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Italien, wir kommen!


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Living at Home Edition - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 21.09.2022
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Bildquelle: Living at Home Edition, Ausgabe 1/2022

Flott unterwegs

Der schönste Weg, das Land zu entdecken? Stilecht im Fiat 124 Spider, einer italienischen Ikone. Da schaut sogar das Örtchen Certaldo bewundernd herüber.

Jetzttrinken wir ein Bier. Links erheben sich die W einberge, rechts fallen sie sanft hinab. Aber aus dem Zapfhahn in der kleinen Gewerbehalle in Radda in Chianti läuft frisches Dunkles ins Glas, und um eine 22 Jahre alte Münchner Studentin für das toskanische Landleben zu erwärmen, ist mir jedes Mittel recht. Craft Beer zum Beispiel, gebraut von Marco, Stefano und Giuliano, ehemaligen Schulfreunden aus dem Arnotal. Nach gemeinsamen Jahren voller Punkrock und Bier fingen die drei vor ein paar Jahren mitten in der berühmtesten Weinbauregion Italiens an, selbst zu brauen. Sie finden das normal. „Unser Bier“, sagt Marco, „ist genauso toskanisch wie der Wein.“ Während meine Tochter Francesca sich durch die fünf Sorten der Chianti Brew ...

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... Fighters probiert, studiere ich die Etiketten. Das Dunkle heißt „La Selva“, Wald – ein Begriff aus Dantes „Göttlicher Komödie“ und mit Bedacht gewählt, wie Marco erklärt. Dante war Florentiner, den dreien geht es um Wurzeln, ums Regionale. Die Brew Fighters versetzen deshalb nicht nur ihr Weihnachtsbier mit heimischem Kastanienhonig, sie drucken auch Verse des großen Dichters auf die Etiketten. „Ausgerechnet Dante“, sagt meine Tochter. Als halbe Italienerin ist sie in Turin zur Schule gegangen. Dantes „Divina Commedia“ hing stets wie eine dunkle Wolke über dem Wochenende, denn am Samstag wurden die Schüler abgefragt. In die Toskana wollte Francesca nie. Renaissance, Wein, Landurlaub? Langweilig! Es mussten ein paar Tricks her, um das Kind, das seine Wochenenden in Techno-Clubs verbringt, für die Reise zu motivieren. In den vergangenen 20 Jahren bin ich tausende Kilometer durch die Toskana gefahren. Ich bin besessen von dieser Landschaft. Immer wieder werde ich unterwegs die Hand vom Lenker nehmen und auf sanfte Hügel zeigen, auf das Flirren der Olivenhaine, auf Gewitterwolken, die irgendetwas mit dem Licht anstellen und alles zum Leuchten bringen. „Verstehst du jetzt, was ich meine, Franzi?“, rufe ich dann. Die zuckt mit den Schultern. „Wenn man einmal hingeschaut hat, reicht das doch“, findet sie.

ESPRESSO MIT KANINCHEN

Als Erstes fahren wir nach Prato, der vergessenen Nachbarstadt von Florenz. Was von Pratos krisengeschüttelter Textilindustrie überlebt hat, ist inzwischen ganz in chinesischer Hand. Wir röhren im Spider durch ein verregnetes Chinatown, vorbei an Wettbüros, Containern voller bunter Garnspulen, an überwucherten Fabrikruinen und dem Centro Pecci, einem Museum für zeitgenössische Kunst, das wie ein riesiger goldener Schwimmreifen neben einer Ausfallstraße ruht. „Krass!“, tönt es elektrisiert vom Beifahrersitz. Dann setzen wir uns bei Chiara Bettazzi, die in einer der stillgelegten Textilfabriken lebt, an den Küchentisch. Wir trinken Espresso und halten Willi im Arm, Chiaras Kaninchen. Chiara erzählt, wie sie Willi bei einem ihrer Streifzüge durch die verlassenen Industrieanlagen fand. Chiaras ganzes Leben dreht sich um Industriearchäologie; ihre Heimatstadt Prato ist für die Künstlerin eine einzige große Schatztruhe. Sie kartiert aufgegebene Spinnereien und E-Werke, lässt dort Kreative auftreten. Den vergessenen Krempel, den sie in den Ruinen findet, rostige Metallschränke, Fensterrahmen, Glaskolben, fügt sie zu Installationen im Wunderkammerstil zusammen und richtet sich damit ein. Ihr Loft sieht nach Brooklyn aus, doch im Hof steht eine Zypresse neben dem Fabrikschlot, dahinter grüne Hügel.

Die Toskana kann so überzeugend sein. Vor allem, wenn der Tisch gedeckt ist

Typisch Toskana

Schinken, Salami, der wunderbare Pecorino-Käse und Brot, das nach alter Tradition ohne Salz gebacken wird – Italien vom Feinsten.

Genießen

Erst in den 70er-Jahren wurde die Toskana zum Sehnsuchtsziel. Ihre Küche: einfachste, aber immer regionale Zutaten, fein und frisch, meist aus eigenem Anbau. Und viel selbst gemachtes Olivenöl.

Ganzo! “, sagen die "Leute hier. Es heisst soviel wie toll“"

Novole

Alles in dem kleinen Weiler bei Montanare (s. Foto) ist uralt und dezent restauriert. Drei Häuser kann man mieten, lässig eingerichtet mit alten Familienmöbeln und moderner Fotografie. Haus ab ca. 450 Euro/Woche, novole.com

Platz an der Sonne

Francesca entspannt auf der Mauer des Landgasthauses Novole.

„Aus einer untergegangenen Geschichte was Neues zu machen“, sagt Chiara, „finde ich ganzo!“

WARM UND ENTSPANNT

„Ganzo“ sagen sie nur in der Toskana. Es heißt soviel wie „toll“. Auch der alte Mann, den wir im Weinberg am Pratomagno treffen, spricht toskanisch. „Es klingt so warm und entspannt“, wundert sich Francesca, die ihm beim Abzwicken der Trauben hilft. „Wie soll man sich mit diesem Akzent jemals sauer oder wütend anhören?“ Später sitzen wir alle zusammen unter der Pergola. Der Mann dreht Zigaretten, meine Tochter isst entspannt ein Panino: roher Schinken auf ungesalzenem toskanischem Brot. Ganz langsam, denke ich, sickert die Toskana da gerade in jemanden ein.

WEIN, ÖL, OSTERIA

Ich bin zum ersten Mal am Pratomagno, diesem Bergrücken oberhalb des Arnotals. Einsam und waldreich ist er, ein Landstrich, aus dem die Menschen wegziehen. Aber wenn man genauer guckt, sieht man hinter den Dächern des Ortes Loro Ciuffenna einen glänzenden kleinen Weinberg liegen, einen gepflegten Olivenhain, ein Natursteinhaus mit salbeigrün gestrichenen Fenstern. Daniele, ein studierter Romanist, macht hier seit ein paar Jahren das, wovon auch ich heimlich träume: Wein, Öl und Osteria. Zur Osteria Sàgona gehört aufpoliertes Flohmarktmobiliar und eine Bedienung, die aussieht wie Amy Winehouse, nur glücklicher. In unserem Nachtquartier Novole kommen wir erst an, als es schon fast dunkel ist. Das ist schlecht, weil Lucio, der Hausherr, seinen bei Cortona einsam im Wald gelegenen Hof kaum beleuchtet. Er findet, das verderbe den Blick auf die Sterne. Über Kies und moosige Stufen tasten wir uns unserer Unterkunft entgegen. Novole war im Mittelalter mal ein Kloster. Uraltes Gemäuer, weinberankt, drinnen enorme Kamine und schiefe Steinböden. Lucio, Ex-Fotograf und Bio-Olivenbauer, vermietet darin Zimmer und Apartments. Francesca und ich teilen uns ein riesiges altes Ehebett.

Ich reiße die Fenster weit auf, damit die Nachtluft hinein kann. Dann schlafen wir sofort ein. Frühstück ist draußen am Steintisch, mit Kaffee, Keksen und frisch vom Baum gepflückten Feigen.

Auf Lucios Schulter sitzt eine zahme Elster und kreischt ihm ins Ohr, und dann steht auf einmal ein altes Pferd im Garten. Es heißt Foschia. Francesca füttert es mit Trauben. „Ich würde gern noch bleiben“, sagt sie, als ich meine Tasche zum Spider trage. Sie will Lucios Geschichten zuhören, in der Hängematte lesen, mit den Hunden spielen. „Wieso müssen wir denn ins Val d’Orcia? Wegen der Landschaft?“ Sie ahnt noch nicht, dass sie es sein wird, die noch am selben Abend ihr Workout bei Pienza ins Freie verlegt. Neben den Hotelpool. Zu Tech-House aus der Boom-Box wird sie ihre Dehnübungen machen, völlig versunken in den Anblick toskanischer Hügelketten un- ter rosafarbenen Sonnenuntergangswolken. Man muss halt flexibel sein, in jeder Hinsicht. Ohne den behänden Einsatz von Dario hätten wir es nicht ins Val d’Orcia geschafft. Bei ihm kommen drei Sachen zusammen: Er hat goldene Hände, eine Schwäche für italienische Oldtimer und einen Job in der Kfz-Werkstatt von Montisi. Als wir mit einem Anlasserproblem auf den Hof rollen, lässt er alles stehen und liegen und vergräbt sich im Fußraum unseres Spiders, wo er Kabel verbindet und immer mal wieder kurz auftaucht, um einen Kommentar abzugeben. Nicht zum Thema Fußball, wie in jeder anderen Autowerkstatt der Welt, nein, er spricht von Bellezza, von Arte und von den wunderbaren Kirchen in San Giovanni d’Asso, wo er zu Hause ist. Da merke ich wieder mal:

Strandleben

In der Beachbar Nano Verde in Piombino gibt‘s Bier aus kompostierbaren Bechern.

Dann mal los!

ÜBERNACHTEN

Agriturismo Novole: Drei Häuser kann man mieten, u. a. eine kleine Natursteinpreziose mit traumhafter Terrasse und Kamin. Ab ca. 550 Euro pro Woche, novole.com

Podere Cerreto: Der Agriturismo in den Hügeln bei Pienza liegt wunderschön mit Blick auf den Monte Amiata. Das Frühstück serviert Besitzer Gianni – frischer Pecorino, selbst gemachte Marmelade, Focaccia. DZ/F ab ca. 110 Euro, agriturismocerreto.com

Il Paluffo: alte Villa mit charmanten Zimmern, Kamin-Lounge, großem Garten und Bio-Schwimmteich mit Seerosen. DZ/F ab ca. 112 Euro, paluffo.com

ESSEN & TRINKEN

Sàgona: An den Wänden hängt moderne Kunst, auf den Tischen stehen Wiesenblumen, auf die Teller kommen geröstete Tomaten zu den Spaghetti oder glückliches Huhn mit Traubensauce. Dazu Weine und Olivenöl aus eigener Produktion. sagona.it

Il Sottomarino: Die Atmosphäre liegt irgendwo zwischen Schiffskombüse und Familienfest, junge Kellner eilen mit Fischsuppen und im Ganzen gegrillten Marmorbrassen hin und her. Via Terrazzini 48, Livorno

ERLEBEN

ypisch für die Toskana sind „freie“ Thermen in der Natur, wie zum Beispiel in Petriolo: Heißes, schwefelhaltiges Thermalwasser füllt natürliche Steinwannen am Ufer und ergießt sich ins Flussbett. Einfach eintauchen. Monticiano, Strada Provinciale di Petriolo

Die Menschen in der Toskana sind mir von allen in Italien die Liebsten. Sie sind überschwänglich, fröhlich, gesellig und haben einen Hang zur Anarchie.

Als wir dann am nächsten Morgen Richtung Meer brausen, und zwar durch die einsamen Wälder der Maremma, liebäugele ich mit einem Abstecher nach Santa Fiora, einem Dorf, in dem die Bewohner:innen traditionell Menschen helfen, die auf der Flucht sind. Egal, ob diese vor dem Finanzamt fliehen, ihrer Familie oder vor politischer Verfolgung. Aber dann fahren wir doch weiter nach Piombino ans Meer. Auch hier ist die Toskana unkonventionell: Treibholz statt Liegestuhlreihen, jeder breitet sein Handtuch aus, wo es ihm gefällt.

HAFENSTADT UND WEINBERGE

Das Brandungsrauschen vermischt sich mit den Bässen aus der Strandbar, wo ein DJ auflegt und Dreadlock-Frauen Bier aus kompostierbaren Plastikbechern trinken.

Francesca wirft sich neben einem Labrador in den Sand, murmelt: „Ich liebe das Meer“ und schließt die Augen.

Ich gucke auf rot-weiß geringelte Fabrikschlote in der Ferne und wundere mich, dass sie mich nicht im Geringsten stören. Auch in der großen Hafenstadt Livorno gibt es Schlote. In der Altstadt schleiche ich an grünlichen Kanälen entlang, an vernarbten Fassaden und vorbei an Kiosken, in denen Einwanderer aus Bangladesch an Kartoffelsäcken lehnen. Ein dicker Bettler trägt ein Versace-T-Shirt, und in der Trattoria Il Sottomarino spricht mich der rothaarige Kellner mit „bimba“ an, Kleine, dabei ist er höchstens so alt wie Francesca. Dann schleppt er eine Riesenschüssel Cacciucco an, Livorneser Fischsuppe auf Brot, und besteht darauf, dass wir Rotwein dazu trinken. Wo bleibt hier die Toskana? Meine Reisebegleitung zuckt mit den Achseln. Neu belebt federt sie durch die Gassen, guckt sich jeden einzelnen Passanten an, scheint Salzluft und Autoabgase förmlich zu inhalieren. „Das hier ist echtes Italien, Mami!“, bekomme ich erklärt. „Eine richtige Stadt! Ich kann ihre Seele spüren. Nicht wie in den aufgestylten Dörfern, in denen wir vorher waren.“ Es ist sehr früh am Sonntag, als wir nach Florenz zurückfahren. Über den Feldern löst sich der Nebel, auf den Pinien liegt erster Sonnenglanz. Unsere Schals flattern im Wind. „Eigentlich ganz schön, die Landschaft“, sagt Francesca heiter und betrachtet menschenleere Hügel, Weinberge, Olivenhaine. „Ich mag diese friedliche Stille. Ein bisschen so, als wenn man morgens um sechs aus dem Club kommt.“ So kann man es natürlich auch sehen.