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JÄGER TITELTHEMA: ISLE OF RUM – INSEL DER HIRSCHE (1. TEIL): JAGDRUHIGES INSELLEBEN


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 17.08.2018

Was passiert, wenn man eine Rotwildpopulation nicht mehr bejagt? Wie hoch ist nach Jahrzehnten dann die Wilddichte? Und das Geschlechterverhältnis? Wie alt werden Hirsche und Tiere ohne Jagd? Diese und weitere Fragen beantwortetDr. Christian Holmim ersten Teil der Serie „Isle of Rum – Insel der Hirsche“.


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Isle of Rum, an Schottlands Westküste: fast 1.000 Stück Rotwild auf 10.000 Hektar ziehen hier ihre Fährten.


FOTO: STEFAN MEYERS

Doch es gibt weitere interessante Fragen: Welcher Hirsch zeugt die meisten Kälber? Hat der erfolgreichste Hirsch auch das größte Geweih? Vererbt er diese Eigenschaft? Wie viele ...

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... Kälber kann ein Alttier in seinem Leben setzen? Was passiert mit natürlich verwaisten Kälbern? Die Antworten auf diese und unzählige weitere Fragen finden wir auf einer Insel in Schottland: der Isle of Rum! Diese Insel mit dem ansprechend spirituösen Namen bedeutet den Rotwildforschern dieser Welt nicht viel weniger als der Vatikan einem guten Katholiken. Wer umfangreiches fundiertes Wissen sucht zu „Cervus elaphus“, unserem Rothirsch, landet immer wieder unweigerlich auf Rum. Seit über 50 Jahren beobachten und erforschen Berufsjäger und Wissenschaftler das Rotwild auf dieser einsamen 10.000-Hektar-Insel vor der schottischen Atlantikküste – es gibt auf der ganzen Welt kein Säugetierforschungs-projekt, das länger läuft. Inzwischen spielen die Daten dieser Forschung daher auch für viele andere Untersuchungen von Evolutionsgenetik bis Klimawandel eine bedeutende Rolle. Für uns Jäger aber liegt hier ein fantastischer Schatz an Fachwissen, den es unbedingt zu heben gilt! Genau deshalb machten sich Jagdfreund Magnus und ich auf die weite Reise, um die Insel, die Wissenschaftler und natürlich das Rotwild persönlich zu treffen. Wir wurden nicht enttäuscht. Drei Tage mit Rucksack und Zelt im Juni zur Setzzeit bescherten uns unzählige Begegnungen mit den Inselhirschen in einsam schöner Landschaft: Rotwild vor der Kulisse der Berge und dem Atlantik. Besonders spannend waren die Gespräche mit den dortigen Wildbiologen, allen voran der Leiterin Josephine Pemberton. Sie ist eine anerkannte Kapazität in ihrem Fachgebiet. Die Erkenntnisse, welche sie und ihre Kollegen in tausenden Stunden Mühe auf Rum erarbeitet haben, lassen auch erfahrenste Rotwildjäger staunen.

TRAUMINSEL

Wenn die Fähre aus Mallaig ablegt, einem Hafen zwei landschaftsreiche Autostunden nördlich von Glasgow, taucht man in eine andere Welt ein. Unten auf dem Autodeck stehen ein Tieflader mit einem Bagger für eine Baustelle und Kisten mit Einkäufen, die die diversen Insulaner bestellt haben. Autos hingegen sind auf Rum nur mit Sondergenehmigung erlaubt und für die eine vorhandene Schotterpiste auch wenig sinnvoll. Die Fähre läuft erst noch eine weitere kleine Insel an, die Isle of Eigg, dann nimmt sie Kurs auf unser Ziel. Das Wetter ist unschottisch prachtvoll, die Sonne strahlt vom blauen Himmel aufs friedliche Meer, aus dem nun die Berge der Rum Cullins auftauchen. Da wir uns von Süden aus nähern, sehen wir als erstes die steilen Hänge dieser Berge, den Überresten eines einstigen Supervulkans von wahrscheinlich über 2.000 Metern Höhe. Nach Jahrmillionen währender Erosion sind die Reste heute immerhin noch Gipfel von 700 bis 800 Metern Höhe. Nach und nach öffnet sich jetzt der Blick auch auf die Ostküste und den nördlicheren Teil der Insel, wo die Hügel deutlich niedriger sind und im Unterschied zu den dunklen Bergen freundlich grün und gelb leuchten. So sieht guter Rotwildlebensraum aus! Schon bald laufen wir in die Bucht von Kinloch ein, dem einzigen Ort der Insel, wenn man die Ansammlung von knapp einem Dutzend Gebäuden, verstreut um das exzentrisch wirkende, alte Jagdschloss, so nennen möchte. Die damaligen Eigentümer der Insel, eine Familie Bullough, benutzten das Haus während der Jagdsaison auf Hirsche. Es muss eine herrliche Zeit gewesen sein für sie und ihre jagenden Gäste, aber die Weltwirtschaftskrise Ende 1920 setzte all dem ein Ende, und der große Kasten wird seither nicht mehr bewohnt. Die Bulloughs behielten die Insel trotzdem bis 1957.

Alison Morris schaut auf dem Inselplan nach, wo sie nach frisch gesetzten Kälbern suchen wird. Auf dem Tisch liegen die Halsbänder zur Markierung.


FOTO: DR. CHRISTIAN HOLM

Auf Isle of Rum ist er der König: denn hier gibt es viel Rotwild, aber nur sehr wenige Menschen.


FOTO: STEFAN MEYERS

HAUPTBEWOHNER: ROTWILD

Als sie schließlich an die staatliche Naturschutzorganisation „Nature Conservation Council“ verkauft wurde, geschah dies unter der Prämisse, dass sie ein Naturschutzgebiet würde. In den Jahrzehnten davor hatten die Eigentümer sich gegenüber Besuchern so ungastlich benommen, dass die Küstenbewohner sie nur die „Verbotene Insel“ nannten – ein Umstand, der zusammen mit der schlechten Erreichbarkeit den Grundstein legte für den hohen Naturschutzwert der Insel und auch dem dort lebenden Rotwild natürlich zugute kam. So entstand im Atlantik ein ganz besonderes Naturschutzgebiet – eine isolierte Insel mit extrem niedriger Bevölkerungsdichte. 2011 zählte man dort 22 menschliche Einwohner, aber etwa 900 Stück Rotwild! In Anpassung an ihren Lebensraum entwickelte sich das dortige Rotwild natürlich anders als unser heimisches. Von der energiereichen Äsung eines Weizen- oder Rapsschlages im Norddeutschen Tiefland können die Inselhirsche nur träumen, und so sind die schottischen Vettern etwa halb so groß wie unsere Hirsche. Da wiegt selbst ein ausgewachsener Hirsch aufgebrochen meist unter 100 Kilo und Kälber am Ende eines harten Winters nur so viel wie bei uns eine gute Ricke. Auch wenn es in Schottland anderswo in tieferen Lagen stärkere Hirsche gibt, so sind Wetter und Äsung auf der Hebrideninsel Rum so harsch, dass das Rotwild dort den Berghirschen der Highlands gleicht. Dasselbe gilt natürlich auch für die Trophäen – Geweihgewichte über fünf Kilogramm gelten als stark. Die Lebensbedingungen an der atlantischen Westküste sind wirklich nicht einfach: in den meisten Monaten regnet es an mehr als 20 Tagen, in Summe fallen über 3.000 Millimeter Niederschlag, das ist fast das Vierfache vom deutschen Durchschnitt! Dazu kommt reichlich Wind: an 25 Tagen im Jahr bläst es hier mit Windstärke 8 und mehr. Dazu kommt die Tatsache, dass es im Lebensraum des Rotwilds fast keine Bäume gibt, so dass die Tiere dem Wetter ungeschützt ausgesetzt sind. Deckungsmangel, strenges Wetter und schwache Äsungsqualität resultieren in einer deutlich höheren natürlichen Sterblichkeit, als wir dies von zu Hause kennen.

ÜBER 50 JAHRE FORSCHUNG

Die Rotwildforschung auf der Isle of Rum begann bereits 1953 und wurde ab 1958 durch Professor Timothy Clutton-Brock von der Cambridge University intensiviert. Cambridge und die Universität von Edinburgh leiten noch heute die Forschung und unterhalten die Forschungsstation Kilmory. Aus der einsamen Insel ist eine beeindruckende Wissensquelle geworden: über 160 wissenschaftliche Veröffentlichungen, drei Bücher und 17 abgeschlossene Doktorarbeiten haben die Wildbiologen seit 1972 zum Thema Rotwild veröffentlicht. Der zweithäufigste Name in den Literaturlisten und die heutige Leiterin der Forschungsstation heißt Josephine Pemberton von der Edinburgh University. Seit 1984 forscht sie auf Rum und hat sich über die Jahrzehnte mit ihren Entdeckungen in der wissenschaftlichen Welt viel Anerkennung verdient. Freundlicherweise erklärte sie sich zu einem Treffen mit uns bereit, obwohl zum Zeitpunkt unserer Reise, Mitte Juni, im Untersuchungsgebiet die meiste Arbeit anfällt. Jetzt findet das Finden, Fangen, Vermessen und Markieren der frisch gesetzten Rotkälber statt. Diese Arbeit bildet das entscheidende Grundfundament für die Langzeitdatensätze, die die Forschung auf Rum von allen anderen Rotwildforschungsgebieten abhebt. Heute können die Forscher auf die Daten von sage und schreibe 4.500 Individuen zurückgreifen! In der näheren Vergangenheit erlauben moderne DNA-Analysen der Kälber die Erstellung von Stammbäumen, welche die Verwandtschaftsgrade zwischen den einzelnen Tieren zweifelsfrei belegen. Auf Rum kennen die Forscher also sowohl die Mutter wie den Vater von fast jedem Stück Rotwild, das sie beobachten. Die weiblichen Kälber werden mit einem bunten Halsband markiert, das sich durchs Fernglas ablesen lässt, sowie einer Ohrmarke. Bei den Hirschen geht dies aufgrund des zu stark anwachsenden Trägerumfangs nicht, hier werden nur Ohrmarken verwendet. Da Ohrmarken und Halsbänder mit der Zeit auch wieder abfallen, werden weitere individuelle Merkmale notiert, vor allem Einkerbungen an den Lauschern. All dies ist in einem Büchlein aufgelistet, welches die Forscher immer bei sich tragen, um die Identität des beobachteten Stücks sicher feststellen zu können. Dies ermöglicht den Wildbiologen, für fast alle Stücke einen lückenlosen Lebenslauf zu erstellen, von der Geburt bis zum Tod.

Dank Halsband und Ohrmarken wissen die Forscher genau, dass Tier „Riddle“ 14 Jahre alt ist.


FOTOS: DR. CHRISTIAN HOLM


„HEUTE KÖNNEN DIE FORSCHER AUF DIE DATEN VON4.500 INDIVIDUEN ZURÜCKGREIFEN!“


Das sechsjährige Alttier „Spume“ beim Säugen ihres zweiten Kalbs, einem Wildkalb. Zur Setzzeit sind die Wildbiologen täglich unterwegs, um die frisch gesetzten Kälber zu fangen und zu markieren.


Professorin Pemberton beobachtet ein kleines Rudel an der Forschungsstation. Mit den hier über Jahrzehnte gesammelten Daten konnte sie viel Überraschendes über unser Rotwild herausfinden.


Das Erkennungsbuch, in dem jedes Stück Rotwild im Forschungsgebiet vermerkt ist. In den Spalten stehen die Farben und Zahlencodes der Halsbänder und Ohrmarken. Am Ende steht der Name des Stückes und der hauptsächliche Aufenthaltsort.


KEINE JAGD: WENIGER HIRSCHE!

All dies findet vor allem im Block 4, dem sogenannten North Block statt, dem wichtigsten Forschungsgebiet auf der Insel. In diesem 2.500 Hektar großen Revierteil, also einem Viertel der Inselfläche, wird seit 1972 nicht mehr gejagt. Das Rotwild kann jedoch frei zu- und abwandern in die anderen Bereiche, wo die Rotwildjagd ganz normal stattfindet. Als 1972 im Nordblock die Jagd eingestellt wurde, zogen 130 Hirsche, 80 Tiere sowie 40 Kälber dort ihre Fährte, zusammen knapp 250 Stück. In den folgenden Jahren stieg die Population wenig überraschend stetig an und erreichte 1978 eine Gesamtpopulation von 350 Stück. Zu diesem Zeitpunkt gab es genau gleich viele Hirsche und Tiere, nämlich jeweils 150 Stück, sowie 50 Kälber. Dann jedoch begann eine sehr überraschende Entwicklung: das Kahlwildrudel wuchs langsam aber stetig weiter, die Zahl der Hirsche begann jedoch rapide zu sinken! In nur drei Jahren stürzte die Hirschzahl regelrecht ab auf 90 Hirsche! Beide Trends, steigende Kahlwildzahlen und sinkende Hirschzahlen, haben sich, trotz kurzzeitiger Schwankungen, seit dieser Zeit durchgesetzt, und seit 2000 zählt man im Nordblock sogar mehr Kälber als Hirsche. Seit dieser Zeit hat sich das Kahlwild stabil auf 180 Stück eingependelt mit durchschnittlich 60 Kälbern – es sind aber nur noch durchschnittlich 40 Hirsche im Revier! Das bedeutet, dass ein Großteil Hirsche aus dem jagdfreien Revier abwandert in die anderen, weiterhin bejagten Blöcke. Der Grund für diese Entwicklung ist nach Ansicht von Josephine Pemberton eine Verdrängung der Hirsche durchs Kahlwild. Die Hirsche haben höhere Ansprüche an die Äsung, sie brauchen für die Geweihentwicklung und Feistreserven zur Brunft mehr Energie als das Kahlwild. Dieses, so Pemberton, vermag anscheinend kürzeres Gras zu äsen als die Hirsche – sie knabbern diesen also quasi das nachwachsende Futter vor der Nase weg! Die Wilddichte im seit vierzig Jahren unbejagten Revier ist übrigens auch nicht die höchste auf der Insel – in den Blöcken mit besserer Äsung ist sie etwas höher. All dies zeigt uns Jägern, dass Hege nicht alleine eine Frage des „Hirsch schießen oder nicht schießen“ ist, sondern dass die Lebensraumqualität und der Kahlwildabschuss entscheidende Parameter sind!

Dank ihrer Ausdauer können die Forscher auf Rum lange Stammbäume erstellen. Für das Alttier „Cindy“, gesetzt 2014, reicht er stolze neun Generationen zurück bis zum Alttier „Blue Tag Left“, gesetzt 1961.


Hunderte eines natürlichen Todes gestorbene Hirsche lagern hier im Schuppen im Dienste der Wissenschaft. Älter als 15 werden sie auf Rum nicht.


„Hirschmutter“ Alison (links) und „Hirschprofessorin“ Josephine – diese beiden Damen stehen für Jahrzehnte geballte Rotwildkompetenz.


ALTER UNBEJAGTEN ROTWILDS

Während Magnus und ich staunend den Schilderungen der erfahrenen Wissenschaftlerin lauschen, äst draußen vor der Forschungsstation ein kleines Rudel Kahlwild. Die Tür geht auf und die Mitarbeiterin Alison Morris steckt den Kopf ins Zimmer: „Josephine, Electra12 is back with her calf!“ Die Angesprochene greift sofort zum Fernglas und nimmt ein Tier mit Kalb in Augenschein, das gerade auf die Wiese zwischen uns und dem Strand zieht. Josephine Pemberton kann als Universitätsprofessorin natürlich nicht immer auf der Insel sein, aber Alison und ihr Mann Sean leben dort, und sie haben das Rotwild das ganze Jahr im Blick. Während für Josephine das Rotwild vor allem ein Forschungsobjekt ist, das sie nutzt, um große evolutionsbiologische Thesen zu untersuchen, hören sich Alisons Schilderungen so an, als ob die Stücke Teil ihrer Familie sind. Wenn sie über die einzelnen Alttiere und Hirsche spricht, weiß sie nicht nur ihre Namen, sondern fast immer auch wer die Mutter, der Vater, die Rudelgeschwister und die Tanten dazu sind. Als wir uns die Sammlung von hunderten vor allem am Ende des Winters gefundenen Schädeln der natürlich verendeten Hirsche und Alttiere anschauen, wird es für uns Jäger wieder spannend. Die Unterkiefer vieler Stücke weisen einen Abschliff auf, von dem die meisten Erntehirscherleger zu Hause vor dem Aufschärfen des Äsers träumen: komplett runter. Aber wie alt sind diese Stücke wirklich? Alison und Josephine wissen es natürlich genau, und wir staunen: bei den Hirschen ist das Leben hier auch ohne Jagd mit 12 bis 15 Jahren zu Ende. Hier hatten wir eigentlich mit ein, zwei Jährchen mehr gerechnet. Die Tiere hingegen überraschten in die andere Richtung: einige Stücke wurden älter als zwanzig Jahre! Alttiere von 23 bis 24 Jahren kommen immer wieder vor. In der harten Umwelt der Isle of Rum setzen diese Tiere jedoch nicht jedes Jahr ein Kalb. Die erfolgreichsten unter ihnen haben es im Laufe ihres Lebens auf 14 Kälber gebracht. Beachtliche 64 Kälber haben Josephine, Alison, Sean und ein paar freiwillige Helfer in dieser Setzzeit 2018 finden und markieren können. Damit ist ein weiterer neuer Datensatz für die Forschung begründet worden, und die Wissenschaftler können immer weitere Fragen zur Biologie des Rotwilds ergründen. Einen Effekt des Klimawandels haben sie bereits zweifelsfrei nachweisen können. Detaillierte Beobachtungen zum Verhalten der Hirsche und des Kahlwilds während der Brunft haben ihnen Erkenntnisse geliefert, die sich so gar nicht mit den Vorstellungen aus dem „Frevert“ und „Blase“ decken. Der Jahrzehnte währende permanente Überblick über die Population liefert zuverlässige Aussagen zu den Auswirkungen von Wilddichte, Kälbersterblichkeit, Krankheiten, Witterung und unzähligen anderen Dingen, über die wir als Jäger immer nur mutmaßen können. Die Antworten auf all diese Fragen werden Sie in den nächsten JÄGER-Ausgaben lesen können.


FOTOS: DR. CHRISTIAN HOLM