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JAHRESÜBERSICHT: TRIBAL ART


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 28.06.2019

Trotz Restitutionsdebatten und Umsatzrückgängen – noch nie gab es so viel Ware von guter Qualität auf dem Markt für afrikanische Kunst


Artikelbild für den Artikel "JAHRESÜBERSICHT: TRIBAL ART" aus der Ausgabe 11/2019 von Kunst und Auktionen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 11/2019

1 Fang-Mvai Ahnen-Figur des Meisters von Ntem, Holz, rituelle Patina, Ntem Valley, Gabun, 1750 – 1860, H. 46 cm, Sotheby’s, New York, 14. Mai 2018 (Zuschlag 2,9 Mio. $)


2 Kifwebe-Maske der Songe, DR Kongo, H. 37 cm, Christie’s, New York, 14. Mai 2019 (Zuschlag 3,7 Mio. $)


Nachdem der Umsatzzeiger für den Tribal-Art-Auktionsmarkt über Jahre nur den Weg nach oben kannte, ging er 2018 dramatisch nach unten: Betrug der Umsatz 2017 noch 125 Millionen, lag er laut der Datenbank ...

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... Artkhade 2018 bei 76 Millionen Euro, das sind satte 39 Prozent weniger! Wo liegen die Gründe für den Einbruch?

Zweifelsohne waren die letzten 12 Monate aufregende Zeiten. Noch nie hat die traditionelle afrikanische Kunst so viel Publicity erhalten, auf die Marktteilnehmer aber gerne verzichtet hätten. Seit der französische Präsident Macron 2017 in Burkina-Faso davon sprach, die afrikanischen Kulturgüter in Frankreich wieder zurückzugeben, hat sich die Restitution zu einem Hype-Thema in europäischen, vor allem aber in deutschen Leitmedien entwickelt. Als Kronzeu-gen wurden die Wissenschaftler Felwine Sarr und Bénédicte Savoy angeführt, die in Ihrer Analyse zu dem Schluss kamen, dass die in französischen Museen vorhandenen Objekte mit wenigen Ausnahmen vorbehaltlos restituiert werden sollen. Dabei wurde von Berichterstattern oft vergessen, dass es sich bei diesem Papier um keine unabhängige wissenschaftliche Bestandaufnahme handelte, sondern um eine recht schnell entstandene Auftragsarbeit für den französischen Präsidenten, um seine Forderung zu untermauern.

Mittlerweile ist die Debatte aber sogar in Deutschland abgeflaut, selbst wenn sie mit der Eröffnung des Humboldt Forums voraussichtlich wieder anziehen wird. Dies liegt auch daran, dass die deutschen Museen endlich mit der Heidelberger Stellungnahme reagiert haben. Demnach soll mit Hilfe von aufwendiger Provenienzforschung im Einzelfall überprüft werden, inwieweit Objekte unrechtmäßig angeeignet wurden. Tribal Art steht nicht mehr unter Generalverdacht.

Doch hat diese Debatte zur Umsatzdelle geführt? Natürlich gab und gibt es eine Verunsicherung bei Sammlern und Händlern. In den Auktionsbetrieb tatsächlich eingegriffen hat die Diskussion aber erst bei einer Versteigerung von Artefakten bei Salorges Enchères aus Nantes. Sie stammten aus dem ehemaligen Königreich Dahomey, dem heutigen Staat Benin, das berüchtigt war für seinen Sklavenhandel. Die betreffenden Lose, zumeist (Prunk-)Waffen und Récaden, wurden während der Militärintervention französischer Truppen um 1890 erworben oder geraubt und nach einer Aufforderung des französische Kulturministeriums von der Auktion zurückgezogen.

Insgesamt scheinen Händler und Sammler mittlerweile etwas beruhigter, da es bei der Restitution in erster Linie um Objekte in den Museen geht und sie niemand zur Rückgabe zwin-gen beziehungsweise Handel verboten werden kann. Dennoch: Die negative Berichterstattung könnte dazu beigetragen haben, dass sich wenig neue Sammler der traditionellen afrikanischen Kunst hingewandt haben.

Bedeutsamer für den Umsatzeinbruch scheint die Entwicklung zum Käufermarkt. Seit einiger Zeit möchten sich viele der etablierten Sammler über 70 von ihren Kollektionen trennen, da ihre Erben wenig Interesse daran haben. Da aber nicht mehr Käufer da sind, gibt es so viel Ware von zumindest guter Qualität auf dem Markt wie noch nie. Dementsprechend hat sich die Zahl der angebotenen Lose laut Artkhade 2018 um 13 Prozent erhöht. Gefühlt wird jede Woche irgendwo Tribal Art versteigert, was durch das Internet transparent gemacht wird. Eine direkte Folge: Die Preise für „nur“ gute Qualität fallen, für relativ wenig Geld kann viel brauchbares Material gekauft werden – ideal für Einsteiger! 2017 hat Artkhade einen Durchschnittspreis für Tribal-Art-Objekte von 13 000 Euro ausgewiesen, 2018 nur noch von 7000 Euro. Geradezu prototypisch war die Lempertz-Auktion vom April 2019, bei der über 60 Prozent der Lose zugeschlagen wurden. Sie gab zum Beispiel die Gelegenheit, sich günstig eine schöne Sammlung von Ibeji-Figuren mit Provenienz Singer / Stoll aufzubauen. Ähnlich die Dorotheum-Auktion vom Dezember 2018, bei der verkauft wurde, was gleichermaßen preiswert und gut war. Dagegen blieben mittelmäßige Objekte oder teure Lose mit Ausnahme einer Songe-Figur (Abb. 5) für 200 000 Euro zumeist liegen. Gewiefte Einkäufer konnten zufrieden Figuren der Lobi oder Senufo aus der Sammlung Monti für niedrige vierstellige Beträge oder ein sorgfältig modelliertes Terrakotta-Gefäß der Mangbetu für eine dreistellige Summe mit nach Hause nehmen. Um gute Qualität günstig zu erwerben, lohnt auch der Blick auf Zemanek-Münster in Würzburg, das einzige deutsche Spezialauktionshaus für Tribal Art, und auf Native in Brüssel.

Das Überangebot führte dazu, dass bemerkenswerte Kollektionen auf den Markt kamen, die an den großen Häusern, allen voran Sotheby’s und Christie’s, vorbei auktioniert wurden. Kleinere Auktionshäuser können flexibler reagieren, während die Möglichkeiten der großen oft eingeschränkter sind.

Bemerkenswert war die Versteigerung der erstklassigen Sammlung eines nicht genannten Münchner Bildhauers bei Lempertz in Brüssel am 24. Oktober 2018, die überwiegend aus ozeanischen Objekten bestand – Kunst aus diesem Gebiet wird immer begehrter. Über 90 Prozent fanden neue Besitzer. Toplos war ein Schild der Sulka (Abb. 3) mit der Provenienz des Künstlers Carl Otto Czeschka, der das Hamburg-Logo derZeit entworfen hat. Der Hammer fiel bei 90 000 Euro. Eine ähnlich hohe Zuschlagsquote erreichte Rago in Lambertville (USA) mit der Auktion „Tribal Art from the Collection of Allan Stone and Other Owners“ am 19. Oktober 2018.

3 Kampfschild der Sulka, Neubritannien, L. 127,5 cm, Lempertz, Brüssel, 24. Oktober 2018 (Zuschlag 90 000 €)


4 Uli-Figur, Lembankakat Mbaru, Hartholz, Neuirland, 17. – 19. Jh., H. 81 cm, Dorotheum, Wien, 21. Juni 2018 (Zuschlag 1,2 Mio. €)


5 Songe Nkisi Figur, Holz, Leder, Horn, Messing, Kupferlegierung, Kalebassen, magische Substanzen, Öl, DR Kongo, 19. Jh., H. 102 cm, Dorotheum, Wien, 4. Dezember 2018 (Zuschlag 200 000 €)


Den Vogel schoss das Dorotheum unter ihrem neuen Experten Joris Visser ab. Im Juni 2018 offerierten die Wiener unter anderem Objekte aus der ehemaligen Sammlung von Carlo Monzino. 1,2 Millionen Euro erzielte eine großartige Uli-Figur aus Neuirland (Abb. 4, Taxe 150 000 Euro), 2018 der höchste Zuschlagspreis für ein Werk aus Ozeanien.

Der Rückgang des Gesamtumsatzes lag zusätzlich daran, dass die großen Auktionshäuser schwächer als vor einem Jahr abgeschnitten haben. Natürlich gab es in den letzten 12 Monaten Zuschläge in Millionenhöhe: Star war für 3,7 Millionen Dollar eine Kifwebe-Maske der Songe (Abb. 2), bei der Christie’s, New York, am 14. Mai 2019 mit einer sehr hohen Taxe erfolgreich gepokert hatte. Kaum weniger erlöste Sotheby’s New York im Mai 2018 mit 2,9 Millionen Dollar für eine Skulptur der Fang (Abb. 1). Dennoch wurden in den letzten 12 Monaten nur wenige Wow-Stücke angeboten, wie beispielsweise die Statue aus Hawaii, die im Jahr zuvor bei Christie’s Paris 6,3 Millionen Euro einspielte. Die Hawaiianische Figur stammte aus der Samm lung Vérité, die alleine fast 17 Millionen erlöste.


Auktionshäuser versuchten mit Marketingtricks Provenienzfieber zu entfachen


Dies weist auf ein weiteres Manko der vergangenen 12 Monate hin: Es fehlte an Blockbuster-Auktionen mit großen Provenienzen und Qualitäten. Zwar versuchten die Auktionshäuser mit Marketingtricks Provenienzfieber zu entfachen, dies durchschaute der Markt aber schnell. So brachte die groß angekündigte Ozeanien-Kollektion von Elizabeth Pryce bei Sotheby’s Paris kaum mehr als qualitativ gute Hausmannskost. Für Kopfschütteln sorgte darüber hinaus die Auktion von Christie’s im Mai 2018 in New York. Da wurde bei den Objektbezeichnungen mindestens ein bekannter Provenienzname und das Wort „The“ vorgeschaltet und in Großbuchschreiben geschrieben, zum Beispiel „THE VON SCHROEDER MBEMBE FIGURE“. Der Auktionsriese wollte damit zur Legendenbildung beitragen und suggerieren, es würde sich jeweils um singuläre Meisterwerke handeln. Im Gegensatz dazu irritierte, dass keines Sammder Objekte mit mehr als 1 Million Dollar taxiert war, viele „nur“ im fünfstelligen Rahmen lagen und eben keine absoluten Spitzenstücke waren. Sieben der insgesamt 13 angebotenen Objekte blieben liegen.

Eine weitere Entwicklung: Bei den Objekten zeigte sich eine Zweiklassengesellschaft. Spitzenqualität im sechs- oder gar siebenstelligen Bereich hatte größtenteils ihre Käufer, vor allem finanzkräftige Sammler und Investoren. Gute Qualität im drei- bis vierstelligen Bereich wurde günstiger und fand bei den Tribal-Art-Aficionados Abnehmer. Dagegen wurde die Luft für die „nur“ sehr guten Lose im fünfstelligen Bereich recht dünn. Sie versprechen zu wenig Prestige oder Rendite für die einen und sind zu teuer für die anderen.

Diese Entwicklungen machen den Galerien ebenfalls zu schaffen: Die Millionengeschäfte werden an ihnen vorbei über die Auktionshäuser oder mächtige Kunstvermittler getätigt, während ihr Alltagsgeschäft in den Abwärtsstrudel der Preise mitgerissen wird. Gäbe es nicht elanvolle Galeristen wie Didier Claes, Martin Doustar, Charles-Wesley Hourdé, Guilhem Montagut oder Adrian Schlag, die Zukunft des Kunsthandels außerhalb der Auktionen würde nicht gerade rosig aussehen. Um neue Käuferschichten zu erreichen, wird auf Tribal-Art-Spezialmessen wie der Cultures / Bruneaf oder der Bourgogne Tribal Show immer mehr Händlern Raum gegeben, die keine Tribal Art anbieten, sondern Antiken oder Kunst aus Asien oder des Mittelalters. Stichwort eklektizistisches Sammeln. Zusätzlich hofft man auf Sammler der modernen und zeitgenössischen Kunst und bietet Raumkonzepte an.

Und wie wird es weitergehen? Ein Game Changer hätte die Versteigerung der Sammlung Marceau Rivière werden können, die am 18. und 19. Juni (kurz vor Redaktionsschluss) bei Sotheby’s in Paris stattfand. Zum Aufruf kamen 250 Objekte des bekannten Händlers, die einen Umsatz von 11,5 Millionen Euro generierten. Das Toplos der Auktion, eine Maske der Baule von der Elfenbeinküste (s. Titel), wurde für 4 Millionen Euro zugeschlagen. Jedoch fand nur knapp über die Hälfte der Lose einen Käufer, wobei vor allem der fünfstellig taxierte Bereich schwächelte. Trotz teilweise starker Ergebnisse ist die Auktion damit nicht der Befreiungsschlag für den Gesamtmarkt, sondern unterstreicht die Tendenzen der letzten Zeit.

UNSER EXPERTE

INGO BARLOVIC ist Geschäftsführer eines Marktforschungsinstituts und schreibt als freier Journalist über Tribal Art für KUNST UND AUKTIONEN und WELTKUNST. Er ist Mitglied der Redaktion der FachzeitschriftKunst & Kontext , die sich mit außereuropäischer Kunst beschäftigt. Barlovic betreibt einen eigenen Blog unter www.about-africa.de.


Abb.: Lempertz, Brüssel; Dorotheum, Wien

Abb.: Sotheby’s, New York; Christie’s, New York