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JAHRE MAUERFALL: SUPERillu-Stadtgespräch in Cottbus: Ein Abend der großen Emotionen


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 28/2019 vom 04.07.2019

Sie erlebten die Wende völlig unterschiedlich: Dieter „Maschine“ Birr und Jeanette Biedermann zogen im Talk ihre ganz persönliche Bilanz

Artikelbild für den Artikel "JAHRE MAUERFALL: SUPERillu-Stadtgespräch in Cottbus: Ein Abend der großen Emotionen" aus der Ausgabe 28/2019 von SUPERillu. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 28/2019

Er ist wieder da: Nach Operation und Reha sang Dieter „Maschine“ Birr in Cottbus den Puhdys-Klassiker „Hey, wir woll’n die Eisbärn sehn“


Geschichten, die das Leben schreibt. Davon gab es beim sechsten Stadtgespräch in Cottbus eine ganze Menge. Linken- Politiker Gregor Gysi, 71, und SUPERillu-Chef Stefan Kobus, 55, hatten in der Stadthalle dieses Mal Musik-Legende Dieter „Maschine“ Birr, 75, und Sängerin Jeanette Biedermann, 39, zu Gast. Jeder der drei Prominenten zog zu ...

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... „30 Jahre Mauerfall“ seine persönliche Bilanz. Dabei erlebten die etwa 300 Gäste einen Abend der großen Gefühle.

Auch weil es ein besonderes Wiedersehen gab. Schließlich musste sich „Maschine“ im April wegen einer Krebserkrankung operieren lassen, war bis vor wenigen Wochen noch in Reha. Die Zuhörer feierten seine Rückkehr deshalb umso euphorischer. Maschine: „Es ist alles wieder gut. Ich war schon wieder mit der Punkrockband Goitzsche Front auf Tour. Es war für mich der Sprung zurück ins Leben.“ Für ihn war es wichtig nach dem Eingriff nach vorne zu blicken, gleich wieder auf die Bühne zu gehen. „Ich habe mich ja auch gefragt: Schaffe ich das noch?“, gibt er zu. In der Lausitzstadt konnten es alle sehen: Er ist wieder der Alte. „Die Krankheit habe ich gar nicht an mich rangelassen. Für mich war klar: Das Leben geht weiter. Ich hatte ja auch keine Schmerzen.“

„Ich habe die Krankheit nicht an mich rangelassen. Für mich war klar: Das Leben geht weiter“
Dieter „Maschine“ B i r r

Er war in jeder Lebenslage ein Optimist. Eine Eigenschaft, die ihn mit Kollegin Jeanette Biedermann verbindet. Ihre Mutter habe ihr immer gesagt: „Du brauchst keinen Ort, um das zu machen, was du willst. Du brauchst nur dich und deinen Willen dazu. Man kann alles schaffen“, erzählt sie.

Dabei war es für die Familie nicht immer leicht. Weil ihre Eltern einen Ausreiseantrag stellten, wurden sie „Stück für Stück drangsaliert“. Ihr Vater, der Taxifahrer war, verlor seinen Job. Auf dem Weg nach Hause wurde er überfallen und von der Stasi verprügelt. Es folgte später die Flucht aus der DDR über Prag. Eine Zeit, die Jeanette prägte. „Heute ist mir bewusst, wie mutig meine Eltern waren, dass sie für das Leben, das sie wollten, gekämpft haben.“ Die gebürtige Bernauerin sagt, sie habe das verinnerlicht. Sie gehe „mutig voran“ und stehe „für ihre Überzeugungen ein“. Doch wie erlebte sie als Neunjährige die Zeit nach der Wende? „Es gab immer Vorurteile gegen Ostler. Auch in der Schule. Ich erinnere mich daran, dass ein Junge einmal zu mir sagte:, Die Wurst bei euch im Osten schmeckt wässrig, das ist eklige Kackwurst‘.“ Einen Moment, den sie nie vergessen wird.

Mit dem gefühlvollen Stück „Deine Geschichten“ traf die Sängerin mitten ins Herz. Von Maschine gab es nach dem launigen Talk eine Umarmung (oben)


„30 Jahre Mauerfall – eine ehrliche Bilanz“: Dieter „Maschine“ Birr, Gregor Gysi, SUPERillu Chefredakteur Stefan Kobus und Jeanette Biedermann (v. l.)


Das Publikum hörte nicht nur dem Talk zu, sondern sang auch bei den Liedern mit


Maschine war vom Mauerfall überrascht: „Ich konnte kaum glauben, dass das wirklich passiert.“ Der Sänger war damals – nach dem vorläufigen Ende der Puhdys – musikalisch mit der Band Maschine und Männer unterwegs. Doch mit der politischen Wiedervereinigung feierten auch die Puhdys 1992 ein Comeback. „Nach der Wende kamen viele Leute und sagten: Zu Ostzeiten konnte ich nichts mit euch anfangen. Jetzt finde ich euch ganz gut“, sagt er. Den Vorwurf, als Band angepasst gewesen zu sein, beantwortet er souverän: „Wir haben uns nie als politische Rockband gesehen. Wir wollten nur Musik machen.“ Für sein Leben ist der Musiker dankbar. Auch weil er seit dem endgültigen Puhdys-Aus 2016 wieder solo auf der Bühne steht und eine Solo-Tour plant.

„Meine Eltern waren sehr mutig. Sie kämpften für ein Leben, nach dem sie sich sehnten“
Jeanet te Biedermann

Auf ihre Tour freut sich auch Jeanette Biedermann. Nach sechs Jahren mit der Band Ewig geht sie eigene Wege. „Ich fühle mich wie frisch verliebt und freue mich wahnsinnig auf mein Album, das im Herbst kommt.“ Eine Kostprobe davon gab es dann auch in Cottbus. Begleitet von Ehemann Jörg, der auch Gitarrist von Dieter Birr ist, präsentierte sie „Deine Geschichten“. Das Lied für ihren Vater, der 2016 starb, bedeutet ihr viel. „Was mir seit seinem Tod am meisten fehlt, sind eben Papas Geschichten: Mit ihm am Feuer zu sitzen und zu quatschen.“ Denn persönliche Erinnerungen seien für sie das Wichtigste im Leben.

katharina.schnurr@superillu.de


FOTOS: SUPERillu/Uwe Toelle