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JAY LENO UND SEIN 300ER MERCEDES: DESPERADO


Träume Wagen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 13.04.2018

Begnadeter TV-Talker und leidenschaftlicher Autosammler: Jay Leno ist eine Klasse für sich. Was dem Besitzer mehrerer Hundert Zweiund Vierräder besonders am Herzen liegt, ist klein, rot und hat Flügel. Und eine besondere Geschichte


Artikelbild für den Artikel "JAY LENO UND SEIN 300ER MERCEDES: DESPERADO" aus der Ausgabe 4/2018 von Träume Wagen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Träume Wagen, Ausgabe 4/2018

300 SL: GULLWING COUPÉ

In diese Gegend, eine halbe Stunde nördlich von L. A., verirrt sich niemand zufällig. Leicht heruntergekommene Wohnsiedlungen im Hinterland von Hollywood, viel Staub, viel Trockenheit: Nichts deutet darauf hin, dass hier irgendwo mehr als 130 spektakuläre Fahrzeuge und 100 Motorräder versammelt sind – die Collection von Jay Leno. Hinter einem gewaltigen ...

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In diese Gegend, eine halbe Stunde nördlich von L. A., verirrt sich niemand zufällig. Leicht heruntergekommene Wohnsiedlungen im Hinterland von Hollywood, viel Staub, viel Trockenheit: Nichts deutet darauf hin, dass hier irgendwo mehr als 130 spektakuläre Fahrzeuge und 100 Motorräder versammelt sind – die Collection von Jay Leno. Hinter einem gewaltigen Gittertor taucht die TV-Legende plötzlich auf. Jeans, Arbeitsschuhe, T-Shirt. Kein Glamour, keine Attitude, dafür ein freundliches Grinsen im Gesicht: „Ich schlafe zu Hause, aber ich lebe hier in meiner Garage.“ Dabei hat sich der frisch gebackene Ruheständler gerade eine Luxusvilla mit Meerblick zugelegt: acht Schlafzimmer, elf Badezimmer, viel Gold an den Wänden, der Ozean vor der Haustür. Für einen kleinen Fuhrpark ist ebenfalls Platz – zur Villa gehört eine Garage, in der zumindest sechs Autos untergebracht werden können. Nicht gerade üppig angesichts der Tatsache, dass der Mann weit über hundert besitzt. Die meisten stehen in seiner „Big Dog Garage“. Hier hortet er legendäre Schlitten vom Lamborghini bis Duesenberg – und kann zu jedem eine Geschichte erzählen. Mittlerweile beschäftigt Leno hier sieben Angestellte, die die Preziosen warten, instand setzen und reparieren. „Jay fährt jeden Tag mit einem anderen Wagen, am Wochenende auch oft mit seinen Motorrädern“, erzählt einer aus der Crew, „und er hat noch nie eines seiner Autos verkauft. Er kauft immer nur neue.“
Leno ist ein Autonarr. Solange er denken kann. Mit der Übernahme der Late-Night-Show von Johnny Carson wurde er Anfang der 90-Jahre zur Legende, stach selbst den „Godfather of Talkshows“ David Letterman aus und wurde ein Megastar. Doch seine Wurzeln hat er in der Autobranche. „Ich habe als Junge bei Mercedes in einer Werkstatt gelernt“, erzählt er, „danach habe ich bei Ford noch Tachos zurückgedreht.“ Der Job änderte sich, die Leidenschaft blieb. Leno lebt sein Faible für schnelle Autos unter den Augen der Öffentlichkeit aus. Aus der Big Dog Garage kommen Filme, in denen die Cars die Stars sind. Er zeigt nicht nur die Schmuckstücke seiner Sammlung, sondern auch Neuheiten der Autohersteller, die seine Popularität gerne nutzen und ihn ständig mit frischer Ware versorgen. Kaum debütiert ein aufregendes Auto, flimmern dazu auch schon Jay Lenos Videos durch die TV-Kanäle und das Internet. In der Big Dog Garage stehen sämtliche Luxuslimousinen, die man in Beverly Hills erwartet, dazu eine Menge Superblech aus Deutschland und Italien, Turbinenautos von Chrysler, Bugatti, Duesenberg, ein Cinquecento und ein Citroën DS. Dazwischen Hot-Rods und Custom Cars, denen Lenos ganz besondere Liebe gilt.

So sieht es aus, wenn der Meister genießt. Auch wenn das enge Cockpit alles andere als komfortlastig ist: Jay Leno kostet jede einzelne Minute in seinem Gullwing aus


Die Frage nach dem „one and only“, seinem absoluten Favoriten, beantwortet Leno ohne Zögern. Es ist nicht der ikonische Ferrari, nicht der seltene Duesenberg und auch nicht der dicke 300 SEL 6.3, die alle im Scheinwerferlicht der Halle glänzen – so hell, dass man eine dunkle Sonnenbrille aufsetzen möchte. Es ist ein anderer Schwabe, dem sein Herz gehört: ein knallroter Gullwing. Er sieht authentisch aus, wie es sich für einen strammen Kerl in den Sechzigern gehört, weit entfernt von „better than new“. Jay Leno hat kein Interesse, alle Fahrzeuge auf Ausstellungsniveau zu bringen, dieser Flügeltürer hat eindeutig schon bessere Zeiten gesehen.


BIG DOG GARAGE
„ICH SCHLAFE ZU HAUSE, ABER ICH LEBE HIER IN MEINER GARAGE


Der Lack ist stumpf. Leno rutscht mit dem Hintern auf dem Kotflügel herum und grinst: „Mit welchem SL kann man das schon machen? Sich einfach draufsetzen? ICH kann das, und das Beste: Der fährt klasse.“ Der Flügeltürer Baujahr 1955 war ein Zufallstreffer, ein Scheunenfund, der sogar den ausgebufften Profikurzzeitig sprachlos machte. Wobei „Scheunenfund“ es nicht ganz trifft: Der Rote mit den exzentrischen Türen wurde Ende der 70er ohne Motor und ohne Getriebe in einen Container verpackt und in der kalifornischen Wüste abgestellt. Dort verdöste er 30 Jahre im Dornröschenschlaf, bis ihn Jay Leno per Zufall fand und wachküsste. Oder so. Der klassische Benz ließ sich mit relativ wenig Aufwand – na ja, Motor, Getriebe … – in fahrbereiten Zustand versetzen und eroberte das Herz des Meisters im Sturm. Eine vollständige Restaurierung hat Leno auf einen späteren, sehr sehr viel späteren Zeitpunkt verschoben. So lange darf der Gullwing mit Stolz seine Patina spazierenfahren, darunter etliche Lackschäden.

Hohe Gürtellinie, tiefer Sitz. Um besser einsteigen zu können, lässt sich das dünne (Plastik!-)Lenkrad über einen kleinen Hebel klappen


SIEGE IN SERIE

1952 kehrte Mercedes-Benz mit dem eigens dafür konstruierten 300 SL in den Motorsport zurück und räumte Sieg um Sieg ab, den letzten bei der legendären Carrera Panamericana über 3.500 km. Sieger wurden Karl Kling und Hans Klenk mit einer Gesamtzeit von knapp 19 Stunden, Hermann Lang und Erwin Grupp belegten Platz 2. Mit diesem spektakulären Doppelsieg in Mexiko endete die Rennkarriere des intern W 19 genannten 300 SL.

Was für ein Design! Lange Motorhaube, zurückversetztes Cockpit, große Gitterlüftungen für die Trommelbremsen und Flügeltüren zum Abheben


Und eine große Startnummer „263“, die auf vergangene Renneinsätze hinweist. „Wer sagt, dass man nicht in Würde altern darf“, schmunzelt Leno nicht ganz ohne Selbstironie, schließlich ist er gerade mal fünf Jahre älter als sein Darling.
Was Leno besonders begeistert: „Für dieses Auto bekommst du noch alles, wirklich alles, bei Mercedes. Es ist unglaublich, was die Deutschen für eine Vorratshaltung betreiben. Und was du nicht vom Werk bekommst, besorgen dir die Classic Clubs, Wahnsinn. Echter Wahnsinn.“ Improvisieren wie bei anderen Zeugen vergangener Zeiten war also kein Thema. Leno konnte sozusagen ins Regal greifen und seinen Gullwing Stück für Stück komplettieren. Hatte er ursprünglich mit einem fetten 6.3-Liter-V8 geliebäugelt, beließ er es dann doch beim 3.0 Liter. Jedenfalls fürs Erste. Als beim ersten Testlauf – Gott sei Dank auf dem Prüfstand – beinahe die Kopfdichtung durchknallte, spendierte Leno dem Roten kurzerhand eine elektronische Zündanlage, natürlich original von Mercedes, wenn auch nicht original für diesen Typ. „Es ist einfach geil, so einen Survivor zu fahren.“, meint Leno, der jeden Meter in seinem Überflieger genießt, „zu wissen, dass der eine richtig coole Vergangenheit mit vielen Renneinsätzen hat, ist nicht zu bezahlen.“ Denn neben der Technik sind es vor allem die Geschichten, die ihn an den Autos interessieren. Wenn die Story gut ist, dann will er den Wagen haben, egal, ob der 100 Dollar kostet oder 100.000.
Beim Gullwing hat Jay alles richtig gemacht. Ihm das Nötigste spendiert, um ihn flott zu machen. Ihm die coole Patina gelassen, für die er schließlich bezahlt hat. Ihm die Würde bewahrt, die so einen 1955er unvergleichlich macht. Der Rote dankt es ihm mit unerschütterlicher Zuverlässigkeit, mit sprichwörtlich deutscher Qualität und einem Fahrerlebnis, das sich gut anfühlt und nach dem Leno lange gesucht hat. Unterm Blech sitzt ein filigraner Rohrrahmen, der allein auf Zug und auf Druck, aber nirgendwo auf Biegung beansprucht wird. Die Ingenieure hatten Flugzeugtechnologie für die Straße adaptiert, als sie 1954 aus dem Renn-300-SL eine Serienversion zauberten. Lenos 300 SL ist schnell, aber nicht leichtfüßig. Er schiebt gewaltig nach vorne, laut, bullig, alles andere als grazil. Bei moderaten 3.000/min fühlt er sich gelangweilt, das ist nicht seine Tonlage. Er braucht mehr, dann röhrt, sägt, brüllt und bollert er, wie es eben ein Oldschool-Racer so drauf hat.


„ORIGINAL - NOT NEW“


NEWMAN´S BABY

1957 kaufte Filmlegende Paul Newman den blauen Gullwing, der zu den ersten 100 gebauten 300 SL gehört. Nach mehreren Besitzerwechseln landete er 2012 beim Pariser Händler Classic Sport Leicht, der ihn in unglaublichen 6.000 Stunden (!) restaurierte. Das Siegel „better than new“ ist hier wohl angebracht. Kürzlich fand sich ein neuer Liebhaber - zu welchem Preis, ist leider nicht verbrieft. Übrigens: Auch Yul Brynner und Elvis Presley gehörten zur elitären Gullwing-Gemeinde …

Leno´s Baby: Dass die einstige Startnummer lädiert und der Lack ab ist - wen stört´s. Vorne feuert der 3.0-Sechszylinder, hinten sitzt der Tank. Das Schwarz im Heck ist original- der Gullwing wurde erst später in Socal-Red lackiert


Im Innenraum gehts eng zu, einmal eingefädelt, hat man wenig Freiraum, die Luft staut sich in der engen, kurbelfensterlosen Kanzel, und man muss schon über innere Größe verfügen, um diesem unbequemen Superstar Paroli zu bieten. Wer mit dem Flügeltürer schnell sein will, muss das tückische Hinterteil in schnellen Kurven beherrschen und ihm den Platz auf der Straße reservieren, den seine Trommelbremsen fordern. In den Weiten der Mojave-Wüste ist das kein Thema, grinst Leno spitzbübisch, auch die 230 km/h Spitze hat er natürlich schon ausgereizt – wo, das verrät er lieber nicht. Und dann diese Türen! Kein optischer Gag, sondern eine geniale Konstruktion, weil der hohe Rohrrahmen nämlich ordinäre Türen vereitelte. Unbewusst landeten die Schwaben damit einen gigantischen PR-Coup, der bis heute Maßstäbe setzt: Niemand kann diese Türen vergessen.
Auch wenn der Gullwing damals der Schnellste war – heute jagen ihn moderne Diesel-Limousinen. Ob das erniedrigend ist für eine Sportwagen-Ikone? Jay Leno winkt ab. Für ihn ist der Gullwing der Bringer schlechthin. Nur 1.400 Exemplare des 300 SL hat Mercedes-Benz einst gebaut, selbst absolute Auto-Ignoranten erkennen diesen Urtyp aller Super-Sportwagen als das Nonplusultra im Automobilbau an. „Wenn du was wirklich Einzigartiges fahren willst, kommst du am Gullwing nicht vorbei“, konstatiert der Meister aller TV-Shows. Und der müsste es eigentlich wissen…