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Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom UNZERTRENNLICH Eine große Liebe endet – und bleibt doch bestehen


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Herzstück - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 07.10.2021

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IRV: Unsere Beziehung begann und endete mit Büchern.

Bei unserer ersten Begegnung waren wir 15 Jahre alt, und Marilyn erzählte mir, sie habe die Schule geschwänzt, weil sie die ganze Nacht aufgeblieben war, um Margaret Mitchells tausendseitiges „Vom Winde verweht“ zu Ende zu lesen. Ich war sofort entzückt von ihr. Auch ich war fasziniert von Romanen und Marilyn war die erste Person, die ich kannte, die meine Leidenschaft fürs Lesen teilte. Schon bald verliebten wir uns, und seitdem sind wir unzertrennlich.

2019 wurde bei Marilyn ein Multiples Myelom diagnostiziert, ein Krebs der Plasmazellen (Antikörper produzierende weiße Blutkörperchen, die im Knochenmark zu finden sind). Sie musste sich einer Chemotherapie mit Revlimid unterziehen, was zu einem Schlaganfall führte, einem Besuch in der Notaufnahme und vier Tagen im Krankenhaus. Zwei Wochen später, als sie ...

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Bildquelle: Herzstück, Ausgabe 6/2021

Heiterkeit beieinander finden, Geborgenheit und Glück: Das ist die Liebe von Irv und Marilyn
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... wieder zu Hause war, unternahmen wir einen kleinen Spaziergang im nahe gelegenen Park und Marylin verkündete: „Ich hab ein Buch im Kopf, das wir gemeinsam schreiben sollten. Ich möchte die schwierigen Tage und Monate, die vor uns liegen, dokumentieren. Vielleicht werden unsere Erfahrungen anderen Paaren, bei denen ein Partner an einer tödlichen Erkrankung leidet, helfen.“ Wir schreiben dieses Buch in einem Alter, in dem die meisten unserer Zeitgenossen bereits tot sind. Wir leben nun jeden Tag mit dem Wissen, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist und äußerst kostbar. Wir schreiben, um unserer Existenz einen Sinn zu verleihen, auch wenn es uns in die dunkelsten Zonen des körperlichen Verfalls und des Todes befördert. Dieses Buch soll uns zuallererst und vor allem dabei helfen, mit dem Ende des Lebens zurechtzukommen ….Wir beide wissen, dass Marilyn ziemlich sicher an ihrer Krankheit sterben wird. Dieses Tagebuch über das, was vor uns liegt, werden wir gemeinsam schreiben, in der Hoffnung, dass unsere Erfahrungen und Beobachtungen nicht nur uns Sinn und Beistand zu geben vermögen, sondern auch unseren Lesern und Leserinnen.

STERBEN KÖNNEN OHNE BEREUEN ZIJ MÜSSEN

Nachdem wir uns in diesen exquisiten Erinnerungen verloren haben, drückt Marilyn meine Hand und sagt: „Irv, da gibt es nichts, was ich würde ändern wollen.“

Und ich stimme ihr aus vollem Herzen zu.

Beide haben wir das Gefühl, unser Leben ganz gelebt zu haben. Kein Gedanke, den ich bei Patienten mit Todesangst eingesetzt habe, um Trost zu spenden, war machtvoller als dieser: ein Leben ohne Reue zu führen.

Marilyn und ich fühlen uns beide frei von Bedauern – wir haben mutig und in Gänze gelebt.

Wir ließen uns die Möglichkeiten, die uns geschenkt wurden, um zu wachsen, nicht entgehen, und nun hatten wir wenig ungelebtes Leben zu beklagen.

Marilyn geht zurück ins Haus, um sich ein wenig hinzulegen. Die Chemotherapie zehrt an ihren Kräften und oft verschläft sie einen Großteil des Tages. Ich lehne mich in meiner Chaiselongue zurück und denke an die vielen Patienten, die überwältigt waren von der Furcht vor dem Tod – und auch an die vielen Philosophen, die sich des Todes unverblümt annahmen.

Vor 2000 Jahren sagte Seneca: „Wie bei einem Theaterstück kommt es beim Leben nicht darauf an, wie lange es dauert, sondern wie gut es gespielt wird.“ Nietzsche, der Meister der Sinnsprüche, sagte: „Man muss gefährlich leben.“ Ein anderer Spruch von Nietzsche kommt mir ebenfalls in den Sinn: „Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh... ,Stirb zur rechten Zeit!‘“

Hm, zur rechten Zeit ...Volltreffer. Ich bin fast 88 und Marilyn 87. Unsere Kinder und Enkelkinder sind im Leben angekommen. Ich fürchte, ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Ich bin dabei, meine therapeutische Praxis aufzugeben und meine Frau ist nun ernsthaft erkrankt.

„Stirb zur rechten Zeit!“ Es ist schwer, diesen Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Und dann geht mir ein anderer Spruch von Nietzsche durch den Sinn: »Was vollkommen ward, alles Reife – will sterben ... Aber alles Unreife will leben ... Alles, was leidet, will leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig, sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem.“

Ja, auch diese Zeilen treffen ziemlich genau ins Schwarze. Reife – das passt. Reife ist genau das, was wir beide, Marilyn und ich, gerade erfahren.

Inzwischen ist es 10 Uhr, und ich verlasse mein Büro. Sobald ich draußen bin, kann ich das Fenster unseres Schlafzimmers sehen und schaue hinüber zum Haus. Ich sehe, dass Marilyn wach ist und die Vorhänge zurückgezogen hat. Sie ist immer noch sehr schwach von der Chemotherapie, die sie vor drei Tagen erhalten hat, und ich beeile mich, ins Haus zu kommen, um ihr ein kleines Frühstück zuzubereiten. Aber sie hat be- reits etwas Apfelsaft getrunken und keinen Appetit auf etwas anderes. Sie liegt auf der Couch im Wohnzimmer und genießt den Blick auf die alte Eiche in unserem Garten.

Wie immer frage ich sie, wie sie sich fühlt. Wie immer antwortet sie ehrlich: „Ich fühle mich furchtbar. Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich bin getrennt von allem ... in meinem Körper geschehen schreckliche Dinge. Wenn du nicht wärst, wäre ich nicht mehr hier … Ich möchte nicht mehr leben … Es tut mir leid, dass ich dir das immer wieder sage. Ich weiß, dass ich es andauernd sage.“

Ich habe sie diese Worte seit mehreren Wochen jeden Tag sagen hören. Ich fühle mich mutlos, hilflos. Nichts schmerzt mich mehr als ihr Schmerz: Sie muss sich jede Woche einer Chemotherapie unterziehen, die mit Übelkeit, Kopfschmerzen und extremer Müdigkeit einhergeht. Sie fühlt sich ihrem Körper und allem und jedem um sie herum unsäglich entfremdet. Viele Chemotherapie-Patienten bezeichnen dies als „Chemo-Brain“. Ich ermutige sie, wenigstens die 30 Meter zum Briefkasten zu gehen, jedoch wie immer vergeblich. Ich halte ihre Hand und versuche, ihr auf jede erdenkliche Weise Kraft zu spenden.

Heute reagiere ich anders, als sie erneut ihren Wunsch äußert, nicht länger so leben zu wollen. „Marilyn, wir haben schon öfter über die kalifornische Gesetzgebung gesprochen, die es Ärzten erlaubt, Sterbehilfe zu leisten, wenn ihre Patienten an einer unheilbaren Erkrankung leiden und unerträgliche Schmerzen haben. Erinnerst du dich an unsere Freundin Alexandra, die genau das in Anspruch genommen hat? In den letzten Monaten hast du immer wieder gesagt, dass du nur noch wegen mir am Leben bist und dir Sorgen machst, wie ich das ohne dich überstehe. Ich habe lange darüber nachgedacht. Gestern Nacht lag ich deswegen stundenlang wach im Bett. Ich möchte, dass du eines weißt: Ich werde deinen Tod überstehen. Ich kann weiterleben – wahrscheinlich nicht allzu lange, wenn man an die kleine Metallkiste in meiner Brust denkt. Ich werde dich ohne jeden Zweifel jeden einzelnen Tag meines Lebens vermissen … aber ich werde in der Lage sein weiterzumachen. Der Tod jagt mir nicht mehr diese schreckliche Angst ein. Nicht mehr so wie früher.

MARILYN:Jeden Tag liege ich auf dem Sofa in unsere Wohnzimmer und schaue durch die hohen Fenster nach draußen auf die Eichen und immergrünen Pflanzen, die in unserem Garten zu Hause sind. Der Frühling ist gekommen und ich habe beobachtet, wie die grünen Blätter an unserer wunderbaren Kalifornischen Eiche zurückgekehrt sind. Heute früh habe ich eine Eule auf der Fichte zwischen unserem Haus und Irvs Studio sitzen sehen. Ich kann ein Stück von dem Gemüsegarten sehen, den unser Sohn Reid angelegt hat, mit Tomaten, grünen Bohnen, Gurken und Kürbis. Er möchte, dass ich an das Gemüse denke, wie es im Sommer heranreifen wird, wenn es mir vermutlich wieder „besser“ geht. In den letzten Monaten ist es mir meist schlecht gegangen. Man hat ein Multiples Myelom bei mir festgestellt, mich auf starke Medikamente gesetzt, ich habe einen Schlaganfall erlitten. Auf meine wöchentlichen Chemotherapie-Infusionen folgen unweigerlich Tage von Übelkeit und andere Formen körperlicher Beschwerden, deren Beschreibung ich Ihnen erspare. Ich bin die meiste Zeit erschöpft – es ist, als ob mein Hirn in Watte gepackt ist oder ein Nebelschleier zwischen mir und dem Rest der Welt hängt.

Ich bin 87 Jahre alt. Mit 87 ist man reif genug, um zu sterben. Wenn ich in die Traueranzeigen des „San Francisco “ und der „New York Times“ schaue, sehe ich, dass die meisten Menschen in ihren Achtzigern oder jünger sind. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA beträgt neunundsiebzig Jahre. Selbst in Japan, das weltweit die höchste Lebenserwartung hat, liegt das Durchschnittsalter für Frauen bei 87,32 Jahren. Nach dem langen und sehr glücklichen Leben, das ich mit Irv geführt habe, und zwar bei meist guter Gesundheit, warum sollte ich jetzt mit täglicher Qual und Verzweiflung leben wollen? Die simple Antwort ist die, dass es keinen einfachen Weg zu sterben gibt. Wenn ich die Behandlung ablehne, werde ich eher früher als später qualvoll an meinem Multiplen Myelom sterben. In Kalifornien ist ärztliche Sterbehilfe erlaubt. Ich könnte, wenn ich mich dem Ende nähere, Beistand bei einem Arzt suchen und assistierten Selbstmord begehen. Aber es gibt eine andere, kompliziertere Antwort auf die Frage, ob ich am Leben bleiben sollte. In dieser fürchterlichen Zeit ist mir immer bewusster geworden, wie sehr mein Leben mit dem Leben anderer verbunden ist – nicht nur mit meinem Mann und meinen Kindern, sondern auch mit den vielen Freunden und Freundinnen, die mich in meiner Zeit der Not kontinuierlich unterstützen. Diese Freunde haben viele ermutigende Botschaften geschrieben, sie haben Essen vorbeigebracht und Blumen und Pflanzen geschickt. Eine alte Freundin vom College schenkte mir einen weichen, kuscheligen Bademantel. Und eine andere strickte mir einen wollenen Schal. Ich bin mir immer wieder bewusst, wie gesegnet ich bin, zusätzlich zu meiner Familie solche Freunde zu haben. Schließlich ist mir klar geworden, dass man nicht nur für sich allein, sondern auch für andere am Leben bleibt.

IRV: Ich habe mich vor 73 Jahren in sie verliebt, und wir haben gerade unseren 65. Hochzeitstag gefeiert. Ich weiß, dass es ungewöhnlich ist, einen anderen Menschen so sehr und über eine so lange Zeit zu bewundern. Aber selbst heute strahle ich noch, wann immer sie den Raum betritt. Ich bewundere alles an ihr – ihre Anmut, ihre Schönheit, ihre Güte und ihre Weisheit. Obwohl unser intellektueller Hintergrund ein anderer ist, lieben wir beide die Literatur und das Theater. Die Welt der Naturwissenschaften einmal ausgenommen, ist sie außergewöhnlich sachkundig. Wann immer ich eine Frage über irgendeinen Aspekt in den Geisteswissenschaften habe, kann ich meist auf sie bauen. Unsere Beziehung war nicht immer friedlich: Wir hatten unsere Differenzen, unsere Auseinandersetzungen, unsere Fehltritte, aber wir waren immer offen und ehrlich miteinander und haben unsere Beziehung immer und überall an die erste Stelle gesetzt. Wir haben fast unser ganzes Leben miteinander verbracht, aber nun zwingt mich ihre Diagnose, mir ein Leben ohne sie vorzustellen. Zum ersten Mal scheint mir ihr Tod nicht nur real, sondern auch greifbar zu sein. Es ist entsetzlich für mich, mir ein Leben ohne Marilyn vorzustellen, und der Gedanke, mit ihr aus dem Leben zu scheiden, geht mir durch den Kopf. Ich habe darüber in den letzten Wochen mit meinen engsten Ärztefreunden gesprochen. Einer von ihnen gestand mir, dass auch er darüber nachgedacht habe, Selbstmord zu begehen, sollte seine Frau sterben Worte von Milan Kundera, einem meiner Lieblingsschriftsteller: Was am Tod am erschreckendsten sei, sei nicht der Verlust der Zukunft, sondern der Verlust der Vergangenheit. Tatsächlich -sei der Akt des Vergessens eine Form von Tod, die im Leben stets gegenwärtig ist. Dieser Gedanke ergibt unmittelbar Sinn für mich. Und zwar umso mehr, als mir zunehmend bewusster wird, dass ich wichtige Teile meiner Vergangenheit aus dem Gedächtnis verliere. Marilyn schützt mich davor durch ihr erstaun liches Erinnerungsvermögen. Aber wenn sie nicht da ist, gerate ich ins Wanken angesichts der Löcher in meinem Gedächtnis. Ich erkenne, dass ein großer Teil meiner Vergangenheit mit ihr sterben wird, wenn sie geht.

Ich kann den stechenden Schmerz der Traurigkeit spüren, wenn ich an meine verschwundene Vergangenheit denke. Ich bin der alleinige Hüter der Erinnerungen so vieler toter Menschen – der meines Vaters und meiner Mutter, meiner Schwester, so vieler Spiel gefährten und Freunde und Patienten vor langer Zeit, die nur noch als flackernde Impulse in meinem Nervensystem existieren. Ich allein halte sie am Leben …

ICH WERDE DEINEN TOO ÜBERSTEHEN

MARILYN: Ich kann nicht über Irvs Witwertum nachdenken. Es macht mich unendlich traurig, ihn mir allein vorzustellen, aber mein Fokus liegt, wie schon in den letzten acht Monaten, auf meiner eigenen körperlichen Ver fassung. Die monatelange Chemotherapie, die mich fast umgebracht hat, und die verheerenden Nebenwirkungen dieser zweiten Medikation, Velcade, fordern ihren Tribut. Mein neues Immunglobulin-Regime ist momentan weniger lähmend, und es erlaubt mir sogar, zumindest zeitweise, einige Momente der Freude mit Irv, meinen Kindern, Enkelkindern und vorbeikommenden Freunden zu empfinden. Aber wer weiß, ob diese Behandlung anschlagen wird …

IRV: Dass ich Marilyn fast mein Leben lang geliebt habe, hat mich ohne Zweifel davor geschützt, die tiefe Einsamkeit der Isolation erfahren zu müssen, und ein Großteil meines momentanen Schmerzes rührt von dieser antizipierten Einsamkeit. Ich stelle mir mein Leben nach Marilyns Tod vor und ich sehe mich Nacht für Nacht allein in meinem großen leeren Haus verbringen. Ich habe viele Freunde und Kinder und Enkelkinder, sogar einen Urenkel, und aufmerksame, freundliche Nachbarn, aber ihnen allen fehlt Marilyns Zauber. Die Aufgabe, sich einer solch fundamentalen Einsamkeit zu stellen, scheint erdrückend. Dann finde ich wieder Trost in Jerry Franks Worten: „Ich schaue aus dem Fenster und sehe dem Leben zu. Es ist nicht so schlimm, Irv.“

MARILYN: Es gibt zwei Dinge in Irvs Schreiben, die ein Einfluss darauf gehabt haben, wie ich nun den Tod sehe. Die erste Sache ist, was er über das ungelebte Leben geschrieben hat. Ich gehöre zu den Glücklichen, die sterben werden, ohne etwas bereuen zu müssen, somit sollte ich dem Tod leichter gegenübertreten können. Gewiss empfinde ich nichts als Dankbarkeit für Irv, meine Kinder, meine Freunde, die Stanford-Ärzte und die materiellen Umstände, die es mir ermöglichen, meine letzten Tage in angenehmer Umgebung zu verbringen. Die zweite Sache in Irvs Schreiben, die mir dauernd im Kopf herumgeht, ist Nietzsches Satz „Stirb zur rechten Zeit“. Das ist es, womit ich mich gerade beschäftige. Welches ist für mich die richtige Zeit zu sterben? Macht es Sinn für mich, mein Leben zu verlängern, wenn das bedeutet, weiterhin mit so viel körperlichem Elend zu leben?

IRV: Ich höre Marilyn und unsere Tochter Eve in einem der freien Schlafzimmer lachen und schwatzen. Neugierig, was sie machen, stoße ich zu ihnen. Sie gehen Marilyns Schmuck durch – ihre Ringe, Halsketten und Broschen – und entscheiden Stück für Stück, welches der Kinder und Enkelkinder, Schwiegertöchter und guten Freundinnen was bekommen soll. Sie scheinen ihr Gespräch zu genießen. Die Minuten verstreichen, und obwohl es erst zehn Uhr ist, werde ich müde und lege mich auf eines der Betten, während ich weiter zuschaue. Nach ein paar Minuten beginne ich zu zittern. Obwohl der Raum über 20 Grad hat, ziehe ich die Decke über mich. Die ganze Szene fühlt sich makaber an: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich ebenso leichtherzig vorgehen könnte, wenn ich all diese Meilensteine meines Lebens weggeben müsste. Marilyn hat zu jedem Stück eine Geschichte – wo sie es bekommen hat oder wer es ihr geschenkt hat. Ich habe das Gefühl, als ob alles verschwindet. Der Tod verschlingt das ganze Leben, die ganze Erinnerung. Schließlich bin ich so überwältigt von Trauer, dass ich das Zimmer verlassen muss. Minuten später sitze ich wieder an meinem Computer und tippe diese Worte – als ob dies den Lauf der Zeit anhalten würde. Und dient nicht dieses ganze Buchprojekt demselben Zweck? Ich versuche, die Zeit einzufrieren, indem ich die gegenwärtige Szene skizziere und sie damit hoffentlich in irgendeine ferne Zukunft transportiere. Es ist alles eine Illusion. Aber eine tröstliche Illusion. Ich werde unser Buch mit den unvergesslichen Eröffnungsworten von Nabokovs Autobiografie beenden: „Die Wiege schaukelt über einem Abgrund und der platte Menschenverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.“

Dieses Bild lässt einen taumeln und beruhigt einen zugleich. Ich lehne mich zurück auf meinen Stuhl, schließe meine Augen und finde Trost. © btb Verlag 2021

Zum Weiterlesen:

„Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben” von Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom (btb Verlag, 22 €)