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JAZZ FORUM: In ein anderes In ein anderes


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 05.06.2020

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Leben und Wirken von Jazzmusikerft innen aus, für die Live-Auftritte ja Lebenselexier sind? Wir haben nachgefragt. Überlebens-Strategien des Jazz im Lockdown.


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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 7/2020

Rolf Kühn arbeitet in der selbst gewählten Quarantäne täglich an neuen Formen und Klangkombinationen.


In der Chronik der Ereignisse kam der Lockdown über Nacht. Auf einmal waren nicht nur Auftritte in den großen Hallen abgesagt, sondern alle Konzerte. Auf den Homepages der Musiker stand plötzlich entweder „abgesagt“ oder „verschoben“. Auf ungewisse Zeit. Vielleicht sogar ein Jahr oder länger. Von einem Tag auf ...

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... den anderen brachen Gagen und Honorare weg, dazu Projekte, an denen zum Teil viele Monate lang gearbeitet worden war. Wie gehen die Musikerftinnen damit um?

Viele begannen, aus ihren Wohnzimmern und Studios heraus über Kanäle wie Youtube, Facebook und Instagram Live-Auftritte zu streamen, waren auf der Suche nach Lösungen oder wenigstens Zwischenlösungen. Die Sommer-Festivals sind abgesagt oder arbeiten an virtuellen Formaten. Ob die Herbst-Festivals stattfinden können, ist ebenfalls ungewiss. Sicher ist nur, dass sie nicht in gewohnter Form stattfinden werden. Kann das Streaming von Live-Konzerten ein Ersatz sein, so lange es den Auftritt vor Publikum nicht geben kann? Werden Musiker und Clubs davon leben und überleben können? Bisher wurden Corona-Soforthilfen gezahlt, die jedoch jetzt schon weitgehend ausgeschöpft sind.

Wie kann es weitergehen, wenn der Lockdown für Konzertveranstaltungen bestehen bleibt? Es wird an Möglichkeiten überlegt, wie etwa Konzerte nach dem Autokino-Prinzip zu veranstalten: Man bleibt im geschlossenen Auto, sieht die Musiker auf einer Großleinwand und hört die Musik über die UKW-Frequenz des Autoradios. Applaus per Lichthupe. Im Sommer sind vielleicht auch Open-Air-Konzerte mit Abstand denkbar. Doch was ist im Herbst und Winter, und was machen die traditionellen Jazzclubs?


Mit anderen Musikern online zusammenzuspielen, scheitert an der Latenz


Über den Dächern Berlins scheint der Lockdown weit entfernt. Die Stadt breitet sich aus über einem langsamen Corona-Frühling. Alles scheint stehen geblieben zu sein. In seiner Dachgeschosswohnung arbeitet der 90-jährige Klarinettist Rolf Kühn an neuen Kompositionen für sein Quartett, dem Nachfolger seines aktuellen Albums „Yellow + Blue“. Gerade hat er die Musik zu der MDR-Produktion „Kinder des Krieges“ geschrieben, die anlässlich des 75. Jahrestages zum Ende des Zweiten Weltkrieges gesendet wurde. Dazu wurde seine Film-Biografie „Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei“ bei den New York Festivals 2020 mit der „Gold World Medal“ ausgezeichnet. Wir sprechen am Telefon, es ist die Zeit des Abstandhaltens. Auf die Straße geht er nur mit Mundschutz. „Ich gehöre ja zur Risikogruppe“, erklärt er mit einem Lächeln in der Stimme.

Wie geht er, der in seinem Leben neben historisch einschneidenden Krisen wie Diktatur und Krieg auch Krisen des Jazz erlebt hat, mit dieser Situation um? „Zuerst“, so Kühn, „war da das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, der Unsicherheit. Das ist immer noch so, aber ich versuche, diese Krisenzeit zu nutzen, um an neuen Formen und Klangkombinationen zu arbeiten und an noch experimentelleren Stücken.

Diese Krise wird irgendwann überstanden sein.“ Es sei jetzt entscheidend, so auch sein Rat an jüngere Musiker, weiter an die eigene Arbeit zu glauben und nicht aufzugeben. Sein derzeitiger Soundtrack zur Krise sind CDs von jungen Musikern, vor allem europäische Produktionen, aber auch der Blick zurück: mit alten Youtube-Videos über die Big-Band- Zeit der 30er- und 40er-Jahre. „Diese enorme Perfektion begeistert mich noch immer. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen, sie hat sehr viel mit meinem musikalischen Leben zu tun. Es zeigt sich auch jetzt, dass es nicht um alt oder neu geht, sondern nur um die Qualität der Musik.“

Auch Kühn verfolgt online, dass Kollegen vermehrt Konzerte streamen, ein eigenes virtuelles Hauskonzert kann er sich jedoch noch nicht vorstellen.


„Es ist im Moment ein Blick nach innen, diesen Freiraum hatte ich lange nicht.“


„Die Klangqualität hängt sehr von dem Raum ab, da müssen die Bedingungen stimmen.“ Dass ein Umdenken in Richtung weiterer Präsentationsplattformen stattfinden muss, davon ist er überzeugt. Dennoch gibt es aus seiner Sicht keinen Ersatz für das Live-Kon- zert mit Publikum. Bei live gestreamten Konzerten setzt er auf freiwillige Spenden: „Man darf das Publikum nicht unter Druck setzen, das im Moment sicher andere Sorgen hat.“

Streaming von Hauskonzerten wird auch von dem Pianisten-Ehepaar Alexander von Schlippenbach (82) und Aki Takase (72) kritisch gesehen.

Beide versuchen derzeit, sich von Zukunftssorgen abzulenken und arbeiten von ihrer Berliner Wohnung aus an laufenden Projekten. So hat Alexander von Schlippenbach gerade sein Solo-Album „Slow Pieces for Aki“ fertiggestellt, das im Herbst bei Intakt erscheinen soll.

Weiterhin bereitet er ein Konzert mit seinem Globe Unity Orchestra vor, das im Oktober in der Akademie der Künste geplant ist, sowie seine jährliche Winterreise. Aki Takase, die schon vor Corona regelmäßig per Facetime oder Line in Kontakt mit Freunden und Musikern in Japan, Frankreich und den USA war, macht jetzt zwar tägliche Online-Proben mit ihren Musikern, ein gleichzeitiges Zusammenspiel ist jedoch technisch noch nicht möglich. „Aufgrund des zeitlich versetzten Klangsignals, der Latenz, geht das nicht. Aber wir können die neuen Kompositionen besprechen oder uns Ideen gegenseitig vorspielen.“ Selbst Konzerte streamen möchten beide nicht, jedenfalls nicht von zu Hause. „Manche jungen Leute machen Konzerte online“, so Takase, „aber die sind leider klanglich nicht so gut“.

Die Saxofonistin Angelika Niescier, die gerade in ihrer Kölner Wohnung an einem Beethoven-Projekt arbeitet, nutzt Kommunikations-Apps wie Zoom vor allem für den Unterricht mit ihren Studierenden an der Hochschule, jedoch nicht zum gemeinsamen Spielen von verschiedenen Orten aus. „Das geht mit unserer Musik nicht, die Latenz ist noch zu groß.“ Sie spreche jedoch viel mit ihren Kollegen, auch ihrer New Yorker Band, wie es ihnen gerade geht und wie sie durchhalten.

„Für die ist es noch schwerer als für uns, da sie überhaupt keine Unterstützung erhalten.“ Die Musikerin wäre eigentlich gerade für eine Auftragskomposition in Malaysia gewesen, wenn die Flüge wegen Corona nicht gestrichen worden wären. Im Arbeitszimmer steht ihre „Übe-Kabine“, um ungestört zu proben, ohne die Nachbarn zu stören. Für Aufnahmen oder Streamen von Musik sei diese jedoch nicht geeignet, der Klang sei „zu trocken“. Kurz vor dem Lockdown hat sie am 19. März noch ein Konzert im Kölner „Loft“ gespielt, schon ohne Publikum, aber mit der ursprünglich vereinbarten Gage.

Aki Takase und Alexander von Schlippenbach arbeiten in ihrer Berliner Wohnung an gemeinsamen Projekten, in der Hoffnung, diese alsbald wieder live vortragen zu dürfen.


„Livestreams würde ich nur wieder machen, wenn es eine feste Gage gibt, also nicht auf Spendenbasis. Ich weiß, dass viele Kollegen und Kolleginnen das tun, und das sollen sie auch. Jeder geht ja anders mit der Situation um. In der Anfangszeit waren einfach alle im Schock. Aber jetzt muss man langsam einen Modus Operandi finden, wie man damit tatsächlich umgeht. Und wie gesagt, ich würde es nur unter richtigen Parametern machen.“ Noch ist sie durch die Soforthilfe und fest vereinbarte Gagen für ihre Auftragskompositionen abgesichert. Für die Zukunft kann sie sich einen Fonds vorstellen, in den Musiker monatliche Beträge einzahlen, der im Notfall Überbrückungshilfen schaffen kann. Zusätzlich bräuchten freischaffende Künstler eine stärkere Lobby, nicht nur im Bundestag, sondern europaweit in Brüssel. Denn eine Krise wie diese betrifft alle gleichermaßen. „Kunst und Kultur sind gesellschaftlich relevant.“

Patrik Landolt, Kulturaktivist, Mit-Gründer des Festivals „Unerhört“ und des Zürcher Intakt-Labels, bei dem auch Aufnahmen von Alexander von Schlippenbach, Aki Takase und Angelika Niescier erscheinen, sieht die derzeitige Situation gelassen. Falls es im Herbst noch keine Reisemöglichkeiten für US-Musiker geben sollte, würde „Unerhört“ als „Slow Festival“ stattfinden. Anstatt von drei oder vier Bands pro Abend würden dann vielleicht nur zwei Bands spielen, bei einer reduzierten Publikumszahl. Noch geht er davon aus, dass das möglich sein wird. Das Festival zu streamen ist für ihn keine Option. „Jazz ist eine Musik, die live erlebt werden muss.“ Zu dem seit 2011 jährlich am 30.

April stattfindenden „Unesco International Jazz Day“ hat der Gründer und Leiter des Enjoy Jazz Festivals Rainer Kern ein Konzert unter Corona-Bedin- gungen organisiert: als Stream aus dem Mannheimer Club „Ella & Louis“, ohne Publikum, aber mit Gage für die Künstler. Er berichtet, der „tägliche Streaming- Tsunami“ würde ihn eigentlich total abschrecken. „Am Anfang habe ich es verstanden, dass man das auch für die eigene Psyche macht und einen Weg finden muss, damit umzugehen, aber dann fand ich es unkreativ und den eigenen Markt kaputtmachend, weil es fast immer kostenlos ist. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich nur bei Projekten beteilige, wo Geld für die Künstler fließt.“

Aus Kerns Sicht wird das Enjoy Jazz Festival auch dieses Jahr stattfinden, wenn auch nicht in der gewohnten Form. „Das ist noch absolut in der Entwicklung. Wir werden jedoch nicht das Gleiche wie immer machen, nur als Stream, das wäre keine akzeptable Lösung. Enjoy Jazz hat, anders als andere Festivals, wie etwa das Berliner Jazz Fest, kein vom Land oder Bund gefördertes Gagenbudget, dieses Risiko wird von den teilnehmenden Clubs und Theatern durch Ticketverkäufe getragen.

Inwieweit der „Freundeskreis von Enjoy Jazz“, etwaige Sponsoren oder die teilnehmenden Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen da einspringen werden oder können, zumal wenn diese Auftrittsorte wegfallen, muss auch noch überlegt und diskutiert werden.

Die Saxofonistin Silke Eberhardt denkt, dass man frühestens in einem Jahr wieder regulär Konzerte spielen kann, auch wenn kleinere Formate vielleicht schon früher wieder möglich sind. Das macht ihr Sorgen, aber noch fühlt sie sich finanziell sicher, auch durch das Preisgeld des diesjährigen „Jazzpreis Berlin“, der ihr am 13. August verliehen wird. Eigentlich sollte das Geld in weitere Projekte mit ihren verschiedenen Band-Formationen fließen. Inzwischen hat sich bei ihr eine neue Routine entwickelt: „Jeden Tag schreibe ich in meinem Raum ein kleines Stück. Ich habe angefangen, mich wieder intensiver mit Kompositionslehre zu beschäftigen. So schreibe ich mir jeden Tag eine Zwölftonreihe auf und mache daraus ein Stück. Das sind Miniaturen, die am Klavier entstehen. Es ist ein Arbeiten ohne konkretes Ziel, das ist auch ganz schön.

Oft entwickelt sich ja dann doch etwas für das Trio, das Tentett oder für eine Solo-Idee. Es ist im Moment ein Blick nach innen, diesen Freiraum hatte ich lange nicht.“


Von einem Tag auf den anderen in ein völlig anderes Leben katapultiert


Nutzt sie derzeit verstärkt technische Möglichkeiten? „Noch nicht so richtig. Das digitale Proben hat ja seine Tücken, da hat man immer eine Latenz. Wenn man es macht, muss man mit der Zeitverzögerung arbeiten. Gegen Streaming habe ich nichts. Der Vorteil ist ja auch, dass dir Leute aus der ganzen Welt zuschauen können.

New Yorker, die sagen, wir kommen heute – virtuell – zu deinem Konzert… Aber immer nur auf Spendenbasis zu spielen, da muss man natürlich vorsichtig sein. Manche gehen sehr in die Aktion und streamen auf Teufel komm raus, und man merkt, da ist schon viel Angst und Unsicherheit bezüglich der Zukunft. Ist unser Beruf noch relevant, wenn man sich auf das Live-Konzert spezialisiert hat und nicht streamen will? Ich kann mir nicht vorstellen, das andauernd zu machen. Für mich habe ich das Gefühl, ich muss das aussitzen. Wir sind ja von einem Tag auf den anderen in ein völlig anderes Leben hineinkatapultiert worden. Und jetzt sieht man, was man eigentlich braucht und was nicht. Das ist ja auch eine Chance für die Gesellschaft. Und wir sehen, das Klima erholt sich.“

Auch der Schlagzeuger Christian Lillinger(36), der neben eigenen Bandprojekten und der Arbeit für sein Label „Plaist“ auch viele Jahre in der „Unit“ von Rolf Kühn gespielt hat, ist gerade in seiner Berliner Wohnung.

Hier übt er „trocken“, wie er sagt, sein Equipment ist in seinem Probenraum in der „Wache“, gegenüber vom Mauerpark. Er empfindet die derzeitige Situation als „globalen, einmaligen Ausnahmezustand für die gesamte freischaffende Kunstszene“.

Christian Lillinger: „ Die Natur heilt, was auf lange Sicht noch wichtiger ist.“


Er erzählt, wie es ihm gerade geht: „Ich arbeite mehr denn je für mich und stürze mich auch komplett in die Label-Arbeit. Es gibt neue Veröffentlichungen im Sommer, wie die Live-Aufnahmen unseres Konzertes mit,Open Form For Society‘ im letzten Jahr aus Donaueschingen und vom JazzFest Berlin, die als Doppel-Vinyl erscheinen wird. Da entwickele ich auch das Design selbst, produziere meine eigenen Sachen und komponiere viel. Gerade interessiere ich mich sehr für elektronische Musik, da mache ich auch viel am Computer, und dazu übe ich auch sehr viel, das ist relativ balanciert. Es ist auch gerade ganz schön, zu Hause zu sein. Weil wegen des Lockdowns alles so unklar ist, versuche ich gerade, in kleinen Intervallen zu denken. Ich habe meine Vektoren: die Labelarbeit, das Üben und Komponieren. Eigentlich das, was ich immer mache, außer dass ich gerade nicht international reisen und aufnehmen kann. Ich sehe, dass ich zur Zeit zu mehr komme. Nicht zu mehr Geld, aber zu mehr künstlerischer Arbeit.“

Doch auch Geld spielt eine Rolle. Mieten müssen bezahlt werden, Essen muss man auch. Natürlich, so Lillinger, komme man immer wieder in einen Stresszustand. Das spiegele sich dann im täglichen Leben, wie Erschöpfung, viel Schlaf und Depressionsanteile.

„Zuerst war ich wie in einer Schockstarre und habe das genutzt wie eine Zwischenzeit: Man weiß nicht genau, was los ist, und dann übt man halt. Dann kam ein Monat, wo der Stress intensiver wurde. Da habe ich versucht, einfach das Bessere zu sehen: Die Natur heilt, was auf lange Sicht natürlich noch wichtiger ist. Da muss man sehen, dass man danach nicht so weitermacht wie vorher. Dass man da Nachhaltigkeit verspürt.“

Das Problem der Latenz

Zum gemeinsamen, gleichzeitigen Spielen von verschiedenen Orten experimentieren Musikerftinnen gerade während des derzeitigen Corona-bedingten Lockdowns mit verschiedenen Plattformen wie JamKazam, Skype, Doozzoo, Zoom, Jitsi oder Sofasession, die als Apps verfügbar sind. Das derzeitige Problem der Nutzer ist die sogenannte Latenz, die zeitliche Verzögerung der Verarbeitung des Eingangs-Audiosignals, um ein Ausgangssignal zu erzeugen. Derzeit ist es technisch nur möglich, diesen unerwünschten Effekt zu minimieren. Das genügt bisher nicht, um tatsächlich live von verschiedenen Orten aus gleichzeitig bei hoher Audio-Qualität online zu spielen. Dazu kommt eine mögliche Überlastung der Internetserver, da Deutschland digital noch nicht den internationalen Standards entsprechend aufgestellt ist.


Foto: Reiner H. Nitschke

Foto: Reiner H. Nitschke

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