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„IST DAS DENN NORMAL?“


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familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 08.09.2022

K inderkönnen keine Ordnung halten, dafür aber die fantasievollsten Bilder der Welt malen. Sie haben keine Vorstellung, wie lang eine Stunde dauert, vermögen es jedoch, sich unbändig auf den Kindergeburtstag in einem Vierteljahr zu freuen. Sie können sich über ein lustiges Wort kaputtlachen und im nächsten Moment hemmungslos zu weinen anfangen. Manchmal können sie nicht eine Sekunde still sitzen bleiben und sind gleich darauf auch schon eingeschlafen. Ist das denn noch normal? Natürlich nicht! Zugleich aber: selbstverständlich! Auch deshalb faszinieren uns Kinder so sehr: Weil sie noch nicht gelernt haben, reibungslos zu „funktionieren“. Weil sie sich so der Logik von uns Großen einfach entziehen. Und weil sie sich nicht an Regeln halten, die für uns selbstverständlich sind. Dabei wollen wir unserem Nachwuchs ja gar nicht seine Freiheit rauben – und müssen ihm doch beibringen, in einer sozialen Gemeinschaft seinen Platz zu finden. Eine Gratwanderung, bei der die kleinen Entdecker uns ganz schön ratlos machen können. Und bei allem Verständnis, sind wir doch immer wieder mal versucht, zu fragen: „Ja, ist es denn wirklich normal, dass …?“ Zehn solcher Fragen haben wir hier aufgelistet und mithilfe der familie&co-Experten beantwortet. So manches Phänomen wird Ihnen sicherlich bekannt vorkommen.

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Drücken Sie ein Auge zu, wenn kleine Schlafwandler Sie besuchen. Kinder brauchen viel Wärme und Geborgenheit ? gerade nachts

Ist es normal, ...

1 … dass mein Kind sich bei den Nachbarn stets vorbildlich benimmt – zu Hause aber gleich darauf nicht mehr?

Zugegeben, es klingt paradox – aber es ist durchaus normal (übrigens auch unter Erwachsenen!), dass wir ausgerechnet unser „schlechtes“ Benehmen für unsere Liebsten aufheben. Ein Grund zum Ärgern ist das nicht, denn letztlich ist es ein Vertrauensbeweis: Nur da, wo wir uns wirklich angenommen fühlen, können wir uns so zeigen, wie wir sind: übermütig, ängstlich, albern – oder eben auch mal streitsüchtig und aufsässig. Wenn Sie also kopfschüttelnd feststellen, dass Sie es mit den eigenen Kindern schwerer haben als jeder andere, dann freuen Sie sich, dass Ihrem Kind Unsicherheit und Verlustängste Ihnen gegenüber fremd sind und es deshalb keine Konflikte mit Ihnen scheut. Wichtig: Vermitteln Sie, dass diese große Nähe auch besonders große Solidarität erfordert und dass die Familie ein Team ist, das zusammenhalten muss. Was ist schöner als zu erleben, dass Ihr Kind aus echter Überzeugung mit Ihnen an einem Strang zieht?

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Die beste Freundin ist wie ein Spiegelbild, das hilft, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Zum Teil ist der Kontakt sehr intensiv

2 … dass meine Tochter sich nur noch mit einer einzigen Freundin trifft – mit der aber quasi ununterbrochen zusammensteckt?

Die beste Freundin hat unbekannte Seiten und ist doch wie ein offenes Buch, erklärt die Diplompsychologin Angelika Faas: „Alles, was einen beschäftigt, kann man ihr haarklein anvertrauen und dabei sicher sein, dass sie es versteht und superinteressant findet. Bei ihr muss man keine Angst haben, sich zu blamieren oder kritisiert zu werden. Schon deshalb, weil es ihr meist ähnlich ergeht. Egal, ob es sich um Albernheiten, Freude oder Ängste dreht: Sie ist wie ein Spiegel, in dem man sich selbst erkennt. Und genau das wird in dieser Lebensphase gebraucht: ein Mensch, mit dem man sich identifizieren kann und von dem man sich am Abend auch wieder verabschieden kann, ohne ihn zu verlieren. Das hilft dabei, ohne Verlustängste ein eigenes Profil zu ent- wickeln. Schränken Sie den Umgang der beiden Freundinnen also nicht ein. Die Sorge, dass sie sich isolieren, ist vermutlich unbegründet. Sobald die Persönlichkeit sich mehr und mehr festigt, endet diese Phase von allein.“

3 … dass wir fast jeden Morgen unseren Dreijährigen in der Besucherritze unseres Ehebettes vorfinden?

Vor 150 Jahren hatten viele Kinder acht, zehn oder mehr Geschwister; sie lebten sozusagen in familieneigenen Kindergärten, schliefen im gleichen Zimmer und oft im gleichen Bett. Die Verhältnisse sorgten für jenen Körperkontakt, den Menschen – und ganz besonders Kinder – brauchen. Besuche im Elternschlafzimmer waren schlicht unnötig. Kinderpsychologe Ingo Würtl: „Ihr Sohn benimmt sich sehr ,normal‘! Wäre es nicht eher ungewöhnlich, wenn er die Nächte ausschließlich im eigenen Bett verbringen wollte? Und keine Sorge: Die Lust auf die Besucherritze verliert sich mit dem Älterwerden von allein. Genießen Sie es, dass Ihr Sohn Ihre Nähe sucht: Damit ist es früh genug zu Ende !“

4 … dass meine Tochter (7) morgens regelmäßig eine Szene macht, weil sie ihr Outfit nicht schick genug findet?

„Bin ich schön?“, „Was steht mir?“, „Wie möchte ich mich kleiden?“ – mit sieben Jahren ist man da oft noch ganz schön unsicher. Nichts gefällt so richtig, und die Unzufriedenheit mit sich selbst mündet nicht selten in Diskussionen mit der Mutter. Vor allem dann, wenn die es tatsächlich zu ihrer Sache erklärt, in welchem Outfit das Töchterchen zum Frühstück erscheint. Kinderpsychologe Würtl rät: „Helfen Sie Ihrem Kind, einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Lassen Sie es einfach mal selbst – mit den vorhandenen Sachen! – rumprobieren und halten Sie sich mit Kritik zurück, auch wenn das Ergebnis Sie mal ein wenig in Verlegenheit bringt. Am besten lernt man, wenn man Fehler machen darf!“

5 … dass Kinder beim Essen nicht still sitzen können und jeden Vorwand nutzen, um aufzuspringen?

„Jetzt bleib doch endlich mal ruhig auf deinen vier Buchstaben sitzen!“ – Kennen Sie diesen Satz noch aus Ihrer eigenen Kindheit? Es war eben schon immer so: Kinder sind neugierig, lebendig, voller Bewegungssdrang. Alles ist ungeheuer wichtig und nichts kann warten! So viel geballter Lebenshunger ist auch mit dem Hunger auf ein belegtes Brot nicht zu bremsen – das ist nicht nur normal, sondern auch gut so. Trotzdem haben wir Eltern recht damit, den kleinen Wirbelwinden zu vermitteln, wie wertvoll und schön ein Familienessen sein kann. Und dass dieses Erlebis nur zustande kommt, wenn nicht alle ständig zwischendurch aufstehen. Versuchen Sie es mit folgender Regel: Wer aufsteht, signalisiert damit, dass er fertig gegessen hat.

6 … dass unser Sohn (6) noch mit zehn Jahren jedes Fitzelchen Grün aus seinem Essen pult?

Wenn es um das Thema Gemüse geht, machen viele Kinder dicht. „Bloß keine Panik!“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Isabelle Keller und rät dazu, trotzdem nicht aufzugeben: „Sicherlich gibt es Gemüsesorten, die Ihr Sohn völlig ablehnt, bei anderen geht er vielleicht Kompromisse ein. Lassen Sie ihn möglichst viel mitbestimmen. Überlegen Sie gemeinsam, was in der nächsten Woche auf den Tisch kommt, und machen sich einen Spaß daraus, zu zweit zu kochen. Kombinieren Sie Lieblingsspeisen mit Gemüse. Treffen Sie Absprachen: Was auf den Tisch kommt, muss zumindest probiert werden. Und denken Sie an Ihre Vorbildfunktion: Mögen Sie wirklich gerne Gemüse, oder sind Sie selbst jemand, der häufig mal etwas an den Tellerrand schiebt? Kinder ahmen das Verhalten ihrer Eltern gern nach – wenn es ihnen in den Kram passt.“

7 … dass unser Sohn auch bei kleinen Wehwechen losheult und sich fast nicht mehr einkriegt?

„Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Charakteren auf die Welt und reagieren auch auf Wehwehchen entsprechend unterschiedlich. „Der eine sagt gelassen: ,Guck mal, Mama, ich hab mich geschnitten‘, ein anderer schreit bei jeder Schramme los, als müsse er verbluten“, sagt Psychologe Ingo Würtl. Ganz unschuldig seien die Eltern daran nicht: „Kinder lernen das meiste auf dem Wege der Nachahmung – auch wehleidiges Verhalten. Manchmal ist es aber auch das übertriebene Mitgefühl der Eltern, das den Nachwuchs zum Jammern verleitet. Sachliche Ruhe ist hilfreicher als Panik.“ Und wenn das Kind trotz aller Ruhe der Eltern bei jedem Wehwehchen losheult? „Dann warten Sie geduldig das Ende der Heulattacke ab – und trösten sich damit, dass Sechsjährige älter werden und sehr lernfähig sind“, so Würtl.

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Klamotten sind Geschmacksache ? warum nicht ausprobieren?

8 … dass unsere Tochter (5) praktisch nie aufhört, wahlweise etwas zu fragen oder zu erzählen – es sei denn, sie schläft?

Die Welt einer Fünfjährigen ist ganz schön kompliziert und unübersichtlich. „Kinder, die sich kreativ mit diesem Lebensgefühl auseinandersetzen, haben ständig eine Menge zu besprechen – vor allem mit ihren Eltern, bei denen sie auf Unterstützung und Orientierung hoffen“, sagt Angelika Faas. „Und weil noch keine sicheren Maßstäbe zur Verfügung stehen, um das Erlebte einzuordnen, drängt meistens alles auf einmal heraus. Beim Erzählen purzeln deshalb oft haargenaue Beschreibungen, abenteuerliche Interpretationen und absonderliche Übertreibungen wild durcheinander. Hören Sie geduldig zu, ohne zu unterbrechen – aber fühlen Sie sich nicht verpflichtet, auf alles immer gleich die perfekte Antwort zu finden. Schön sind Familienrunden, bei denen jeder berichtet, was am Tag passiert ist“, sagt Angelika Faas.

9 … dass das Zimmer unseres Sohnes (9) nach dem Aufräumen immer gleich wieder chaotisch aussieht?

„Dieses Phänomen ist der sichtbare Beweis dafür, dass das Kind alle Sachen ständig braucht, um seine Kreativität ungehemmt ausleben zu können. Dazu gehört auch, dass es eigene Ordnungskriterien findet“, erklärt die Psychologin Angelika Faas. Dabei gehe es auch darum, Kontrolle über das eigene Reich zu erlangen: „In der Kinderwelt wird nach eigenen Regeln gespielt, die wenig mit den Maßstäben der Erwachsenen zu tun haben. Oft ist das Chaos also auch ein Ausdruck dafür, dass ein Kind in seinem Innenleben mit einem Durcheinander beschäftigt ist. Allzu starkes Eingreifen bringt da nichts. Lassen Sie es bei groben „Sortierhilfen“ bewenden, etwa indem Sie fünf große Kisten aufstellen, in die alle Dinge hineingeworfen werden können, die ungefähr zusammenpassen.

10 … dass unsere Sechsjährige jeden Trick ausprobiert, nur um fünf Minuten länger aufbleiben zu dürfen?

In diesem Alter fällt es noch schwer, sich vom Tag mit seinen Eindrücken zu verabschieden. Meistens kommt noch eine diffuse Angst vor dem Übergang in die Nacht hinzu: Plötzlich ist man allein, es ist dunkel und still. Das Abschalten fällt schwer, weil Unverarbeitetes Kopf und Seele beschäftigt. Tricks zur Vermeidung des Zubettgehens sind wie Elemente einer symbolischen Nabelschnur, die eine Verbindung zur Familie darstellt. Kultivieren Sie Einschlafrituale: Schnüren Sie ein Paket mit allen Sorgen, und legen Sie es gemeinsam für die Nacht beiseite.

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Wohlfühlrituale helfen Kindern, den Weg ins Bett zu finden

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