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IT’S ABOUT HIM. DA S SCHWEIGEN DER SCHAT TEN


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digit! - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 29.10.2021

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Bildquelle: digit!, Ausgabe 5/2021

Greg Gorman, München 2021. Nikon D3s, ISO 400, 1/640 Sekunde, Blende 3,5, Nikkor 80-200 mm f/2.8 bei 112 mm

1968 lieh sich Greg Gorman die Pentax eines Freundes, um Jimi Hendrix in Kansas City zu fotografieren. Er hatte nicht viel Ahnung von fotografischer Finesse und belichtete seinen Tri-X einfach drauf los, 1/60 Sekunde und Blende 5,6. Der magische Moment kam in der Dunkelkammer: Als die leicht unscharfen Bilder in der Entwicklerschale Form annahmen, hatte er seine Berufung gefunden. Anfang der 1970er-Jahre hielt sich Gorman in Los Angeles mit Dienstleistungsjobs über Wasser, lieferte Fotomaterialien mit einem Laster an Grafikbetriebe aus. Nach Abschluss eines Filmstudiums fotografierte er Jungschauspieler/-innen für 35 Dollar Tagesgage, inklusive Entwicklung und Abzügen. Der Job als Grafikdesigner einer Filmfirma führte zu ersten Aufnahmen mit David Bowie und der Beschäftigung als Produktionsfotograf für Barbra Streisand. Hieraus entwickelten sich in kurzer Zeit Aufträge für die Begleitung der Drehs ...

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... zu „Tootsie“, „The Big Chill“ und „Scarface“.

Gleichzeitig entwickelte Greg mit seinem Freund, dem Gestalter Gary Johns, die erfolgreiche Werbekampagne des Brillenherstellers l.a. Eyeworks, deren Anzeigen mit Starportraits in Andy Warhols einflußreichem Magazin „Interview“ erschienen. Die Hollywood- und Popstars fanden schnell heraus, dass Gormans Portraits nicht nur gut beleuchtete Gesichter abbildeten, sondern Charisma und Aura gleich mit. Und während seine früheren Bilder stets reichlich ausgeleuchtet waren, fand Greg jetzt zu seinem eigenen Look: „Es zählt nicht, was du in den Highlights sagst, sondern was du in den Schatten verschweigst!“

Dieser Devise folgend, siedelte Gorman sein Erfolgsmodell im Dynamikbereich zwischen Licht und Schatten an.

Humor spielt eine große Rolle vor und hinter seiner Kamera. In einer Sequenz mit Mick Jagger und Bette Midler stellt er den Paparazzo-Überfall des Promi-Jägers Ron Galella auf den Stones-Frontmann augenzwinkernd nach, der im Pool lümmelnde Kevin Costner spuckt einen Wasserstrahl durch die Beine eines Models in Richtung Kamera. Michael Jackson ließ sich für sein Album „Thriller“ mit einem Schleier fotografieren, der an Edward Steichens Aufnahme der Schauspielerin Gloria Swanson erinnerte, und klebte sich die erstaunlich komplett abgeworfene Haut seiner Vogelspinne mit Gaffer Tape ins Gesicht. Gormans Bilder drehen sich um das Kino und werden oft von ihm beeinflusst. Ein Bild Arnold Schwarzeneggers aus dem Jahr 1985 ist gleichzeitig eine doppelte Marlon-Brando-Referenz: Die Motorradkappe auf dem Kopf erinnert an Brando in „The Wild One“ von 1953, Regie Lázló Benedek, die geschminkte Schwellung unter dem Auge an Elia Kazans „On the Waterfront“ aus dem Jahr darauf.

Greg Gorman wirft mit dem Buch „It‘s Not About Me“ und der begleitenden Ausstellung in der Münchner Galerie IMMAGIS einen retrospektiven Blick auf fünfzig Jahre Hollywood-Karriere. Neben der Liebe zur Fotografie baute Gorman zwischen 2006 und 2018 einen robusten Cabernet in Kalifornien an und ist seit seiner Jugend in Kansas begeisterter Sportfischer. Wir unterhielten uns in München über Angeln und Fotografie.

Thorsten Wulff: Wie hast du deinen persönlichen Stil entwickelt?

Greg Gorman: Mein guter Freund Antonio Lopez ist verantwortlich dafür, dass ich Akt fotografiere. In den frühen 80ern ging es mit meiner Karriere gerade richtig los, ich fotografierte die Werbekampagnen für Filme wie „Scarface“, „Tootsie“ und „The Big Chill“. Ich besuchte Antonio, er war Illustrator, oft in New York. Ziemlich stolz erzählte ich von meinen aktuellen Jobs, den Poster-Motiven für drei recht erfolgreiche Filme. Und ich erwartete, dass er sagt: „Hey, das ist super.“ Und er sagte: „Hey, das ist super. Aber was machst du für dich?“ Und da merkte ich, stimmt, ich fotografiere zwar coole Auftragsjobs für andere, aber eigentlich nichts, worauf ich selber wirklich Lust habe. Antonio fuhr fort: „Wenn du in diesem Geschäft Er-folg haben willst, musst du neben deinen kommerziellen Jobs auch Sachen fotografieren, für die du dich begeistern kannst!“ Das stimmte. Zwar machte ich das ein oder andere Portrait nebenher, aber die Grenze zwischen persönlicher Arbeit und Auftragsfotografie wurde dabei nicht überschritten. Ich folgte dem Rat Antonios und verließ meine Komfortzone. Ich rückte die Kamera ein Stück zurück, zog die Leute aus und feilte am Verhältnis heller zu dunklen Bildstellen. So begann ich um 1986 herum, Akt zu fotografieren.

TW: Wie lief die Arbeit mit Kinoproduktionen, zum Beispiel „The Big Chill“? („The Big Chill“, ein Komödiendrama von 1983, Regie Lawrence Kasdan. Eine Gruppe von Baby-Boomern trifft sich 15 Jahre nach dem Studium durch den Selbstmord eines der Freunde wieder.)

GG: Ich fotografierte drei bis vier Wochen am Set in Atlanta. Die Schauspieler sahen alle wie Hippies aus, schulterlange Haare und so weiter. Die ganze Vorgeschichte aus dem Studium hat es nicht in den Film geschafft. Kevin Costner wurde komplett rausgeschnitten, der Film zeigt ihn nur als Leiche, ohne Gesicht. Er sah verdammt gut aus damals, echtes Model-Material. (Greg zieht sein Telefon heraus und zeigt mir ein Bild des blutjungen Kevin Costner: Das ist aus „Big Chill“, erklärt er. Lawrence Kasdan hat für den Film dieses unglaubliche Ensemble zusammengestellt – Tom Berenger, Glenn Close, Jeff Goldblum, William Hurt, Kevin Kline, Meg Tilly und JoBeth Williams. Großartige Schauspieler! Tom Berenger und Kevin Kline stritten sich ständig um die Gunst des Mädchens aus dem Fischrestaurant, wo wir aßen. Und Kevin Costner sah sensationell aus.

TW: Du hast mit ihm auch das Poster zu „No Way Out“ von 1987 gemacht, oder?

GG: Ja, mit Kevin habe ich ein halbes Dutzend Filmposter gemacht … auch den Baseballfilm „Field of Dreams“ und seinen Western „Dances with Wolves“. Er ist ein toller Kerl.

TW: Du fotografierst viel auf Location?

GG: Ja, ich würde sagen, 80 Prozent der Filmposter sind an den Drehorten entstanden, der Rest, wie zum Beispiel „Pirates of the Caribbean“, im Studio.

TW: Wie ist die Arbeit mit Johnny Depp?

GG: Wir kennen uns eine ziemlich lange Zeit. Er ist großartig. Unsere erste Zusammenarbeit war für „Cry-Baby“, ein Film meines Freundes John Waters. Johnny ist ein wirklich guter Kerl, 90 Prozent der Geschichten, die über ihn im Umlauf sind, halte ich für Quatsch. Ich mag ihn wirklich sehr.

TW: Du benutzt statt Blitzen wieder Dauerlicht?

GG: Ja, es gibt dir ein natürlicheres Gefühl. Und sogar als ich die ganze Zeit Studioblitze benutzt habe, kaufte ich mir einen sündhaften teuren Arri-6K-HMI-Scheinwerfer. Das Teil kostete damals 30.000 Dollar, wird sehr heiß und wiegt eine Tonne! Ziemlich schwer zu handhaben, du riskierst, dir die Hand zu brechen oder einen Finger zu verlieren. Aber es ist sensationelles Licht, du hängst ein Diffusionstuch davor und die Frensnellinse erledigt den Rest. Beim Blitzen hast du immer das Problem, dass du trotz Einstelllicht den Lichteinfall nicht exakt kalkulieren kannst. Heute benutze ich LED-Lampen der englischen Firma Rotolight, die sitzen direkt in den Londoner Pinewood Studios. Für meine Portraitfotografie benutze ich die Titan X1 ( www.rotolight.com/titanx2). Die Lampen haben eine Smartsoft genannte Funktion, mit der du Fokus und Diffusion regeln kannst. Ein genialer Effekt, du kannst eine virtuelle Softbox einfach über einen Drehregler justieren. Die Lampen haben eine erstaunlich hohe Lichtausbeute, die Farbtemperatur ist auch stufenlos verstellbar.

TW: Du synchronisiert die Farbtemperatur mit deiner Kamera?

GG: Ich beleuchte normalerweise mit 5.500 Grad Kelvin und stelle die Kamera auf den gleichen Wert ein. Damit bekomme ich eine neutrale Farbbalance.

TW: Du entspannst dich beim Fischen, wo angelst du am liebsten?

GG: Ich bin viel unterwegs. Als ich in Kansas aufwuchs, angelte ich vor allem Barsche, in Florida fische ich Forellenbarsche. Momentan bin ich gerne an der Ostküste und angele Rotbarsch. Lustigerweise war ich zum Angeln in Beaufort, South Carolina, genau da, wo damals „The Big Chill“ gedreht wurde. Ich bin sogar eines Nachmittags rübergefahren und habe mir das Haus angesehen, es ist jetzt eingezäunt und in Privatbesitz. Natürlich ganz anders als damals.

Wir fahren mit dem speziell für die flachen Gewässer dort gebauten Boot von Rob Alexander, unserem Skipper, früh morgens los. Gegen 6 sind wir auf dem Wasser und mittags zurück. Das ist, als wenn du Tiere in Afrika fotografieren willst, da gehst du auch entweder morgens um 4 oder 5 los oder zu Sonnenuntergang. mittags ruhen sich die Tiere im Schatten der Bäume aus, und das Licht ist übel. Wir fischen, indem wir über die Position der Rückenflosse schätzen, wo der Kopf des Fisches ist. An dem wirfst du dann ein Stück vorbei und hoffst, deine Sehne nicht an der nächsten Austernbank zu durchtrennen. Es ist etwas anspruchsvoll, aber macht enormen Spaß.

TW: Woran arbeitest du momentan?

GG: Ich muss dir mein neues Projekt zeigen. Es wird dich vielleicht überraschen, denn es sieht erst mal nicht nach Gorman aus! Das aktuelle Buch, „It‘s Not About Me“, habe ich zusammen mit meinem alten Freund Gary Johns gestaltet. Wir kennen uns seit den 70er-Jahren. Als der Lockdown kam, hatte ich eine neue Kamera, die Fujifilm GFX100, und die neuen Rotolights, aber niemanden zu fotografieren. Ich konnte ja wegen Covid niemand in mein Studio einladen. Nun habe ich da diese ziemlich umfangreiche Sammlung afrikanischer Stammeskunst. Ich sammle schon ziemlich lange, zum Beispiel habe ich welche aus einem Museum für afrikanische Kunst in Hamburg. So begann ich also, diese kleine Voodo- und Fetischfiguren zu fotografieren, als wären sie Models. Ich setzte sie auf ein Säckchen Reis und einen Drehteller und beleuchtete sie mit den Rotolights. Wir spielten sogar Musik für die Puppen, es war großartig.

TW: Was für Musik?

GG: Das kam auf die Puppen an, meistens Jazz und manchmal auch etwas mehr Up-tempo. Chet Baker und Miles Davis, meine Helden. Es war eine Herausforderung für mich, ich hatte immer gesagt: Ich fotografiere nichts, das sich nicht mit mir unterhalten kann. Als ich anfing, die Figuren zu fotografieren, merkte ich, dass ich durch ihre geringe Größe und die resultierende geringe Schärfentiefe gezwungen war, pro Motiv 20 Aufnahmen zu machen und die dann in Photoshop per Fokus-Stacking zu einem durchgehend scharfen Bild zu verschmelzen. Das Ergebnis sah dann aber eher wie ein Museumskatalog aus. Hier kam Gary ins Spiel, er gestaltete jede der etwa 160 Seiten des Projekts. Seine Leidenschaft ist Straßenfotografie, nicht Passanten, sondern Streetart, Graffiti, Formen und Farben. Diese kombinierte er mit meinen afrikanischen Figuren. Manchmal war unter diesen Ebenen von meinen Aufnahmen nicht mehr viel zu erkennen, das Endergebnis war eher vom Modernismus und Kubismus des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Vielen ist unbekannt, wie stark der Einfluss afrikanischer Kunst auf die Arbeit von Malern wie Magritte und und Picasso war.

Dieses Projekt, „African Case Studies“, Afrikanische Fallstudien, war etwas völlig neues für mich.

TW: Welche Kameras bevorzugst du?

GG: Zum Blitzen nehme ich Canon, für Available Light oder meine LEDs bevorzuge ich Sony. Und die Fuji, wenn ich große Dateien brauche.

Meistens bin ich sehr dicht an der Person dran, das war immer mein Stil. Manchmal möchte ich mit der Kamera mehr Abstand zum Subjekt gewinnen, aber das gelingt mir nur selten. Auch weil ich glaube, dass Portraits auf größere Distanz an Intensität verlieren. Im Scherz sage ich immer, das 85 mm (bei Kleinbild) sei mein Normalobjektiv. Den Teilnehmern meiner Kurse rate ich stets: Fangt nicht nah dran an und zoomt dann heraus, geht lieber einen Schritt zurück und zoomt herein. Eine längere Brennweite ist meistens besser für Portraitfotografie.

Von den Fujifilm-Objektiven liebe ich das 250er und das 120er- Makro. Das 110er ist ein besonders gelungenes Objektiv. Seine Abbildungsleistung erinnert mich an den Stil Irving Penns.

Auf diese Reise habe ich nur meine Sony A7R4 mitgenommen und mein 70-200 Blende 4. Klein und leicht. Das „African Case Studies“- Projekt habe ich mit der ursprünglichen GFX100 fotografiert, und die GFX100S (digit! 3-2021), die ich wirklich liebe, dazugekauft. Überhaupt nicht schwer. Nicht so schwer wie deine Nikon.

IT‘S NOT ABOUT ME DAS BUCH:

24,6 x 31,4 cm, 416 Seiten TeNeues 80 €

DIE AUSSTELLUNG: IMMAGIS ART PHOTOGRAPHY

Blütenstraße 1, 80799 München Mobil: +49 151 41935868 · E-Mail: welcome@immagis.de Bis zum 15.12.2021

Di. bis Fr. 14:00 - 18:00 Uhr · Sa. 11:00 - 14:00 Uhr.