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ISLAND: Kurs Nordwest


Alpentourer - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 26.10.2020

Eine Frau, zwei Räder, drei Wochen Island, vier insgesamt. Eine Reise, die nicht alltäglich ist, ein Lebenstraum. Beschrieben in einem privaten Reisetagebuch, das wir hier in Auszügen veröffentlichen.


Artikelbild für den Artikel "ISLAND: Kurs Nordwest" aus der Ausgabe 6/2020 von Alpentourer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Alpentourer, Ausgabe 6/2020

Heute beginnt meine große Abenteuerreise auf eine geheimnisvolle Vulkaninsel im Nordatlantik. Endlich Urlaub! Neunundzwanzig Mal schlafen. Allein die Anreise dauert vier Tage. Soll ich wirklich über jeden einzelnen ausführlich berichten? Über jeden öden Kilometer Dänemark, jeden müßigen Tag auf See und jedes überbordende Captain’s Dinner? Nicht an dieser Stelle. Das würde jeglichen Umfang sprengen. Ich ...

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... wuchte meine Taschen in den Fahrstuhl und drücke U für die Tiefgarage. Die Honda CRF250 Rally wartet vollgetankt unter ihrer Plane. Das Motorrad ist fast neu, alles glänzt, der Kunststoff tief schwarz. Die Reifen sind kaum angeknuspert. Auf dem Tacho stehen 1090 Kilometer. Ich will das Garmin in seine Halterung stecken, aber der Platz ist besetzt. Meine liebe Nachbarin Jutta hat mir ein original Niederegger Marzipanbrot in das RAMMount geklemmt. Danke schön, wie lieb von dir! Das wird bei Kälte im Zelt zum Kaffee zelebriert.

Langsam tuckere ich nach Norden aus Kiel hinaus. Vier Tage Kurs Nord. Damit ich den Weg nicht verliere, hat Claudia meinen alten Kompass auf den Ärmel der Endurojacke genäht. Dieses Navi funktioniert immer. Ganz ohne Batterien, ohne Google Maps und ohne GPSSignal.

Kurz vor der Fähre teste ich meine nagelneue Mastercard an einem Tankautomaten. Ich reise ständig in dieser Urangst, im Ausland ohne Geld zu stranden und hab mir extra eine zweite Kreditkarte besorgt. In Island gibt es Sprit nur am Automaten, und die zweite Karte gibt mir Sicherheit, falls eine verloren geht, vom Automaten gefressen, geklaut, oder schlicht nicht akzeptiert wird. Die Karte funktioniert völlig problemlos, was mich durchatmen lässt. Ich nehme die Benzinquittung und rechne den Verbrauch aus: 8,41 Liter geteilt durch 280,2 Kilometer ergibt genau drei Liter auf hundert. Das ist ok. Mit dem ZehnLiterTank habe ich eine Reichweite von mindestens 300 Kilometern. Das reicht für Island – und zur Not habe ich 1,5 Liter Reserve im Kanister. Das Schiff nach Island legt um halb zehn in Hirtshals an. Da will ich schon am Hafen stehen und mir das Einlaufmanöver ansehen. Vor allem will ich mir die Biker ansehen, die von Bord rollen. Wie sehen die aus? Glücklich? Erschöpft? Gestresst? Und rollen die überhaupt? Oder schieben sie, oder werden getragen? Auf Lane 7 steht eine ganze Reihe verschiedener Motorräder aus halb Europa. Bei den Reiseenduros sprechen Touratech, Kanister und Übergepäck eine deutliche Sprache. Einige haben ihren halben Hausstand dabei. Auf Island war ich zwar noch nicht, aber ich fahre mein Leben lang Enduro und weiß, dass Leistung im Gelände wenig und Gewicht alles bedeutet. Da geht es um jedes Kilo. Nicht erst, wenn die Fuhre auf der Seite liegt.


„Mein alter Kompass ist auf den Ärmel meiner Endurojacke genäht.“


Svenja Kühnke ist von Kiel aus mit leichtem Gepäck und leichtem Motorrad zu ihrer Traumreise gestartet.


Mit Spannung sehe ich noch zu, wie die IslandAbenteurer von Bord fahren, aber schon der Erste, der an Land kommt, ist ein Schlag in die Magengrube: Ein Biker schiebt seine Enduro vom Schiff und stur weiter die lange Straße aus dem Hafen hinaus. Er guckt nicht einmal zu uns herüber. Was dem wohl widerfahren ist? Aber, will ich das wissen? Ich liebe diesen Moment, wenn es an Bord geht und man mit dem Motorrad durchs ganze Schiff fahren darf. Die Norröna ist im Grunde wie jede Fähre, aber mit einem Unterschied: Motorräder werden hier so penibel platzsparend eingewiesen, dass es die Krätze ist. Sie stehen Lenker an Lenker und es bleibt fast kein Platz zum Absteigen. Und wenn man es doch geschafft hat, kommt man zwischen all den breit bauenden Alukoffern kaum raus. Alle kämpfen mit den ungewohnten Gurten, die nicht mit der vertrauten Ratsche funktionieren, und zum ersten Mal bin auch ich zu dämlich, mein Motorrad selbst festzumachen. Ich kapiere es einfach nicht. Ein britischer KTMFahrer bemerkt meine Verzweif lung und spannt das Motorrad für mich ab. Es fällt mir nicht leicht, die Hilfe anzunehmen, weil es an meinem Nimbus kratzt, immer alles selbst und sogar noch besser zu können, aber ich bin dankbarer als ich zugeben mag.

Island nimmt Besucher mit seinen Landschaften und der Einsamkeit für sich ein.


Nach zwei Tagen und Nächten auf See mit einen Zwischenstopp auf den FäröerInseln läuft die Norröna in Island ein. Der Ort, in dem die Fähre uns an Land kippt, heißt Seyðisfjörður. Für Menschen, die keine Isländer sind, ist es praktisch unmöglich, Worte wie diese korrekt auszusprechen und ich versuche es gar nicht erst. Nicht, dass es sich überhaupt lohnen würde, denn dieses Dorf ist nur aus zwei Gründen bekannt: Erstens ist es der Fährhafen der Norröna und zweitens spielt hier die Serie Trapped – Gefangen in Island. Ansonsten leben in Seyðisfjörður genau drei Einwohner pro Quadratkilometer. Immerhin drei mehr als auf dem Mars, denke ich anerkennend.

Das Verzurren an Bord der Norröna ist zwischen all den Adventure-Koffern gar nicht so einfach.


Auf dem Kai wartet der Zoll in Gestalt eines stattlichen jungen Mannes mit Vollbart. In seiner dunkelblauen Uniform starrt er den Neuankömmlingen finster entgegen. Allein sein Blick ersetzt zwei Drogenhunde, ein düsteres Vernehmungszimmer und ein halbes Dutzend dieser alten Geständnisleuchten, die wir in der KieKieler Wache noch im Keller haben, die man heute aber nicht mehr einsetzen darf. Im Schritttempo rolle ich auf die Kontrollstelle zu, aber er winkt mich mit ernster Miene durch. Kein Stopp, keine Kontrolle, nichts. Ich muss nicht einmal meinen Ausweis zeigen.


„Genau drei Einwohner pro Quadratkilometer. Immerhin drei mehr als auf dem Mars.“


Es nieselt, aber das nehme ich kaum wahr: Endlich bin ich in Island. Mögen die Abenteuer beginnen! Der Geldautomat in Egilsstaðir ist genau so, wie er sein soll: Glänzend neu und ganz allein. Dieses Biest wartet nur darauf, mir ein fettes Bündel Isländischer Kronen aus der Wand reichen zu dürfen. Für den Anfang ziehe ich 80 000 Kronen, etwa 640 Euro. Einen Teil stecke ich ins Portmonee, den Rest rolle ich zu einem dicken Bündel zusammen und stecke es in die Tasche. Noch ahne ich nicht, dass ich damit nur dann eine Weile über die Runden komme, wenn ich nebenher f leißig meine Visaund Mastercard einsetze.

Ich steige aufs Motorrad und tuckere hinüber zu Netto. Zu Hause würde ich da im Leben nicht einkaufen, aber hier ist es einer von nur zwei Läden, und der andere hat zu. Mein Plan ist es, so oft es geht Lamm und Fisch zu essen, zwei meiner Lieblingsgerichte und zwei Dinge für die Island geradezu berühmt sein soll. Tatsächlich sind die Truhen voller Lammf leisch. Wunderbare Koteletts mit dickem Fettrand. Das Problem: Sie sind tiefgefroren und in Paketen zu 2,5 Kilo verpackt. Weniger gibt es nicht. In einer anderen Truhe liegt Lamm in Marinade aber die kleinste gehandelte Einheit ist das Kilo. Erst nach emsiger Suche ziehe ich von ganz unten eine mickerige 628GrammPackung hervor. Dazu kaufe ich ein Brötchen, um später das Pfannenfett aufzusaugen.

Island ist Lavaland. Ang esichts der mangelnden Vegetation gelten weite Landstriche als Wüste.


Hinter dem versteck ten Eingang dieser Hobbithöhle verbirgt sich ein ganz zauberhaftes Café.


Das Kilo Lamm kostet etwa 29 Euro. Für isländische Verhältnisse vermutlich ein Spottpreis, aber noch kann ich das nicht recht einschätzen. Ich weiß nur, dass ich heute Abend im Zelt etwas Vernünftiges brauche, die vier Tüten Astronautennahrung hebe ich mir noch auf. Ich klemme das Fleischpaket unter die Gepäckgummis und ziehe das Regenzeug an. Selten hat mir Wetter weniger ausgemacht. Innerlich bin ich auf drei Wochen Regen, Kälte und Wind eingestellt. Ich rechne schlicht mit nichts anderem. Jeden Sonnenstrahl und jede trockene Minute werde ich dafür umso mehr feiern.

Das isländische Straßensystem ist einfach zu verstehen, schon weil es nur wenige Straßen gibt. Die wichtigste ist die Ringstraße. Sie führt im Kreis einmal um Island herum und ist bis auf ein paar Kilometer durchgehend asphaltiert. Die ersten Kilometer hinter Egilsstaðir fahre ich auf ihr. Mit den erlaubten 90 km/h geht es zügigvoran, weil es keine Ortsdurchfahrten, keine Ampeln, keine Kreuzungen und schon gar keine Bahnübergänge gibt. 80 Kilometer hinter Seyðisfjörður biege ich von der Ringstraße ab, und ein Straßenschild verkündet, dass der Asphalt gleich enden wird.

Es geht über schwarzen Vulkanschotter, links und rechts nur eine dünne Grasnarbe. Auf der hochbeinigen Enduro ist die Piste keine besondere Herausforderung, auch wenn ich ziemlich durchgeschüttelt werde. Nach fünf Kilometern endet der Weg in einer Sackgasse. An seinem Ende liegt der Hof Sænautasel, auf der anderen Seite eines Flusses. Zuerst kann ich überhaupt kein richtiges Haus erkennen, bis ich den grasbewachsenen Erdwall genauer ansehe: Ein Torfhaus! Dicke, solide Seitenwände aus Torf und mit Gras bewachsene Dächer. Die Tür in der Torfmauer sieht aus wie der Eingang zu einer immergrünen Hobbithöhle. Aber dahinter verbirgt sich in Wahrheit ein muckelig warmes Café, in dem ich erstmals in den Genuss von „pancakes and chocolate“ komme.

Es gibt keine Speisekarte und ich habe keine Ahnung, wie viele Pancakes mir zustehen, oder wie viele Tassen Kakao, aber als die Bedienung immer wieder nachbringt und nichts jemals zu Ende geht, wird deutlich, dass dies ein Pancakes & Chocolate allyoucaneat ist. Irgendwann kann ich keinen einzigen Schluck Kakao und keinen Bissen Pfannkuchen mehr runterkriegen, und es wird Zeit aufzubrechen. Ich zahle 2 500 Kronen, was etwa 20 Euro sind, und verabschiede mich herzlich. Als ich durch die niedrige Tür ins Freie trete, hat der Regen aufgehört und ich starte ohne Regensachen. Die Kälte macht mir nichts aus.


„Pancakes & Chocolate allyou- can-eat in einer immergrünen Hobbit-Höhle.“


Mein Ziel für heute ist Möðrudalur, ein abgelegener Bauernhof im Hochland der Wüste Möðrudalsöræfi. Man kann dort zelten, und der Bauer hat im Schuppen ein Benzinfass, die letzte Tankmöglichkeit auf dem Weg zur Askja im VatnajökullNationalpark. Die Definition von Wüste ist nicht das Fehlen von Wasser, sondern die Abwesenheit von Vegetation, und bis auf einzelne Flechten, Moose und ein paar dürre Grashalme wächst hier nichts. Den Pf lanzen bleibt wenig Zeit zum Gedeihen, bevor der Winter mit seinen mörderischen Schneestürmen ab September wieder Einzug im Hochland hält.


„Die Piste wird weicher, und die Enduro schwimmt auf dem losen Untergrund.“


Abs eits der Ringstraße sind selbst die Tankstellen au f Island eine Attraktion für sich.


Der Wind ist so stark, dass ich im Stand Mühe habe, das Motorrad zu halten. Die Piste wird weicher, und die Enduro schwimmt auf dem losen Untergrund. Vor mir fährt ein Grader, der den Weg ebnet und die Oberf läche weich macht. Mit einem beherzten Gasstoß überhole ich das gelbe 6RadMonster und heize mit 70 Sachen aus seiner Staubfahne heraus daran vorbei.

Endlich kommt das Ziel in Sicht, Möðrudalur. Ein Torfhaus, eine schlichte hölzerne Kirche und ein Schuppen mit drei Giebeln. Dahinter f ließt ein Bach, an seinem Ufer liegt der Zeltplatz. Die Übernachtung ist mit zehn Euro unerwartet günstig. Mein Lager baue ich im Schutz einer kniehohen Torfmauer auf. Ich beeile mich, denn über mir ziehen drohend dunkle Wolken auf. Daher spanne ich das Zelt mit allen 16 Heringen ab und setze sämtliche Sturmleinen. Lieber ein paar Heringe zu viel ins Gras drücken, als mitten in der Nacht bei Regen und Wind raus zu müssen.

Das Camp in Möðrudalur hat die coolste Tankstelle, an der ich je getankt habe: Die Fässer für Benzin und Diesel stehen in einem Torfhaus. Der Tankschlauch wird durch die Schuppentür nach draußen gezogen. Ich fülle den Tank der Honda bis zum Stehkragen. Dies ist die letzte Tankmöglichkeit vor der Askja und auch danach. Die nächste erreiche ich erst in zwei Tagen in Asbyrgi.

Ich frage den Mann am Fass nach dem Weg zur Askja. Soweit ich weiß, sind zwei Flüsse zu durchqueren: „The Road to Askja. Is it possible?“ Er sieht die Honda an, betrachtet die Reifen, das Gepäck, die Bodenfreiheit: „Yes“, antwortet er bedächtig. „I think you can do it. Water is around 50 cm deep.“ Er hätte etwas mehr Enthusiasmus in sein Yes legen dürfen und weniger zweifelnd gucken, aber für den Moment reicht mir seine Antwort.

Fjallvegur heißen mit F markierte Hochlandpisten, die nur für Jeeps geeig net sind: perfekt für Enduros!


Der Himmel ist am Morgen nahezu wolkenlos blau. Ein perfekter Tag für mein erstes Hochlandabenteuer. In diesem Licht wirkt alles gleich freundlicher. Ich baue das Zelt ab und verstaue das Gepäck doppelt sorgfältig, damit ich unterwegs keinen Ballast abwerfe.

Warmes Brot, Butter, Kaffee. Selten war ich zufriedener. Vorm Fenster ist super Wetter zum Endurofahren und ich sitze hier noch immer beim Frühstück. Dabei bin ich längst satt. Kann es sein, dass ich das Frühstück in die Länge ziehe, weil ich insgeheim ein bisschen Angst habe vor dem, was mich erwartet?

Nun gut, vielleicht ein bisschen. Die Angst zu versagen: Sandfelder, Flüsse – und ich, allein. Was, wenn ich die Honda im Fluss versenke und mich gleich mit? Was, wenn der Luftfilter vollläuft? Wie lange braucht der ADAC zur Askja und wer ruft da überhaupt an und von wo? So voller Zweifel. Manchmal ist es kein Leichtes, ich zu sein. Ich stürze den letzten Schluck Kaffee herunter und schiebe mit Elan den Stuhl zurück: „Showtime!“

Vorbereitet bin ich: Ich fahre in Gummistiefeln. Nicht in den Billiggurken aus dem Baumarkt, sondern in PremiumWandergummistiefeln aus Schweden.

Die Motorradhose stecke ich rein und die Regenhose trage ich über den Stiefeln und dichte sie mit Klettriemen ab, damit kein Wasser eindringen kann. Sorgfältig binde ich jedes Hosenbein mit vier Relags Strapits ab. Wenn ich nicht zu lange im tiefen Wasser stehen bleibe, sollte es dicht halten. Drei Kilometer hinter Möðrudalur beginnt die F905 zur Askja. Das ‘F‘ vor der Nummer steht für Fjallvegur. Das sind Hochlandpisten, die nur für Jeeps geeignet sind, nicht für SUV, und damit perfekt für Enduros. Ein Schild am Beginn jeder FRoad weist auf die Fahrzeuge hin, mit denen man die Strecke bewältigen kann und mit welchen eher nicht. Ich lege den Gang ein, lasse die Kupplung kommen und düse in bester Entdeckerlaune los.


„Solche Bäche sind Pfützen, keine Furten. Aber das sollte ich noch herausfinden.“


An Fur ten sollte man immer an den Kanten bleiben, wo das Wasser grisselig ist. Und niemals in der Mitte …


Das letzte Mal so voller Vorfreude auf eine Piste war ich am Aursjøvegen in Norwegen. Nach ein paar Kilometern komme ich an ein mickeriges Rinnsal.

Ich halte kurz an und fahre dann ohne weiteres Zögern in einem Rutsch durch. Das war ja gar nichts. Nicht lange danach erreiche ich die zweite Furt. Sie ist deutlich breiter, aber auch nur ein paar Zentimeter tief. Jetzt will ich wenigstens einmal meine neuen Watstiefel ausprobieren, bevor ich da einfach durchfahre.

Ich lasse das Motorrad mit laufendem Motor stehen und stiefele in den Bach. Sofort habe ich das Gefühl, die Stiefel sind undicht. Die teuren Superstiefel undicht? Nein, es ist die Kälte. Das Wasser hat nur vier Grad. Die Strümpfe sind knochentrocken. Ich bin ein wenig enttäuscht. Das sind die sagenumwobenen Furten auf Island, um die solch ein Wirbel gemacht wird? „Das ist alles, was du zu bieten hast, Island?“, denke ich großkotzig. Ein seichtes Rinnsal, in dem Babys planschen? Da könnte ich auf dem Hinterrad durchheizen. Da ist bloß eine Information, die mir zu diesem Zeitpunkt noch fehlt: Solche Bäche und Tümpel sind keine Furten. Das sind bloß Pfützen, über die hier keiner spricht. Aber das sollte ich schon noch herausfinden.

Nach einer Stunde habe ich etwa 20 Kilometer geschafft. Das läuft ja besser als gedacht. Ich bin in absoluter Hochstimmung. Die Piste ist zwar etwas holperig, aber einfach zu fahren. Dafür braucht man keine Enduro. Der Untergrund wird rauher. Viele Querrillen folgen dicht aufeinander, die das gesamte Motorrad in Resonanz versetzen, die typische Wellblechpiste, äußerst unangenehm zu fahren. Das WilbersFahrwerk steckt vieles weg, ist aber zu straff gedämpft. Ich halte an, stelle den hinteren Dämpfer fünf Klicks weicher und fahre weiter. Jetzt ist es besser, aber trotzdem werde ich noch ganz schön durchgeschüttelt.

Plötzlich taucht vor mir ein Verkehrsschild mit einem stilisierten 4x4 auf, der durch einen Fluss fährt. Eine Furt? Aber ich hab doch schon beide Furten gemeistert, denke ich weinerlich. Was soll das denn jetzt noch? Zuhause hatte Claudia mir erklärt, wo ich den Fluss überqueren soll: „Direkt an der Kante, wo das Wasser grisselig wird“, hatte sie gesagt und mich dabei über ihre Brille mahnend angeblickt. „Auf keinen Fall in der Mitte, wo das Wasser ruhig ist und die Furt am schmalsten, hörst du?“

Das Wasser f ließt ruhig dahin, aber sowie ich den ersten Fuß in den Fluss setze, merke ich, wie stark die Strömung ist. Als erstes trage ich den Tankrucksack rüber. Darin die gute Kamera und alles Elektrische, wie Akkus und Ladegeräte. Außerdem brauche ich den Platz, wenn ich im Stehen fahre. Ich wate am Rand der Stromschnelle im weiten Bogen auf die andere Seite. Der Untergrund ist grobes Felsgestein. Beschissen zu laufen und beschissen zu fahren.

Auch wenn Island reich an Wasser ist, sollte man im Hochland immer einen Vorrat mit sich führen.


Für einen Moment denke ich darüber nach, was Claudia mir eingeimpft hatte: „Kurz vor der Ausfahrt kommt meist noch ein tiefer Topf von den schweren Wagen, die da Gas geben, um die Steigung aus dem Flussbett zu schaffen. Da musst du mit dem Motorrad gut aufpassen.“ Soll ich zurück nach Möðrudalur zu fahren und mich neu orientieren? Nein, ich will nicht schon vor der ersten Schwierigkeit kneifen. Ich wate zurück, lasse den Motor an und starte gleich in den Rasten stehend, so wie ich es vor Jahrzehnten beim Jugendtrial gelernt habe. Ich halte mich dicht an der Stromschnelle, da wo das Wasser sich kräuselt. Bloß nicht zu langsam werden.

Wer die Kiste abwürgt, liegt eine Sekunde später im Bach. Wie alle Enduros, die nicht nur fürs Gelände gedacht sind, ist auch die Honda zu lang übersetzt. Ich bin immer etwas zu schnell. Die lange Gabel federt einige Male tief ein, Wasser spritzt, aber das große Vorderrad überquert jedes Loch und jeden Brocken, die unter Wasser verborgen liegen. Am Ende wird es noch einmal tief, dann lenke ich die Enduro auch schon ans Ufer. Mir fällt ein Stein vom Herzen, das war viel einfacher, als es vorher aussah.


„Soll ich zurück fahren? Nein, ich will nicht schon bei der ersten Schwierigkeit kneifen.“


Außer durch Wüste führen die Pisten auch über erkaltete Lavaplatten. Ganz angenehm zu fahren.


Einen Fehler mache ich aber doch, obwohl der mir erst hinterher auffällt und diesmal keine Folgen hat: Ich stelle den Motor ab. Wenn man aus dem Fluss kommt, soll man die Maschine laufen lassen, für den Fall, dass irgendwo Wasser eingedrungen ist. Hab ich gewusst, hab ich vergessen – werde ich mir nun aber für die nächsten Abenteuer merken!

Eine Viertelstunde später folgt schon die nächste Furt. Es ist ein Seitenarm desselben Flusses. Diese ist schmaler und auch nicht so tief. Ich scoute trotzdem erst zu Fuß und trage dabei auch den Tankrucksack rüber. Entfernungen im Hochland lassen sich genauer in Stunden als in Kilometern angeben. Ich hatte mich völlig verschätzt, was die Fahrtstrecke zur Askja angeht. Wie lang können 90 Kilometer schon dauern? Von Kiel nach Flensburg hab ich 90 Minuten gebraucht. Auf der Landstraße. Für die FRoads muss ich das passende Zeitgefühl erst noch entwickeln. Inzwischen fahre ich nur noch 40 km/h. Alles darüber hinaus geht sehr aufs Material, vor allem auf meinen Rücken. Immer wieder ragen große, scharfkantige Brocken Lava aus dem Boden: Gemeine Reifenkiller. Hellwach scoute ich jeden Meter, über den ich die Honda lenke. Eine Panne ist das Letzte, was ich hier draußen brauche.

Das Thermometer zeigt fürs Hochland sagenhafte 20 Grad. Die Sonne brennt mir auf den Helm. Ich bekomme Durst und lasse die Honda auf dem Weg ausrollen. Da ist eine Sache, die man über das Hochland unbedingt wissen muss: Man darf niemals, never ever, auch nur einen Meter die markierte Piste verlassen. Darauf stehen in Island ziemlich drakonische Strafen. Jedes Jahr zahlen Touristen fünfstellige Eurobeträge, weil sie in die unberührte Landschaft gefahren sind. Die Furten liegen hinter mir, aber was ist mit den gefürchteten Sandfeldern, von denen ich gelesen habe? Die nagen beständig in meinem Hinterkopf. Wann kommen die und wie schlimm sind sie? Ich habe den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als die Piste weicher wird. Schwarzer Sand, der in der Mittagsonne glänzt. Ich stehe auf, schalte runter in den Dritten und halte die Maschine auf Drehzahl, dass ich mich jederzeit mit einem beherzten Gasstoß retten kann, falls es brenzlig wird. Die Honda fräst sich durch den Sand wie nix. Das Hinterrad tänzelt ein wenig, bricht aus, aber fängt sich wieder. Das macht richtig Spaß. Was soll daran schwierig oder gefährlich sein? Wenn das alles ist, was die hier an „gefährlichen Tiefsandfeldern“ zu bieten haben, dann ist das Babykram. Manchmal glaube ich, die Isländer übertreiben absichtlich, um Eindruck zu schinden.


„Man steht in den Rasten, den Hintern weit nach hinten und dann heißt es Gas, Gas Gas.“


Dur ch die berüchtigten Sandf elder kommt man am besten mit Gewicht auf dem Hinterrad und viel Gas.


Eine halbe Stunde später bekomme ich eine wunderbare Gelegenheit, über die Bedeutung der ersten Todsünde nachzudenken: Hochmut! Am Rand der Piste steht ein nagelneues Schild mit dem Hinweis: WARNING! Deep sand. Use 4WD! Do not stop or meet traffic in sand, wait for your turn. Ich bleibe einen Moment stehen und sammele noch einmal alles, was ich über das Fahren im tiefen, weichen Sand weiß: Die Idee ist dieselbe wie beim Wasserskifahren: Das Vorderrad muss auf dem Sand schwimmen. Dazu muss man es entlasten und man braucht genug Beschleunigungspower, damit der Vorderreifen aus dem Sand kommt. Man steht in den Rasten, streckt den Hintern weit nach hinten und hält den Lenker mit langen Armen fest. Und dann heißt es Gas, Gas, Gas!

Auf diese Weise geht es über viele Kilometer durch immer wieder neue Sandfelder von zehn Metern bis über mehrere hundert Meter Länge. Ich bin nass geschwitzt bis auf die Haut. An einer Stelle entdecke ich Spuren eines verunglückten Motorrads. Man kann genau erkennen, wo es sich zerlegt hat und auch einen Abdruck vom Seitenkoffer. Die Spur ist ganz frisch, er kann nicht weit voraus sein. Hoffentlich geht es ihm gut. Es sind zwei Tracks, er ist also nicht allein.

Es sind 90 strapaziöse Kilometer vom Campingplatz in Möðrudalur bis zur Askja, aber es ist auch die wunderbarste, herrlichste, sensationellste und verrückteste Strecke, die ich je gefahren bin. Schon jetzt ist es der beste EnduroFahrtag, den ich jemals erlebt habe und der Tag ist erst halb um. Ich bin rundherum glücklich. Camp Dreki ist das vielleicht bekannteste Hochlandcamp in Island. Hier gibt es eine Rangerstation, Hüttenschlafplätze, ein Waschhaus und den Campingplatz.

Wobei der Zeltplatz lediglich aus dem Klohaus und einer vagen Handbewegung in Richtung der offenen Wüste besteht, in die man sein Zelt stellen darf. Auch hier gibt es ein DrohnenVerbotsschild, das für den gesamten Nationalpark gilt. Vom Camp sind es noch etwa acht Kilometer zum Parkplatz an der Askja. Eine Sackgasse. Dort geht es nur noch zu Fuß weiter. Die Piste führt durch ein riesiges Lavafeld. Links und rechts Schlackefelder, die mit jedem Brocken drohen: „Ich brech’ dir die Knochen“. Dagegen ist die Piste geradezu eine Autobahn, obwohl auch die extrem hart und rau zu fahren ist. Der Höhenmesser klettert über die 1000MeterGrenze, das Thermometer zeigt 20 Grad, beides unglaublich hohe Werte für Island. Ich kann gar nicht abschätzen, welches Ausnahmeglück ich heute habe.

Die Einsamkeit des Hochlands tut meiner Seele gut. Ein intensives Gefühl widersprüchlicher Empfindungen, eine Mixtur aus totaler Verlassenheit, leichter Beklommenheit und einem ausgesprochen befriedigenden Gefühl des insichselbstruhens. Dennoch ist es jedes einzelne Mal, wenn ich den Motor starte, ein Gefühl der Erleichterung, wenn der Einzylinder feuert und kurz darauf im Leerlauf gleichmäßig vor sich hin bollert. Wer durchs Hochland fährt, weiß wie es sich anfühlt, der Technik zu vertrauen.


„Schon jetzt ist es der beste Enduro-Fahrtag ever – und der Tag ist erst halb um.“


Camp Dreki ist ein bekanntes Hochlandcamp mit Rangerstation, Hüt tenschlafplätzen und Camping.


Für die 35 Kilometer zum Vulkan Herðubreið brauche ich knapp unter zwei Stunden. Er liegt in der Oase Herðubreiðarlindir. Dort gibt es sogar Pf lanzen und Tiere sowie Wasser. Eine winzige Oase inmitten einer schwarzen Wüste aus erkalteter Lava. Ich bezahle die 2 000 Kronen für die Nacht, etwa 15 Euro, und darf mir einen Platz aussuchen. Das Gelände ist riesig und bietet wunderbar weiches und ebenes Gras. Damit hatte ich im Hochland niemals gerechnet, aber das ist wohl, was eine Oase ausmacht. Ich erkundige mich noch nach dem Zustand der Furten für den nächsten Tag. Nach einem schnellen Abendessen schlafe ich dann mit dem mahnenden RangerHinweis ein: „Bleib nur dicht am Seil!“ Das schöne Wetter ist über Nacht verschwunden, aber was macht das schon? Wasser von oben ist heute das kleinere Problem. Östlich der Herdubreid sieht die Piste völlig anders aus. Erstaunlich, wie das Hochland ständig ein neues Gesicht zeigt. Hier ist die Piste schwarz und schwer, eine Pampe aus Lava, Asche und Sand. Ich bin ständig auf der Suche nach festem Grund und meide die Aschefelder, so gut es geht.

Dann stehe ich irgendwann an der zweiten Furt. Ein Seil führt wie versprochen im Bogen durch den Fluss. Das ist eine ganze Menge Wasser, aber auf den ersten Blick sieht es gut machbar aus. Trotzdem will ich diesmal lieber ohne Gepäck fahren. Es ist nämlich schon erstaunlich, wieviel leichtfüßiger sich ein Motorrad mit nur 24 Kilo weniger fährt. Ich schnalle Tankrucksack und Zelt ab und wate vorsichtig in den Fluss. Immer nah am Seil. Der Untergrund ist ganz anders, als bei den Furten gestern auf der F910. Dort lag Felsgestein, aber am Grund der Lindaá liegen glatte Flusskiesel, und ich wate wie durch ein Becken voller Smarties. Der Untergrund bietet wenig Halt. Im zweiten Durchgang trage ich die Gepäckrolle und das Stativ rüber. Am anderen Ufer ziehe ich die Motorradjacke aus und lege sie aufs Gepäck. Falls etwas Dummes passiert, möchte ich wenigstens noch eine trockene Jacke haben.

An den schlimmsten Furten sind Seile gespannt, an denen man sich orientieren kann – und sollte!


Ich starte den Motor, hole noch einmal tief Luft und stellemich sofort in die Rasten. So langsam die Übersetzung es zulässt, fahre ich in den Fluss. Dicht, ganz dicht am Seil. Meine Güte, ist das weich. Ich verliere an Fahrt. Die Honda beginnt zu wühlen. Sie verliert die Traktion, der Hinterreifen gräbt sich tief in den Flusskies. Jetzt bloß nicht stehenbleiben, dann kippen wir um. Ich gebe Gas, das Heck schlingert, mehr Gas, ich komme frei und nehme wieder Fahrt auf. Meter für Meter ackert die Enduro sich durch das Flussbett. Schlamm quirlt hoch, das Heck schwingt herum, ich verliere den Kurs und halte auf die Flussmitte zu. Vielleicht noch 20 Zentimeter Luft bis zum Ansaugstutzen.

Jetzt liegt das rettende Ufer direkt voraus. Ich drehe das Gas bis zum Anschlag und strecke den Hintern weit raus: „Alle Mann nach Achtern!“ Der Titanauspuff brüllt aus voller Kraft und die Rally fräst sich trompetend ihren Weg Richtung Festland. In einem wahren Befreiungsschlag lassen wir den Fluss hinter uns und powern hoch ans Ufer. Wasser schäumt aus jeder Öffnung.


„Der Titanauspuff brüllt aus voller Kraft und die Rally fräst sich trompetend ihren Weg.“


Typisch Island: Wo viel Wass er ist, ist meistens auch ein Weg. Man muss ihn nur erkennen.


Ein wenig stehe ich unter Schock: Das war reines Glück! Mein schönes neues Motorrad könnte ebenso gut mit Wasserschlag im Fluss liegen, während ich durchnässt und verzweifelt versuche, jemanden beim ADAC in München an die Strippe zu kriegen. Eines ist sicher: Wie immer die nächste Furt aussieht, zurückfahren werde ich auf keinen Fall. Und das nicht nur, weil uns irgendwann das Benzin ausgehen wird. Die Tankuhr zeigt nur noch einen Balken. Abgesehen von den unerfreulichen Furten ist die F88 eine wahre Pracht, ein abenteuerlicher Track, der sich durch ein schwarzes Terrain aus Lavabrocken, Sand und Asche windet. Die größte Herausforderung ist das Umfahren der scharfkantigen Lavabrocken, die unverrückbar fest mit dem Planeten verbunden aus der Piste ragen. Wer so einen frontal erwischt, killt den Reifen, die Felge, oder sich selbst. Möglicherweise alle drei.

Heute habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Wasser von oben ist keine Gefahr. Es ist unangenehm, aber mehr nicht. Daran werde ich versuchen, mich stets zu erinnern, dann wird mir Regen nie wieder etwas ausmachen. Toller Plan. Ich hoffe, er funktioniert. Die F88 endet an der Ringstraße. Ich drehe mich ein letztes Mal um ins Hochland und fotografiere den Schilderwald am Beginn der Piste.

Den Abend verbringe ich draußen vorm Zelt. Ich sitze an einem Picknicktisch und genieße die Abendsonne. Dann gestehe ich mir ein, dass ich ziemlich erledigt bin von dem langen Tag auf der Piste und gehe früh schlafen. In diesen ersten Tagen auf Island habe ich bereits so viele Erfahrungen gemacht, wie ich es mir als eigentlich erfahrene Enduristin kaum hätte vorstellen können. Das Gelernte wird mir in den nächsten zwei Wochen noch häufig behilf lich sein auf meinen Wegen durch Islands Norden. Es gibt Abstecher zu schlammigen Erdlöchern in Namaskard und eine Durchquerung der größten Wüste Europas: Sprengisandur. Wasserfälle hat Island zudem wie Sand in der Sahara. Irgendwo muss ja auch das Wasser für die ganzen Furten herkommen, die es zu durchqueren gibt. An manchen von ihnen spielen sich wahre Dramen mit MietSUVFahrern ab, die dem Verbot, auf solchen Strecken zu fahren, unbedingt trotzen wollen – gerne mit Familie im Gepäck. Für mich hat es sich gelohnt, einen Plan B im Navi bereit zu haben. Einmal war tatsächlich kein Weiterkommen, was auf Island den geplanten Reiseverlauf komplett auf den Kopf stellen kann. Mit Improvisieren kommt man da nicht unbedingt weiter. Die Pisten im Nordland sind mal wie staubige Autobahnen, oft aber rumpelig, ausgewaschen, durchlöchert wie ein Schweizer Käse und von, sagen wir mal, schwieriger Konsistenz. Entsprechend kaputt war ich am Abend und stets dankbar, dass die Campingplätze auch im abgelegensten Winkel eine verlässliche Grundausstattung bieten.


„Scharfkantige Lavabrocken, fest mit dem Planeten verbunden, ragen aus der Piste.“


Was aussieht wie ein lustige Lavapiste, ist nicht ohne. Schar fkantige Brocken können des Reifens Tod sein.


Zur Mitte meiner IslandReise sind die Westfjorde erreicht. In absoluter Premiumlaune fahre ich aus Holmavik raus und biege auf den Djúpvegur ein. Die Straße führt in die nordwestlichen Westfjorde, dabei liegt mein Ziel am Südufer, aber der Umweg hat einen Grund. Es gibt eine – wie ich jedenfalls hoffe – famose Bergstrecke, die quer über den Bergrücken zurück ans südliche Ufer des Fjords führt, die F66 Mountain Road.

Es dauert nicht lange, dann stehe ich an der Abzweigung zur F66. Der Track ist ausgeschildert wie eine Bundesstraße. Nach 300 Metern bleibe ich stehen. Bin ich hier richtig? Die Honda steht mit beiden Rädern im Flussbett, in dem Teil, der gerade kein Wasser führt. Der GPSTrack auf meinem Garmin zeigt genau hier entlang. Ich lege den Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Knirschend wühlt sich das Motorrad durch das Geröll. Die erste Wasserdurchfahrt, eine zweite, eine dritte. Keine Flüsse, eher Rinnsale mit großen Pfützen. Trotzdem bin ich aufmerksam, denn am Grund liegen große Steine. Die will ich nicht mit dem Vorderrad erwischen.

Dahinter geht es steil nach oben. Wie eine Bergziege klettert die Rally mit ihren 25 PS den Trail hinauf, schließlich sind wir nur wenig schwerer, als eine nackte BMW R1250GS: also ich, das Gepäck, das Benzin und die Rally, wir bringen gerade 270 Kilo auf die Waage.

Der Bergrücken liegt hinter uns. Der Trail windet sich hinunter ins Tal. Im zweiten Gang ohne Gas reicht die Bremswirkung des Einzylinders aus, um nicht ständig auf der Bremse stehen zu müssen. Nach 25 Kilometern endet der Trail an einer asphaltierten Straße am Südufer der Westfjorde. Zwei Stunden hat die Überfahrt gedauert. Die F66 Mountain Road ist eine sagenhaft schöne Strecke zum Endurowandern gerade anspruchsvoll genug, um nicht bloß ein Feldweg mit Pfützen zu sein, sondern schon etwas Endurospaß zu bieten.

Den darf ich auch auf dem Svalvogar genießen, auch bekannt als F622, der sich mal auf Meereshöhe, mal an steilen Abhängen entlang um eine Halbinsel windet. Hier ist gute Planung Voraussetzung – oder Glück: Bei Flut ist die Strecke unpassierbar, und man muss schon wissen, wann die Gezeiten einsetzen, um abschätzen zu können, ob es noch passt. Dabei hilft gerne die Tourist Info in Þingeyri weiter.

An den Westfjorden führt die Piste von der Küste auf ein malerisches wie einsames Hoch plateau.


Die 622 is t ein epischer Pfad, kaum breit genug für einen Landrover. Geradezu in die Wand geschabt.



„Wir sind nur wenig schwerer, als eine nackte GS: also ich, Gepäck, Benzin und die Rally.“


Eine schmale Piste, die wie ein Absatz in die Wand gefräst ist, schlängelt sich am Hang entlang. Im zweiten Gang holpert die Honda höher und höher den Weg hinauf. Der Blick hinunter auf den Atlantik ist atemberaubend. Bei diesem Licht schimmert das Wasser in fast karibischem Blau. Es ist ganz windstill und der Himmel nahezu wolkenlos blau. Ein paar Kilometer weiter führt die Piste von der Küste weg auf ein Hochplateau. Ein Bach gurgelt unternehmungslustig durch die saftigen Wiesen. Der Trail führt schließlich zurück ans Steilufer. Wenn auf dem Motorrad überhaupt eine Gefahr droht – außer der, dass man so dämlich ist, in den Abgrund zu lenken – dann von oben. Immer wieder liegen frische Brocken auf dem Weg, die aus der steilen Wand gefallen sind.

Der schwierigste Teil ist die Fahrt unterhalb der Klippen am Strand. Hoffentlich ist die Flut noch nicht zu hoch. Die Piste fällt allmählich ab, und jetzt taucht in der Ferne ein großer, alleinstehender Felsen auf. Da muss ich durch. Der Weg hinunter zum Strand ist ziemlich rumpelig, aber ist es nicht das, wofür Enduros gemacht sind? Ich fahre im zweiten Gang um einen Felsvorsprung herum und stoppe. Diesen Anblick muss ich einen Moment auf mich wirken lassen: Vor mir öffnet sich der Strandabschnitt. Kein Sand, wie ich es erwartet hatte, sondern Felsen und derbes Geröll. Der Atlantik liegt ganz ruhig. Der Flut fehlen sicher noch 80 Zentimeter bis zum Weg. Von oben perlen zwei spärliche Wasserfälle herab.

Das Geröllfeld führt zwischen der Halbinsel und dem großen runden Felsen hindurch. Hier ist die tiefste Stelle der Piste, die bei Flut zuerst unter Wasser steht, aber das wird frühestens in einer Stunde der Fall sein. Mit trockenen Reifen knirsche ich über die Steine, bis ich eine Stelle finde, wo ich sicher anhalten kann, um den Anblick noch einmal zu genießen. Kurz vorm Ende der 622 ist noch eine letzte f lache Furt zu durchqueren, und dann stehe ich wieder an der Stelle, wo ich die Umrundung vor genau viereinhalb Stunden begonnen habe. Ein winziges Café neben einer Wellblechkirche ist zu verlockend, Kaffee und Kuchen zudem ein Genuss. Mit den letzten 50 Kilometern zum Campingplatz sind es 180 heute – in knapp acht Stunden. Endurowandern ist eben auch entschleunigend.

Nordwind. Stärke 9. Das Zelt reißt an den Leinen. Ein sonniger Tag: bei sechs Grad! Mit frisch gefetteter Kette geht es vollgetankt zurück aufs Festland. Ich verlasse die Westfjorde. Der Wind ist an der Grenze dessen, was ich mit dem Motorrad noch fahren kann, ohne weggeweht zu werden. Ich halte die Honda in der Mitte der Straße und bekomme trotzdem jedesmal einen Schreck, wenn eine Sturmböe die Spur um einen Meter versetzt. Und das ist noch harmlos. Immer wieder können auf Island Stürme auftauchen, die lebensgefährlich für Motorradfahrer sind. Da hilft nur absteigen und Schutz suchen, ausharren oder eine andere Lösung finden – nur nicht auf Teufel komm raus weiterfahren! In Budardalur niste ich mich in einer Pension ein, dem ersten Bett und Dusche seit 13 Tagen.

Für Motorradfahrer bedeutet der Ausf lug an den nordwestlichen Zipfel Islands vier zusätzliche Tage. Sind sie es wert? Das muss jeder selbst entscheiden. Die Westfjorde werden oft von Reisenden ignoriert. Ich möchte die Umfahrung der Halbinsel jedoch nicht missen. Hinter Borgarnes biege ich auf die 50 ab. Auf dieser Piste ist lange kein Grader mehr gefahren und ich suche aufmerksam nach der besten Spur, um die fiesen Schlaglöcher zu umfahren. Zum Ende der Saison sind viele Pisten nicht mehr ganz taufrisch.


„Kein Sand, wie ich es erwartet hatte, sondern nur Felsen und derbes Geröll.“


Dieses Geröllfeld auf Meereshöhe ist der hef tigste A bschnitt der 622 – und bei Flut völlig unter Wasser.


Obwohl das Wetter mit Verlauf der Reise immer herbstlicher wird, ist es mir auf dem Weg zum Landmannalaugar, farbigen Felsformationen inmitten einer Lavalandschaft und einer der TopAttraktionen Islands, noch hold. Frisch, aber trocken und sogar ein wenig sonnig. Ich habe sogar an der allerletzten Tanke noch den allerletzten Tropfen Sprit in den Tank gequetscht, denn zum nächsten Automaten sind es 243 Kilometer. Vor mir erstreckt sich erneut die Mondlandschaft des Hochlands, der Grund, warum ich nach Island gekommen bin. Übernachten werde ich aber nicht hier, inmitten doch vieler Touristen, sondern im abseits gelegenen Camp Landmannahellir. Um das zu erreichen, muss ich mich erneut durch Wasser kämpfen. Dabei sieht es so harmlos aus, entpuppt sich aber als ein fieser Wassertopf mit weichem, schlammigen Boden. Die Honda beginnt zu graben. Ich gebe mehr Gas, die Honda gräbt tiefer. Ich reiße den Gashahn bis zum Anschlag auf. Jetzt hilft nur Power. Wütend trompetet der Titanauspuff durchs Tal. Wenn der Vortrieb abreißt, muss ich den Fuß absetzen und das gibt Strafpunkte.

Honda gräbt, Auspuff brüllt, Svenja schwitzt. Mit Full Power katapultiert die Rally uns ans rettende Ufer. Der Motor dampft, zischt und kocht vom eiskalten Wasser. Wieso mach’ ich solchen Scheiß? Zwei Dutzend Mal war ich vorsichtig, bin gewatet, hab gescoutet und sogar mein Gepäck rüber getragen.

Camp Landmannahellir liegt in einem lieblichen Tal und bietet zur Abwechslung mal weichen Untergrund.


Und jetzt beinahe sowas? An einem pupsigen Wasserloch?

Die Umgebung des Camps entschädigt für alles. Müde sehe ich einer der schönsten Nächte der Tour entgegen. Morgen geht es zurück in die Zivilisation, oder zumindest auf die Ringstraße. Doch bevor ich überhaupt wieder auf diese FRoad käme, seien noch zwei Furten zu durchqueren, sagt der Ranger: „They are deeper and the ground is rocks and stones.“ Dabei zeigt er diese Andeutung eines Grinsens …

Auf den letzten Tagen, meinem Rückweg zur Fähre und zum Ende der Islandreise, darf ich noch Bekanntschaft mit anderen Naturgewalten des Landes machen: den Gletschern. Einer davon taucht irgendwann in der Ferne auf. Zuerst finde ich ihn nicht sonderlich beeindruckend, aber als er auch nach zehn Kilometern noch nicht größer aussieht, ahne ich, wie gewaltig diese Biester sind. Neben der Straße ragt ein völlig verdrehter Stahlträger in den Himmel. Das ist alles, was der Gletscher nach dem Ausbruch des Vulkans Grímsvötn übrig gelassen hat. Den Rest hat der Gletscherlauf mit sich gerissen.


„Das Vorglühen eines aktiven Vulkans hat kurzzeitig für Überschwemmung gesorgt.“


Gletscher wie der Skaftafellsjökull gehören zu den größten Naturattraktionen Islands.


Ein paar Tage zuvor gab es einen ähnlichen Vorfall an der Ringstraße, der Lebensader Islands und meiner Route Richtung Heimat. Das Vorglühen eines der aktiven Vulkane hat für eine kurzzeitige Überschwemmung gesorgt, die ein Stück der Straße weggespült hat. Ich kann nur hoffen, dass bis zu meinem Eintreffen zumindest für eine Umleitung gesorgt ist, sonst sieht es knapp aus in meinem so großzügigen Zeitplan. Dennoch nehme ich auch noch die Abstecher zum Skaftafellsjökull und zum Svinafellsjökull mit und besuche die Eislagune Fjallsárlón. Die ist zwar nicht so bekannt wie die Gletscherlagune Jokulsarlon, dafür aber weniger frequentiert. Ich bemerke, wie meine Aufmerksamkeitsspanne immer geringer wird. Der interne Speicher scheint bereits voll zu sein. So viele Eindrücke und Erlebnisse, so wenig Platz auf der Festplatte. Das dämpft den Reisegenuss der letzten Tage etwas, Müdigkeit, vielleicht sogar ein wenig Erschöpfung macht sich breit. Wahrscheinlich auch, weil die Südküste mir zu touristisch ist. Das Hochland oder die Westfjorde haben da ihre Vorzüge.

Die schwarzen Kieselstrände schaue ich mir trotzdem noch an. Der Atlantik rauscht hier mit brachialer Gewalt gegen das Land. Die Küstenlinie ist zerrissen, selbst in Sonnenlicht wirkt es wenig einladend. Aber zum Badeurlaub kommt wohl auch niemand nach Island.

Einen Tag später bin ich auf dem Weg in die Hafenstadt Seyðisfjörður – wobei ich mir noch einen Regen getränkten Abstecher von der Ringstraße und ihrem Verkehr gönne. Der schmierige Pfad über den 532 Meter hohen ÖxiPass ist sogar eine Abkürzung – um satte 60 Kilometer!

In Egilsstadir halte ich an der großen Tankstelle, wo ich vor 20 Tagen auf die Ringstraße eingebogen bin. Ich stiefele zum Autowaschplatz, greife mir eine Waschbürste und drehe den Hahn auf. Der Dreck lässt sich gut abwaschen, aber das Wasser ist so kalt, dass ich es sogar durch die dicken Motorradsachen fühlen kann.

Bevor ich das letzte Stück auf Island zurück nach Seyðisfjörður fahre, will ich noch ein wenig Zeit verbringen. Ich merke, wie das Ende der Reise naht und mir das Abenteuer Island zu entgleiten droht. Jetzt, auf den letzten Kilometern, will ich ich es noch einmal hinauszögern. Dabei hat es mich die letzten Tage so gernervt. Nicht das Land, sondern die Menschen. Nicht die Isländer, sondern die viel zu vielen Touristen. Bis zum Fährhafen in Seyðisfjörður sind es noch 27 Kilometer. Die Straße führt über einen Pass und ist im Winter nicht immer befahrbar. Wie man liest, planen die Isländer einen 14 Kilometer langen Tunnel durch den Berg. Ob ich selbst eines Jahres da durchfahren werde? Ich weiß es nicht, und heute ist ein schlechter Tag, mich das zu fragen. Ich bin nach den unzähligen Eindrücken gerade ein bisschen satt mit Island.


„Der schmierige Pfad über den 532 Meter hohen Öxi-Pass ist sogar eine Abkürzung.“


Der Campingplatz im Ort ist ein spezieller. Hier verbringt man nicht seinen Urlaub, sondern wartet auf die Ankunft der Norröna, der Autofähre nach Dänemark am nächsten Morgen. Dieser Platz könnte nie so schlecht sein, dass er nicht trotzdem jeden Mittwochabend überfüllt wäre. Irgendwann liege ich warm und trocken im Zelt. Heute kann ich die Unruhe um mich herum aber ausblenden, denn schon morgen schlafe ich in einer wunderbaren Einzelkabine an Bord der Norröna und sehe einem First Class Dinner Buffet entgegen. Und in vier Tagen bin ich dann wieder zu Hause …

Der nur 5 32 Meter hohe Ö xi-Pass stellt dennoch eine Herausforderung dar, vor allem bei Nässe.


Der malerische Hafen von Djúpivogur ist ein beliebtes Fotomotiv, besonders unter Kreuzfahrern.


GEDANKEN ZU ISLAND

Seit meiner Rückkehr brüte ich über einem Fazit der Islandreise und komme zu keinem rechten Schluss. Ist Island tatsächlich so grandios, wie es die einhellige Meinung zu sein scheint? Island war unbestritten die großartigste Reise meines Lebens – und zugleich die ätzendste Tour, die ich je unternommen habe. Wie passt das zusammen?

ALLGEMEINES

Island lässt sich grob gesagt in zwei Abschnitte unterteilen, die jede eine völlig unterschiedliche Reise ergeben: Das Hochland und die Ringstraße. Die Ringstraße, oder schlicht die 1, führt auf 1341 Kilometern einmal um die Insel herum. Sie ist nahezu vollständig asphaltiert, hervorragend ausgebaut und fährt sich ganz prima. Dazu braucht man weder eine Enduro noch Stollenreifen. Es gibt Tankstellen, Dörfer, Supermärkte, Cafés, Guesthouses und Campingplätze.

Kurzum: Eine Reise auf der Ringstraße ähnelt einer Fahrt durch Norwegen. Dazu bieten sich genügend kleine Abstecher ins Landesinnere, die man auch ohne Enduro gut bewältigen kann. Auf diese Weise erreicht man den Geysir, Dettifoss, Asbyrgi und die meisten anderen Attraktionen. Der große Nachteil der Ringstraße ist, dass nahezu alle Reisenden und die Einheimischen selbst auf ihr unterwegs sind. Sämtliche Ziele entlang der 1 sind ständig, oder zeitweise, überfüllt. Die Attraktionen tagsüber, Campinglätze und Guesthouses spätestens gegen Abend.

ANREISE

Die Tage auf der Norröna waren eine tolle Seereise. Die Unterbringung und das Essen an Bord sind prima. Ein Zwischenstopp auf den Färöer-Inseln kam für mich nicht in Frage. Auf dem Hinweg war ich ganz auf Island gepolt und wollte für mich und mein Motorrad auch kein Risiko eingehen. Und auf der Rückreise? Nach 26 Tagen und 1375 Kilometern teils übelster Piste waren mein Motorrad und ich ziemlich erledigt. Also, nein.

ENDUROFAHREN

Ich bin nach Island gereist zum Endurowandern. Ich wollte Sprengisandur durchqueren, die größte Wüste Europas, und ich wollte die 622 fahre. Ich wollte Flüsse durchqueren, im Hochland zelten und ein letztes Mal ausprobieren, was noch geht. Auf Sprengisandur bin ich gescheitert. Der Gletscherfluss auf der Hälfte der Strecke war zu tief. Ich bin umgekehrt.

Enduroreifen spielen auf der Ringstraße keine Rolle. Everything goes. Im Hochland kann ich derbe, grobstollige Reifen empfehlen. Besonders die Furten entlang der F88 waren tief und das Flussbett weich. Da braucht man Traktion. Auf den Schotterpisten und selbst auf der Sprengisandur funktioniert im Grunde jeder Reifen, aber die Tiefsandpassagen erfordern Erfahrung. Dort dürfte es am häufigsten zu Stürzen kommen. Grobes Profil ist gut, aber das allein macht es nicht.

FAZIT

Nun also doch: Island war die Reise meines Lebens. Ich habe Wüsten durchquert, bin über Geröll und durch tiefen Sand gefahren, habe Flüsse überwunden und dem Wetter getrotzt. Nirgends sonst in Europa hätte ich so etwas erleben können. Es war überwältigend, unfassbar grandios und jeden Cent und jeden Urlaubstag wert. Das Wetter ist besser als sein Ruf, kann aber auch die gesamte Reise zu Fall bringen. Man braucht eine gute Ausrüstung und sollte wissen, was man tut.

Wovon man nur wenig benötigt, das ist Motorleistung. Ich weiß gar nicht, ob ich je die vollen 25 PS der Honda ausgeschöpft habe, außer in Furten, wenn ich mich im ersten Gang Vollgas ans Ufer gerettet habe.

Ansonsten gilt: Jedes Kilogramm weniger ist mehr wert als 10 PS mehr Leistung. Gepäck sparen und sich selbst in Form bringen, fit werden, vielleicht ein paar Kilo abnehmen. Für eine Reise nach Island lohnt sich der größte Aufwand. Island ist toll. Aber auch ein bisschen ätzend:-)

Werde ich je wieder nach Island reisen? Ich weiß es nicht, aber ich denke fast jeden Tag darüber nach. Schon auf der Heimreise habe ich Gedanken dazu in mein Moleskine geschrieben. Oben drüber steht fett „Nie wieder Island!“ – und eine Seite weiter beginnt bereits die Planung, was ich beim nächsten Mal anders machen werde.

Autorin Svenja Kühnke ist Polizistin und eine bekannte Bloggerin, die mit Vorliebe von ihren Enduro-Abenteuern berichtet.


Foto: 9MRD / Adobe Stock Photo