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ISRAEL HAIE VOR HADERA: AUF DER SPUR DER KRAFTWERK-HAIE


TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2018 vom 11.05.2018

Dieser Spot vor Israels Mittelmeerküste ist eine Sensation! Vor einem Kraftwerk tummeln sich Drei-Meter-Haie. Was lockt die Raubtiere an? Wir haben Daniel Brinckmann nach Hadera geschickt, um dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen.


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Kein Tauchplatz, an dem man eine Sensation vermutet: Vor dem Kraftwerk versammeln sich im Winter Düstere Haie, und keiner weiß warum!


FOTOS: D. BRINCKMANN

Beeindruckend: Ein 3-Meter-Hai schwimmt in Armlänge an dem Taucher vorbei.


Riesige Düstere Haie, die im erhitzen Kraftwerkswasser vor Hadera leben, keine 20 Meter vom Strand entfernt und niemand weiß, wieso sie ...

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... dorthinkommen!“ Wenn das stimmt, was Adam Konstantinovsky von der israelischen Tauchsportbehörde mir zwischen Tür und Angel verraten hat, war ich einer Sensation auf der Spur. Das Abenteuer konnte beginnen!


Wir wollen herausfinden, was die Haie anlockt und warum besonders viele Weibchen nach Hadera kommen.
EYAL BIGAL
MEERESBIOLOGE


Keine drei Wochen danach sitze ich im Flieger nach Tel Aviv und keinen Tag später finde ich mich als erster Deutscher unter den Haien von Hadera wieder.

„Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt und lang und beschwerlich ist der Weg dorthin“. Ausgerechnet die Lieblingslitanei meines Geschichtslehrers kommt mir in den Sinn, als wir über Sand, Wiese, Bauschutt gen Strand marschieren. Doch nach dem 500-Meter-Spaziergang in voller Montur mit Extra-Gewicht, großem Tank und Kamera-Gerödel bringt das Wasser nicht die erhoffte Abkühlung. Üblicherweise liegt die Wassertemperatur Ende März bei knapp 20 Grad Celsius, doch hier, außerhalb der Küstenstadt Hadera und neben der Mündung des gleichnamigen Flusses, leiten Pipelines erhitztes Kühlwasser aus den Turbinen des benachbarten Orot-Rabin-Kraftwerks unter Hochdruck zurück ins Meer. Zwei riesige Wasserdüsen treiben einen 25 Grad Celsius warmen Whirlpool an, der nicht nur bei Tauchern hoch im Kurs steht.

Der erste Blick unter die Wasseroberfläche ist so ernüchternd, wie man es in einer Flussmündung eben erwartet. Eine brackige Erbsensuppe hüllt uns ein, und auf dem fünf Meter tiefen Grund des ausgewaschenen Sand-Canyons ist die Sonne zwischen den vorbeifliegenden Partikeln nur zu erahnen. Während der nächsten Minuten krallen wir uns am mit Angelhaken und -leinen gespickten Grund fest, der frappierend an den Düsseldorfer Rhein erinnert, und starren erwartungsvoll ins Grün. Bis sich die moderate Strömung plötzlich in pures Wildwasser verwandelt und einen Unterwasser-Sandsturm auslöst. Auf den panischen Blick hinunter aufs Gehäuse folgt die Begrüßungszeremonie aus dem Nichts: Eine fast einen Meter hohe Schwanzflosse wedelt mir aus nur einer Handlänge Abstand die nächste Sandwolke ins Gesicht. Meine aufgerissenen Augen folgen dem Düsteren Hai für eine Sekunde, was sich als Fehler erweist. Direkt Umdrehen wäre cleverer gewesen, denn kurz darauf schwimmt mich der zweite Drei-Meter-Hai praktisch über den Haufen, ohne auch nur mit der Flosse zu zucken. Wieder dauert die Begegnung nur vier, fünf Sekunden – so wie üblich vor Hadera. Und es bleibt auch eine von nur zwei Situationen, in denen sich ein Hai wirklich frontal nähert innerhalb von insgesamt neun Stunden Grundzeit an diesem Rohdiamanten von einem Tauchplatz. Wenn man ihn denn als Tauchplatz bezeichnen will.

Nach jahrelanger Erfahrung vor Ort folgt Eliran Ovadia vom Tauchshop Middle East Divers strikt seinem Bauchgefühl und mahnt zum Abwarten. Als sich zehn Minuten lang nichts tut, gibt er das Zeichen weiterzuziehen, zum nächsten Hotspot zwischen dem Grund und dem flachen Sandboden neben den Wellenbrechern. Genau dort werfen Hobby-Angler ihre Leinen aus, um die eine oder andere Brasse oder Bernsteinmakrele zu fangen, die mich daran erinnern, dass sich der Tummelplatz der Düsteren Haie tatsächlich im Mittelmeer befindet. Obwohl sie dort vermutlich niemals häufig waren. Zwischen 1928 und 2002 verzeichnete die Weltnaturschutzunion IUCN nicht mehr als 20 Funde im gesamten Mittelmeer – während der Hai-Saison in Hadera tummeln sich an einem durchschnittlichen Tag deutlich mehr Tiere im Kraftwerkswasser! Anderswo im Mittelmeer stolpern selbst Fischereiaufseher an Bord von Trawlern so gut wie nie über Vertreter dieser Art. Mit einer Länge von bis über vier Metern und einem Gewicht bis zu 347 Kilogramm zählen Düstere Haie zu den größten Grauhaien überhaupt und überflügeln damit sogar nah verwandte Schwergewichte wie Bullen- und Weißspitzen-Hochseehaie. Es ist unglaublich, dass diese seltenen Topräuber nur einen Steinwurf vor dem Strand von Hadera auf und ab schwimmen.

Bis zu 50 Düstere Haie kann man an guten Tagen vor Hadera beobachten.


FOTOS: D. BRINCKMANN

Wie es das Schicksal so will, stolpern wir beim Ausstieg über einen der zuständigen Biologen, der gerade seine Drohne in Startposition bringt. Schlussendlich verraten mich Akzent und das Kamera-Equipment: „Ach, du bist der deutsche Journalist, mit dem ich später noch ein Interview habe“, erwischt mich Eyal Bigal kalt. Der 32-jährige ehemalige Armee-Taucher feilt gerade an seiner Doktorarbeit mit dem völlig unkomplizierten Titel „Biomasse der Topräuber-Großfauna im Freiwasser des östlichsten Mittelmeeres“. Gleichzeitig ist er unter der Leitung von Dr. Dan Tchernov und Dr. Aviad Schneinin als Manager des Labors für Topräuber der Morris-Kahn-Meeresforschungsstation tätig. „Mit der Luftunterstüt-zung können wir uns nicht nur einen Überblick über die Anzahl der Haie verschaffen, sondern auch mehr über ihr Verhalten gegenüber Tauchern lernen“, erklärt er und deutet auf die markanten Schatten, die auf dem Display unter den Wellenkämmen hindurchgleiten.

STECKBRIEF DÜSTERE HAI

Der Schwarzhai/Düstere Hai (Carcharhinus obscurus ) zählt mit maximal 4,2 Metern Länge zu den größten Grauhaien überhaupt und lebt in warmen und gemäßigten Meeren. Die leicht zu verwechselnde Art ist für Tausende Kilometer lange, temperaturabhängige Wanderungen bekannt und hat ihre Verbreitungsschwerpunkte entlang der Ostküste der USA, in Südafrika sowie im Südwesten Australiens. Ihr nomadischer Lebensstil, ihre späte Geschlechtsreife mit etwa 20 Jahren und drei Jahre andauernde Schwangerschaftszyklen (Tragzeit bis zu zwei Jahre) machen die wenig wählerischen Jäger zu einer extrem verwundbaren Großhai-Spezies. So sind etwa die einst großen Bestände vor Florida längst kollabiert. Mit nur wenigen verbürgten Unfällen gelten Düstere Haie nicht als aggressiv, sollten aufgrund ihrer Größe aber mit Respekt behandelt werden.

Vor diesem Strand befindet sich der Tauchplatz .



Es ist erstaunlich: Obwohl der Bestand an Knochenfischen vor der israelischen Mittelmeerküste sinkt, steigt die Anzahl der Haie.
ADI BARASH
HAIFORSCHERIN


In Bigals Feldstation türmen sich Akustik- und Satelliten-Sender, Werkzeuge zum Implantieren von Chips unter der Haut, Spritzen zur Entnahme von Blut- und DNA-Proben und entsprechende Kühl- und Lager-Einrichtungen. Allesamt Mittel, um das Rätsel rund um die Versammlung der Düsteren Haie zu lösen, die im Mittelmeer eigentlich mit dem Status „Daten unzureichend“ charakterisiert sind. Woher kommen sie, wenn sie Anfang Dezember eintreffen, und wohin verschwinden sie Ende März? Warum kommen sie überhaupt in den Warmwasser-Whirlpool? Möglicherweise helfen ihnen die höheren Wassertemperaturen über den Winter. Oder das sauerstoffreiche Wasser aus den Düsen, welches den Haien mit Hochdruck in die Kiemenspalten und direkt ins Blut gepumpt wird, wirkt sozusagen als Dopingmittel. Auch das Vorkommen potenzieller Beute vor der eher fischarmen Küste könnte eine Rolle spielen. Viele Theorien, viele Zweifel.

„Zum aktuellen Zeitpunkt kann ich dir versichern, dass wir eine Menge offener Fragen und wenige Antworten haben, die unser Markierungsprogramm aber hoffentlich in Zukunft liefern wird“, sagt Bigal mit der für Wissenschaftler typischen und notwendigen Fakten-Bezogenheit. Während der Ausfahrten zwischen 2017 und dem 14. Februar 2018 wurden vor Ort 25 Düstere Haie mit bis zu 3,8 Meter Länge markiert, alles ausgewachsene Weibchen. Eine Kinderstube der Art ist in israelischen Gewässern jedoch nicht bekannt und auch, ob die Haie trächtig sind, ist bis jetzt nicht geklärt. „Das ist eine der offenen Fragen, aber wir haben noch viele grundlegende Basics zu klären – etwa, wie eine Umgebung, die so arm an Nährstoffen und Nahrungsquellen ist, einen ziemlich soliden Bestand großer Meeresräuber ermöglichen kann.“

Seine Kollegin Adi Barash von der Universität von Haifa hatte vor wenigen Jahren die allererste Studie an Haien in Israel auf den Weg und Erstaunliches ans Tageslicht gebracht: Etlichen Interviews mit Hobby-Fischern zufolge, stieg und steigt die Anzahl der Haie und Rochen im gleichen Maße, wie der Bestand „normaler“ Knochenfische seit Jahren abnimmt. Vor 30 Jahren wurden rund um das Kraftwerk kaum Haie beobachtet und heutzutage berichten Speerfischer und Taucher immer häufiger von Begegnungen entlang der gesamten Küste. Allerdings handelt es sich dabei um Sandbankhaie, die in israelischen Gewässern am häufigsten und hierzulande in Großaquarien beliebte Tiere sind. Sie waren es, die bis vor wenigen Jahren das Gebiet rund um das Kraftwerk dominiert hatten, ehe sich die größeren Düsteren Haie durchsetzten. Beunruhigenderweise fast verschwunden sind hingegen die früher auch hier recht häufigen Hammerhaie.

Neben der Bestandsaufnahme haben Barashs Forschungen eine wissenschaftliche Sensation ans Tageslicht gebracht: Verglei-che zwischen der DNA-Struktur lokaler Düsterer Haie mit Cousins aus dem West-Atlantik und dem Indopazifik legen den Schluss nahe, dass sich Mittelmeer-Haie mit aus dem Suezkanal eingewanderten Verwandten gepaart und so den Genpool erweitert haben. Geschützt werden müssen diese „Super-Haie“ jedoch trotz des Fangverbots, sodass die 40-Jährige vor zwei Jahren einen Aktionsplan zum Schutz von Haien und Rochen mitentwickelt hat, der striktere Strafverfolgung, verbesserte Gesetzesgebung und Schutz der Biotope vorsieht. „Leute kamen mit Trucks hierher, um Haie zu fangen, und haben ganze Wagenladungen voll in Gaza verkauft, aber selbst Hunderte getötete Tiere konnten den Bestand nicht aus den Fugen bringen – deshalb glaube ich, dass unser kleines Schutzgebiet das Verschwinden der Art im gesamten Mittelmeer verhindern kann.“

Auf der Karte sind sehr gut die beiden Wasserturbinen zu erkennen, vor denen sich die Haie aufhalten .


FOTOS: D. BRINCKMANN KARTE: GOOGLE MAPS

Der Parkplatz vor dem Strand dient als Basislager für die Taucher.


TAUCHEN VOR HADERA: DIESE TIPPS SOLLTEN SIE BERÜCKSICHTIGEN

Unser Autor Daniel Brinckmann hat viel Erfahrung mit Hai-Tauchgängen.


Die Düsteren Haie sind von Dezember bis März vor Hadera anzutreffen. Bei zweistellige Windgeschwindigkeiten, braucht sich niemand auf den Weg zum Spot zu machen. Gleiches gilt für Idealbedingungen am Wochenende, wenn der Platz von Tagesgästen überlaufen ist. Generell sind die Bedingungen am frühen Morgen am besten. Nach dem Marsch zum Strand – mit Extrablei, aber kleinem Tank – sollte man sich ein wenig Entspannung gönnen, um Luftverbrauch und Puls zu senken. Der Abstand zum Tauchpartner wird in erster Linie von der Sicht diktiert. Wer die Tiere nicht im Zentimeterabstand sehen möchte, hält weniger als eine Körperlänge Abstand zum Buddy (suggeriert dem Hai ein einziges großes Objekt) und nimmt beim Warten eine vertikale Körperhaltung ein. Ein Sandhaken zum Festhalten erleichtert bei entleertem Jacket die Lauerhaltung gegen die Strömung und schont den Luftvorrat. Unbedingt auf Angelleinen und -haken achten. Auf überraschende Nahbegegnungen aus dem toten Winkel muss man immer vorbereitet sein. Die Haie nähern sich recht schnell und meist im 45-Grad-Winkel, überschwimmen Taucher aber auch aus nächster Nähe. In solchen Fällen gilt es, ruhig zu bleiben und nicht mit Armen und Beinen zu rudern. Solo-Tauchgänge sind in Israel ebenso verboten wie Ködern. Auch andere Tricks zum Anlocken verbieten sich bei der Sicht. Bislang kam es in Hadera zu keinen ernsten Vorfällen, doch treffen dort viele Risikofaktoren zusammen: Tauchen kurz nach Sonnenaufgang in einer Flussmündung bei schlechter Sicht und starker Strömung, mit Bootsverkehr, Anglern und deren Ködern in nächster Nähe. Beim Auftauchen ist auf Kayaks und Jet-Skis zu achten. Trotzdem muss mindestens ein Taucher in der Gruppe eine Oberflächenboje mitführen. Sportsfreunde mit unter 70 Tauchgängen haben meiner Meinung nach nichts in Hadera verloren. Um es mit den Worten des lokalen Spezialisten Eyal Bigal zu sagen: „Du meinst, sie sind nicht gefährlich? Haie sind ja Fische. Und Tiger sind ja auch Katzen“.

Die Biologen bestimmen das Geschlecht der Tiere und bestücken sie mit Sendern.


Mit Drohnen werden die Haie aus der Luft beobachtet und gezählt .


Beim Tauchen kommen die Tiere bis auf Armlänge heran .



Wir möchten diesen Ort für alle frei zugänglich halten, aber keinen Massen-Hai-Tourismus!
SHIRA SALINGRÉ
MEERESBEHÖRDE ISRAEL


Um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und die Werbetrommel zu rühren, hat Adi Barash die populäre Facebook-Gruppe „Sharks in Israel“ ins Leben gerufen. Ihre Art, reißerische Berichterstattung im Keim zu ersticken und Journalisten zu erziehen ist liebenswert: „Wir schreien einfach Hai! Hai! Hai!, bis die Leute angeödet sind und das Thema ignorieren“, erzählt die Studentin lachend.

Heute steht Hadera vor gänzlich anderen Herausforderungen. An schönen Wochenenden stehen Schnorchler, Kanufahrer und Familien in der Hoffnung auf ein paar Rückenflossen Schlange. Und Taucher natürlich auch. Shira Salingré von der Natur-und-Park-Behörde ist das menschliche Bindeglied zwischen Tauchshops, Wissenschaftlern und der Regierung. Als Projektmanagerin der Meeresbehörde setzt sie sich für die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Parteien und der Tauchsportbehörde des israelischen Ministeriums für Kultur und Sport ein, um das Beste für die Tiere zu diskutieren. „Der Ort ist frei zugänglich und wir wollen auch, dass die Leute die Haie beobachten können – das ist eine wundervolle Sache“, meint sie. „Aber wir möchten, dass dies auf angemessene Art und Weise geschieht, weshalb wir eine Besucherplattform installieren wollen und ein grundsätzliches Fischerei-Verbot diskutieren.“ Mit den Tauchshops arbeitet man an einem Verhaltenskodex. Auf meinen Rat hat auch die Haischutz-Organisation Sharkproject bereits ihre Unterstützung zugesichert, um bei der nachhaltigen Nutzung des Platzes mit Rat zur Seite zu stehen. Schließlich ist dieser Spot bereits landesweit populär.

Auch wenn der milde Ostwind bessere Sicht verspricht: Beim nächsten Weg hinunter zum Strand kommen mir Gedanken an Massentourismus und die gefährliche Kombination aus unerfahrenen Tauchern, schwierigen Bedingungen sowie großen Haien in den Kopf. Tatsächlich hat sich die Erbsensuppe in blassblaue Fluten mit vier Meter Sicht verwandelt, sodass wir die Silhouetten der Haie schon vom Flachwasser aus im Canyon ausmachen können. Plötzlich finden wir uns sogar in einer Gruppe von fünf Tieren wieder, doch sie ziehen teilnahmslos ihres Weges. Wir folgen den Haien langsam dorthin, wo sie alle hinwollen: direkt in die Mitte des Stroms aus den beiden Turbinen. Myriaden Luftblasen und vorbeifliegende Partikel verleihen der reißenden Strömung über dem Kiesbett ein Gesicht. Wir tauchen in einem rauschenden Wasserfall. Mit dem kleinen Unterschied, dass jederzeit große runde Schnauzen mit starren Katzenaugen an den Seiten aus dem Nichts auftauchen können und es auch tun. Nichts für schwache Nerven! Fotos sind selbst mit Haken im Grund völlig unrealistisch, doch können wir während der Luft raubenden Eskapade wenigstens für Bruchteile einen Blick auf einen nervös wirkenden Sandbankhai werfen. Beim Verschnaufen im Flachwasser schrecken wir prompt zwei der riesigen Leoparden-Stechrochen auf, die sich als Einwanderer aus dem Roten Meer hier breitgemacht haben.

REISE-FACTS

Sehr zu empfehlen: das Ramada Hadera Resort.


ANREISE
Die junge Fluglinie Germania bietet mehrmals wöchentlich recht günstige Direktflüge nach Tel Aviv ab Berlin-Tegel, Düsseldorf, Hamburg und Nürnberg. Weitere Infos: www.flygermania.com
UNTERKUNFT
Einziges Hotel vor Ort ist das mit etwa 140 Euro pro Nacht nicht gerade günstige, aber wunderschön an einer Lagune gelegene Ramada Hadera Resort (www.ramadahadera.com). Zwischen Hotel und Kraftwerk liegen kaum zwei Kilometer Sandstrand und Dünen. Andere Unterkünfte wie Stadthotels in Tel Aviv und Privatzimmer können vom Tauchshop vermittelt werden.
SAISON
Anfang Dezember bis Ende März (je nach Wassertemperatur).
TAUCHEN
Die Hai-Tauchgänge in Hadera kosten bei den Middle East Divers im Küstenort Ashdod 130 Euro pro Tauchgang (mit Ausrüstung) und werden nach SSI-Richtlinien mit maximal zwei Tauchern pro Guide durchgeführt.
KONTAKT
Middle East Divers, Tel: +972/508861387 Website: www.wilddive.co.il.
Diese Reportage-Tour wurde von der Tauchsportbehörde des israelischen Kulturund Sport-Ministeriums unterstützt.

Nach Stunden kristallisiert sich auch das Verhaltensmuster der Düsteren Haie heraus: Ähnlich wie Flugzeuge, die in Warteschleife über einem ausgelasteten Flughafen kreisen, halten sich die Tiere rund um ihre persönliche Einflugschneise auf, ehe sie in den Canyon und schlussendlich in den Strom eintauchen. Mehr als eine Minute reinen Hai-Kontakt wird man während eines Tauchgangs kaum erzielen – mit einem über Jahre durch Köder und tägliche Taucherpräsenz entwickelten Hai-Streichelzoo à la Tiger Beach lässt sich Hadera aber nicht einmal ansatzweise vergleichen. Der Platz verfügt über kein vergleichbares kommerzielles Potenzial, weil die Bedingungen zu schwierig und wechselhaft sind, um eine touristische Entwicklung zu gewährleisten. Hai-Fans, die ausgiebige Begegnungen und echte Interaktionen zwischen Mensch und Fisch erwarten, sind mit einer günstigeren Safari zu den Hochseeriffen Ägyptens viel besser beraten.

Eliran Ovadia von Middle East Divers ist der Erste, der auf dem Kraftwerksparkplatz zugibt, dass die flache Sandküste bei Hadera zu launisch für Versprechungen ist – einen halben Meter Welle und die Sicht ist katastrophal. „Auch in der Hai-Saison kommen wir hier statistisch nur an jedem fünftem Tag ins Wasser.“

Hadera, so viel steht fest, ist nicht der nächste Traumspot für Hai-Fans, sondern ein Platz für Kenner, die einen der letzten bekannten Rückzugsorte großer Küstenhaie im Mittelmeer schätzen und ihre Bewohner respektieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Behörden alle Maßnahmen ergreifen, diesen außergewöhnlichen Hai-Spot auf eine nachhaltige Weise zu verwalten und dabei nie aus den Augen verlieren, welch große Verantwortung sie den Tieren gegenüber haben. Und wer will schon Massenbetrieb angesichts von zwei, drei Hai-Arten, die heute vor fast allen europäischen Mittelmeerküsten unmittelbar vor dem biologischen Aussterben stehen?

ONLINE-TIPP
Weitere Fotos, ein Interview mit Adi Barash und einen exklusiven Film über die Haie von Hadera finden Sie auf www.TAUCHEN.de.

ZUSATZ-TIPP: TAUCHEN UNTER EINER FISCHFARM

Sandbankhaie tummeln sich unter den Netzen.


Nicht nur in Hadera werden Haie beobachtet: Besonders in den Sommermonaten lockt eine Doradenfarm neun Kilometer vor der Küstenstadt Ashdod Sandbankhaie an. „Wenn die Tiere einmal auftauchen, bleiben sie oft längere Zeit“, erklärt Udi Levi vom Tauchshop Out of the Blu (www.outoftheblu.co.il), der in Kooperation mit der Fischfarm exklusive Tauchtouren dorthin sowie zum Kraftwerk bei Hadera anbietet. Allerdings halten sich die Haie meist unter den Fischkäfigen in 30 bis 40 Metern Tiefe auf. Wir berichten in einer der kommenden Ausgaben über dieses künstliche Biotop im offenen Meer und den Alltag der dort arbeitenden Meeresbiologen und Taucher.


FOTOS: D. BRINCKMANN (4), VIDEO-AUSSCHNITT: HAGAI NATIV, KARTE: FOTOLIA