleistung bei alt und jung geführt hat. Nie war es einfacher, sein Können als Drückjagdschütze zu trainieren. Eine Umfrage des DJV aus dem Jahr 2016 belegt, dass neun von zehn Jäger regelmäßig auf den Schießstand oder ins Schießkino gehen, um ihre Fähigkeiten zu trainieren, 57 Prozent der Jägerschaft gehen sogar mehr als dreimal im Jahr trainieren. Dazu kommen weitere Wettbewerbe, bei denen die Schützen sich gegenseitig messen und tolle Preise gewinnen können.

DIGITALISIERUNG DES JÄGERS

Ein weiterer Vorteil der „Generation Wildschwein“ ist, dass sie durch die sozialen Netzwerke die Möglichkeit hat, sich zu vernetzen, kennenzulernen und neue Regionen und Reviere zu erkunden. Von den Möglichkeiten, einen Lebenspartner zu finden, der dieselbe Leidenschaft teilt, einmal abgesehen. Ganz allgemein dürfte die moderne Inszenierung der Verbände, die Nutzung sozialer Netzwerke und die Überall-Erhältlichkeit von Jagdmedien dazu geführt haben, dass Jagd heute populärer ist als je zuvor. Das zeigt auch die Anzahl der Jagdscheininhaber in Deutschland: waren es 1989/90 noch 311.257, sind es im Jahr 2016 381.821. So viele wie nie zuvor. Auch scheint es den viel besungenen, ökologisch korrekten „Fleischjäger“ wirklich zu geben. Aus Jagdschulen wird berichtet, dass immer mehr Leute aus der Großstadt sich anmelden, weil sie die Massentierhaltung ablehnen. Wer hätte das vor 20 Jahren gedacht?

Eine neue Generation „urbaner Fleischgenießer“ hat die Jägerschaft erreicht.


FOTO: PAULINE V. HARDENBERG


FOTO: THOMAS ATWELL (JUNGE), ARCHIV JÄGER (4)