Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 14 Min.

Isolierte Seelen


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 06.07.2018

GESELLSCHAFT Während manche Menschen gern allein sind, fühlen sich andere sogar in Gesellschaft chronisch einsam. Das macht die Betroffenen nicht nur seelisch, sondern auch körperlich krank. Was lässt sich gegen hartnäckige Einsamkeit tun?


Artikelbild für den Artikel "Isolierte Seelen" aus der Ausgabe 8/2018 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 8/2018

Auf einen Blick: Der Fluch der Einsamkeit

1 Rund 15 bis 20 Prozent der Menschen in Europa fühlen sich Befragungsstudien zufolge einsam. Am häufigsten betroffen sind Junge und Ältere: Personen unter 30 und über 60 Jahren.

2 Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, tragen ein höheres Risiko, psychische und physische Erkrankungen zu entwickeln. Einsame Kinder und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2018 von GEISTESBLITZE: Selbstkontrolle: Zweifel am Marshmallow-Test. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEISTESBLITZE: Selbstkontrolle: Zweifel am Marshmallow-Test
Titelbild der Ausgabe 8/2018 von Sprache: Substantive bremsen den Redefluss. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sprache: Substantive bremsen den Redefluss
Titelbild der Ausgabe 8/2018 von Geld ausgeben: Wann Besitz doch glücklich macht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geld ausgeben: Wann Besitz doch glücklich macht
Titelbild der Ausgabe 8/2018 von GEISTESBLITZE: Moral: In realen Zwickmühlen entscheiden wir anders. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEISTESBLITZE: Moral: In realen Zwickmühlen entscheiden wir anders
Titelbild der Ausgabe 8/2018 von Werden Sie Gefühlsprofi!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Werden Sie Gefühlsprofi!
Titelbild der Ausgabe 8/2018 von Der Studien-TÜV. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Studien-TÜV
Vorheriger Artikel
Werden Sie Gefühlsprofi!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Der Studien-TÜV
aus dieser Ausgabe

... Jugendliche leiden häufiger an Depressionen und Schlafstörungen, die auch ihre schulischen Leistungen beeinträchtigen.

3 Als eine erfolgreiche Maßnahme gegen chronische Einsamkeit hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen, bei der die Betroffenen lernen, negative Einstellungen und Gedanken abzubauen. Für Heranwachsende fehlen allerdings bislang noch wirksame Interventionen.

Obwohl Carrie Aulenbacher einen liebevollen Ehemann und gute Freunde hat, fühlt sich die 38-jährige Sekretärin und Autorin oft allein. Schon in der Highschool im ländlichen Pennsylvania fürchtete sie sich davor, auf andere Mädchen zuzugehen. Zu groß war die Angst, dass ihr plötzlich die Worte fehlen oder die anderen sie ablehnen würden. Sie beurteilt sich permanent selbst und fragt sich: War sie für ihre Misere selbst verantwortlich, weil sie unbewusst Dinge auf andere Menschen projizierte? Sehnte sie sich so sehr nach Gesellschaft, dass sie andere abschreckte? Vor Kurzem nahm sie an einem Seminar teil. »Ich bin allein gekommen und habe allein zu Mittag gegessen«, erinnert sie sich. »Niemand hat mich eingeladen, und ich habe nicht versucht, Anschluss zu finden.«

Für manche mag das, was Aulenbacher empfindet, schlicht zum Leben dazugehören. Dennoch ist das Thema Einsamkeit in den vergangenen Jahren zunehmend in den Blick von Forschern verschiedenster Fachdisziplinen gerückt. Es gibt immer mehr wissenschaftliche Belege dafür, dass das Gefühl mit einer erhöhten Anfälligkeit für zahlreiche psychische und physische Erkrankungen zusammenhängt – von Depressionen über einen beschleunigten kognitiven Abbau bis hin zu Herz-Kreislauf-Problemen und Schlaganfall. 2015 nahm ein Team um Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in den USA zahlreiche Studien unter die Lupe, die zwischen 1980 und 2014 veröffentlicht worden waren. Dabei entdeckten die Psychologin und ihre Kollegen, dass Einsamkeit mit einem höheren Risiko einherging, vorzeitig zu sterben. Ihr Einfluss war dabei sogar teilweise noch ausgeprägter als der anderer Faktoren, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, wie beispielsweise Fettleibigkeit. Eine entscheidende Rolle könnte dabei vor allem eine unzureichende soziale Einbindung spielen, wie die Forscher 2017 herausfanden.

Wie einsam sind wir eigentlich? Laut Experten, darunter auch Holt-Lunstad, nimmt die soziale Isolation zu, was dazu führen kann, dass wir uns einsam fühlen: Immer mehr Menschen leben allein, es werden weniger Ehen geschlossen, weniger Kinder gezeugt. Laut einer Studie der Duke University hat sich die Zahl der USBürger, die angeben, keine engen Vertrauten zu haben, zwischen 1985 und 2004 verdreifacht.

Nicht alle Statistiken deuten jedoch in die gleiche Richtung. Das subjektive Gefühl von Einsamkeit scheint unter Erwachsenen zwischen 2006 und 2014 beispielsweise nicht zugenommen zu haben, wie der Soziologe Keming Yang von der Durham University in England berichtet. Demnach betrachten sich heute wie damals rund 15 bis 20 Prozent der Menschen in Europa als einsam. Der Anteil jener, die am stärksten von Einsamkeit betroffen sind, liege im Vereinigten Königreich stabil bei fünf bis sechs Prozent, so Yang.

In Gesellschaft – und trotzdem allein

Jeder Mensch fühlt sich von Zeit zu Zeit »einsam«, also sozial isoliert und von seinen Mitmenschen abgeschnitten. Bei den meisten von uns ist diese Wahrnehmung aber eng an unsere aktuelle Lebenssituation geknüpft. Ändert sich diese, weil wir zum Beispiel neue Freunde finden oder eine Beziehung eingehen, kann das Gefühl der Einsamkeit wieder schwinden. Menschen, die Wissenschaftler als »chronisch einsam« bezeichnen, fühlen sich jedoch ihr ganzes Leben über zutiefst allein – ganz gleich, wie ihre Lebensumstände sind oder welche Bindungen sie knüpfen. Was die Betroffenen empfinden, lässt sich weder als Depression noch als soziale Angst oder Schüchternheit bezeichnen, auch wenn es durchaus Überschneidungen gibt. Laut dem Psychologen Kenneth Rotenberg von der Keele University in England zeigen Studien, dass chronisch einsame Menschen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ebenfalls soziale Informationen falsch interpretieren, psychische Probleme wie Depressionen entwickeln oder sich von anderen zurückziehen.

UNSERE AUTORIN

Francine Russo arbeitet als Journalistin und Buchautorin in New York. Sie berichtet vor allem über Psychologie und Verhaltensforschung.

Soziale Isolation als eine Ursache von Einsamkeit lässt sich anhand objektiver Faktoren messen, indem man beispielsweise schaut, ob jemand allein lebt und zu wie vielen Menschen er regelmäßig Kontakt hat. Manche fühlen sich allein allerdings pudelwohl, während sich andere extrem einsam fühlen, obwohl sie ständig von einem Ehepartner und vielen Freunden umgeben sind. Sowohl soziale Isolation als auch Einsamkeit stehen mit einer schlechteren Gesundheit in Verbindung – wenn auch wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen. So kann Einsamkeit zu einer Depression führen, die wiederum dafür sorgt, dass die Betroffenen weniger auf sich und ihren Körper Acht geben. Menschen, die sozial isoliert leben, »haben unter Umständen niemanden, der sie darin erinnert, ihre Medikamente zu nehmen, oder der im Zweifelsfall den Notarzt ruft«, so Holt-Lunstad.

Bislang existieren keine Daten dazu, wie viele Menschen sowohl sozial isoliert als auch einsam sind und ob Personen aus dieser Gruppe besonders stark gefährdet sind. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Standardinstrumente, mit denen Wissenschaftler Einsamkeit messen, nicht unbedingt alle dasselbe erfassen. Die De-Jong-Gierveld-Einsamkeitsskala, die oft in großen europäischen Erhebungen zum Einsatz kommt, misst sowohl Einsamkeit als auch soziale Isolation, nicht jedoch die chronische emotionale Einsamkeit. Dabei werden Probanden gebeten, Aussagen wie »Ich vermisse es, einen wirklich engen Freund zu haben« oder »Ich kenne viele Menschen, denen ich vollkommen vertrauen kann« mit »Trifft genau zu«, »Trifft eher zu«, »Trifft eher nicht zu« und »Trifft nicht zu« zu bewerten. Die überarbeitete UCLA-Skala, die insgesamt am häufigsten bei der Messung von Einsamkeit zum Einsatz kommt, erfasst dagegen, wie zufrieden oder unzufrieden Personen mit der Qualität oder Quantität ihrer Beziehungen sind. Die Befragten geben etwa an, wie oft sie sich anderen Menschen nahe fühlen, wie häufig sie Gesellschaft vermissen oder sich schüchtern oder allein fühlen. Auf diesem Weg messen Forscher meist eher die Selbstwahrnehmung ihrer Versuchsteilnehmer als deren eigentliche Isolation.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts betrachten Psychologen Einsamkeit getrennt von Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Die deutsche Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann bezeichnete das Gefühl 1959 in ihrem Aufsatz »Über die Einsamkeit « als »schmerzliche, erschreckende Erfahrung« und stellte die Theorie auf, Einsamkeit sei die Folge eines verfrühten Abstillens. In den 1970er und 1980er Jahren, als schließlich immer mehr auf dem Gebiet geforscht wurde, nahmen einige Wissenschaftler an, die Hauptursache für Einsamkeit liege in einer fehlenden sozialen Einbindung in eine Gemeinschaft, in der man sich akzeptiert fühlt. Andere konzentrierten sich hingegen auf kognitive Faktoren wie das negative und unrealistische Bild, das einsame Menschen oft von sich selbst und anderen haben.

MEHR WISSEN AUF » SPEKTRUM.DE «

Noch mehr Artikel zum menschlichen Miteinander lesen Sie auf unsererThemenseite :

www.spektrum.de/t/sozialverhalten

Der Neurowissenschaftler John Cacioppo von der University of Chicago vermutet, dass Einsamkeit letztlich einem evolutionären Zweck dient. Haben Menschen den Eindruck, sie seien von der Gemeinschaft ausgeschlossen, fühlen sie sich weniger stark vor Gefahren geschützt, die außerhalb der Gruppe lauern könnten. Cacioppos Theorie zufolge sind Menschen besonders empfindlich für soziale Bedrohungen und werden dadurch veranlasst, wieder Beziehungen zu anderen zu knüpfen. Der Forscher spricht dabei vom so genannten Reaffiliationsbedürfnis (reaffiliation motive, RAM): Der mit der Einsamkeit verbundene Schmerz motiviert die Betroffenen dazu, ihre in die Brüche gegangenen Beziehungen wieder zu reparieren. Dieser Mechanismus diene dem Überleben, so Cacioppo. Und er komme nicht nur beim Menschen vor.

Anschluss finden

Im Alltag werden Menschen in aller Regel still und ziehen sich zurück, um das soziale Gefüge um sich herum zu beobachten und herauszufinden, wie sie am besten wieder Anschluss finden können, erklärt die Psychologin Pamela Qualter von der University of Central Lancashire in England. »Stellen wir uns vor, ich wäre auf einer Party und würde dort niemanden besonders gut kennen. Ich fühle mich unsicher und einsam. Also würde ich die Situation beobachten und versuchen, Personen zu identifizieren, zu denen ich vielleicht eine Verbindung aufbauen kann – und solche, die ich lieber meiden sollte.«

Wenn das Reaffiliationsbedürfnis gute Dienste leistet, dann gelingt es Menschen, Beziehungen zu anderen zu knüpfen, sagt Stephanie Cacioppo, die gemeinsam mit ihrem Mann zur Einsamkeit forscht. Bei manchen funktioniere der Mechanismus jedoch nicht richtig; sie reagieren weiterhin extrem wachsam gegenüber sozialen Gefahrenreizen und bleiben chronisch einsam. Solche Menschen, erklärt Stephanie Cacioppo, »sind immer auf der Hut und halten Ausschau nach möglichen Bedrohungen, um vorbereitet zu sein. Doch diese Reaktion ist oft kontraproduktiv, weil es schwierig ist, zwischen wirklichen Bedrohungen und uneindeutigen sozialen Signalen zu unterscheiden.«

In bestimmten Lebensphasen sind Menschen tendenziell besonders anfällig für Einsamkeit. Deshalb konzentrieren sich Wissenschaftler bei ihrer Forschung zu dem Thema inzwischen zunehmend auf zwei Altersgruppen: junge Menschen unter 30 und ältere über 60 Jahren. Christine Victor und Keming Yang untersuchten 2011 insgesamt 2393 Briten im Alter von 15 bis 97 Jahren. Dabei stellten sie fest, dass die unter 25-Jährigen und die über 65-Jährigen am einsamsten waren. Zu einem ähnlichen Schluss kamen 2016 die Psychologin Maike Luhmann von der Universität zu Köln und Louise Hawkley von der University of Chicago im Rahmen einer großen deutschen Bevölkerungsstudie. Bei ihnen waren die am stärksten von Einsamkeit betroffenen Versuchsteilnehmer tendenziell entweder unter 30 Jahren oder über 80.

Ein guter Schutzschild: Die Ehe

Manche Wissenschaftler vermuten, dass diese Verteilung auch dadurch beeinflusst wird, was wir in bestimmten Lebensphasen als »normal« betrachten. So ergaben etwa zahlreiche Untersuchungen, dass Verheiratete oder Menschen, die mit anderen zusammenleben, eher vor Einsamkeit geschützt sind. Auf junge Menschen, die noch gar nicht beabsichtigen, sich an einen Partner zu binden, oder auf ältere, die oft bereits verwitwet sind, trifft das sicherlich seltener zu. Bei Erwachsenen mittleren Alters kann mitunter das Vorhandensein einer Arbeitsstelle darüber entscheiden, ob die betreffende Person einsam ist oder nicht. Für Menschen im Ruhestand ist dieser Umstand weniger relevant. Andere Faktoren wie soziales Engagement, die Zahl der Freunde und die Häufigkeit der sozialen Kontakte scheinen wiederum unser ganzes Leben lang zu beeinflussen, wie gut wir uns in die Gesellschaft eingebunden fühlen.

Da Einsamkeit lebenslange Konsequenzen haben kann, sind inzwischen vor allem Kinder und Jugendliche in den Fokus der Forschung gerückt. Untersuchungen zeigen, dass einsame Kinder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu einsamen und depressiven Erwachsenen werden. Zudem entwickeln sie im Jugendalter häufiger Depressionen und Schlafstörungen, was ihre schulischen Leistungen beeinträchtigt, wie 2009 eine britische Studie mit rund 300 Kindern zwischen 5 und 13 Jahren zeigte. Manche der Probanden fühlten sich in der Familie einsam, andere in Gesellschaft von Altersgenossen. Dabei waren allerdings nur letztere häufiger schüchtern, litten unter Mobbing und entwickelten eher eine Depression, wie die Arbeit der Psychologin Marlies Maes von der Katholischen Universität Löwen in Belgien zeigte.

Manche Kinder sind einsam, weil sie nur über unzureichende soziale Fähigkeiten verfügen. In einer Studie aus dem Jahr 2016 sollten 1342 Jugendliche einschätzen, wie gut sie selbst und ihre Klassenkameraden mit anderen klarkommen. Beim Vergleich zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung der Probanden stellten die Forscher fest, dass sich einsame Teenager in zwei Gruppen einteilen ließen, wie die Verhaltensforscherin Gerine Lodder von der Reichsuniversität Groningen in den Niederlanden erläutert. Bei Teilnehmern, die auch von ihren Klassenkameraden mangelnde soziale Kompetenzen bescheinigt bekamen, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Beobachtung tatsächlich zutraf. Die betroffenen Jugendlichen hatten jedoch die Chance, sich noch zu ändern. Beziehungen seien mit verschiedenen Aufgaben verbunden, sagt der Entwicklungspsychologe Steven Asher von der Duke University. Dazu gehöre zum Beispiel, die Initiative beim Knüpfen von Kontakten zu ergreifen, verlässlich zu sein und Konflikte zu lösen. Kinder können diese Fähigkeiten auch nachträglich noch erlernen und so ihre Einsamkeit reduzieren.

MARIADUBOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)


Die größte Herausforderung liegt jedoch darin, chronisch einsamen Kindern zu helfen


GEHIRN&GEIST, NACH: LUHMANN, M., HAWKLEY, L.: AGE DIFFERENCES IN LONELINESS FROM LATE ADOLESCENCE TO OLDEST OLD AGE. IN: DEVELOPMENTAL PSYCHOLOGY 50, S. 943-959, 2016, FIG. 1

Eine Frage des Alters

Einer Untersuchung von Maike Luhmann von der Universität zu Köln und Louise Hawkley von der University of Chicago zufolge steigt die Einsamkeit tendenziell um das 30. und das 60. Lebensjahr an. Am einsamsten fühlen sich im Schnitt Menschen jenseits der 80. Die orange Linie zeigt die tatsächlich gemessenen Werte der Wissenschaftler, die blaue solche, die hinsichtlich des Familienstands, der Anzahl der Freunde der Probanden und anderer bekannter Risikofaktoren bereinigt wurden. Für die Ältesten haben die Daten nur noch eine geringe Vorhersagekraft. (Die schwach gefärbten Bereiche zeigen die mögliche Streuung an.) Vermutlich variiert die empfundene Einsamkeit in dieser Gruppe von Person zu Person stark.

Die Jugendlichen, die die Wissenschaftler der zweiten Gruppe zuordneten, hatten ein stark negatives Bild von sich selbst, ihrem sozialen Umfeld und ihren Beziehungen. Ihnen muss vermutlich auf anderem Weg geholfen werden; eine allgemein gültige Lösung gebe es aber nicht, sagt Lodder.

Doch es gibt auch viele Kinder mit guten sozialen Fähigkeiten, die sehr einsam sind. Pamela Qualter beobachtete Probanden im Alter von 8 bis 14 Jahren dabei, wie sie beispielsweise auf einem Spielplatz mit Gleichaltrigen interagierten. Die einsamsten Kinder, so das Fazit der Psychologin, verhielten sich dabei ähnlich wie andere Kinder – sie interpretierten die Interaktion aber anders. Eine Studie mit Collegestudenten bestätigte das Ergebnis: In Gesellschaft von guten Freunden verhielten sich einsame Studenten wie alle anderen. Später nagten jedoch häufiger Zweifel an ihnen, ob sie zu viel oder zu wenig geredet hatten.

Negative Gedankenschleifen

Forscher um Janne Vanhalst, ebenfalls an der KU Löwen, kamen 2015 zu dem Schluss, dass chronisch einsame Teenager möglicherweise einsam bleiben, weil sie soziale Situationen eher negativ beurteilen. Die Entwicklungspsychologin und ihre Kollegen hatten über vier Jahre hinweg 730 Jugendliche beobachtet. Dabei stellten sie fest, dass Studienteilnehmer, die sich dauerhaft einsam fühlten, soziale Ausgrenzung als besonders belastend empfanden. Interessanterweise waren sie aber auch weniger enthusiastisch, wenn sie eingebunden und etwa zu einer Party eingeladen wurden. Sie hatten dann eher den Eindruck, der Gastgeber wollte sie lediglich aus Pflichtgefühl und nicht aus Sympathie dabeihaben.

Forscher vermuten inzwischen, dass mangelndes Vertrauen bei jungen Menschen zur Entstehung von Einsamkeit beitragen oder diese aufrechterhalten kann. Kenneth Rotenberg und seine Kollegen untersuchten im Jahr 2010 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 5 bis 7, 9 bis 11 und 18 bis 21 Jahren, die Schwierigkeiten hatten, sich auf andere zu verlassen. Dabei entdeckten sie, dass die Einsamkeit der Teilnehmer in jeder der Altersgruppen mit der Zeit immer weiter zunahm. In einer der Untersuchungen baten die Wissenschaftler die Jugendlichen, eine Reihe von Begriffen auswendig zu lernen, die entweder mit Vertrauen (zum Beispiel »loyal«) oder Misstrauen (»unehrlich «) in Verbindung standen. Anschließend sollten sich die Probanden mit anderen Personen unterhalten. Teenager, die sich zuvor die positiven Wörter eingeprägt hatten, schnitten dabei mehr persönliche Gesprächsthemen an und hatten eher den Eindruck, sich gut mit ihrem Gesprächspartner zu verstehen.

Doch was lässt sich tun, um den Betroffenen langfristig aus ihrer Misere zu helfen? 2010 nahm der Internist Christopher Masi, der damals gemeinsam mit John Cacioppo an der University of Chicago forschte, die Literatur zu 20 verschiedenen Anti-Einsamkeits-Interventionen unter die Lupe. Manche zielten darauf ab, die soziale Kompetenz der Betroffenen zu verbessern, sie in Mentoring-Programmen zu betreuen, sie stärker sozial zu unterstützen oder ihre negativen Einstellungen, Gedanken und Bewertungen mit Hilfe von kognitiver Verhaltenstherapie abzubauen. »Im Schnitt führten alle 20 analysierten Maßnahmen zu einer Reduzierung von Einsamkeit, die kognitive Verhaltenstherapie zeigte jedoch die größte Wirkung«, lautete Masis Fazit.

Da Einsamkeit für Kinder und Jugendliche besonders folgenreich zu sein scheint, sollte man meinen, dass Wissenschaftler sich vor allem darauf konzentrieren, Hilfsangebote für die Jüngsten zu entwickeln. Das ist jedoch ein Irrtum, sagt Gerine Lodder: »Für Kinder gibt es noch nicht viel.« Wie schwer es mitunter sein kann, einsamen Heranwachsenden zu helfen, weiß der klinische Psychologe Ami Rokach von der York University in Toronto nur zu gut. »Kognitive Verhaltenstherapie funktioniert bei Teenagern dann, wenn ich es schaffe, die Eltern mit ins Boot zu holen. Wenn die Jugendlichen daheim signalisiert bekommen, sie seien nicht liebenswert oder man können niemandem trauen, dann ist das ein großes Problem.«

Für ältere Menschen sind in den vergangenen Jahren hingegen zahlreiche Methoden erprobt worden, mit denen sich die Einsamkeit vielleicht vertreiben lässt – seien es Roboter-Haustiere, Achtsamkeitstraining oder der Versuch, ihnen beizubringen, wie man per »Skype« kommuniziert. Die Betroffenen mit anderen Gleichaltrigen zusammenzubringen, kann ebenfalls eine effektive Maßnahme sein, um das Gefühl der Isolation zu reduzieren, berichtet der Psychiater Brian Lawlor vom Trinity College Dublin. Am erfolgreichsten sind allerdings auch hier Ansätze, die die kognitive Verhaltenstherapie mit einschließen. Das bestätigte 2016 etwa eine Untersuchung von Laurie Theeke von der West Virginia University. Die Forscherin untersuchte gemeinsam mit Kollegen 27 Probanden, deren Einsamkeit zuvor mittels der UCLA-Skala erfasst worden war. Anschließend nahmen die Versuchspersonen entweder zwölf Wochen lang an einer »LISTEN« genannten Gruppentherapie teil oder hörten Vorträge über gesundes Altern.

Reden hilft

In den Therapiegruppen, die aus drei bis fünf älteren Menschen bestanden, tauschten sich die Teilnehmer über Themen wie »Dazugehören« oder »Beziehungen« aus. Dabei lernten sie, manche ihrer negativen Annahmen über sich und ihr Umfeld noch einmal zu revidieren. Einem 83-jährigen Geschäftsmann im Ruhestand, der sich nutzlos fühlte, erklärten die übrigen Teilnehmer zum Beispiel, dass seine Fähigkeiten anderen helfen können. Daraufhin erstellte er einen Newsletter für ältere Menschen in seiner Nachbarschaft. Einer 65-Jährigen, die glaubte, kein Mann hätte Interesse an ihrer Gesellschaft, versicherten die Männer in der Gruppe, dass sie gern Zeit mit ihr verbrachten. Zwei Wochen nach dem Ende der Therapie gaben die LISTEN-Teilnehmer an, sich weniger einsam zu fühlen. Auf der Einsamkeitsskala erreichten sie beinahe ähnliche Werte wie nicht einsame Personen, so Theeke. Zudem war ihr Blutdruck gesunken. Die Probanden der Kontrollgruppe berichteten im Anschluss hingegen sogar von einer schlechteren Lebensqualität als zuvor.

Die Teilnehmer der Gruppentherapie gestanden sich selbst und anderen gegenüber ein, dass sie einsam waren. Doch nicht alle Betroffenen sind dazu in der Lage: Vielen fällt es schwer, zuzugeben, wie allein sie sich fühlen. Sie fürchten, dass andere dann denken könnten, mit ihnen stimme etwas nicht. Hier kann es helfen, im Rahmen öffentlicher Kampagnen auf das Problem aufmerksam zu machen und mit falschen Vorstellungen über Einsamkeit aufzuräumen, vor allem, was ältere Menschen betrifft. Denn allein der Glaube, es sei völlig normal, im Alter einsam zu sein, ist mitunter bereits schädlich. Das zeigt eine Untersuchung, die Christine Victor und ihre Kollegen 2016 mit über 50-Jährigen durchführten: Jene Versuchspersonen, die am Anfang der Studie erwarteten, später einmal einsam zu sein, fühlten sich acht Jahre später tatsächlich häufiger entsprechend.

Vielen fällt es schwer, zuzugeben, wie allein sie sich fühlen


FRANCESCOCH / GETTY IMAGES / ISTOCK

Einige der besten Interventionen nehmen daher nicht die Einsamkeit selbst in den Blick, sondern die Umstände, die mitunter für sie verantwortlich sind, erklärt Christine Victor. Ziehen sich Menschen aus gesundheitlichen Gründen zu Hause zurück, könnte es sich lohnen, sie in eine Gruppe einzubinden und so dazu zu animieren, die eigenen vier Wände zu verlassen, schlägt die Gerontologin vor. Fehlt es an Transportmöglichkeiten, müssen diese eben geschaffen werden. Victors eigene Mutter nahm einen Einkaufsservice in Anspruch, der eine Gruppe älterer Frauen einmal pro Woche zum Markt fuhr. Irgendwann begannen sie, Telefonnummern auszutauschen und sich anzufreunden. »Sie wären nicht im Traum darauf gekommen, einander auf der Straße anzusprechen«, so Victor.

Je mehr Wissenschaftler über Einsamkeit lernen, desto besser sind sie auch dazu in der Lage, jene Personengruppen zu identifizieren, die besonders gefährdet sind, einmal einsam zu werden. Ein hohes Risiko tragen beispielsweise Alleinlebende, Angehörige ethnischer Minderheiten, Menschen ohne Arbeit, mit Behinderung oder anhaltenden psychischen Störungen, wie eine Untersuchung von Mathias Lasgaard vom Forschungszentrum DEFACTUM und der Süddänischen Universität offenbarte. Es könnte es sich lohnen, speziell auf solche Menschen zugeschnittene Maßnahmen zu entwickeln.

Für chronisch einsame Personen ist die kognitive Verhaltenstherapie nach wie vor die Behandlungsmethode der Wahl. In Tierversuchen stellte sich laut Stephanie Cacioppo eine ergänzende medikamentöse Behandlung mit dem Neurosteroid Allopregnanolon, das an der Stressregulierung beteiligt ist, als viel versprechend heraus. Die größte Herausforderung liegt jedoch darin, chronisch einsamen Kindern zu helfen. Ami Rokach ist zuversichtlich, dass es auch für die Jüngsten irgendwann geeignete Interventionen geben wird. »Es ist machbar, erfordert aber viel Arbeit und Einsatz seitens Eltern und Lehrern. Viele sind sich des Problems einfach nicht bewusst. Sie sagen den Kindern: ›Geh doch einfach mal raus zum Spielen!‹« Aber das genügt eben nicht immer.

QUELLEN

Lodder, G. M. A. et al.: Loneliness in Early Adolescence: Friendship Quantity, Friendship Quality, and Dyadic Processes.In: Journal of Clinical Child &

Adolescent Psychology 46, S. 709–720, 2017

Luhmann, M., Hawkley, L. C.: Age Differences in Loneliness from Late Adolescence to Oldest Old Age.

In: Developmental Psychology 50, S. 943–959, 2016

Qualter, P. et al.: Trajectories of Loneliness during Childhood and Adolescence: Predictors and Health Outcomes.

In: Journal of Adolescence 36, S. 1283–1293, 2013

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1570796


ADAM PETTO / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)