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JA, DU DARFST ERSCHÖPFT SEIN


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emotion - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 03.11.2021

Vor Kurzem erzählte mir eine Freundin, sie habe einen Pandemie-Burn-out. Eigentlich möchte ich mich schon seit Wochen mit ihr verabreden, aber sie hat mich immer vertröstet. Die Pandemie habe sie geschafft, sagt sie. Da sie allein lebt, war für sie das Homeoffice, der immer gleiche Küchentisch mit den immer gleichen Kaffeeflecken, eine echte Qual, sie vermisste die Kolleginnen. Dazu musste sie sich um ihre gesundheitlich angeschlagenen Eltern kümmern, jeden Tag mit ihnen telefonieren, Einkäufe vorbeibringen. Und sie vermisste ihre Freundinnen, die sie kaum sehen konnte, und hatte die Nase voll von den aerosolfreundlichen Treffen an der frischen Luft, bei Kälte und Nieselregen. „Wenn die Pandemie vorbei ist, gehe ich nie wieder spazieren“, erklärte sie. Bis jetzt hat sie sich daran gehalten. Sie ist müde und kann sich zu nichts aufraffen. Freudlosigkeit ist etwas, das ich so noch nicht an ihr ...

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... kannte.

Wahrscheinlich war die Corona-Krise für viele von uns so etwas wie ein Katalysator. Wer eh schon erschöpft und am Limit war, ist durch die Pandemie, die hoffentlich bald vorbei sein wird, noch stärker ausgelaugt worden. Bei vielen Menschen sind die Ressourcen jetzt endgültig verbraucht, bei der alleinerziehenden Mutter ebenso wie bei der Studentin, die die Uni nur noch aus Online-Vorlesungen kennt. Selbst die Überlegung, wie sich Energien wieder auffüllen lassen, bedeutet für viele nur eine weitere mentale Anstrengung. Einen Yoga-Kurs suchen? Ein Hotel im Schwarzwald für ein verlängertes Wochenende buchen? Klingt zwar gut, ist aber ja wieder Arbeit, die noch obendrauf kommt zum ganz normalen Kampf gegen die Schwerkraft des Alltags. Auch Selbstfürsorge kann anstrengend sein, zumindest auf den ersten Blick.

Das überall vorherrschende Gefühl der Weltbrüchigkeit zermürbt uns

Die Erschöpfung hat auch damit zu tun, dass wir vermehrt Angst und Unsicherheit aushalten müssen. Wir erleben gerade eine grundsätzliche Verun sicherung, ein Welt-aus-den-Fugen-Gefühl. Bei mir wird dieses Gefühl der Weltbrüchigkeit zum Beispiel sofort wieder aktiviert, wenn von gefährlichen neuen Virus-Mutanten die Rede ist. Ähnlich erging es mir kürzlich, als der Weltklimarat seinen neuen Bericht vorgelegt hat.

Es ist dieses Gefühl von Ohnmacht, das nur schwer auszuhalten ist. Wir versuchen, ein paar Nanoteilchen zu verändern, bewusster und nachhaltiger zu leben, gleichzeitig müssen wir immer mehr lernen, Dinge einfach geschehen zu lassen. Denn die Verunsicherung ist überall und sie zermürbt uns – auch jenseits von solchen Themen wie dem Klimawandel und der Pandemie. Partnerschaften und Familien zerbrechen, Unternehmen gehen pleite, Jobs fallen weg. Wie kommen wir aus dieser Erschöpfung heraus?

Was nicht hilft, ist, sie kleinzureden, sie als nicht Selbstbild-kompatibel abzulehnen, weil wir nicht schwach und wehleidig erscheinen wollen – vor uns selbst, vor anderen. Es ist völlig legitim, wenn wir uns traurig, wütend und erschöpft fühlen. Wenn wir jetzt noch unserer inneren Kritikerin in die Arme laufen, steigert das nur die Erschöpfung. War meine Nachbarin, Mutter von zwei Söhnen und Vielarbeiterin, in der akuten Corona-Krise nicht viel cooler als ich, ist sie nicht eher wieder Bahn gefahren, hat Freundinnen zu Hause getroffen? Und überhaupt: Schafft sie es nicht viel besser, mit dem täglichen Schlamassel umzugehen? Einspruch! „Cool“ ist hier die falsche Kategorie, denn solche Vergleiche setzen mich nur selbst herab.

Das Fiese an der Erschöpfung ist, dass sie ansteckend wirken kann. Dann gibt es so etwas wie einen Verstärker-Effekt. „Wir holen uns in unserer Frustration Bestätigung von anderen, etwa Freundinnen und Kolleginnen, denen es ähnlich schlecht geht wie uns“, sagt die Psychologin Ilona Bürgel. „Wir suchen das, was wir hören wollen, um uns mit unseren negativen Gefühlen nicht allein zu fühlen.“

Auch meine Freundin hat diese Neigung, sich von Leidensgenossinnen Bestätigung zu holen – wenn sie überhaupt mal die Energie hat, jemanden anzurufen.

Die Soziologin Franziska Schutzbach untersucht in ihrem neuen Buch „Die Erschöpfung der Frauen“, warum wir uns so oft ausgebrannt fühlen, auch jenseits der Pandemie. Sie schreibt: „Frauen können heute berufstätig sein, Karriere machen, in die Politik gehen, sie können Sex mit verschiedenen Partner*innen haben und ein emanzipiertes Leben führen. Das bedeutet aber auch: Von ihnen wird nun Perfektion in noch mehr Bereichen erwartet. Der Druck, es allen recht machen zu müssen, und das Gefühl, anderen etwas schuldig zu sein, haben nicht abgenommen. Im Gegenteil.“

Die Krux liegt eben darin, dass wir uns die an uns herangetragenen Erwartungen zu eigen machen – anstatt sie zu hinterfragen und an uns abprallen zu lassen.

„Frag dich: Was kann ich tun, damit es mir besser geht und ich meinen Werten folgen kann?“

Überspitzt gesagt: Frauen meinen, sie seien nur als eierlegende Wollmilchsau etwas wert. Die Folge ist das, was auch „Mental Load“, also geistige Überlastung genannt wird: an zu viele Dinge gleichzeitig, ständig vorausschauend und mit für andere denken müssen. Der Kopf ist dann so voll, dass man ihn am liebsten in den Sand stecken möchte.

Es ist nicht verwunderlich, dass in Untersuchungen aus den letzten Jahren, in denen nach den Wünschen der Deutschen gefragt wird, regelmäßig Folgendes ganz oben steht: mehr Zeit für sich zu haben. Ilona Bürgel findet noch einen weiteren Grund für die grassierende Erschöpfung: einen unseligen „Glückshype“ in unserer Gesellschaft. „Wir denken immer, wir müssten uns permanent ganz toll und gut gelaunt fühlen. Und wenn das mal nicht so ist, bin ich selbst schuld“, sagt sie. Für die Psychologin ist es ein Zeichen von Authentizität, wenn wir zu unserer mentalen und physischen Mattigkeit stehen können. Sie warnt allerdings auch davor, bei diesem Gefühl stehen zu bleiben: „Wenn wir den Fokus ständig darauf richten, was nicht gut ist und was wir nicht können, kostet uns das enorm viel Energie. Deshalb sollten wir den negativen mentalen Routinen positive entgegensetzen und uns zwischendurch die Frage stellen: Was kann ich tun, damit es mir besser geht und ich meinen Werten folgen kann? Zum Beispiel mit der Freundin zu Hause ein Co-Working machen oder mit der Nachbarin walken gehen. Und uns zwischenzeitlich mit Leuten umgeben, die nicht in der Negativität verharren, sondern dem etwas entgegensetzen, zum Beispiel Humor.“

Klar, dass dieses Gefühlsmanagement Übung erfordert und anstrengend sein kann, das räumt auch die Psychologin ein. Aber die Alternative dazu ist leider noch viel belastender. Dann ist es doch allemal besser, sich dazu aufzuraffen, eine leckere Suppe zu kochen, als dem Kürbis traurig dabei zuzusehen, wie er auf der Fensterbank verschrumpelt.