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IST DA EIN GRÜNER KNOPF DRAN?


greenup - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 13.05.2020

Im Herbst 2019 wurde das erste staatliche Verbrauchersiegel für sozial und ökologisch produzierte Textilien eingeführt. Der „Grüne Knopf“ soll für Transparenz sorgen. Wir haben dazu mit Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller gesprochen


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Bildquelle: greenup, Ausgabe 8/2020

Im April des Jahres 2013 stürzt in Bangladesch das Gebäude einer baufälligen Textilfabrik ein. Über 1.100 Menschen sterben, 2.500 werden verletzt. Die Katastrophe von Rana Plaza hat sich tief ins kollektive Gewissen gebrannt. Als tragischer Gipfelpunkt des Leides, das die Textilarbeiter und -arbeiterinnen in Entwicklungs- und Schwellenländern erdulden müssen, hat sie ...

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... Spuren hinterlassen. Spuren, die sich nicht einfach beseitigen oder wegdiskutieren lassen. Doch es geht noch um mehr. Neben den teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und schlechten Gesundheits- und Sicherheitsstandards in den Textilindustrien sind es auch die ökologischen Probleme, die in den Fokus rücken. Zum Beispiel der Anbau von Baumwollpflanzen in Monokulturen, auf die ein Giftregen aus Pestiziden und Insektiziden niedergeht und welche obendrein gigantische Wassermengen benötigen. Oder die Behandlung von Textilien mit Chemikalien, die ungefiltert in Fließgewässer geleitet werden. Farbstoffe, Bleichmittel für Jeansstoffe, Weichmacher und Pflanzenschutzmittel gelangen ins Grundwasser und gefährden das Leben der Menschen und Tiere. Vor diesem Hintergrund hat sich das Bundesentwicklungsministerium das Ziel gesetzt, Textil-Lieferketten vom Erzeugerland bis zum Absatzort nach sozialen und ökologischen Kriterien zu überprüfen und zu bewerten. „Ich habe Angehörige der Opfer in Bangladesch getroffen“, erinnert sich Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller. „Rana Plaza war ein Schockerlebnis, das uns allen die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern vor Augen geführt hat. Vorher habe ich mir beim Kauf eines Anzuges in Punkto Nachhaltigkeit keine Gedanken gemacht. Aber seit dem Unglück von Rana Plaza war klar, dass wir in der Textilwirtschaft zu grundlegenden Veränderungen kommen müssen.“


EINE NÄHERIN IN BANGLADESCH VERDIENT 90 EURO IM MONAT


VOM FELD BIS IN DEN KLEIDERSCHRANK

Der erste große Schritt in diese Richtung erfolgte kurz darauf. 2014 wurde auf Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet. Die beteiligten 120 Unternehmen, Verbände und Organisationen erarbeiteten zusammen mit dem Entwicklungsministerium konkrete Maßnahmen zur weltweiten Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Beispielsweise werden Maßnahmen zur Zahlung existenzsichernder Löhne umgesetzt. 160 giftige Chemikalien werden aus der Produktion verbannt und bis 2025 sollen 70 Prozent nachhaltige Baumwolle eingesetzt werden. Im September 2019 führte das BMZ schließlich das staatliche Textilsiegel Grüner Knopf ein.
„Der Grüne Knopf ist nach dem Textilbündnis der nächste Schritt, dafür habe ich lange gekämpft“, so Müller. „Es mag schon andere Siegel geben, doch genau das ist das Problem. Bei den unterschiedlichen Siegeln blicken viele nicht mehr durch. Allerdings gibt es kein Siegel, das soziale und ökologische Standards sowie grundlegende Standards im gesamten Unternehmen umfasst. Genau das prüft der Grüne Knopf. Mein Ehrgeiz bestand darin, zu zeigen, dass dies möglich ist.“

In Zahlen ausgedrückt, berücksichtigt das neue Leitsiegel insgesamt 46 Sozial- und Umweltkriterien. Das Unternehmen „als Ganzes“ muss anhand von 20 Kriterien seine menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung nachweisen: Können die Näherinnen sich beschweren? Schafft das Unternehmen Missstände tatsächlich ab? Zusätzlich müssen für die jeweiligen Produkte wie T-Shirts, Bettwäsche oder Rucksäcke 26 weitere soziale und ökologische Kriterien eingehalten werden – von A wie Abwassergrenzwerte bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Externe Prüfgesellschaften wie TÜV Nord oder DEKRA prüfen diese Kriterien alle drei Jahre, wenn notwendig vor Ort. Jährlich werden zudem Stichproben durchgeführt. Aktuell werden die wichtigsten Produktionsschritte Färben und Bleichen sowie Nähen und Zuschneiden zertifiziert. Hier arbeiten über 70 Millionen Menschen. In naher Zukunft soll die Prüfung auch in den Bereichen Baumwollproduktion sowie Spinnen und Weben folgen.

Schneiden, nähen und verpacken für den globalen Norden: In einer Textilfabrik in China oder Bangladesch arbeiten häufig mehrere Tausend Näherinnen im Akkord


27 UNTERNEHMEN STARTEN

Zum Start machen 27 Unternehmen beim Grünen Knopf mit – querbeet vom Start-up bis zum großen Handelskonzern, darunter viele bekannte Namen. Manch einen mag erstaunen, dass sich neben Premium-Textilmarken auch Discounter wie Aldi, Lidl oder Tchibo den Prüfungsanforderungen des Grünen Knopfes stellen. „Wir wollen nicht nur wenige Spezialisten für den Grünen Knopf gewinnen“, unterstreicht Müller. „Wichtig ist, dass wir auch in die Breite, in die Masse kommen. Es gibt einige herausragende Unternehmen, die schon seit 20 Jahren vorbildlich am Markt agieren. Doch die sind bisher nicht über einen geringen Anteil am Gesamtumsatz hinausgekommen. Es liegt nun an der Gesamtbranche nachzuziehen. Denn der Grüne Knopf macht klar: Wer sagt, dass es nicht geht, der will einfach nicht!“

DAS SIGNAL: DU KANNST AUCH GÜNSTIG UND FAIR EINKAUFEN!

„An dieser Stelle sei klar gesagt“, fährt der Minister fort, „beim Einkauf einer Jeans in Bangladesch bezahlen fast alle denselben Preis, denn sie beziehen aus denselben Fabriken. Die Jeans kostet dort im Großeinkauf fünf Dollar. In Deutschland wird sie dann für 30 Euro oder 100 Euro verkauft. Wohlgemerkt: produziert in derselben Fabrik, mit denselben niedrigen ökologischen Standards und Löhnen. Die Näherinnen schuften oft 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche für einen Stundenlohn zwischen 14 und 40 Cent. Unmöglich davon zu leben! Eine Verdopplung würde schon reichen. Die Jeans würde sich nur um einen Euro in der Produktion verteuern. Man kann also nicht per se sagen, das günstige Produkt ist unfair und das teure fair produziert.“
Apropos Standards: Bei der Produktprüfung baut der Grüne Knopf auf anderen Siegel auf. Wer seine T-Shirts zum Beispiel bereits mit dem Fairtrade Textilstandard oder dem Global Organic Textile Standard (GOTS) hat zertifizieren lassen, der muss nur noch die 20 Unternehmenskriterien nachweisen. Auf diese Weise werden Doppelprüfungen durch die beauftragten Auditoren vermieden.
Die Reichweite des Grünen Knopfes ist im Übrigen nicht auf Deutschland beschränkt. Als globales Label entspricht das Siegel EU-Regeln und geht konform mit WTO-Recht. Es darf in anderen Ländern verwendet werden und Unternehmen im Ausland können es beantragen.

EINE GROSSE HERAUSFORDERUNG, EIN GUTER WEG

Das staatliche Textilsiegel Grüner Knopf, das bald noch sichtbarer im Handel zu finden sein wird, soll mittels eines unabhängigen Beirats kontinuierlich weiterentwickelt werden. Angestrebt wird insbesondere die Zahlung existenzsichernder, über den Mindestlohn hinausgehender Löhne an die Arbeiter. Für den Kunden soll es auf der anderen Seite einen QR-Code am Kleidungsstück geben. Wer ihn einscannt, erhält Auskunft darüber, wo und wie genau Pullover, Socken und Co. produziert wurden.

Johannes Großpietsch im Gespräch mit Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller


Bundesminister Dr. Gerd Müller sieht Akzeptanz und Wahrnehmung des Siegels durch den Verbraucher positiv: „Drei Viertel aller Verbraucher ist nachhaltige Mode wichtig. Fragen Sie beim nächsten Kauf eines Hemdes oder einer Hose im Laden einfach: Ist da ein Grüner Knopf dran?“

BEWUSSTER UMGANG MIT KLEIDUNGSSTÜCKEN

Der Grüne Knopf ist gut und schön. Natürlich müssen die Konsumenten darüber hinaus ermutigt werden, ihre Kleidung und sonstige Textilerzeugnisse möglichst lange zu verwenden. Slow Fashion ist en vogue! Sozial und ökologisch hergestellte Textilien sind schließlich um ein Mehrfaches nachhaltiger, wenn sie auch länger leben dürfen. Ein kaputter Reißverschluss lässt sich reparieren und ein cooles TShirt auch in zwei oder drei Sommern oder länger tragen. Gleichzeitig tragen Hersteller und Unternehmen eine große Verantwortung. Als da wäre die Pflicht, darüber nachzudenken, jährlich ein paar Kollektionen weniger auf den Markt zu bringen. „Im Durchschnitt kauft hierzulande jeder mindestens 60 Kleidungsstücke pro Jahr“, betont Müller. „Wertvolle Stoffe, in denen Energie und Handarbeit von Menschen steckt. Deswegen sind 20 Kollektionen im Jahr, möglichst billig produziert, der falsche Weg. Der Irrsinn wird auf die Spitze getrieben, wenn wir erfahren, dass unverkäufliche Teile der Produktion vom Markt genommen und verbrannt werden.“
Fazit: Der Grüne Knopf ist das erste staatliche Erkennungszeichen für ökologisch und sozial nachhaltig hergestellte Textilprodukte. Es liefert dem Verbraucher in jedem Fall eine wichtige Orientierung. Beim Einkaufen sollte jeder danach Ausschau halten – egal ob Bettwäsche, Hemd oder Rucksack. Gespannt sein dürfen Konsumenten auf die Infos zur Herstellung, die zukünftig per QR-Code bereitgestellt werden sollen. Grundsätzlich gilt aber, sich vor jedem Kauf die Frage zu stellen, ob dieses Kleidungsstück auch wirklich benötigt wird.


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