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ISLE OF RUM – INSEL DER HIRSCHE (3. TEIL): ENTSCHEIDEND SIND DIE TIERE!


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 110/2018 vom 19.10.2018

Wie sich das Kahlwild in der Brunft verhält, wie sein Verhalten und sein Wohlergehen die Anzahl, das Geschlecht, die Überlebensrate und die Stärke der Kälber beeinflusst und somit die Größe und Güte der ganzen Rotwildpopulation, das beschreibt hierDr. Christian Holm.Und natürlich, was all dies für unsere Rotwildhege bedeutet.


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Kleines Brunftrudel: Auch wenn sich hier der Hirsch in den Vordergrund geschoben hat, so entscheidet doch das Kahlwild, wo und mit wem es brunftet. Ein Wechsel des Brunftplatzes ist bei ihm ganz normal.


FOTO: STEFAN MEYERS

In der letzten Ausgabe des JÄGER habe ich die Rolle der ...

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... Hirsche für die Rotwildpopulation im Wildforschungsgebiet der schottischen Insel Isle of Rum beschrieben. Die Forscher hatten nachgewiesen, dass Hirsche vor allem alt genug werden müssen und dass es am Ende nur einige wenige reife Hirsche sind, welche den größten Teil der Kälber zeugen. Das Verhalten dieser Hirsche in der Brunft ist bestens bekannt, jedoch zeigten die detaillierten Untersuchungen auf Rum, dass mitnichten immer der Hirsch mit der offensichtlich stärksten Trophäe der erfolgreichste Vererber war. Noch überraschender erwies sich aber die Rolle des Kahlwilds in der Brunft und über das ganze Jahr – dank der fast vollständigen Markierung der Kälber mit Ohrmarken und ganzjährigen, unermüdlichen Beobachtungen über Jahrzehnte konnten die Wildbiologen der Universitäten Cambridge und Edinburgh nach und nach ein faszinierendes Puzzle zusammensetzen. Die Hirsche sind wichtig – aber die wahren Herrscher sind die Alttiere!

DIE TIERE ENTSCHEIDEN

Das Bild ist vertraut: der Platzhirsch jagt ein Stück Kahlwild, das sich zu weit von seinem Brunftrudel entfernt hat, energisch wieder zurück. Für uns, der wir eine solche Szene im Rotwildrevier gelegentlich beobachten können, sieht es so aus, als ob das Stück im Brunftrudel gefangen ist. Manchmal wirkt es sogar so, als ob es gegen seinen Willen vom Hirsch dort gehalten würde. Den Forschern auf Rum wurde jedoch sehr schnell klar, dass dies nicht stimmen konnte. Denn wenn sie am nächsten Tag zum Brunftrudel zurück-kehrten und die Tiere mit dem Fernglas anhand der Ohr- oder Halsmarken identifizierten, staunten sie nicht schlecht: Bis zur Hälfte der Stücke waren ausgetauscht! Ganz offensichtlich waren Alttiere abgewandert und andere neu hinzugekommen. Dies war für die Biologen ein spannendes Problem: Wählten die Tiere frei den Hirsch, der sie beschlagen sollte? Zogen sie nur zufällig von Brunftrudel zu Brunftrudel? Oder zogen sie zu einem bestimmten Zeitpunkt, vermutlich dem Eisprung, weiter? Am Ende wurden die Daten aus 34 Jahren Beobachtung ausgewertet, und es zeigte sich, dass Alt- und Schmaltiere sich auf jeden Fall frei bewegen zwischen den Brunftrudeln. Das Hinein- und Herauswechseln des Kahlwilds ist trotz der Bemühungen der Platzhirsche, dies zu unterbinden, die Regel. Etwa ein Drittel der Tiere wechselten von einem zum anderen Tag das Brunftrudel. Kam es zum Eisprung, welchen die geübten Beobachter bei den Tieren aufgrund des Verhaltens sowohl des Tiers als auch des Hirschs erkennen konnten, so wurde die Wanderfreude sogar noch ausgeprägter: Fast die Hälfte der Tiere wechselten zum Eisprung das Brunftrudel, und sie zogen außerdem zu weiter entfernten neuen Brunftrudeln als an den Tagen vor oder nach dem Eisprung. Warum die Tiere sich so verhalten, konnte jedoch noch nicht zweifelsfrei bewiesen werden. Weder war die Häufigkeit, mit der das Tier von einem eng verwandten Hirsch beschlagen wurde, geringer, was die Vermeidung von Inzucht bewiesen hätte, noch wurde das Stück nach dem Ziehen häufiger durch einen „besseren“ Hirsch beschlagen, was eine aktive Wahl des Kahlwilds bedeutet hätte.

ISLE OF RUM – INSEL DER HIRSCHE (3. TEIL)

WAS IST EIN „GUTES“ ALTTIER?

„Starke Tiere schonen – schwache Tiere schießen!“ So ist es uns beigebracht worden, und so verfahren wir bei der Einzelund, wo möglich, auf den Bewegungsjagden, wenn wir Kahlwild bejagen. So wird der gewissenhafte Rotwildjäger das Kalb zum schwachen Tier erlegen und danach, wenn es geht, das Tier dazu, während er das stärkere Alttier ohne Kalb im Rudel verschont. Dabei ist es ja nur logisch, dass ein führendes Stück unter Umständen schwächer sein kann als ein nicht-führendes, es hat ja den Sommer über zwei ernährt. Für die Population ist das führende Stück aber viel wichtiger gewesen als das nicht-führende Tier und somit im übertragenen Sinne „stärker“. Im rauen Klima der schottischen Westküste auf der Isle of Rum sind die Bedingungen tatsächlich so hart, dass die Tiere nicht jedes Jahr führen können und auch nicht alle Alttiere bereits im Alter von zwei Jahren ihr erstes Kalb „schaffen“. Für die Population ist entscheidend, wie viele gesunde Kälber ein Alttier setzt in seinem Leben, und deshalb bewerten die Forscher ein Alttier nach seinem lebenslangen Reproduktionserfolg und der Überlebensquote der gesetzten Kälber. Die fünf erfolgreichsten Alttiere auf Rum konnten in ihrem Leben je 14 Kälber setzen. Bei ihren Beobachtungen bewerten die Biologen auch den sozialen Status der Stücke, also wie dominant oder unterdrückt es im Rudel ist.

DICHTE ENTSCHEIDET

All diese Daten bewiesen den Forschern, dass man Alttiere nur schwer mit einem Blick hegerisch richtig einstufen kann.
Sie machten sich also die Mühe, die Alttiere vor allem nach der Reproduktionsrate und dem sozialen Status zu klassifizieren und dann zu schauen, was die erfolgreichsten Tiere von den anderen unterscheidet. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass dominante Alttiere mit einer hohen Lebenskälberzahl stärkere Kälber setzten, wobei dieser Unterschied in der Stärke vor allem für die männlichen Kälber galt. Was jedoch schnell deutlich wurde: Alle untersuchten Parameter einer gesunden Rotwildpopulation hingen selten oder nur wacklig mit der Qualität der einzelnen Stücke zusammen – mit der Wilddichte insgesamt hing jedoch alles zusammen! Mit steigender Alttierdichte sanken die Durchschnitts gewichte und außerdem die Überlebenschancen der Kälber im ersten und sogar im zweiten Winter. Die Alttiere selber zeigten auch klare Trends: Mit steigender Wilddichte stieg der Anteil an Alttieren, welche erst mit drei oder sogar vier Jahren ihr erstes Kalb setzten. Die Fruchtbarkeit insgesamt sank, und die Kälber wurden später gesetzt, was ein großer Nachteil für die Kälber bedeutet, da sie weniger Zeit haben, sich bis zum ersten Winter auszuwachsen. Besonders überraschend war der Effekt, den die Wilddichte auf das Geschlecht der Kälber hatte: Mit steigender Wilddichte wurden zunehmend mehr weibliche als männliche Kälber gesetzt! Aber auch die Hirsche insgesamt reagierten nachweisbar auf Wilddichte: Die Daten zeigten deutlich, dass mit dem Anschwellen der Population die Stangenlängen bei den einjährigen Spießern kürzer wurden, die Geweihe schwächer, die Schiebe- und Fegetermine später lagen und zunehmend mehr Hirsche abwanderten. Diese Verdrängung der Hirsche konnte in einem Revier auf Rum sogar experimentell nachgewiesen werden: Nachdem die viel zu hohe Kahlwildpopulation deutlich gesenkt wurde, zogen wieder 25 Prozent mehr Hirsche als zuvor ihre Fährte in dem Revier. Alle diese Effekte standen im Zusammenhang mit der Kahlwilddichte und waren deutlich prägnanter als die Bedeutung einzelner Stücke und ihrer individuellen Qualität.


„ZU VIEL KAHLWILD SCHADET DER POPULATION UND ZUVORDERST DEN HIRSCHEN!“


Erfolgreicher Rotwildjäger: Wichtiger bei der Kahlwildbejagung als die Qualität ist die Zahl der erlegten Stücke.


FOTO: HAMZA YASSIN

Rudel Kahlwild: trotz Nicht-Bejagung mit nur einem Kalb. Auf Rum nicht ungewöhnlich, denn die raue Witterung auf der Insel setzt den Alttieren körperliche Grenzen.


FOTO: STEFAN MEYERS


„ETWA EIN DRITTEL DER TIERE WECHSELTEN VON EINEM ZUM ANDEREN TAG DAS BRUNFTRUDEL!“


WEIBLICHER ABSCHUSS ZÄHLT

Betrachten wir als Rotwildheger und -jäger all diese Forschungsergebnisse, auch die zu den Hirschen Rums aus den letzten beiden Heften (JÄGER 8/2018 und 9/2018), so wird ganz offensichtlich, dass die Gesundheit und Güte unserer Rotwildpopulation deutlich mehr am Erfolg unserer Kahlwildbejagung hängt als an den Hirschen. Bei den Hirschen schien vor allem entscheidend, dass einige von ihnen wirklich alt werden können. Beim Kahlwild hingegen spielt die Menge der erlegten Stücke die entscheidende Rolle. In beiden Fällen sind die Forscher der Meinung, dass wir Jäger kaum in der Lage sein können, die wahre Qualität der einzelnen Stücke zu bewerten, dass dies jedoch kein echtes Problem darstellt. In Wechselwirkung mit der Lebensraumqualität ist es vor allem die Wilddichte, welche entscheidet. Wichtiger als die Frage, welche Stücke Kahlwild wir erlegen, ist es, genügend Kahlwild zu erlegen – das zeigen die Daten ganz deutlich. Natürlich kann man auch zu viel Rotwild erlegen, ohne Frage, aber in den Hochwildhegeringen, in denen Rotwild noch ausreichend Duldung erfährt, sollte man unbedingt genauer auf das Geschlechterverhältnis schauen und auf die Reviere Acht geben, welche bei der Hirschbejagung fleißig, jedoch beim Kahlwild nachlässig oder sogar nicht ganz ehrlich sind, Stichwort Papiertiere. Wie in Schottland bewiesen wurde – zu viel Kahlwild schadet der Population und zuvorderst den Hirschen! Die Schotten benutzen ein recht einfaches Modell für ihre Abschussplanung, indem sie festlegen, wie viel Prozent des weiblichen Wildes, unabhängig vom Alter, jährlich erlegt werden soll. Für die Reviere auf Rum, welche außerhalb des nicht-bejagten Forschungsbiets liegen, fand man heraus, dass die Gesundheit und das Verhältnis Hirsche zu Kahlwild am besten war, wenn man zehn bis zwanzig Prozent des weiblichen Wildes erlegte. Erlegte man weniger als zehn Prozent des weibliches Wildes, so litt die Population und insbesondere die Hirsche: es wurden also weniger Hirschkälber geboren, und es zogen mehr Hirsche ab. Erst bei einem Abschuss von mehr als 20 Prozent des weiblichen Wildes begannen auch die Hirschzahlen zu sinken, weil die Zahl der Kälber insgesamt trotz höherer Fruchtbarkeit und Überlebensquote zu sinken begann. Die schottischen Zahlen sind natürlich nicht mit unseren Flachlandbedingungen direkt zu vergleichen, denn die Lebensräume sind sehr unterschiedlich – eine Tatsache, welche wir auch bei uns nicht übersehen dürfen. Die tatsächliche Wilddichte von x Stück je 100 Hektar hängt natürlich davon ab, wie viel Hektar davon überhaupt für unser Rotwild geeignet sind und welchen Lebensraumwert sie für das Wild haben.

„MIT STEIGENDER WILDDICHTE WURDEN ZUNEHMEND MEHR WEIBLICHE ALS MÄNNLICHE KÄLBER GESETZT!“


Rudel Kahlwild: Je mehr Alttiere sich im Bestand befinden, desto geringer sind die Durchschnittsgewichte der Stücke und desto höher ist die Kälbersterblichkeit – sogar noch in deren zweiten Lebensjahr.


FOTO: STEFAN MEYERS

VERWAISTE KÄLBER

Alle Theorie ist bekanntlich grau, und in der jagdlichen Praxis muss es am Ende funktionieren, nicht in Gesetzestexten oder Artikeln. Ein großes Problem für uns ist das Risiko, bei dem so wichtigen Kahlwildabschuss am Ende ungewollt ein Stück zu erlegen, dass entgegen unserer Überzeugung doch ein Kalb geführt hat. Je nach dessen Alter ist dies in Deutschland sogar eine Straftat und unabhängig davon für jeden Jäger extrem unerfreulich. Auf der Isle of Rum sterben die Alttiere aber auch nicht nur dann, wenn sie kein Kalb mehr führen – was können uns die Rotwildforscher also zu diesem Thema berichten? Was passiert mit verwaisten Kälbern? Unsere Gesprächspartner auf Rum, die wissenschaftliche Leiterin Prof. Josephine Pemberton und ihre „Rundum- die-Uhr-Hirschmutter“ Alison Morris reagierten für mich überraschend gelassen: „Na, wenn die Mutter stirbt, dann bleiben ja noch die ganzen Tanten!“ Die beiden wissen, dass die einzelnen Mitglieder der normalen kleinen Kahlwildrudel meist alle miteinander verwandt sind. Das älteste Alttier im Rudel ist also die Mutter der meisten anderen Tiere. Die familiäre Bindung dieser Stücke untereinander ist somit sehr stark, und die beiden Forscherinnen waren sich für ihr Rotwild ganz sicher, dass die Kälber nach dem Tod der Mutter aus diesem Familienverband nicht verstoßen werden. Sie liefen einfach mit, wuchsen jedoch schlechter als ihre nichtverwaisten Kollegen, und ihre Überlebenschancen in den folgenden zwei Jahren waren ebenfalls schlechter. Der Verlust der Mutter zum Herbst oder Winter war also kein Todesurteil für die Kälber, der Effekt des Verlusts war jedoch nachweisbar, wohl gemerkt in diesen rauen Revieren, wo in nassen Jahren die Hälfte aller Kälber das erste Jahr nicht überlebt.

LERNEN LOHNT SICH!

Es gäbe noch vieles mehr zu berichten von dem, was die Wildbiologen auf Rum in über fünf Jahrzehnten übers Rotwild herausgefunden haben. Als mein Freund Magnus und ich nach drei Tagen die Insel wieder verlassen, haben wir von unseren rotwildforschenden Gastgebern Josephine und Alison aber vor allem eines gelernt: Schaut man genau hin, dann sind die ökologischen und biologischen Zusammenhänge viel komplexer und komplizierter, als wir uns meist vorstellen. Daher lohnt es sich für uns Jäger, Wild genau zu beobachten und die Neugier nicht zu verlieren, denn es gibt noch viel Neues zu lernen.