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IST DER WINTER NOCH ZU RETTEN?


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 12/2022

Ein Skifahrer fährt Ende Oktober im schweizerischen Davos auf einer Langlaufloipe aus Kunstschnee aus dem letzten Winter. Über den Sommer wurde der Schnee zu einem sieben Meter hohen Berg aufgeschüttet, mit einer 40 Zentimeter dicken Schicht aus Sägespänen bedeckt und für die neue Saison wieder auf der Loipe verteilt.

DIE SCHROFFEN GIPFEL RUNDUM SIND SO HOCH, DASS SIE DIE WOLKEN ZERTEILEN.

Eine Pistenraupe rollt im Rückwärtsgang einen Ballen weißen Stoff über den 13 Meter hohen Haufen verdichteten Schnees aus. Oben nähen sechs Mitglieder der Pistencrew mit einer tragbaren Industrienähmaschine die Stoffbahnen aneinander. Es ist Juni. Am österreichischen Kitzsteinhorn, einem der höchstgelegenen und kältesten Skigebiete der Alpen, strömt Schmelzwasser die Bergflanken hinab in die Felsschluchten. Doch oben auf dem Gletscher laufen schon die Vorbereitungen für die nächste Saison.

Selbst auf 3000 Metern kann man sich nicht mehr auf natürlichen Schnee verlassen. Also sichert sich das Team des technischen Leiters Günther Brennsteiner zusätzlich ab: Einen Monat lang hat es die Reste des diesjährigen Schnees zu acht haushohen Bergen zusammengeschoben, einige von ihnen so groß wie ein Fußballfeld. Nun verbringt das Team ...

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... einen weiteren Monat mit dem Abdecken der Schneeberge, um sie über den Sommer zu isolieren. Falls es zu Saisonbeginn zu warm für Neuschnee oder sogar zu warm für Kunstschnee ist, verteilen Kipplaster und Pistenraupen den alten Schnee wieder auf den Pisten.

Herauszufinden, wie man Schnee in diesen Mengen auf Vorrat hält, war ganz und gar nicht einfach, sagt Hannes Posch, einer der Arbeiter. Bevor die Crew anfing, die Stoffbahnen zusammenzunähen, rissen Windstöße sie manchmal auseinander und deckten die Schneeberge wieder auf. Manchmal fror der Stoff auch am Schnee fest.

„Was schiefgehen konnte, ging schief“, stellt Posch fest, während er einen Sandsack am Stoff befestigt. Einmal ließ im nahen Skigebiet Kitzbühel ein Blitz ein solches mit Stoff bedecktes Schneedepot in Flammen aufgehen. 30 Feuerwehrleute kämpften stundenlang gegen die Flammen. So wertvoll ist Schnee geworden. „Mit dem Klimawandel hat sich alles verändert“, sagt Brennsteiner. Er begann vor 31 Jahren seine Arbeit hier, im aus heutiger Sicht goldenen Zeitalter des Skifahrens.

Der Winter in der Alpen stirbt aus. Seit dem 19. Jahrhundert sind die Durchschnittstemperaturen in den Bergen um zwei Grad gestiegen – etwa doppelt so stark wie im globalen Mittel. Der Schnee fällt später und schmilzt früher. Insgesamt hat sich die Schneesaison in den Alpen laut einer wissenschaftlichen Analyse von Daten aus mehr als 2000 Wetterstationen um einen Monat verkürzt. Für viele der 14 Millionen Menschen, die in einer der am dichtest besiedelten Bergregionen der Welt leben, sind die Auswirkungen beängstigend. Die lokale Wirtschaft ist abhängig vom Schnee, der 120 Millionen Touristen pro Jahr anlockt.

Neben seiner Arbeit am Kitzsteinhorn ist Brennsteiner Bürgermeister von Niedernsill, einem Dorf mit 2800 Einwohnern am Fuß des Berges. Kaum eine Familie im Dorf ist nicht vom Winter abhängig, sagt er. Ohne Schnee könnte die Einwohnerzahl zusammenschrumpfen. „Wir hätten keine Kinder mehr im Kindergarten“, beschreibt er die befürchtete Abwärtsspirale. „Der Winter ist unsere Lebensgrundlage.“

Die Menschen, die in und von den Alpen leben, ergreifen drastische Maßnahmen. Geschätzte 100 000 Schneekanonen versorgen inzwischen den Skizirkus. Sie würden ausreichen, um ein Gebiet von der Größe Berlins und Münchens innerhalb weniger Stunden unter Schnee zu begraben. Auf manchen der rund 4000 Alpengletscher wird im Sommer das Eis mit Vlies oder Planen abgedeckt, um die beschleunigte Schmelze durch die Erderwärmung zu verzögern. In einem visionären Vorhaben wollen Schweizer Wissenschaftler einen Gletscher retten, indem sie ihn mit künstlichem Schnee besprühen. Einige dieser Methoden sind genial und verlockend, andere sind ökologisch und ökonomisch bedenklich. Alle aber sind geboren aus einer tiefen Sorge: Was wäre unser Leben hier ohne den Winter?

WIE GÜNTHER BRENNSTEINER und Fotograf Ciril Jazbec hatte ich das Glück, zu einer Zeit in den Alpen aufzuwachsen, als es noch reichlich Schnee gab. Ich erinnere mich daran, wie aufregend es war, meine kleinen Schuhabdrücke in den ersten Schnee der Saison zu pressen; an die roten Wangen meines Vaters, wenn er immer wieder von Neuem das Haus freischaufelte. Als mir meine Eltern die ersten Skier an die Füße schnallten, war ich keine drei Jahre alt.

Doch diese Zeit war nur ein Wimpernschlag in der Geschichte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden kalte, schneereiche Winter zu einem Segen für die Alpen. Davor waren sie eine schwere Bürde, im Volksglauben mit bösen Dämonen verknüpft. Meine Generation gehört zu den letzten, die noch aus Erzählungen wissen, wie schwer das Leben hier war, als noch alles von der Landwirtschaft abhing. Schnee bedeckte monatelang die winzigen Äcker. Lawinen donnerten aus den Bergen herab und begruben ganze Dörfer unter sich. Walter, eines der neun Geschwister meiner Großmutter, kam so ums Leben. Er war 24.

Wenn das Essen knapp war – und das war es meist –, wurden Kinder aus den ärmsten Gegenden der Alpen als Saisonarbeitskräfte vermittelt, meist von März bis Oktober. Als einen „kaum verhohlenen Sklavenmarkt“ beschrieb ein US-Journalist 1908 einen dieser „Hütekindermärkte“ in Friedrichshafen. Bis zu 400 Jungen und Mädchen, manche nicht älter als sechs Jahre, wurden dem Zeitungsbericht zufolge dort feilgeboten „wie Kälber oder Hühner“. Die Wanderschaft der sogenannten Schwabenkinder überlebte bis weit ins 20. Jahrhundert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ das Wirtschaftswachstum in ganz Europa eine erfolgreiche Mittelschicht entstehen – zunächst jedoch nicht in den Hochalpen. Die steilen Hänge machten den Bauern eine Expansion unmöglich. Sie konnten keine modernen Maschinen einsetzen, die den Bauern im Tal Wohlstand brachten. „Die Berglandwirtschaft stand plötzlich schlecht da“, erzählt Johann Wolf, der 1929 während des kältesten Winters seit Beginn der Aufzeichnungen im abgelegenen österreichischen Dorf Ischgl im Paznaun zur Welt kam. Einige seiner Geschwister verließen das Tal, er blieb.

Wintertourismus, dachten Wolf und andere Menschen im Dorf, war das Einzige, was sie retten konnte. In ihrer Verzweiflung verkauften sie ihr Vieh und nahmen Hypotheken auf ihr Land auf, um in eine Seilbahn zu investieren. Ischgl hätte alles verlieren können, doch das Wagnis zahlte sich aus. 1963 zog die Seilbahn erstmals Touristen die Berge hinauf und die Ortsansässigen aus der Armut. Überall in den Alpen vollzog sich ein ähnlicher Wandel.

Heute steht ein Vier-Sterne-Hotel auf dem Grund des 400 Jahre alten Hofes, auf dem Wolf geboren wurde. Es steht inmitten von Luxuschalets mit Whirlpools, noblen Restaurants und pulsierenden Nachtclubs.

Viele der Einheimischen sehen sich aber immer noch als bodenständige Bauern, die ihr Tal lieben. Wolfs Sohn Hannes und der 27-jährige Enkel Christoph stellen mir ihre Rinder vor. Herrmann, Kathi, Gitta und Lilly malmen auf einem der teuersten Grundstücke in den Alpen genüsslich ihr duftendes Heu. Die Familie würde sich niemals von ihnen trennen. „Wir wollen die Traditionen fortführen“, sagt Christoph Wolf.

Doch die Alpwirtschaft reicht nicht zum Überleben. „Ohne Winter wären diese Täler vollkommen verlassen und leer“, meint Hannes Wolf. 2020 bekam Ischgl einen erschreckenden Vorgeschmack auf eine solche Welt, als es zu einem der ersten Corona-Hotspots in Europa wurde.

EIN BIS ZWEI GRAD MEHR KÖNNEN ENTSCHEIDEN, OB NIEDERSCHLAG ALS SCHNEE FÄLLT – ODER ALS REGEN.

Ischgl-Urlauber waren damals an der Verbreitung des Virus in ganz Europa beteiligt. Die Pandemie brachte den Skitourismus überall in den Alpen zum Erliegen, Millionen Hotelbetten blieben leer. Doch der Klimawandel ist eine ernstere Bedrohung.

EIN ODER ZWEI GRAD mehr klingen vielleicht nicht dramatisch. Aber sie können darüber entscheiden, ob Niederschlag als Schnee fällt oder als Regen. Nur ein kleiner Temperaturanstieg – und es entstehen keine Schneeflocken mehr. Deshalb stecken die Alpen in ernsten Schwierigkeiten, sagt Yves Lejeune von der Wetterwarte am Col de Porte, 1325 Meter hoch in den französischen Alpen. Auf seinem Weg zur Arbeit kommt der Wissenschaftler an Le Sappey-en-Chartreuse vorbei, einem kleinen Dorf mit einer Kirche im Zentrum und Skipisten an den umliegenden Berghängen. Im Alter von fünf Jahren lernte er hier das Skifahren. Doch das Dorf liegt niedrig, auf nur etwa 1000 Metern. „Es ist vorbei“, sagt Lejeune unumwunden. „Vielleicht haben sie noch ein oder zwei gute Jahre, mehr nicht.“

Schon in den Achtzigern und Neunzigern gab es hier eine Reihe schneearmer Winter. Schneekanonen wurden zur ersten Verteidigungslinie der Alpen. In niedriger gelegenen Regionen schienen die millionenschweren Investitionen als Garantie für eine stabile Skisaison gerechtfertigt. Winter mit wenig Schnee hielt man für Ausreißer.

Lejeunes Daten beweisen, dass sie das nicht waren. Er deutet auf ein Diagramm, das die Schneetiefe am Col de Porte in den vergangenen 30 Jahren mit den 30 Jahren davor vergleicht. Die abfallende Linie zeigt, dass die mittlere Schneehöhe um 37,7 Zentimeter zurückgegangen ist. „Das ist viel“, sagt Lejeune. „Wirklich viel.“

Inzwischen ist die Erderwärmung in höheren Lagen angekommen. „Hätte jemand mir früher erzählt, dass wir hier jemals Schneekanonen brauchen würden, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Peter Leo, Leiter des Schneemanagements am Kitzsteinhorn. „Heute können wir ohne sie nicht mehr leben.“

Allein auf dem Kitzsteinhorn stehen 104 grasgrüne Schneekanonen strategisch an den Pisten verteilt. Jede wiegt und kostet so viel wie ein Kleinwagen. Als Leo eine von ihnen anwirft, ist er kaum noch zu verstehen. Mehrere ringförmige Kränze kleiner Düsen sprühen mit Luft vermischte Wassertröpfchen vor einen riesigen Ventilator. „Stark genug, um einen Menschen anzusaugen“, schreit er. Der Ventilator pustet sie in den Himmel. Beim Herabsinken heften sich Wassertröpfchen aus den inneren Kränzen an die Eiskristalle und bilden Schneeflocken.

AUF EINEM GLETSCHER wie dem am Kitzsteinhorn ist es schwer vorstellbar, dass winzige Schneeflocken so gewaltige Eismassen bilden konnten. Es war ein jahrhundertelanger Prozess: Jede frische Schneeschicht drückte auf die darunter liegenden, bis der Schnee sich zu Eis verdichtete und unter seinem eigenen Gewicht talwärts zu fließen begann. Im Winter häuft sich der Schnee an, und im Sommer schmelzen Schnee und Eis ab, überwiegend in niedrigeren Lagen. Wenn der Zuwachs im Winter den Verlust im Sommer übersteigt, kriecht die Gletscherzunge weiter ins Tal hinein; triumphiert der Sommer, zieht sich der Gletscher zurück. Seit dem späten 19. Jahrhundert befinden sich die Alpengletscher nahezu durchgehend auf dem Rückzug.

Der Schweizer Glaziologe Felix Keller hat eine Idee, wie man diesen Trend umkehren könnte. Keller wuchs in einem Dorf bei St. Moritz auf, der Geburtsstätte des Wintertourismus in den Alpen. Im nahe gelegenen Hotel Morteratsch zeigt er mir ein Schwarz-Weiß-Foto des letzten deutschen Kronprinzen Wilhelm, aufgenommen 1919, kurz nach seiner Abdankung. Der Prinz und seine Entourage stehen strahlend auf dem Gletscher, der bis direkt vor das Hotel reichte. Dickes Eis bedeckte das gesamte Tal.

An der Stelle, an der die Aufnahme gemacht wurde, haben sich seit Wilhelms Besuch vor 100 Jahren Lärchen und Kiefern breitgemacht. Im Spätsommer suchen Einheimische hier Pilze und Heidelbeeren. Der Morteratschgletscher hat sich mehr als 1,5 Kilometer talaufwärts zurückgezogen. Er ist von hier aus nicht mehr zu sehen.

Die Alpengletscher haben seit 1850 insgesamt zwei Drittel ihres Volumens eingebüßt. Sie schmelzen immer schneller. „Wenn wir nicht handeln, werden sie alle verschwinden“, sagt Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich. Mit „handeln“ meint er eine drastische Senkung der CO2-Emissionen.

Felix Keller hat eine weitere Idee. Sie kam ihm an einem milden Sommertag 2015 beim Angeln an einem See, der aus dem Schmelzwasser des Morteratschgletschers gespeist wird. Gletscherstaub trübte das Wasser, und die Forellen bissen nicht. Könnte man nicht einen Teil dieses Schmelzwassers hoch oben in den Bergen halten und wieder zu Eis machen, überlegte Keller. „Ich dachte, zehn Minuten später würde mir einfallen, warum das nicht funktionieren kann“, erzählt er. „Aber mir fiel nichts ein.“

Sein Freund, der Glaziologe Hans Oerlemans, der den Morteratschgletscher seit 1994 untersucht, gab der Idee noch den entscheidenden Dreh: Man könnte das Schmelzwasser in frischen Schnee verwandeln, der 99 Prozent des Sonnenlichts reflektiert und so das Eis im Sommer abschirmt. Oerlemans errechnete, dass der Gletscher sogar wieder wachsen könnte, wenn zehn Prozent der Fläche in dem Bereich mit dem größten Eisverlust bedeckt wären. Keller und er waren berauscht von der Einfachheit ihres Plans.

Für „MortAlive“, wie Keller und Oerlemans ihr Projekt nennen, bat Keller Forschende an Schweizer Universitäten, ein großes Seilbahnunternehmen und einen Hersteller von Schneelanzen (einem Typ von Beschneiungsanlagen) um Hilfe. Das Team entwickelte den Plan, sieben „Schneiseile“, Aluminiumrohre von je rund einem

Kilometer Länge, zwischen zwei Moränen an den Flanken des Morteratschgletschers aufzuhängen. Wasser aus einem höher gelegenen Schmelzwassersee, der sich Berechnungen zufolge bald an einem benachbarten Gletscher bilden würde, würde dann bergab durch die Schneiseile laufen, durch die patentierten Düsen verteilt werden und als Schnee auf den Morteratschgletscher fallen – alles ohne den Einsatz von Strom.

Auf einem Parkplatz der Diavolezza-Seilbahn beobachtete ich den ersten Probelauf eines Prototyps. Das Team hatte ein einzelnes Schneiseil mit sechs Düsen zwischen zwei Pfosten aufgehängt. An einer Stelle fror ein Rohr ein und musste ersetzt werden – aber das System funktionierte. Als die ersten Schneeflocken auf seinem Kopf landeten, hatte Keller Tränen in den Augen.

Bis zu diesem Test hatten die Forscher schon 3,7 Millionen Euro von der Schweizer Regierung, einer Bank und drei Stiftungen ausgegeben. Die Installation das gesamten Systems würde 160 Millionen Euro kosten, sagt Keller. Um es zu bauen, bräuchte er zudem die Genehmigung, in einem Schutzgebiet einen Tunnel zu graben. Und es würde etwa ein Jahrzehnt dauern, bis der erste Schnee auf dem Morteratsch verteilt werden könnte. Bis dahin wird sich der Gletscher Hunderte Meter weiter zurückgezogen haben.

Der ETH-Forscher Huss ist überzeugt, dass die Schneiseile nie zum Einsatz kommen werden, weil die enormen Investitionen seiner Ansicht nach zu wenig bringen würden. Selbst in einem moderat optimistischen Klimaszenario, so Huss, zeigen seine Simulationen, dass der Morteratschgletscher vor dem Ende des Jahrhunderts so gut wie verschwunden sein wird – mit oder ohne „MortAlive“.

Auch Keller weiß, dass dem Gletscher die Zeit davonrennt. „Wenn ich auf dem Sterbebett meinen Kindern und Enkelkindern erzählen kann, dass ich wenigstens versucht habe, etwas zu unternehmen, ist das besser, als zu sagen, ich habe immer nur über die Probleme geredet.“

SEIT 1850 HABEN DIE ALPENGLETSCHER ZWEI DRITTEL IHRES VOLUMENS EINGEBÜSST – UND SIE SCHMELZEN IMMER SCHNELLER.

IN EINEM GROSSTEIL DER ALPEN scheinen die Tage von Eis und Schnee gezählt. Das könnte auch im Flachland zu großen Problemen führen: Europas größte Flüsse Rhône, Rhein, Donau und Po beziehen in trockenen Sommern einen Teil ihrer Wasserführung aus Gletscherschmelzwasser. Schifffahrt, Energieproduktion und Landwirtschaft könnten in trockenen Sommern Probleme bekommen. Die Alpen jedoch werden weiterhin Europas „Wasserschlösser“ sein. Wolken werden auch in Zukunft an ihre Flanken stoßen und sich entleeren – und die reichen Länder werden vermutlich Wege finden, um ihre Wasserversorgung sicherzustellen.

Der Verlust des Wintertourismus könnte sich dagegen als größeres Problem erweisen. Ganze Kommunen ringen derzeit mit der Tatsache, dass ihre gesamte Existenz von etwas abhängt, das ihnen unter den Füßen wegschmilzt. Viele investieren nun mehr in den Sommer: in Mountainbike-Trails oder Wanderwege, Sommerrodelbahnen oder Klettergärten. Das Kitzsteinhorn verzeichnet einen Zustrom von Sommertouristen aus heißen Ländern wie Saudi-Arabien. Doch Sommertourismus gab es in den Alpen schon immer, und es wird schwierig, ihn so auszuweiten, dass er das Fernbleiben der Skigäste ausgleicht. Das französische Dorf Abondance in Hochsavoyen liegt auf 900 Meter Höhe und befindet sich mitten in diesem schwierigen Übergang. Als seine Skilifte 2007 den Betrieb einstellten, wurde es in einer Reportage nach der anderen als erstes Skidorf porträtiert, das dem Klimawandel zum Opfer fiel. Aber seine 1400 Einwohner waren nicht bereit, dem Skifahren Adieu zu sagen. 2008 wählten sie Paul Girard-Despraulex zum neuen Bürgermeister, der daraufhin sein einziges Wahlversprechen einlöste und die Lifte wieder öffnete.

Girard-Despraulex, der im Jahr des Seilbahnbaus in eine Bauernfamilie geboren wurde, hatte miterlebt, wie das Skifahren seinem Dorf den Wohlstand brachte. Doch als ein Investor mit dem Plan an ihn herantrat, Abondance durch den Anschluss an das Skigebiet Portes du Soleil zu einem riesigen Skiresort auszubauen, reagierte der Bürgermeister konsterniert. Diesem Plan nach hätte ein Teil des Berges weggesprengt und ein alter Tannenwald abgeholzt werden müssen. „Das wollten wir nicht“, sagt Girard-Despraulex.

Auch andernorts stoßen Pläne zur Erweiterung des Wintertourismus auf Widerstand. In Österreich unterzeichneten 160 000 Menschen eine Petition gegen die Zusammenlegung der Skigebiete Ötztal und Pitztal, für die ebenfalls ein Teil eines Berges gesprengt werden sollte.

In Abondance treibt Girard-Despraulex Alternativen zum Skitourismus voran. Neben seinem atemberaubend schönen Skigebiet bietet es im Winter Eislaufen auf einem natürlichen See und Schlittenfahrten an. Im Sommer setzt der Ort auf Mountainbiking und Wandern. Ein neues Museum ist dem Käse aus Abondance gewidmet, der nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Kürzlich ließ Girard-Despraulex das Dach der 900 Jahre alten Abtei neu decken, damit sie wieder gefahrlos für Besucher öffnen konnte. Im Kreuzgang zeigt er auf ein Wandbild der Hochzeit zu Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt haben soll. Mittlerweile hat eine Restaurierung die verblassten Farben des Weinwunders wieder zum Leuchten gebracht.

DURCH EIN WUNDER wird sich der Winter in den Alpen nicht retten lassen. Künstlichen Schnee herstellen, lagern, auf Gletschern verteilen – all das wird bestenfalls an einigen Orten für Aufschub sorgen. Die Schönheit der Alpen, um die Außenstehende die Menschen hier beneideten, schon lange bevor sie ihr Leben um schneereiche Winter herum organisierten, sie wird bleiben. Aber das Schwinden von Schnee und Eis bringt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch emotionale Einbußen sowie den Verlust von Kultur und Identität. Als der kleine Pizolgletscher südöstlich von Zürich derart zusammengeschmolzen war, dass er aus dem weltweiten Gletscher-Monitoring herausgenommen wurde, beklagten Einheimische und Umweltschützer seinen Untergang 2019 mit einer Trauerfeier. jAus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow

Nach Jahren der Berichterstattung in Asien kehrte die ÖsterreicherinDenise Hrubyin ihre Heimat zurück. Sie schreibt vor allem über Umweltprobleme in Europa. Der Slowene Ciril Jazbecfotografierte für unsere Juli-Ausgabe 2020 künstliche Gletscher im nordindischen Ladakh.