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Jackpot mit Nieten


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bike - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 03.01.2023

REPORT I MYTHOS YETI C-26

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Bildquelle: bike, Ausgabe 2/2023

Das Bike ist blitzsauber. Ich fühle mich dreckig. Nicht auf eine niedergeschlagene Art. Sondern wegen meines schlechten Gewissens gepaart mit Panik. Das Bike, das vor mir steht, ist ein Yeti C-26. Das ikonischste MTB auf dem Planeten. So selten, dass man eher dem echten Schneemensch begegnet als einem dieser sagenumwobenen Kultmodelle, die in einem kurzen Zeitraum ab 1989 die heiligen Hallen der US-Kultschmiede Yeti verließen.

Experten schätzen, dass weltweit nur fünf bis sieben C-26 existieren. Dieses hier ist noch absolut ungefahren. Und ich, der BIKE-Reporter, darf damit jetzt die Jungfernfahrt absolvieren. Ein MTBhistorisches Großereignis. Zu viel für meine Nerven.

Die Frage lautet: Darf man das? Darf man eine derart vor Mythos triefende Ikone seines unbefleckten Zustands berauben? Es würde ja auch niemand wagen, den berühmten 1727er-Rüdesheimer Apostelwein zu entkorken. ...

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Was für eine Story! Der Yeti-Mythos elektrisierte mich schon als Jugendlicher. Im Wiedervereinigungsjahr 1990, als ich mir von meinem Ausbildungsgeld mein erstes MTB kaufte (ein Winora Power Pro für 1059 D-Mark), wurde in Durango/Colorado die erste UCI-Weltmeisterschaft im Mountainbiken ausgefahren. Ich las damals in BIKE davon. Die Bilder waren so intensiv, dass sie bis heute unlöschbar in meinem Kopf sind. Superhero John Tomac, der auf einem Yeti C-26 mit Rennradlenker Tod und Teufel verhöhnte und Vierter im Downhill wurde. Juli Furtado, die das Cross-Country-Rennen der Frauen gewann. Ebenfalls auf einem Yeti C-26.

Es waren, so steht es heute auch in den Geschichtsbüchern, die Goldenen Jahre des MTB-Sports. Eine Mischung aus Sportrevolution und Jugendbewegung. Im Zentrum die US-Schmiede Yeti, deren Chef John Parker besessen war von der Rennszene, in der sich Hochleistungssport, Draufgängertum, Rock ’n’ Roll und Starkult auf eine bisher ungekannte Art miteinander vermengte. Um bei der ersten offiziellen WM im September 1990 vorne mitzumischen, entwickelte Yeti zusammen mit Rohrproduzent Easton den C9-Rohrsatz. Das Innere aus einem dünnen Alu-Kern war mit Carbon ummantelt. Die Rohre wurden mit Front, Heck und Tretlagerbereich verklebt, die vom Yeti-Stahlrahmen F.R.O. stammten. Ein C-26-Chassis war ein Drittel leichter als ein F.R.O. und knapp doppelt so teuer. Ein MTB aus einer anderen Dimension. So schien es bei der Präsentation 1989. Doch das vermeintliche Superbike wurde zum Rohrkrepierer. Die Klebeverbindung erwies sich als instabil. Die meisten der schätzungsweise 15 entstanden C-26 gingen in die Knie. Offiziell verkauft wurde keins. Ruhm erntete das Nachfolgemodell Yeti A.R.C., das erste Mountainbike mit konifizierten Alu-Rohren.

Wir waren damals alle Teil einer aufblühenden Sportart, das hat mein Leben geprägt. Die Bikes dieser verrückten Zeit zu sammeln, ist wie eine verdammte Drogensucht.

Stefan Utz

Der Hype um das C-26 erlosch mit dem A.R.C. wie Kerzenlicht in einer Böe. Ein Jahrzehnt später, im Zuge des aufflackernden Klassik-Booms, kam er mit der Wucht einer Feuersbrunst zurück. Auf fast religiöse Art. Viele trauerten dem souligen Damals hinterher, denn das eben noch so familiäre Mountainbike-Atoll hatte sich in ein kühles Großkonzern-Business verwandelt. Die Fotos von Tomac und seinem C-26 bildeten das wohlig-warme Fruchtwasser einer inzwischen weltweit blühenden Klassikkultur. Das Yeti C-26 wurde zum Heiligen Gral. Dass kaum jemals jemand eins mit eigenen Augen gesehen hat, macht den Mythos noch größer. Es ist eine Geschichte voller Rätsel, Halbwahrheiten und unfassbarer, beinahe krimiähnlicher Storys. Fünf bis sieben Exemplare sollen existieren. Wird tatsächlich mal eins angeboten, was nur alle Jubeljahre passiert, schießen die Preise ins Exorbitante. Und jetzt das! Ein angeblich unberührtes C-26! Und ausgerechnet ich darf es exklusiv und als erster Mensch überhaupt fahren. Wie kann das sein?

Das Bike gehört Stefan Utz, dem Schweizer Foes-Importeur. Ein Kumpeltyp, dessen MTB-Leidenschaft von den frühen Neunzigern zutiefst geprägt ist und dem die Wahrung dieses Lebensgefühls sehr am Herzen liegt. Stefan und ich kennen uns seit Jahren über die Klassikszene. Wie sich denn so ein C-26 wohl fahre, fragte ich ihn neulich. Da bot er zu meiner großen Überraschung an, es auszuprobieren. Mit dem Schatz seiner Ikonensammlung, dem grauen C-26, das er 2008 für eine horrende Summe einem Sammler abgekauft hat. Das Bike steht im Besprechungsraum seiner Firma, den mancher wohl eher als „Man Cave“ bezeichnen würde. An Wänden und auf Podesten: historisch Geiles.

„Luft ist drauf, Schaltung eingestellt“, moderiert Stefan den großen Moment an. Kein spöttisches Lachen. Kein „April, April“. Er meint es tatsächlich ernst. Taucht man ein in die Geschichte von Stefans Yeti, ist man sofort mittendrin im Nebel von Mutmaßungen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien. Über allem schwebt die Frage: Ist es tatsächlich ein echtes C-26? Oder ist es eine Spezialversion? Grund dafür sind winzige Nieten in den Carbon-Rohren. Es ähnelt fast einem Krimi.

Als das C-26 Ende der Achtziger präsentiert wurde, war das Futurismus pur. Firmenboss John Parker, der vor der Yeti-Gründung als Kulissenbauer in Hollywood gearbeitet hatte, war ein Technik-Freak. Er besaß das Talent, sein Team zu einer schillernden Rockstar-Truppe aufzubauen. Er feierte das Leben, aber er dokumentierte es nicht kleinlich wie ein Buchhalter. Wer Näheres zum C-26 erfahren will, stößt schnell an Grenzen. Es gibt weder gesicherte Informationen darüber, wie viele Rahmen entstanden. Noch lässt sich genau sagen, wie viele noch existieren. Fünfzig C9-Rohrsätze soll Easton an Yeti geliefert haben. Knapp 15 Rahmen wurden gebaut, fast alle für das Team. Auch das ist einigermaßen belegt. Viele Rahmen brachen. So entstand der Schätzwert von fünf bis sieben C-26, die noch existieren sollen. Wo? Bei wem? Das ist nur von einzelnen Exemplaren bekannt. Jeder in der Szene kennt die Geschichte von dem ehemaligen Yeti-Mitarbeiter, der die verbliebenen C9-Rohre angeblich aus der Firma geschmuggelt haben soll und nun in seiner Wohnung hütet. Jedes C-26, das auftaucht, wird deshalb kritisch beäugt. Ist es echt? Oder ist es eventuell eine Replika? Wegen der Nieten sieht sich Stefan immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, dass es sich nicht um eine offizielle Version handelt.

Yeti und der C-26-Kult

Superhero John Tomac Als 1990 in Durango/Colorado die erste Mountainbike-WM ausgefahren wurde, war das ein Meilenstein für die noch junge Szene. Doch statt der großen WM-Bilder wurde vor allem ein Motiv zur Ikone: John Tomac, der sich auf seinem Yeti C-26 mit Rennlenker todesverachtend die Downhill-Piste hinunterstürzt. Dünne Neopren-Polster an den Knien, minimal gefedert von der Manitou 1 mit Elastomer-Puffern, deren Federweg von fünf auf sechs Zentimeter aufgebohrt worden war. Greg Herbold gewann, Tomac wurde Vierter. Unglaublich.

Die fantastischen Drei John Parker (Mitte) arbeitete als Kulissenbauer in Hollywood und hatte gerade den DeLorean für „Zurück in die Zukunft“ mitgestaltet, als er sich entschloss, ins aufblühende MTB-Business einzusteigen. Seine Firma Yeti wurde zu einer der prägendsten Innovationsschmieden der späten Achtziger und frühen Neunziger. Eine wichtige Rolle spielte dabei Frank „The Welder“ Wadelton (re.), der als handwerkliches Genie die Prototypen entwickelte. Für viele Yeti-Fans wichtiger war jedoch das Renn-Team, dessen Fahrer Rock-’n’-Roll-Status hatten. Missy „The Missile“ Giove (li.), Myles Rockwell und Jimmy Deaton waren entscheidend für den Kultstatus von Yeti. Als die Marke Mitte der Neunziger vom Schwinn-Konzern geschluckt wurde, kehrte Parker der MTB-Branche frustriert den Rücken.

Das Yeti C-26 war purer Futurismus. Heute ist das Bike ein faszinierendes Zeugnis damaliger Experimentierfreude und ungezügelter Innovationslust.

„Ich kann nicht genau sagen, warum mein C-26 diese Nieten hat“, erzählt Stefan: „Meinen Infos zufolge war es einer der letzten gebauten Rahmen. Weil bekannt war, dass die Klebeverbindung nicht hält, hat man sie wohl zusätzlich mit Nieten gesichert.“ Als Beleg, dass es sich um ein echtes C-26 handelt, zeigt Stefan ein Foto. Darauf zu sehen ist der Erstbesitzer samt Rahmen. Die Nieten sind gut zu erkennen. Dass es eine Replika ist, kann damit ausgeschlossen werden. Der Typ auf dem Foto hatte den Rahmen vom Schweizer Yeti-Importeur Louis Kramer gekauft. Dieser sorgte Mitte der Neunziger in der Schweiz für Schlagzeilen, weil er sich in einer Nacht- und Nebelaktion nach Südamerika abgesetzt hatte. Der Rahmen muss also während der Zeit entstanden sein, in der John Parker noch Yeti-Boss war. Kaum vorstellbar, dass da ein C-26 illegal hergestellt und verkauft wurde. Wozu auch? Der Mythos kochte erst später hoch. Auch mysteriös: der untypische „Durango“-Schriftzug auf dem Oberrohr. Damals war Yeti von Agoura Hills, wo die ersten C-26 entstanden, nach Durango umgezogen. Ist der Schriftzug ein Hinweis darauf, dass Stefans Rahmen am neuen Standort in Durango produziert wurde? Also relativ spät, 1991 oder 1992? Ist er „außer der Reihe“ entstanden? Oder gar der letzte je Gebaute? Das wäre der Knaller.

Stefan hat alles versucht, die Hintergründe zu recherchieren. Am Rande des Sea-Otter-Festivals traf er vor ein paar Jahren John Parker, der Fotos von Stefans C-26 signiert und mit dem Slogan „The Legend“ versehen hat. Dennoch kursieren die wildesten Storys. Wochenlang habe ich versucht, alle nur erdenklichen Quellen anzuzapfen. Szene-Insider, die dem Geheimnis von Stefans C-26 schon seit Jahren hinterherjagen. Frank „The Welder“ Wadelton, Yetis damaligen Kult-Schweißer. German Möhren, Anfang der Neunziger deutscher Yeti-Importeur. Wir haben John Parker angeschrieben. Und Chris Herting, den Mann hinter dem C-26-Projekt. Leider haben ausgerechnet die beiden nicht geantwortet. Es ist nicht zu klären, was es mit den Nieten auf sich hat. German Möhren tippt auf einen Restbestand, der nachträglich verstärkt und zu Geld gemacht wurde. Ähnlich vermutet es auch Brett Hahn, von 1989 bis 1999 General Manager bei Yeti. Frank „The Welder“ dagegen hält den Rahmen für einen der ersten Prototypen. Dagegen spricht aber der Durango-Schriftzug sowie das Steuerrohr-Logo mit dem driftenden Yeti, das es zur Zeit der ersten C-26 noch nicht gab. Wurden vielleicht nicht die Nieten, sondern die Logos nachträglich angebracht? Es ist zum Verzweifeln. Aber gerade auch deshalb so spannend.

Da stehe ich nun also, bereit zur Jungfernfahrt. 32 Jahre nach John Tomacs legendärem Teufelsritt bei der ersten WM. Der Moment ist von knisternder Feierlichkeit. Dennoch spüre ich Panik in mir aufsteigen. Was, wenn der Rahmen bricht?

Andererseits empfinde ich eine gewisse Dringlichkeit angesichts des bis zum Platzen aufgeladenen C-26-Mythos, endlich mal was über die Fahreigenschaften herauszufinden. Genießt das Bike seinen Ruf nur aus nostalgischen Gründen? Oder fuhr es sich tatsächlich so grandios. Tut mir leid. Es muss sein. Behutsam, als wären die Pedale aus Glas, klicke ich ein. Würde mich John Tomac sehen, würde er sich vermutlich schieflachen.

Gewicht ca. 11 Kilo

Federweg 50 Millimeter Schaltung Shimano XTR 3 x8 Material Stahl/Alu/Carbon

Exklusiver Fahrbericht: Yeti C-26

Es ist ein irrer Moment. Bis auf Tomac, Furtado und Co gibt es wohl kaum jemanden, der je ein C-26 gefahren ist. Wir haben einen soften Ride vereinbart. Keine Sprünge, keine ruppigen Abfahrten. Die Laufräder mit dem teuren Tioga-Disc-Wheel haben wir für den Test gegen andere getauscht. Was gleich auffällt: Die Geometrie ist weniger aggressiv als erwartet. Man sitzt entspannt. Das Beschleunigungsgefühl: top. Knapp elf Kilo waren damals ein guter Wert und fühlen sich auch heute noch unbeschwert an. Der Schotteranstieg vermag kaum meine Schweißdrüsen zu aktivieren. Was auch an meiner verhaltenen Fahrweise liegt. Der Lenker ist schmal, die XTR-Schaltung sortiert butterweich die Gänge. Alles recht unspektakulär. Okay, mehr Gas. Huch! Was war das für ein Geräusch? Geborstenes Carbon? Glück gehabt. Nur ein Stein! Mit der höher werdenden Wattzahl, die ich in die Pedale speise, macht sich die mäßige Steifigkeit des Rahmens bemerkbar. Dass ein Racebike so weich ist, überrascht. Ich selbst besitze ein Yeti A.R.C. von 1993 und habe den direkten Vergleich. Das A.R.C. war dem C-26 haushoch überlegen, da viel direkter. Dennoch: Man spürt, wie das C-26 nach Speed giert. Der Wurzel-Trail, in den ich nun einbiege, hätte 1989 zu einer Vollgasorgie eingeladen. Doch die völlig ausgehärteten Elastomere in der Manitou-Gabel geben jeden Schlag ungefiltert weiter. Zum Glück funktionieren die Cantilever-Bremsen ordentlich, sodass ich kontrolliert über den Wurzelteppich zirkeln kann. Fazit: Das Yeti C-26 war damals zweifellos ein agiles, spritziges Racebike. Aus heutiger Sicht betrachtet ist es ein windelweiches MTB mit eher gutmütigem Charakter. Es ist und bleibt eine Ikone. Woran die Fotos von Tomac aber vermutlich eine größere Aktie haben, als der tatsächliche Fahrcharakter des Bikes.