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JAZZ NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 12/2022

Julian Lage View With A Room Blue Note

Es war offenbar ein lang gehegter Wunsch, sich mit Bill Frisell für dieses neue Quartettalbum zu vereinen. Immerhin ist Julian Lage hier auf der Spur der ganz frühen E-Gitarristen: Charlie Christian, Jimmy Bryant oder George Barnes, denen er eine gewisse Rauheit abgehorcht hat, eine wilde Ungezähmtheit und Authentizität im Ton. Mit Frisell an seiner Seite kauft sich Lage eine ganze Dekade an Jazzhistorie ein. Sie reicht – um nur zwei total gegensätzliche Pole zu nennen – von Charles Lloyd bis zu John Zorn. Wichtiger noch ist aber der Sound der Platte. Denn hier erweitert sich Lages Gitarrenspiel im Verbund mit Frisells zum zwölfsaitigen Ereignis.

Die Musik auf diesem Album ist eigentlich unspektakulär (aber dies im besten Sinne), kommt oft heiter-countryhaft rüber, ist dabei beinahe Evergreen-tauglich, glänzt durch ihre atemberaubende Leichtigkeit. ...

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... Klar, dass Julian Lage vom beinahe orchestralen, farbenreichen Klang seines Kollegen profitiert; so pustet Frisell mit der Klampfe seine typischen Klangwolken aus. Ideale Startrampen für Lages Single-Note-Ausflüge. Manchmal („Castle Park“) steuert Lage auch allein durch sein Trio-Gehäuse. Nicht nur hier wird hörbar, wie frei und paradoxerweise gleichzeitig wie kompakt Jorge Roeder am Kontrabass und Dave King an den Drums agieren.

In den zehn Originalkompositionen von Lage hält sich Frisell eher zurück, setzt begleitend Glanzlichter, bereitet aber auch vor, nimmt echoartig Motive vorweg oder liefert sie nach („Fairbanks“). So zurückhaltend und doch musikalisch intelligent kann nur ein wahrer Meister agieren. Einfach ein großes Gitarrenglück.

Tilman Urbach

Jorge Pardo Trance Sketches Karonte

Spätestens seit Jorge Pardo mit dem legendären Paco de Lucía den Flamenco aufmischte, gehört der Flötist und Saxofonist zu den wichtigsten Stimmen Spaniens. 2018 wurde sein zwischen Jazz und Flamenco oszillierendes Schaffen mit dem fiktionalen Roadmovie „Trance“ von Emilio Belmonte gewürdigt. In dem Film geht es darum, dass Pardo um die Welt reist, um ein großes Fusionkonzert auf die Beine zu stellen, und dabei unzählige Musiker trifft.

In Brooklyn war es sein Freund Gil Goldstein, der eine Handvoll teils prominenter Klangkünstler für Pardos kraftvollen Jazz-Flamenco zusammentrommelte. Wovon nun die „Trance Sketches“ in aberwitzig dynamischer, rhythmisch wie melodisch überwältigender Opulenz künden. Bereits der Opener „Lalinea 1+2“ zeigt, wie der jubilierende Flötist seiner Musik mit elektronischen Mitteln Urbanität verleiht. Während hier Goldstein am Keyboard der flirrenden Chose Glanz auflegt, ist bei „Tientaciones“ der Flamencogitarrist Melón Jiménez für packende Farbspiele zuständig.

Eine famose Überraschung sind die beiden Rhythmiker, der stilsicher trommelnde Mark Guiliana und der mit rund-knurrigem Blubbern tönende Bassist Matt Garrison, der diskret seinem berühmten Papa huldigt. Wozu sich bei „Otro sueño“ eine Harfe (stark: Edmar Castaneda), Cajón und Jesús Pardo an „sintetizadores“ gesellen, was – ebenso wie die zwei Sängerinnen bei „Rara belleza“ (sic!) – den iberischen Klangzauber zu großformatiger Flamenco-Pracht erweitert. Der Vierer „Zapatito“, mit Goldstein am Klavier und Pardo am Tenorsax, rundet das grandiose Album feinsinnig ab. ¡Muy bien!

Sven Thielmann

Michael Wollny Trio Ghosts Act

Geister brauchen keinen Passierschein. Ohne Umwege erreichen ihre Botschaften Menschen, die dafür empfänglich sind. Der für visionäre musikalische Eingebungen offene Pianist Michael Wollny interpretiert in seinem „Ghosts“-Album Erinnerungen an Songs, die sporadisch wie Geister in ihm auftauchen und die er improvisatorisch mit neuem Leben erfüllt. Im kongenialen Austausch mit seinem bewährten Trio überführt er Kompositionen aus Klassik, Folk, Pop-Avantgarde, Soundtracks und Eigenes in seine mit mysteriösen Tönen angereicherte Klangwelt.

Der „Erlkönig“ gehört zu den bekanntesten Balladen Johann Wolfgang Goethes und wurde von Franz Schubert vertont. Wollnys Arrangement des Kunstlieds verleiht dem dramatischen Geschehen eine weitere Dimension. Sie erreicht in heftigen Interaktionen des Pianisten mit dem Bassisten und dem Drummer gegen Ende des Stücks einen Höhepunkt. Diese Wucht wird in einer romantischen Auslegung von Ellingtons „In A Sentimental Mood“ aufgelöst. Wie Wollnys Trio die Melodie von „She Moved Through The Fair“ variiert, fügt sich großartig zu diesem irischen Folksong. Die Versionen von Nick Caves „Hand Of God“ und David Sylvians „Ghosts“ offenbaren ein empathisches Einfühlungsvermögen.

Im eigenen „Hauntology“ überträgt Wollny den Begriff, der sich in der populären Musik auf geisterhaft eingesetzte Sounds aus diversen Genres bezieht, auf die Aktionen seines Trios. Das Ritual der motivischen Wiederholung wird hier hypnotisch ausgereizt, wobei wie fast in jedem Stück das Sound-Design des Drummers die Form vollendet. Exzellent.

Gerd Filtgen

Quadro Nuevo December GLM

Auch wenn das neue Quadro-Nuevo-Werk „December“ heißt: Es ist kein reines Weihnachtsalbum, sondern setzt eher auf winterlich-besinnliche Stücke mit religiösem oder spirituellem Ursprung. „O Tannenbaum“ kommt bei den Bayern um einiges schmissiger daher als das Original und lädt zum Mitwippen ein. „Kyrie eleison“ präsentiert sich in zweierlei Fassungen. Beide behalten den sakralen Charakter bei und werden von Rolf Ackermanns Flügelhorn begleitet. „Befiehl du deine Wege“ durchzieht ein 5/4-Takt. Mal gewinnt das Klavier die Oberhand, mal das Saxofon, das Akkordeon pirscht sich von hinten an. „Oheboka Rabi Yasou“ ist in einer koptischen Melodie verankert.

Der Ukrainekrieg hat ebenfalls Spuren hinterlassen. Der Sohn des Bläsers Mulo Francel komponierte einen „Song For Peace“, der sich auf federleichte Rhythmen bettet und die Hörer einhüllt wie eine flauschige Wolldecke. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ entfacht eine musikalische Traumlandschaft. „Die Nacht ist vorgedrungen“ streichelt einen sinnlich. „Maria durch den Dornwald ging“ verblüfft mit einer ungewöhnlichen Gitarren-Vibrafon-Version, bei der auch Bläser und Akkordeon mitmischen.

So geht es von Jazzharmonien zu meditativen Klängen. Funk blitzt auf, Klezmer steht für Improvisationen Pate. Die Musiker pendeln zwischen den Kulturen hin und her, vom Morgenland ins Abendland. „I’ll Be Home For Christmas“ braucht bei ihnen kein Pathos, die Nummer groovt aus dem Lärm des Tages langsam in die Nacht. Mit solch einem Sound bekämpfen Quadro Nuevo stilsicher den Winterblues. Das rührt durchaus an.

Dagmar Leischow

Carmen Souza Interconnectedness Galileo

„Du bist mein lieber Freund“, singt sie gefühlvoll im Opener „Kuadru Pintadu“, mit einem halben Dutzend Sprachen jonglierend. Carmen Souza von den Kapverden und ihr Partner Theo Pascal haben in Lissabon ein Album jenseits aller Kategorien kreiert. Die Coverversionen sind hinreißend: Nina Simones „My Baby Just Cares For Me“ hat ein komplett neues harmonisches Gerüst, vage an Joni Mitchells „Mingus“ erinnernd, im Musette-Hit „Sous le ciel de Paris“ wechseln sie mittendrin den Beat. Der galoppartige Rhythmus der eigenen Songs ist unwiderstehlich.

Karl Lippegaus

Enrico Pieranunzi & Jasper Somsen Voyage In Time Challenge

In musikalischer Hinsicht dürfte es nur wenig geben, was Enrico Pieranunzi noch in Erstaunen versetzen könnte. Der italienische Pianist begleitete zahlreiche Jazzgiganten und nahm fast hundert Alben unter eigenem Namen auf. Doch wie sehr ihn die Suite „Voyage In Time“ seines Duopartners, des Bassisten Jasper Somsen, begeistert, spürt man bei jedem Ton der reizvollen Ausführung. Von der gravitätischen „Pavane“ über die feierliche „Sarabande“ bis hin zum „Finale“ kreiert das virtuose Duo eine jazzige Version der aus neun Tänzen bestehenden Suite.

Gerd Filtgen

Enrico Rava & Fred Hersch The Song Is You ECM

Es ist kein freies Improvisieren, kein analytisches Sezieren, allein die gelassen kredenzte Essenz einiger Standards, die Enrico Rava und Fred Hersch auf „The Song Is You“ delikat kolorieren. Über nur diskret rhythmisierte, wirkmächtig sanft getupfte Piano-Melodien legt Rava am Flügelhorn schwebend duftige Motivfolgen, wobei seine schneidigen Feuerstöße früherer Zeiten nun verhaltener, gleichwohl unverkennbar auflodern. Hochkonzentriert fügen sich ihre passgenauen, intimen Dialoge zu subtil gezeichneten Miniaturen, die als große Kunst leuchten.

Sven Thielmann

Nils Wogram & Joe Sachse Freies Geröll nWog

Seit er, noch zu DDR-Zeiten, mit den Bauer-Brüdern als „Doppelmoppel“ spielte, hat der Gitarrist Joe Sachse ein Faible für Posaunisten. Dem er nun mit Nils Wogram entzückend leichtgängig und ganz tiefsinnig frönt. Da swingen sich bluesig grundierte Themen, die Sachse ab und an mit Fuß-Percussion akzentuiert, zu grooviger Pracht auf, wobei die Posaune zwischen samtiger Eleganz und growligem Soul farbenreich strahlt. Sehr frei, aber selten free, bieten ihre Dialoge obendrein gewitzt versteckte Zitate, die „Freies Geröll“ endgültig zu einer Delikatesse machen.

Sven Thielmann

Norbert Gottschalk Songs In The Key Of Jazz Ajazz

Vor allem in Workshop-Zirkeln unterwegs, lässt der Vokalist mit der warmen, wandlungsfähigen Stimme sich von Zeit zu Zeit auch aus dem Studio hören. Nach jahrelanger Duoarbeit schafft er jetzt ebenso intime Atmosphäre im Trio, mitunter erweitert durch Matthias Nadolnys knorriges Tenorsax. In bester Vocalese-Tradition des Bebop vertextet Gottschalk Instrumentals von Gerry Mulligan oder Pat Metheny, stützt sich ansonsten auf Songs jazzaffiner Popmusiker der 1980er-Jahre wie Steely Dan und Michael Franks. Ein ausgesprochen persönliches Album.

Berthold Klostermann

Piotr Schmidt International Sextet Komeda Unknown 1967 O-Tone

Im letzten Jahr erschien „Dark Forecast“, das in der famosen „Ballad For Bernt“ an Komedas Musik zu Polanskis „Messer im Kopf“ erinnerte. Vor allem der Pianist Wojciech Niedziela überzeugte, der hier leider fehlt. Mit Soli hält sich der polnische Trompeter Piotr Schmidt auch diesmal wieder zurück. Zwanzig Minuten muss man warten, bis sich nach partiell geradezu hysterischem Powerplay endlich etwas vom Zauber in Komedas Themen enthüllt. An Meisterwerke wie Tomasz Stankos Hommage „Litania“ reicht „Komeda Unknown 1967“ leider nicht heran.

Karl Lippegaus

Reinhardt Winkler Flying Home Challenge

Für den Albumtitel wählte der Drummer Reinhardt Winkler ein Stück, mit dem der Tenorist Illinois Jacquet in den 1940er-Jahren im Lionel Hampton Orchestra Furore machte. Seitdem wird dessen „Flying Home“-Solo immer wieder zitiert. Der im Mainstream verortete Tenorist Scott Hamilton realisiert dazu eine luftige Variante, die sich in den Aktionen des Pianisten und des Rhythmusteams fortsetzt. Außer beliebten Evergreens wie „Moonlight Serenade“ oder „Smoke Gets In Your Eyes“ komplettieren Bossa-Nova-Klassiker wie „Samba de Orfeu“ die reizvoll swingende Session.

Gerd Filtgen

Snarky Puppy Empire Central GroundUp (2 CDs)

Snarky Puppy lieben Abwechslung. Das Musikerkollektiv aus Dallas, dem rund 25 Mitglieder angehören, beherrscht die Routinen des Jazz, probiert sich aber auch gern in anderen Genres aus. Von Blues und Soul über Gospel oder Funk bis zu Rock ist nichts vor den Amerikanern sicher. Wabernde Orgeln fließen ebenso in ihre Stücke ein wie jaulende Gitarren. „Belmont“ basiert auf Flamenco-Rhythmen. „Trinity“, benannt nach dem gleichnamigen texanischen Fluss, lässt das Wasser musikalisch mal sanft plätschern, mal braust es auf. Eine echte Naturgewalt.

Dagmar Leischow

The Bad Plus The Bad Plus Edition

Von Nirvana zu Strawinsky: Rund zwei Dekaden sicherten sich The Bad Plus mit unkonventionellem Repertoire einen Platz an der Spitze smarter Pianotrios. Nachdem sich Ethan Iverson 2017 von der Band verabschiedete, übernahm Orrin Evans seinen Platz am Klavier. Offenbar vermochte dessen stärker im Jazz verwurzelte Spielweise den prägenden Einfluss seines Vorgängers nicht zu ersetzen. Auf ihrem aktuellen Album präsentieren The Bad Plus jetzt mit Neuzugang eines Saxofonisten und eines Gitarristen eine packende, ziemlich jazzrockige Metamorphose.

Gerd Filtgen

Yaron Herman Alma Naïve

Yaron Herman kennt man durch seine vielschichtigen Kompositionen, Konzerte, Auszeichnungen sowie die Jurypräsidentschaft bei der Montreux Solo Piano Competition und Jazz Academy. „Alma“ ist ein bezauberndes neues Dokument seiner Soloklavierkunst. Er spannt darin einen weiten Bogen von eigenen Stücken bis zur feinsinnigen Interpretation israelischer Lieder, Jazzstandards und klassischer Stücke. Das Highlight: Lyrische Melodien, Folkloristisches, Blues, dezente Dissonanzen und dichte Harmonien zwischen Jazz und Klassik sind komplett improvisiert.

Christina M. Bauer