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„Ist das nun Liebe?“


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 26.04.2021

60 Jahre verheiratet

Artikelbild für den Artikel "„Ist das nun Liebe?“" aus der Ausgabe 5/2021 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
FOTOS: (HINTERGRUND UND HISTORISCHES FAMILIENFOTO) © GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO; (HOCHZEITSFOTO) © GETTY IMAGES/LAURIE RUBIN; (OLDTIMER) © GETTY IMAGES

AUS: DER SPIEGEL (16. OKTOBER 2020); © DER SPIEGEL, JOCHEN-MARTIN GUTSCH

VOR EIN PAAR TAGEN fragte ich meinen Vater, was das Geheimnis einer langen, glücklichen Ehe sei. Wir saßen alle am Wohnzimmertisch im alten Haus meiner Eltern: meine Geschwister, meine Eltern und ich. Wir tranken Filterkaffee, es gab zwei Torten, Blumensträuße und ein Jubiläum zu feiern – den 60. Hochzeitstag, auch „diamantene Hochzeit“ genannt.

Im Internet fand ich, als ich nach einem passenden Hochzeitstagsgeschenk suchte, den schönen Satz: „Die diamantene Hochzeit zu feiern ist leider nicht vielen Paaren ...

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... vergönnt, deshalb sind auch keine speziellen Bräuche bekannt.“ Es klang wie die Beschreibung eines sehr seltenen Naturphänomens. Eine weitgehend unbekannte Welt, die nur die wenigsten Menschen je betreten. Quasi der Mond unter den Ehejubiläen.

Am 17. September 1960 haben meine Eltern geheiratet. In einer Kirche in Karlshorst, Ost-Berlin. Es gibt ein kleines Hochzeitsalbum, sorgsam eingeklebte Schwarz-Weiß-Fotos, darauf meine Eltern mit ungewohnt jugendlichen Gesichtern. Meine Mutter war 23 Jahre alt. Mein Vater 26. Als sie sich zum ersten Mal trafen, so erzählt es mein Vater, waren sie noch nicht mal volljährig: eine 15-Jährige und ein 17-Jähriger, die sich zufällig bei der evangelischen „Jungen Gemeinde“ begegneten. Seitdem gehen sie gemeinsam durchs Leben.

Es ist leicht, die Zahlen aufzuschreiben. Aber es fällt mir schwer, sie wirklich zu glauben. 60 Jahre Ehe? 60 Jahre immer dieser eine Mensch? 60 Jahre Kompromisse? 60 Jahre ein geteiltes Bett? 60 Jahre aneinander festhalten und nicht loslassen, selbst in den übelsten Tagen? Wie schafft man das?

SIE HABEN, SAGT MEINE MUTTER, NICHT UM SELBSTVERWIRKLICHUNG GERUNGEN

Die durchschnittliche deutsche Ehe hält rund 15 Jahre. Ich bin jetzt sieben Jahre verheiratet. Als ich heiratete, war ich bereits 41 Jahre alt – man kann nicht sagen, dass ich von meinen Eltern viel gelernt hätte, beziehungsmäßig. Frage ich meinen Vater nun nach dem großen Ehegeheimnis, dann sagt er: „Tja, mein Junge ... das Geheimnis ...“, und wirkt wie jemand, der noch nie lange darüber nachgedacht hat. Ist genau das vielleicht das Geheimnis? Einfach machen?

Es gibt unzählige Eheratgeber. Sie tragen Titel wie Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe oder Die 365 Geheimnisse der glücklichen Ehe. Der Entertainer Joachim Fuchsberger, 59 Jahre lang verheiratet, schwor auf die „vier großen V“: verstehen, vertrauen, verzeihen, verzichten. Das klingt nicht übermäßig sexy. Aber es sind Wörter, die zu meinen alten Eltern passen.

Sie wuchsen im Krieg auf. Meine Mutter floh im Winter 1945 auf einem Pferdeschlitten von Ostpreußen über das Frische Haff Richtung Westen. Mein Vater – dessen Vater tot an der Ostfront lag – floh vor den Berliner Bombennächten in ein Dorf nach Brandenburg. Womöglich erscheinen einem die Dinge besonders kostbar, wenn man als Kind dem Untergang entstiegen ist. Das Leben. Die Liebe. Die Familie.

Blättere ich jetzt durch das kleine Hochzeitsalbum meiner Eltern, fällt mir die Bescheidenheit auf. Die Feier fand zu Hause statt. Eine Kaffeetafel in genau jenem Wohnzimmer, in dem wir nun 60 Jahre später wieder sitzen. Die Hochzeitsreise? Eine Woche nach Bad Schandau in Sachsen.

Meine Hochzeitsreise führte später um die halbe Welt: nach Brasilien. Dort wohnt die Familie meiner Frau. Viele Hochzeiten, zu denen ich eingeladen war, fanden in Brandenburger Herrenhäusern oder mecklenburgischen Romantikhotels statt. Mit DJ, Pferdekutsche, Champagner, mehrstöckiger Hochzeitstorte. Die ganz große Show. Der manchmal sehr kurze Ehen folgten.

Frage ich meine Mutter nach dem Ehegeheimnis, dann sagt sie: „Wir hatten so viel zu tun. Na ja ... und plötzlich waren 60 Jahre rum.“ Es klingt, als wäre alles nur ein Zufall.

Meine Mutter fuhr nie Auto. Mein Vater hat selten gekocht. Man kann das altmodisch nennen. Meine Mutter, immer berufstätig, nennt es schlicht: Arbeitsteilung. Sie haben sich nicht groß am Zeitgeist gerieben. Das Leben war schon anstrengend genug. Drei Kinder, eine Zahnarztpraxis, zwei Berufe, zwei Häuser, zwei Gärten, der Mauerbau, der Mauerfall, Sozialismus, Kapitalismus.

Ein Satz, den ich von meinen Eltern nie gehört habe: „Ich brauche mal Zeit für mich.“ Vermutlich haben sie ihn zuweilen erschöpft gedacht. Aber sie haben sich, sagt meine Mutter, nicht ständig hinterfragt. „Gehören wir zusammen?“ Oder um Selbstverwirklichung gerungen oder Zeitkonten gegeneinander aufgerechnet. „Wie viel Zeit hast du mit den Kindern verbracht? Oder im Haushalt?“ Die Wir-Verwirklichung stand im Vordergrund. Das Leben in Symbiose.

Mein Vater sagt: „Man muss die Ehe und die Liebe ernst nehmen.“ Meine Mutter sagt: „Man muss tolerant sein.“ Also erträgt sie seit Jahrzehnten, dass mein Vater jeden Abend im Nebenzimmer laut Klavier spielt, während sie Fernsehen schaut. Er ignoriert dafür seit Jahrzehnten ihre „unqualifizierten“ Kommentare bei Fußballübertragungen. Meine Mutter redet gern und viel. Mein Vater hört viel zu. Also: wenn er will. Abends im Bett lesen sie sich dann gegenseitig aus Büchern vor – vermutlich bis zum Ende ihrer gemeinsamen Tage.

Mein Vater hat zum 60. Hochzeitstag keine Rede gehalten. Er hat eine Geschichte geschrieben und sie seiner Frau und seinen Kindern vorgelesen. Über ein Paar, das wir nur als unsere Eltern kennen. Er hat sich bei meiner Mutter bedankt. Er hat sich für sein Leben bedankt. All das Glück. Und am Ende hat er unsicher gefragt: „Ist das nun Liebe?“

Gatten, die sich vertragen wollen, lernen’s von uns beiden!

Wenn sich zweie lieben sollen, braucht man sie nur zu scheiden.

Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE, DT. DICHTER (1749–1832)