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Irgendwas mit Macht machen


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 36/2021 vom 05.09.2021

Eine unbeantwortete Frage ist die, wozu es eigentlich Wahlplakate braucht. Geht in den Strategieabteilungen der Parteien wirklich irgendjemand davon aus, dass unschlüssige Wahlberechtigte über die bevorstehende Entscheidung grübelnd durch ihren Wohnort bummeln und dann plötzlich vor einer Plakattafel innehalten, auf der – nur mal so zum Beispiel – eine grünstichige Annalena Baerbock schräg in die Luft guckt und die These „Zukunft passiert nicht, wir machen sie“ vertritt?

Den meisten Wahlberechtigten dürfte klar sein, dass Zukunft vollkommen unabhängig davon passiert, was wir mit oder ohne Baerbock machen. Ein überzeugender Grund, sie zu wählen, ist der leicht vermessene Gestaltungsanspruch jedenfalls nicht.

Nun sind die Grünen beileibe nicht die einzige Partei, die auf ihren Plakaten das Grüne, Blaue, Rote oder Schwarz-Rot-Goldene vom Himmel versprechen oder mit redundanten Plattitüden für sich ...

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 36/2021

Höhöhö-Plakat der AfD
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... werben. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak war mächtig stolz, als er bei der Vorstellung der Kampagne vor einigen Wochen den „Unionskreis“ als zentrales grafisches Element präsentierte. Diesen Kreis könne nur die Union, behauptete Ziemiak; dabei kann den jeder Grundschüler mit einem Zirkel und drei Buntstiften. Der schwarz-rot-goldene Kringel soll irgendwie symbolisieren, dass nur die CDU es hinbekommt, alle in Deutschland einzubinden. Den aktuellen Umfragen zufolge sind aber mittlerweile einige, die die Union so umkreisen wollte, durch den Zaun gebrochen.

Wer den überraschend guten Lauf von Olaf Scholz in den Umfragen betrachtet, könnte auf den Gedanken kommen, dass das daran liegt, dass die SPD-Plakate deutlich weniger missraten sind. Der schwarz-weiße Scholz vor rotem Grund setzt sich von den Mitbewerbern auch dadurch ab, dass er die Wähler nicht mit Aufforderungen zu gemeinsamen Anstrengungen behelligt. Scholz verspricht eigenen Einsatz („Scholz packt das an“), dessen Ertrag der Wählerin in den Schoß fallen soll: „Soziale Politik für dich“. Dass man damit zumindest den phlegmatischen Teil verteilungsinteressierter Wahlberechtigter eher erreicht als durch die beängstigende Beschreibung der Größe der Herausforderungen, auf die die FDP setzt („Nie gab es mehr zu tun“), scheint naheliegend. Zumal man der FDP-Behauptung durchaus entgegenhalten könnte: Na ja, 1949 oder 1990 wahrscheinlich dann doch.

Der Werber Thomas Strerath von der Agentur MediaMonks, der vor vier Jahren noch für die Agentur Jung von Matt die CDU-Kampagne „Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ mit konzipierte, hat kürzlich in dem Podcast „Die Stunde Null“ im Gespräch mit dem Journalisten Horst von Buttlar die These vertreten, dass Plakatkampagnen im Wahlkampf eher für die Parteien selbst wichtig sind als für die Wähler draußen. Sie erinnern die Aktivisten täglich daran, dass sie sich im Wahlkampfmodus befinden. Außerdem sind Plakate nach wie vor ein unverzichtbarer Bestandteil der Parteifolklore. Denn bis heute gehört – Digitalisierung hin oder her – der häufig nächtlich und nicht selten im Halblegalen vollzogene Akt des Plakateklebens zum Initiationsritus einer zukunftsträchtigen Parteikarriere. Möglicherweise sind Wahlplakate also vor allem dazu da, um von Nachwuchspolitikern eisern irgendwo hingeklebt zu werden und nicht so sehr dazu, um Wähler zu überzeugen.

Dass erklärt vielleicht auch die Tendenz zum Trivialen in der Botschaft, denn die soll vor allem keine Angriffsfläche bieten – und muss zugleich für alle Flügel einer Partei akzeptabel sein. So wird sie im Laufe des Abstimmungsprozesses auch immer weiter verwässert. Bei der CDU führte dies vor vier Jahren dazu, dass die ursprüngliche Idee der Agentur „Für das beste Deutschland, das wir sein können“ heruntergedimmt wurde auf das unverfängliche „Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ – weil man sich nicht traute, so ungeheuer angreifbare Vokabeln wie „Deutschland“ oder „das Beste“ zu sagen, wie Werber Strerath erzählt. Umso erstaunlicher findet er, dass gerade zerstrittene Parteien wie die SPD und die AfD es diesmal hinbekommen hätten, vergleichsweise kohärente Kampagnen zu entwickeln.

HUMOR IM RESSENTIMENT

Tatsächlich zeichnet den Claim der AfD, „Deutschland, aber normal“ aus, dass er das Ressentiment, das er transportiert, geschickt hinter der Behauptung von Common Sense verbirgt und nicht frei ist von jenem Alteingesessenen-Humor, den die Zielgruppe gerne pflegt. Etwas weniger pointiert erscheinen hingegen die Forderungen auf einzelnen Plakaten der AfD: „Statt das ganze Land: Regierung in den Lockdown“ klingt eher nach Rachefantasie als nach effektiver Pandemiebekämpfung und erinnert von Ferne an die Schlachtrufe von Trump-Anhängern, die Hillary Clinton einsperren wollten. Auch die Forderung nach einem „Tempolimit für grüne Verbote“ wirkt wenig ausgereift.

Die AfD wagt sich in einen Grenzbereich von Logik und Wirklichkeitsvermessung, in dem sich auch ein großer Teil jener Parteien angesiedelt hat, die in Umfragen unter „Sonstige“ firmieren, es gegenwärtig aber zusammen immerhin auf neun Prozent Zustimmung bringen. In diesem Segment tummelt sich auch die europafreundliche Volt- Partei, die mit der Forderung „Schluss mit Faxen“ für eine zügige Digitalisierung nach estnischem Vorbild eintritt. Da vermag man noch zu folgen, schwieriger wird es beim Volt-Vorschlag „Berlin, hör auf deine Kinder“; denn wie jeder Erziehungsberechtigte weiß, führt das höchstens zu erhöhtem Konsum von Naschwaren.

Nicht klar ist auch, an welche Zielgruppe sich eigentlich die Tierschutzpartei wendet. „Nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum schaffen“ ist eine berechtigte Forderung, aber wenn eine Tierschutzpartei sie aufstellt, fragt man sich halt, für wen? Für Hamster?

Die Frage, wie die Wohnungsnot zu beheben sei, bringen zahlreiche Gruppierungen aufs Tapet, nicht alle formulieren dabei so drastisch wie die queere Untersektion der Partei Die Linke. Sie behauptet: „Ohne Mietendeckel fickt es sich nur im Keller gut“. Die ideologische Gegenposition vertritt im parallel zur Bundestagswahl stattfindenden Berliner Wahlkampf der FDP-Kandidat Sebastian Czaja, der auf seinem Plakat behauptet: „Berlin gehört den Machern. Nicht den Enteignern“. Das ist zweifellos eine von keiner Realität gedeckte Wunschvorstellung, denn Berlin gehört natürlich nach wie vor denen, die nichts machen. Um das herauszufinden, reicht ein Blick in den nächsten überfüllten Parkmülleimer oder das nächstgelegene Schulklo.

Der weltpolitische Zampano Jürgen Todenhöfer fordert auf den Plakaten seiner Ein-Mann-Partei Team Todenhöfer „Renten statt Raketen“, worauf man nach nüchterner verteidigungspolitischer Abwägung antworten muss: „Na ja, kommt schon ein bisschen auf die Lage an.“

Zunächst geschockt dürften feinsinnige Wahlberechtigte auf das Plakat der Dadaisten-Partei Die Partei reagieren, auf dem diese vor einer Regenbogenflagge eine ausgesprochen drastische Wähleransprache wählt: „Wir finden: Fickt euch doch alle.“ Es könnte allerdings auch sein, dass sich hinter dieser Grobheit nur die Utopie einer Welt verbirgt, in der wirklich jeder jeden und jede sehr lieb haben soll. Nur gibt es bei Die Partei vermutlich nicht genügend Gremien, die die Botschaft ins Unverfängliche weich spülen, bevor sie auf das Plakat gedruckt wird.