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JÄGER TITELTHEMA: POPULATIONSDYNAMIK BEIM ROTWILD: JUNGS MACHEN JUNGS!


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 17.08.2018

Das Geschlechterverhältnis beeinflusst die Wachstumsdynamik einer Population. Im Idealfall sollte es bei unserem Rotwild ausgeglichen sein. Eine Verschiebung kann schwer zu kontrollierende Folgen haben. Den Einfluss der Jagd erklärt BiologinDr. Nina Krügeranhand aktueller Forschungsergebnisse.


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Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 90/2018

Auch wenn auf dem Brunftplatz nur einer der Stärkste ist, Rotwild als rudelbildende Wildart profitiert von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis und einer gesunden Altersstruktur mit reifen Hirschen und erfahrenen Alttieren.


Vor drei Jahren klärten Sebastian Vetter und Walter Arnold von der Universität Wien ...

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... mit ihren Untersuchungen die Ursache des rasanten Populationswachstums beim Schwarzwild auf. Jetzt sahen sie sich an, warum vielerorts die Rotwildpopulationen trotz längerer Jagdzeiten und teils bedingungsloser Bejagung wachsen. Ihre Erklärung ist simpel, die Beweisführung wie so häufig in der Wissenschaft aber nicht ganz einfach. Wie bei allen Wildarten ist der Anteil des weiblichen Wildes für die Zuwachsrate verantwortlich. Je mehr Kahlwild es gibt, desto mehr Nachkommen werden gesetzt. In welchem Geschlechterverhältnis jedoch Kälber geboren werden und das erste Lebensjahr meistern, ist ebenfalls abhängig vom Kahlwildanteil innerhalb einer Population. Bisherige Studien haben sich hauptsächlich auf den Einfluss der Mutter konzentriert. Vetter und Arnold haben jedoch zusätzlich den Wirkungsgrad des Vaters auf die Geschlechter ihrer Nachkommen untersucht.


„HIRSCHE MIT VERHÄLTNISMÄSSIGSTÄRKEREN GEWEIHEN ZEUGEN HÄUFIGER SÖHNE.”


NEUE EINBLICKE

Klar ist, dass es das befruchtende Spermium ist, das bestimmt, welches Geschlecht der gezeugte Nachwuchs bekommt. Viele weitere Faktoren vor und nach dem Beschlag spielen jedoch auch eine Rolle für die spätere Verteilung der Geschlechter. Etwa die Zeugungskraft des Hirsches, die Aufnahmefähigkeit des Tieres sowie die Überlebensfähigkeit der verschiedengeschlechtlichen Embryonen während der Tragzeit und der Kälber nach dem Setzen. Wäre lediglich der Zufall der entscheidende Faktor, müssten wir nämlich von einer annähernden 50:50-Verteilung ausgehen. Die Realität zeigt uns jedoch ein anderes Bild. In vielen Rotwildpopulationen dominiert das weibliche Wild, und vielerorts ist das Geschlechterverhältnis schon bei den Kälbern erheblich zu dessen Gunsten verschoben. Wissenschaftler vermuten, dass dies eine evolutionäre Antwort auf Ressourcenverfügbarkeit und Populationsdichte sein könnte. Eine Theorie besagt, dass Tiere in schlechter körperlicher Verfassung bei geringer Äsungsverfügbarkeit eher männliche Nachkommen hervorbringen. Diese wandern früh aus der Population ab und erhöhen so den Kahlwildanteil vor Ort. In einer gegensätzlichen Theorie wird dargelegt, dass bei limitierten Ressourcen nur die stärksten Alttiere den Energieaufwand bewältigen, den die Aufzucht eines Sohns mit sich bringt. Bei schwachen Tieren, die auch nur schwachen männlichen Nachwuchs mit geringen Chancen auf die Weitergabe ihrer Gene hervorbringen würden, ist die Überlebensrate der Hirschkälber sehr viel geringer. Da sich aber nur wenige Studien bisher mit den Auswirkungen beider Elternteile auseinandergesetzt haben, bieten die Erkenntnisse von Vetter und Arnold ganz neue Einblicke in die Populationsdynamiken des Rotwildes.

Mit welchem Geschlecht ein Kalb gesetzt wird, bestimmt der beschlagende Hirsch. Welche Kälber gesetzt werden und bevorzugt überleben, ist vom Alttier abhängig.


FOTO: BERND JANSSEN

GEGENSÄTZLICHE GESCHWISTER

So hat eine frühere Untersuchung ergeben, dass Hirsche mit verhältnismäßig stärkeren Geweihen häufiger männliche Nachkommen zeugen. Da diese Erkenntnis aber auf einem Experiment mit künstlicher Besamung beruhte, ist unklar, ob dies auch in freier Wildbahn so geschieht. Dort konnte immerhin beobachtet werden, dass sich die von Starken gezeugten Söhne selbst häufig zu Hirschen entwickeln, die ihre Väter übertreffen. Interessanterweise ist dies bei weiblichen Nachkommen umgekehrt. Zeugt ein besonders starker Hirsch ein Wildkalb, ist dies häufig besonders schwach. Warum das so ist, bleibt unklar

Da vorangegangene Studien, wie erwähnt, häufig zu widersprüchlichen Ergebnissen führten, haben sich Vetter und Arnold auf die Untersuchung jener Parameter wie Abschusszahlen und die durchschnittlichen Wildbretgewichte in den unterschiedlichen Altersklassen konzentriert, die durch Populationsmanagement leicht zu beeinflussen sind. Die Untersuchungen wurden in einem Zeitraum von 2004 bis 2015 in Niederösterreich durchgeführt und beinhalteten sowohl erlegtes als auch Unfallwild.

Die Höhe der Rotwilddichte hat Einfluss auf das Geschlechterverhältnis der gesetzten und überlebenden Kälber.


Je höher der Anteil des Kahlwilds in einer Population ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass mehr Wildals Hirschkälber gesetzt werden.


FOTO: WOLFGANG RADENBACH

ALTERSPYRAMIDE

Das Kälber-Geschlechterverhältnis sowie der Anteil von Alttieren, Schmaltieren und Hirschen der Klasse III (ohne Jährlinge) an der Gesamtstrecke folgten den gleichen Trends wie die Wildunfallstatistiken. Je mehr weibliche Kälber also beispielsweise bei Wildunfällen verendeten, desto mehr tauchten auch in den Streckenmeldungen auf. Dies war nicht der Fall bei Hirschen der Klasse I, II und bei Jährlingen. Da jedoch die Gesamtstrecke mit den Unfallstatistiken in Abhängigkeit gestellt werden konnte, ist dies ein Nachweis dafür, dass sich Trends in der Populationsentwicklung anhand einer der beiden Größen bestimmen lassen. In den Altersklassen I und II sowie bei männlichen Jährlingen gehen die Autoren davon aus, dass die geringen Schusszahlen im Vergleich zum Anteil an der Unfallstrecke aus der hoch selektiven Bejagung in diesen Altersklassen rühren. Bei Kälbern hingegen stimmte das Geschlechterverhältnis des Unfallwilds mit dem auf der Gesamtstrecke überein und bestätigt die fehlende Selektion des Abschusses. Eine Erkenntnis, die im Hinblick auf die statistische Auswertung wichtig war.


„WEIBLICHES ROTWILD ZIEHT BEIHOHEN POPULATIONSDICHTEN BEVORZUGT TÖCHTER GROSS.“


JE MEHR, DESTO GERINGER

Die Auswertung der Daten ergab, dass ein Anstieg der Populationsdichte im Zusammenhang mit der Abnahme der Wildbretgewichte über alle Altersklassen hinweg stand. Hinzu kam, dass der Anteil des männlichen Nachwuchses ebenfalls negativ von der Populationsdichte beeinflusst wurde. Die Aufzucht von Hirschkälbern verlangt den Tieren mehr Energie ab als die Aufzucht von Wildkälbern. Durch die hohe Konkurrenz zwischen den Hirschen ist nicht gesagt, dass der Aufwand für die Mutter unter diesen Bedingungen von Vorteil wäre. Nicht jeder Hirsch kommt in der Brunft zum Zug. Die Weitergabe seiner Gene ist daher zweifelhaft. Jedes überlebende Wildkalb wird aber sicher seine und damit auch die Gene seiner Mutter weitertragen.

Die Konkurrenz zwischen Hirschen ist groß, nicht jeder wird zum Beschlag kommen.


FOTO: PAULINE V. HARDENBERG

Auch Studien anderer Forschungsgruppen beobachteten ähnliches – weibliches Rotwild scheint in Laufe seiner Entwicklungsgeschichte darauf hinselektiert worden zu sein, bei hohen Populationsdichten bevorzugt Töchter großzuziehen. Dafür könnte eine erhöhte Sterblichkeit von männlichen Föten und Kälbern verantwortlich sein. Da auch erwachsene Hirsche schlechter Nährstoffe aus bereits überweideten Äsungsflächen herausziehen können als Kahlwild, ist dies „schlau“ von der Evolution eingerichtet, stellt uns aber vor Probleme bei der Bestandskontrolle. Ist das Geschlechterverhältnis nämlich einmal zugunsten des weiblichen Wildes verschoben, verstärkt sich dieser Effekt mit jeder neu heranwachsenden Generation. Wenn der Anteil der weiblichen Kälber deutlich über dem der männlichen liegt, muss auch der Abschuss des Kahlwildes angepasst werden.

ÄLTERE MÜTTER, MEHR JUNGS

Interessanterweise konnte trotzdem kein direkter Zusammenhang zwischen den gemessenen Wildbretgewichten von Alttieren und Hirschen der Klassen I und II mit dem Geschlechterverhältnis der Kälber festgestellt werden. Dies könnte einerseits mit der relativ geringen Zahl an beurteilten Individuen zusammenhängen, andererseits sind die Wildbretgewichte möglicherweise ein ungeeigneter Indikator. Denn diese konnten nur während der Jagdzeit beurteilt werden und wurden nicht für die tatsächliche Körpergröße korrigiert. Die Autoren argumentieren, dass statt des tatsächlichen Gewichts eher die körperliche Verfassung der Mutter, insbesondere nach dem Setzen und während des Säugens, beurteilt werden müsse, um Zusammenhänge erkennen zu können. Da zu dieser Zeit aber kaum solche Daten gesammelt werden können, kann der tatsächliche Effekt nicht abschließend beurteilt werden.

In Populationen mit einem höheren Anteil älterer Alttiere nahm aber der Anteil der Hirschkälber zu. Höhere Sozialränge werden erst mit steigendem Alter besetzt. Diese stehen im positiven Zusammenhang mit der körperlichen Verfassung der Mütter nach dem Setzen und während des Säugens und damit mit der zur Aufzucht verfügbaren Energie. Es konnte schon früher nachgewiesen werden, dass der Reproduktionserfolg eines Hirsches mit dem sozialen Rang seiner Mutter zusammenhängt. Denn kräftigere Mütter bringen die stärksten Hirschkälber hervor. In Populationen mit einem geringen Altersdurchschnitt, also mit vielen jungen Alttieren, wurde ein höherer Anteil an Wildkälbern beobachtet. Unabhängig von den Ursachen lässt sich der Anteil an Hirschkälbern einer Population demnach erhöhen, indem der Kahlwildabschuss bevorzugt in den niedrigen Altersklassen ansetzt.

ÄLTERE VÄTER, MEHR JUNGS

Erstaunlicherweise hat aber offenbar nicht nur das Alter der Mutter einen Einfluss auf das Geschlecht der Kälber, sondern auch das des Vaters. Je höher nämlich die Dichte an reifen Hirschen in einer Population ist, desto höher ist auch der Anteil an kräftigen Hirschkälbern in ihr. Schon vorher war bekannt, dass besonders kapitale Hirsche auch besonders fruchtbar sind. Ob die bevorzugte Zeugung von männlichen Nachkommen in genetischem Zusammenhang mit physischer Stärke steht und damit mit dem Alter steigt, bleibt zu untersuchen. Ebenso wäre denkbar, dass die bevorzugte Zeugung von Söhnen gemeinsam mit der höheren Bereitschaft, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen, vererbt wird und somit eigentlich altersunabhängig ist.

VORSICHTIG REDUZIEREN

In Rotwildpopulationen mit einem Überhang an Kahlwild kann ein sich selbst katalysierender Effekt entstehen – mit jeder Generation kommen mehr weibliche Nachkommen hinzu, die wiederum mehr weibliche als männliche Nachkommen hervorbringen. Als erste Maßnahme schlagen die Autoren deshalb vor, die Populationsdichte zu reduzieren, und sich dabei auf den waidgerechten Kahlwildabschuss zu konzentrieren. Um keine dauerhafte Verhaltensveränderung und damit erhöhte Schäden und erschwerte Bejagbarkeit zu provozieren, ist der Abschuss auf kurze Intervalle und kleine Rudel zu konzentrieren, aus denen möglichst alle Zeugen erlegt werden – wie Kalb, Schmaltier, Alttier (siehe JÄGER 8/2018, ab S. 64). Wie eine zeitlich begrenzte, tierschutzgerechte Reduktionsbejagung aussehen muss, hat die Deutsche Wildtier Stiftung kürzlich auf dem 9. Rotwildsymposium in Bad Driburg erarbeitet (siehe JÄGER 8/2018, ab S. 6).


FOTO: PAULINE V. HARDENBERG