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JAGEN MIT KINDERN: WERDEN UNSERE KINDER JÄGER?


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 60/2019 vom 17.05.2019

Eine Frage, die sich Berufsjäger und FamilienvaterPatrick Ratherst ernsthaft gestellt hat, als er seinen Kindern die Jagd altersgerecht vermitteln wollte. Wie oft ihn seine Kinder begleiten, wohin und wie lange, all das kann Anhaltspunkte für jagdliche Erziehung des eigenen Nachwuchses geben.


Artikelbild für den Artikel "JAGEN MIT KINDERN: WERDEN UNSERE KINDER JÄGER?" aus der Ausgabe 60/2019 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 60/2019

Stolz steht der Jägernachwuchs an Papas Strecke. Ist er damit groß geworden, ist es für ihn das Natürlichste der Welt.


Jagen ist schön. Jagen ist Natur. Jagen ist Freiheit. Jagen ist Gemeinschaft. Jagen macht dankbar und demütig. Jagen schafft Freundschaft. Jagen führt in andere Länder. Jagen führt zusammen und ...

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... verbindet. Jagen liefert Wildbret und Erinnerungen. Es könnten noch viele weitere Dinge hinzugefügt werden, doch keine Angst, ich will nicht philosophisch werden. Wie schön, wenn man diese Dinge mit Gleichgesinnten teilen kann. Diese fallen aber nicht vom Himmel. Wann werden wir Jäger? Oder besser ganz vorne angefangen: Wann führen wir unseren Nachwuchs an das Thema Jagd heran?

NICHT WAS, SONDERN WIE

Pädagogen werden sicherlich einen auf neuesten Erkenntnissen und Studien basierenden „Fahrplan“ anbieten können: Wann darf was und vor allem wie kindgerecht vermittelt werden? Nur sind vermutlich die wenigsten unserer Zunft so unterwegs. Wir müssen uns als pädagogische Autodidakten unseren Fahrplan selber „zurechtschustern“. Ob immer alles so richtig ist, spielt meiner Ansicht nach vorerst keine Rolle. Solange wie es zu keiner physischen und psychischen Überforderung kommt, alles von Kindern nachvollzogen werden kann und keine Zwänge herrschen, ist die Welt in Ordnung. Ob jagdliches Erleben positiv oder negativ verknüpft wird, liegt demnach allein in unseren Händen. Jeder wird herausfinden, dass ungewohnt negative Reaktionen von Kindern weniger in der Sache an sich zu suchen sind, denn auf einer falschen Vermittlung unsererseits. Rückschläge wird es, wie so oft im Leben, auch hier geben. Diese sollten wir allerdings zum Anlass nehmen, besser zu vermitteln. Mit dieser Erkenntnis stehe ich ganz sicher nicht allein da. Freunde und Bekannte, bei denen es ähnlich, aber auch zum Teil ganz anders, als bei uns in der „jagdlichen Früherziehung“ gelaufen ist, können da beipflichten.


„DASKINDLICHE WACHSTUM IST IMMER DER BEGRENZENDE FAKTOR.“


Von Anfang an mit dabei. Kleine Kinder sind neugierig und möchten alles erkunden. Das hilft, um ihnen die Jagd als selbstverständlich zu vermitteln.


Diese Kindergartentruppe hat keinerlei Berührungsängste. Es dürfen auch ruhig einmal die Spielkameraden der eigenen Kinder eingeladen werden, um ihnen ein Stück Natur näherzubringen.


FOTOS: PATRICK RATH

DIE WICHTIGEN KERNFRAGEN

Wann kann ich mein Kind mit auf die Jagd nehmen? Was kann ich wann zeigen? Wie kann ich jagdliche Passion wecken und fördern? Wie vermittle ich Naturverständnis und Respekt gegenüber Mitgeschöpfen? Und die ganz großen, schwierigen Fragen: Wie erkläre ich einem/ meinem Kind das Töten eines Tieres? Wann darf es das Erlegen eines Stück Wildes mit ansehen? Was sage ich bei schlechten Schüssen? Wie verhalte ich mich beim Aufbrechen? Das alles sind riesige Aufgaben, zum Teil schwer zu beschreiben und auf den unterschiedlichsten Wegen zu meistern. Patentrezepte: Fehlanzeige!
Unsere Kinder sind heute acht und zehn Jahre alt. Wie war es bei uns? Ich will es mal so sagen: Für uns Erwachsene unspektakulär, ohne Tabus. Geplant haben wir nicht eine einzige Sequenz in der jagdlichen Frühprägung unserer Kinder. Sie sind einfach mit hineingewachsen – ganz schlicht. Dabei war das kindliche Wachstum tatsächlich immer der begrenzende Faktor.


„HEGE UND PFLEGE IST LEICHT UNDSPIELERISCH ZU VERMITTELN.“


Wo Papa ist, ist es super. Für Kinder ist ein Ansitz mit den Eltern ein riesiges Abenteuer.


IMMER MITTENDRIN

Die Kinder konnten und durften überall mit hin, wo sie auch wachstumsmäßig hinpassten. Die ersten Revierfahrten im Pick-up oder auch die Arbeiten auf dem Schlepper in der Wildwiesenbewirtschaftung erlebten unsere Kinder bereits im Maxic-Cosi. Zur Suche nach Abwurfstangen, was sie heute sehr gerne auf ihren eigenen Läufen durchführen, haben sie bei nicht zu tiefen Temperaturen stundenweise in der Kiepe auf dem Rücken oder auf den Schultern verbracht. Die Fütterung des Rehwildes war schon im Kleinstkindalter möglich, mussten sie doch nur wenige Meter durch den Schnee stapfen, bevor Papa einen Sack Pellets in einen Spender zu füllen hatte. Selbst bei so banalen Dingen bekommen die Knirpse schon sehr viel Wesentliches mit. Man hat sich zu kümmern, für jemand anderen zu sorgen, und man muss kontrollieren, was im Revier los ist, was für Tiere da sind. Das schärft die Sinne, und ganz nebenbei bekommen die Kleinen mit, dass der Hirsch nicht der Mann vom Reh ist.

Hege und Pflege sind meiner Erfahrung nach sehr leicht und spielerisch zu vermitteln gewesen. Hier kann man vieles anfassen, und die „Einheiten“ sind sehr kurzweilig. Spätestens wenn ein Sprößling einen Hammer festhalten kann, dann ist auch ein Funke in Richtung Handwerk übergesprungen. Ich kann mich nach vielen verbrauchten Nägeln an der hölzernen Kinderschaukel noch sehr genau an das stolze Gesicht unseres Sohnes erinnern, als wir zu zweit eine 3,5 Meter hohe Kanzel ganz allein aufgebaut haben (mit fünf Jahren). Es hat zwar alles etwas länger gedauert, aber nach dem Anreichen von Nägeln und Schrauben diverser Längen, dem Angeben von Brettern und Kanthölzern ist der Stolz darüber zu wissen, was man als Knirps geleistet hat, kaum mehr in Worte zu fassen. Dass ein solches Bauwerk auch mit entsprechenden Ansitzeinheiten belegt werden muss, versteht sich von selbst.

GEDULD VOR VERSTAND

Ansitzen ist schön, aber mit Kindern schwierig. Wer glaubt, man könne auch nur eine Stunde auf dem Hochsitz verbringen, der irrt in aller Regel. Ich habe die Ansitze meist über Tage gemacht, und dann anfangs auch nur wenige Minuten. Ich glaube, alleine das Kletterereignis war schon aufregend genug. Wenn dann noch die Verpflegung aus dem Rucksack stimmte, war dieses Mini-Event kaum noch zu toppen. Später habe ich mir solche Ecken gesucht, in denen ganz sicher innerhalb der ersten halben Stunde etwas passiert, und sei es nur ein Hase. Heute spielt die Zeit nur noch eine untergeordnete Rolle, und es ist erst die Temperatur, die für die Frage nach dem „Wie lange noch?“ sorgt.

Aber wie war das nun mit dem Töten eines Tieres? Unsere Kinder haben „ihr erstes Stück“ nicht mit langen Ansitzen erbeutet. Wir haben schon lange Hühner und Enten. An den Ausläufen und Volieren stehen selbstverständlich große Kastenfallen, die beim Füttern und „Eierbergen“ immer eifrig kontrolliert werden. Schließlich kann es ja nicht angehen, dass ein Dieb Eier und Haustiere klaut. Unsere Kinder waren jedenfalls überglücklich, als sie mit trendigen Ohrenschützern den Schieber der Kastenfalle ziehen durften. In dem einen Fall war es ein Fuchs, in dem anderen Fall ein Waschbär, der in voller Fahrt auf offener Wiese die Schrote aus Papas Flinte erhielt und rollierend über Kopf ging. Von Wehmut und Traurigkeit keine Spur. Ganz normal – alles richtig gemacht. Diese Raubwildschärfe ist übrigens bis heute geblieben, nicht zuletzt deshalb, weil die kleinen Stöpsel auch schon früh mit zur Baujagd am Kunstbau durften. Ein Erfolgskonzept, das sich auch bei Freunden bewährt hat. Die Freude der Kleinen, wenn sie solch ein Erlebnis schon miteinander teilen und sich später darüber miteinander unterhalten, ist ehrlich und ungeschminkt.

BRAUCHTUM TEILEN

Da wir nie ein Hehl daraus gemacht haben, dass Jagen auch Beutemachen bedeutet, und wie erwähnt die ersten Erfahrungen mit totem Wild schon sehr früh gemacht wurden, habe ich mich bei passender Gelegenheit auch nie zurückgehalten, Nutzwild (vom Reh bis zum Hirsch) mit den Kindern zu erlegen. Der 1. Mai ist besonders zu erwähnen, haben wir unseren Bock doch schon Wochen vorher bestätigt, und dessen Erlegung in Form einer aufregenden Pirsch ist mittlerweile obligatorisch geworden. Das Jagdfieber der Kleinen und die Freude, gemeinsam erfolgreich gewesen zu sein, kann von uns gut genutzt werden, ihnen das Wesen der Jagd näherzubringen. Wenn die Kinder mich heute fragen, ob sie nach der Schule mit in den Wald dürfen, sei es um Pirschwege anzulegen, für den Hund Schleppen zu ziehen oder mit zur Jagd zu gehen, glaube ich, in dieser Hinsicht nicht alles falsch gemacht zu haben. Es ist schon witzig und rührend zugleich, wenn man den Platz für Pirsch oder Ansitz unter der jeweiligen Windrichtung vorgeschlagen bekommt, dieses sich als Volltreffer bestätigt und man später vom eigenen Mini-Jäger wie selbstverständlich „Waidmannsheil!“ gewünscht bekommt sowie Wild und Jäger die Brüche erhalten.


„OB JAGDLICHES ERLEBEN POSITIV ODER NEGATIV VERKNÜPFT WIRD, LIEGT ALLEIN IN UNSEREN HÄNDEN.“


Familie Rath im Urlaub. Natürlich sind alle mit dabei und dürfen auch auf dem Erinnerungsfoto nicht fehlen.


ERNSTFALL: ZU HAUSE BLEIBEN

Eine nicht ganz einfach zu lösende Situation ist der Sprung in die Königsklasse der Drück- und Treibjagden. Gesetzlich haben wir ja schließlich eine Verpflichtung. Dadurch, dass es unseren Kindern auch häufig möglich war, mich bei der Jagdgastführung zu begleiten, war es für sie zum Teil auch ungewöhnlich, mal zu Hause bleiben zu müssen. Verständnis beim Nachwuchs für gesetzliche Regeln: Fehlanzeige! Wehmut über helfende Vorbereitungen zu heilen, hilft allerdings. Will heißen, am Tag X oder zuvor werden die Hunde und deren Equipment sowie die eigene Jagdausrüstung sortiert und unter Mithilfe auf Vordermann gebracht. Nach der Jagd dann das gleiche Prozedere, nur mit Bekanntgabe der Ergebnisse und Erlebnisse – Aufräumarbeiten. Auch am folgenden Tag bei der Wildvermarktung und den üblichen Nacharbeiten, wie Kühlhausreinigung, Fahrzeugpflege, Trophäenherrichtung, Entsorgung der Aufbrüche und so weiter. Mit zunehmendem Alter kann man diese durchaus auf kleineren Veranstaltungen als Standbegleiter mitnehmen. Ich lasse jedenfalls gerne meine Kinder mit guten Freunden, dem Patenonkel oder mir selbst auf einen Stand gehen, der sicher nicht von Nachbarschützen umgeben ist.

HUNDEARBEIT

Durch die intensive Hundearbeit haben unsere Kinder einen sehr nüchternen Umgang mit unseren Hunden erlernt, der leider bei so manch Gestandenem unserer Zunft völlig abhanden gekommen ist. Das ein Jagdhund zum Gernhaben ist, ist klar. Klar ist aber auch, dass er arbeiten muss, um gut und erfahren zu werden. Da hilft kein „in Watte packen“. Dass Verletzungen und auch einmal das Ausbleiben eines Hundes dazugehören, ist nicht schön, löst bei unseren Kindern allerdings keine Heulattacke aus, geschweige denn, machen sie uns Vorwürfe, sie dürften nicht mehr mit. Im Gegenteil, Pflege und Fürsorge auch oder gerade für verletzte Vierläufer, damit sie wieder schnell einsatzfähig sind, sind seit jeher Selbstverständlichkeiten unserer Kinder.

SILVESTERJAGD

Zu einem unserer festeren Rituale gehört es außerdem, mit befreundeten Jägern und deren Kindern eine kleine Silvesterjagd durchzuführen. Die etwas älteren dürfen bei dieser Klüngeljagd schon mit durchgehen, und wenn am Ende des Tages ein Fuchs, ein Hase, ein Reh oder auch überhaupt keine Kreatur auf der Strecke liegt, so schmeckt die Wurst und die Cola am offenen Feuer trotzdem gut. Ich glaube, dass die Kinder bereits erkannt haben, dass es bei diesem Event um andere Dinge als um den Jagderfolg geht. Zumindest bestätigt sich dieser Eindruck, wenn zum Ende des Jahres der Wunsch nach diesem Treffen aus vielen Richtungen geäußert wird.

FAZIT

Wenngleich in einer Familie mit Berufsjägereinsatz die Uhren jagdlicher Frühprägung etwas schneller laufen, ermutige ich alle jagenden Eltern, ihrem Nachwuchs nichts vorzuenthalten. Kinder sind vorurteilslos, und mit gerechten Argumenten verstehen sie sehr schnell. Auf der Jagd lernen sie, richtig und falsch, leben und sterben im richtigen Kontext einzuordnen. Wenn wir zukunftsfähig sein wollen, dann sollten wir uns dies immer vor Augen halten. Dabei spielt es auch erstmal keine Rolle, ob aus unseren Kindern überhaupt Jäger werden bzw. wann und wo. Es geht um die Vermittlung ursprünglichen Tuns und um Vermittlung von Werten und Moral. Für mich jedenfalls erreicht die Jagd so noch eine höhere Wertigkeit als zuvor, und ich bin dankbar dafür.

Die Jagd kann ein gutes „Spielfeld“ für vielfältigste Erziehungsaufträge sein. Wir haben die Möglichkeiten. Nutzen wir die Vielfalt und haben Spaß an unseren Familien, Kindern, Hunden und der Jagd.

Jagd ohne Hund ist Schund – im Einsatz geht es aber nicht immer zimperlich zu. Das haben diese Jägerkinder bereits verstanden.


FOTOS: PATRICK RATH