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JAZZ NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 06.07.2022
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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 8/2022

Sebastian Sternal Thelonia Traumton

Dieses überwältigende Soloalbum des aus Mainz stammenden Pianisten Sebastian Sternal dürfte rasch zum neuen Liebling aller audiophilen Boxentester avancieren.

Klingt der im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks von Christian Heck und Michael Morawietz superb aufgenommene Flügel in stereofoner Pracht doch glasklar in den Höhen, sagenhaft transparent in den Mitten und dermaßen präsent in der Tiefe, dass man glatt neben dem exzellenten Instrument zu stehen meint.

Was aber eine ebenso nette Täuschung ist wie der gewitzte Titel „Thelonia“, weil Thelonious Monk in dem schillernden Reigen von 18 recht unterschiedlichen Kleinoden allenfalls als sehr fernes Echo nur sporadisch anzuklingen scheint. Hat der 39-Jährige die allfälligen Einflüsse der US-Jazztradition ebenso wie jene der deutschen Romantik oder französischer Impressionisten doch längst in seiner oft liedhaften, ...

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... gleichwohl gern auch rhythmisch pointierten Klangsprache sublimiert.

Die funkelt hier in faszinierender Variabilität samt unerwarteter Brüche, getragen von stupender, stets zweckdienlicher Virtuosität, die von zartem Getupfe bis zu harter Expression all seinen Motiven tiefschürfenden Ausdruck gibt.

Diese perlen flirrend melodisch („Traum“), oszillieren frei durch Raum und Zeit („Birds“) und lassen auch neutönerische Momente nicht aus, die wie alle Stücke von Sternal als hochkonzentrierte Miniaturen serviert werden. Es ist ein ergreifendes Wechselbad großer, doch nie plakativer Emotionen, die sich zu einem harmonisch reichen Gesamtbild fügen, das „Thelonia“ großmeisterlich als grandiosen Solitär leuchten lässt.

Sven Thielmann

Al Di Meola, John McLaughlin, Paco de Lucía Saturday Night In San Francisco earMusic

Unter den Aufnahmen herausragender Akustikgitarristen – Michael Hedges, Joni Mitchells „For The Roses“, Paul Simon, von Roy Halee superb produziert – war „Friday Night In San Francisco“ immer eine Anomalie insofern, als es sich um einen in der Aufnahmephilosophie etwas eigenwilligen Live-Mitschnitt handelte – die Studioaufnahme „Guardian Angel“ am Ende das klangliche Sahneteil.

Dass von dem außerordentlich erfolgreichen, immer wieder in sündhaft teuren Spezialeditionen aufgelegten Bestseller im Archiv kein komplettes Multitrack-Master des ursprünglichen Mitschnitts existieren soll, ist kaum zu glauben. Das jetzt erstmals veröffentlichte, am nächsten Tag im Warfield Theatre aufgezeichnete „Saturday Night In San Francisco“ ist ebenfalls weniger authentisches Tondokument als vielmehr ein effektvoller Listener’s Digest des knapp zweieinhalbstündigen Konzerts – mit immerhin sieben statt der vorher nur vier Live-Mitschnitte.

Nicht nur bei den Solo-Spots der Gitarristen wird auch hier einmal mehr deutlich: Paco de Lucía war bei den Konzerten nicht der primus inter pares. Er spielte eigentlich in einer eigenen Liga. Durch sein perkussives Spiel brillierte Al Di Meola auf hohem Niveau, damit damals sicher viele neue Bewunderer und Schüler für sich einnehmend. Nicht ganz so inspiriert, etwas fahriger als die Kollegen musizierte an den Abenden McLaughlin auf seiner mit Nylonsaiten bespannten Gitarre. Der hysterische Applaus beim kollektiv improvisierten „Meeting Of The Spirits“ klärte unmissverständlich:

Dieses Publikum erwartete weniger große Harmonie als artistische Hochseilakte.

Franz Schöler

Dave Douglas Secular Psalms Greenleaf

Man muss den amerikanischen Trompeter Dave Douglas zutiefst dafür bewundern, dass er – obwohl mutmaßlich kein gläubiger Mensch – mit seinen von hohem sittlichen Ernst geprägten „Secular Psalms“ dem berühmten Genter Altar von Jan van Eyck anlässlich des 600.

Jubiläums ein intensiv nachwirkendes Klangdenkmal widmet.

Schon das von zumeist flämischen Musikern gespielte Instrumentarium – von Serpent, Laute und Harmonium über das Violoncello der Chicagoer Improvisationsartistin Tomeka Reid bis zu präpariertem Flügel, Schlagzeug, E-Gitarre und Electronics – spiegelt den immensen Spannungsbogen, den der mit oft verschattetem Ton spielende Trompeter hier vom Mittelalter bis in die Jetztzeit schlägt.

Sein zehnteiliger Zyklus mäandert in faszinierender Farbigkeit durch Zeit und Raum, was zwischen dunkler Mystik, freier Ekstase und kammermusikalischer Zartheit hochemotional schillert.

Gelegentlich ergänzt um Texte wie das aus nur 21 Wörtern bestehende „Mercy“, von Douglas collagiert aus Fragmenten von Liturgie, Marvin Gaye, Eigenem und dem 53. Psalm, während das dem zentralen Altarmotiv zugedachte „Credo“ originalgetreu über komplex brodelnden Texturen schwebt.

Ebenso ein mittelalterliches Poem der Christine de Pisan, in starkem Kontrast zu einer rockig aufbrausenden E-Gitarre. Credo und Poem stehen exemplarisch für die kunstvollen Schichtungen vielfältiger Stimmen und Stimmungen, die Douglas im Laufe des Geschehens immer mehr verdichtet. „Making this music will help to heal us“, heißt es im finalen „Edge Of Night“ seiner „Secular Psalms“, die man, tief bewegt, göttlich nennen darf.

Sven Thielmann

Initiative H Polar Star Neuklang

Initiative H sind eine zehnköpfige „small big band“ um den Saxofonisten und Komponisten David Haudrechy. Sie kreieren ein originelles, zeitgemäßes Gemisch aus Jazz und Fusion, das mit hoher Präzision, ansprechender Dramaturgie und effektvollen Kontrasten punkten kann. Der relativ hohe Pop- und Rockfaktor in dieser Stilmelange kennzeichnet das Ganze als hochgradig clubtauglich.

Durch die klaren, meist von den Holzbläsern gespielten Melodielinien sowie sich wiederholende Strophen und Chorusse werden die Stücke großenteils in songähnlichen Strukturen gestaltet. Auch das rhythmische Fundament ähnelt dem einer Pop- oder Rockband.

Gleichzeitig gibt es klare Jazz- und teils auch klassische sowie zeitgenössische Einflüsse, vor allem in Melodik, Harmonien und manchen klangmalerischen Effekten.

Solistische Parts werden insgesamt relativ sparsam eingesetzt, geben dann aber gelungene Akzente (etwa in „Dark Lightning“, „Ice Breaker“ oder „Crystal Trap“). Zumeist steht ein dichtes, gut eingespieltes und fließend interagierendes Ensemblespiel im Vordergrund. In der Band spielen Musikerinnen und Musiker, die einen Jazz- oder klassischen Hintergrund haben oder gleich beides, und das macht sich positiv bemerkbar.

Initiative H darf sich jedenfalls zu den originellsten Ensembles zählen, die es in der Jazzszene (Süd-)Frankreichs – und darüber hinaus – derzeit gibt. In Sachen feinsinniger Aufnahme- und Soundtechnik bewährt sich bei diesem Album nun bereits zum fünften Mal die langjährige Kooperation der Band mit dem Ludwigsburger Jazzlabel Neuklang.

Christina M. Bauer

Joel Ross The Parable Of The Poet Blue Note

Für Joel Ross stand es immer außer Frage, einen künstlerischen Weg einzuschlagen. Wie kreativ der amerikanische Vibrafonist dieses Vorhaben im innovativen Bereich afroamerikanischer Musik umsetzt, demonstriert er auch auf „The Parable Of The Poet“, seinem dritten Album für Blue Note.

In seiner komplexen Spielauffassung entwickelte Joel Ross das Vermächtnis legendärer Modern-Jazz-Vibrafonisten weiter. Seine Kompositionen sind – im Vergleich zu denen seiner Vorbilder Milt Jackson und Bobby Hutcherson – wesentlich offener konzipiert. Bis auf das mit hymnischen Tönen einsetzende „Prayer“, bei dem die Bläser das spirituelle Thema mit leichten Variationen unter die Improvisation des Leaders legen, sind an den weiteren sieben Stücken auch die jeweils im Mittelpunkt stehenden Solisten kompositorisch beteiligt. Bevor Rick Rosato in „Guilt“ die quirligen Motive des Vibrafonisten mit zügig dahinschreitenden Bassfiguren untermalt, bereitet er sie mit einem wuchtigen Solo-Intro vor.

Das beschwingte Thema – mit dem Flair eines sensiblen Walzers – wird von der Band hingebungsvoll interpretiert.

Weitere Höhepunkte sind die emotionalen Diskurse des Trompeters Marquis Hill in der Ballade „Choices“ und Immanuel Wilkins’ dramatische Auslegung von „Wail“. Während des solistischen Beitrags des Altsaxofonisten wechseln sich eine Fülle impressionistischer Klangbilder ab, die auf traumhafte Weise die hellen, weichen Sounds des Vibrafonisten abrunden. Ein weiteres überzeugendes Beispiel für die intensive Kommunikation junger Musiker, die alle zum Kreis von Joel Ross’ Freunden zählen.

Gerd Filtgen

Julius Rodriguez Let Sound Tell All Verve

Julius Rodriguez’ Vielseitigkeit hat etwas Einschüchterndes.

Der 23-Jährige, auch als „Orange Julius“ bekannt, ist nicht bloß Pianist und Schlagzeuger, sondern behauptet sich genauso souverän als Komponist, Arrangeur oder Bandleader. Ihn in ein einzelnes Genre einzuordnen, ist nicht so einfach. Mit seinem Debütalbum landet der Amerikaner zwar im Jazz, aber nicht nur. Er ist durchaus noch für andere Stilrichtungen offen – von R 'n' B über Hip-Hop bis Pop.

Geschuldet ist dies seinem eklektischen Werdegang. Julius Rodriguez, der haitianische Wurzeln hat, schrieb sich mit zwölf an der Manhattan School of Music ein. Anschließend studierte er an der Juillard School of Music. Er klinkte sich als Tourmitglied ins Onyx Collective ein. Diese Gruppe kollaborierte mit zahlreichen Künstlern, darunter der Rapper ASAP Rocky oder der Wu Tang Clan. Ebenso stand Rodriguez mit Wynton Marsalis und Roy Hargrove auf der Bühne.

So tastete er sich bis zu seiner ersten eigenen Aufnahme vor. „Where Grace Abounds“ hat gospelige Klänge verinnerlicht und würde sich nicht zuletzt wegen der Hammondorgel in einem Gottesdienst recht gut machen. Die Sängerin Mariah Cameron verschiebt bei „All I do“ die Koordinaten in Richtung Soulpop, während Julius Rodriguez, der auch den Schlagzeugpart famos spielt, sein Klavier zum Swingen bringt. Beim Opener „Blues At The Barn“ schmuggelt sich das Piano mit einem drängenden Jazzdrive in den Vordergrund, der erahnen lässt, wie schnell Julius Rodriguez’ Finger über die Tasten fliegen können. So greift der Musiker tief in die Möglichkeitenkiste des Jazz.

Dagmar Leischow

Louis Sclavis Les cadences du monde JMS

Rund fünfzig Alben schuf Louis Sclavis binnen vierzig Jahren, darunter viele für ECM; dies ist die dritte Platte für das Label JMS seines Musikverlegers Jean-Marie Salhani. Achtzehn Monate nach den Sessions zu „Characters On A Wall“, das den Fokus auf den Palästina-Konflikt und die Zerstörung des Mittelmeers lenkte, entstand mit einem neuen Quartett ein 48-minütiges Werk, dessen Cover die ukrainischen Farben zeigt.

Die Besetzung mit zwei Cellisten und einem Perkussionisten (an den persischen Trommeln Zarb und Daf) ist ungewöhnlich, obgleich Sclavis bereits in den 1990er-Jahren mit dem Cellisten Ernst Reijseger und später häufig mit Vincent Courtois arbeitete.

Wie er die Rollen verteilt, wie er seinen Impulsen folgend komponiert – all das beweist die ungebrochene Kreativität dieses großen Klarinettisten. Mit Bruno Ducret, Sohn des Gitarristen Marc Ducret, hat Sclavis bereits seit einiger Zeit ein Duo, Annabelle Luis lernte er bei seinem Barock-Abenteuer mit dem Ensemble Amaryllis kennen, und mit dem franco-iranischen Trommler Keyvan Chemirani produzierte er schon 2014 die CD „Salt And Silk Melodies“.

„Les cadences du monde“ ist wie ein tönendes Reisetagebuch, die Inspiration lieferte der Fotoband „L’Usure du monde“ von Frédéric Lecloux, der eine Hommage an Nicolas Bouviers Kultbuch „Die Erfahrung der Welt“ über seine Reise nach Afghanistan im Jahr 1953 ist. Die elf Stücke in betont karger Ästhetik profitieren vom Einfühlungsvermögen aller vier Akteure und sind imprägniert mit Sclavis’ Klangpoesie, dem untrüglichen Sinn für Texturen und Farbenreichtum.

Karl Lippegaus

Miles Davis Quintets Stockholm Live 1967 & 1969 Revisited Ezz-thetics

Man meint die Zeitläufte hören zu können: die immer heftiger aufflammenden Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen rassistische Gewalt; 1965 war Malcolm X ermordet worden. Auch Miles’ Musik beginnt sich zu häuten.

Gegen Ende des Jahrzehnts wird der Jazz auf die großen Bühnen drängen. Gerade Miles wird ihm seine Relevanz zurückerobern. Und zwar inmitten der Hippiekultur gigantischer Rockfestivals. Das hier – so zeigen bereits diese Live-Aufnahmen – ist keine Mucke für den Jazzkeller, sondern brennend laute Musik, deren Dringlichkeit sich gerade in den rasenden Tempi ankündigt. Die Compilation „Stockholm Live 1967 & 1969 Revisited“ zeigt Miles am Scheideweg.

Im Oktober 1967 war der Trompeter noch mit seinem legendären zweiten Quintett (mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams) aufgetreten. Zwei Jahre später – „Bitches Brew“ war bereits aufgenommen, aber noch nicht auf dem Markt – ist nur noch Shorter mit von der Partie und Miles bereits der Guru, der den Zaubertrank einer suggestiven musikalischen Droge an seine Band auszuschenken scheint, so angefixt wie Shorter und Chick Corea ihre Skalen durch den Fusion-Dschungel jagen. DeJohnette und Dave Holland sorgen indes für einen virulenten Untergrund.

Der Witz an dieser umwerfenden Live-Kombination ist, dass sich Miles 1967 keineswegs als klassischer Jazzer gerierte, sondern bereits als feuriger Eiferer, und sich andererseits zwei Jahre später durchaus noch klassische Jazzelemente finden lassen. Die musikalische Spur in die tumultuösen Speed-Jahre der Siebziger ist hier jedenfalls schon gelegt.

Tilman Urbach

Noël Akchoté Loving Highsmith (OST) Ayler (2CDs)

Ein „touche-à-tout“ ist für Franzosen ein Kind, das alles anfasst und so die Welt erkundet. Auf den Gitarristen Noël Akchoté aus Paris, Jahrgang 1968, traf diese Beschreibung schon zu, als er 1994 sein Album „Soundpage(s)“ veröffentlichte. In Jazz, Rock, Folk und Avantgarde bestens bewandert, erschloss sich der Eklektiker sein „no man’s land“.

Seit knapp zehn Jahren veröffentlicht er vorwiegend Downloads über seine Website, nicht nur Musik, auch lange Interviews mit anderen Gitarristen.

Im Solo mit sich selbst und in Duetten mit Mary Halvorson und Bill Frisell, beide USA, nahm Akchoté nun diese etwas spröden, zugleich aber intimen und subtilen Miniaturen für eine Doku über die Autorin Patricia Highsmith (1921–1995) auf. Mit Halvorson 21 Tracks an zwei Tagen in Antwerpen, mit Frisell 15, Letztere Covid-bedingt übers Internet zwischen Frankreich und Seattle.

„Loving Highsmith“ ist die zweite Doku der Filmemacherin Eva Vitija aus Bern und handelt von der berühmt-berüchtigten Thrillerautorin, die das Doppelbödige und Zwielichtige der menschlichen Existenz ausleuchtete und von der etliche Romane und Stories verfilmt wurden. Aus ihren Tage- und Notizbüchern destillierte Vitija ihre Filmstory, die neues Licht auf Leben und Werk der weltberühmten Autorin wirft.

Das Schillernde ihrer Figuren entsprang der eigenen Existenz, lange verbarg sie ihre Homosexualität, weil sie um ihre Karriere fürchtete. Unter klugem Verzicht auf Klischees des Krimi-Genres gehen Akchoté, Halvorson und Frisell ans Werk. Das Doppelalbum enthält noch gut 30 Minuten Musik mehr als der Film selbst.

Karl Lippegaus

Andrea Motis Loopholes Jazztojazz

Wenn man Andrea Motis’ Album durchhört und dann wieder von vorne beginnt, merkt man, ehrlich gesagt, gar nicht so richtig, wo Anfang und Ende sind. Einfach weil die Klangästhetik der Stücke, die zwischen Funk, Electric Jazz und Neo-Soul changieren, ziemlich gut austariert ist. Mal setzt die Katalanin auf entspanntes Easy Listening, mal auf lässige Grooves.

Dazu singt sie auf Katalanisch, Spanisch, Englisch oder Portugiesisch. Obendrein behauptet sich Andrea Motis als Trompeterin, die scheinbar mühelos auf den Spuren von Till Brönner wandelt. Das Ergebnis: ein ganz wunderbares Sommeralbum.

Dagmar Leischow

Brave New World Trio Seriana Promethea Intakt

Im Winter 2020 formierte David Murray erst mal nur für zwei Gigs in Spanien diese Band mit dem Bassisten Brad Jones, der damals in Italien lebte. Als „Botschafter des Jazz in Covid-Zeiten“ preist Murray ihr Trio, das der Drummer Hamid Drake perfekt ergänzt.

Nach einem Gig in Zürich entstand am nächsten Tag das funkige, erdige Album, laut Murray „my most free expression of myself“.

Im Opener aus einer schwarzen Bassklarinette mit unaufhörlich pulsierendem Funk und Groove an Sonny Rollins’ 1970er-Phase erinnernd. Allein „If You Want Me To Stay“ von Sly Stone ist schon die ganze Platte wert.

Karl Lippegaus

Flora Purim If You Will Strut

Es ist ein Freudenfest für Brazil-

Fans, was die inzwischen 80-jährige Flora Purim auf ihrem ersten Album seit 15 Jahren als bunten Mix aus alten Fusion-Hits und neuer Música Popular Brasileira mit verblüffend frischer Stimme präsentiert. Begleitet von wechselnden Musikern, Ehemann Airto Moreira an den Percussions und Tochter Diana, die auf dem Titelsong ihre legendäre Mama imposant vertritt. Diese erinnert mit „500 Miles High“ bewegend an die Zeit mit Chick Corea und groovt ansonsten Latin-selig sowie einmal bluesig zu feiner Sologitarre. In toto eine charmante Popscheibe mit Retro-Flair.

Sven Thielmann

Avishai Cohen Trio Shifting Sands Naïve

Elegante Melodielinien, komplexe Rhythmik, anspruchsvolle Harmonien – das Avishai Cohen Trio zeigt sich in Hochform. Einmal mehr hat der Bassist ein kontrastreiches, in vielen Klangfarben schimmerndes Repertoire auf dem Fundament von Jazz, Improvisation und der traditionellen Musikkultur seiner Heimat Israel kreiert. Dass er sich nun Elchin Shirinov ans Klavier und die 21-jährige Roni Kaspi ans Schlagzeug holt, erweist sich als ideal. Shirinov glänzt solistisch.

Cohen räumt feinsinnigem Triospiel den meisten Platz ein und ergänzt facettenreiche Soli („Dvash“, „Shifting Sands“, „Chacha Rom“).

Christina M. Bauer

Camille Bertault & David Helbock Playground Act

Wunderbar, wie rasant sich die französische Sängerin Camille Bertault mit dem österreichischen Tastenvirtuosen David Helbock kabbelt. Mit zartem Hauchen bis bissigem Fauchen plus Scat-Einlagen, was neben famosen Tracks von Egberto Gismonti, Björk, Scriabin (!) und Monk auch sieben Originals beseelt. Imposant gekontert von ihrem Spielgefährten, der den filigranen Subtext seines Klaviers häufig mit perkussiven Aktionen im Saitenkasten sowie elektronisch, etwa durch Loops, attraktiv erweitert und bereichert. Ein heiter-quirliges Duoabenteuer voller Vitalität.

Sven Thielmann

Tord Gustavsen Trio Opening ECM

Subtile Themen von innerer Schönheit, melodische Signaturen mit Folkbezug und vorsichtige Schritte in freiere Bereiche: Seit mehr als 20 Jahren kreiert das Trio des norwegischen Pianisten Tord Gustavsen unverkennbare Klangschöpfungen auf ECM. Von Anbeginn gehörte der ausgezeichnete Drummer Jarle Vespestad zur Besetzung. Lediglich bei den Kontrabassisten kam es zu Änderungen. Jetzt übernahm Steinar Raknes diesen Part. Speziell in „Stream“ und dem hypnotischen „Ritual“ demonstriert er, wie ausgezeichnet seine Bassfiguren zu Gustavsens Konzeption passen.

Gerd Filtgen